Zum 75. Geburtstag von Dagobert Kohlmeyer

von ChessBase
23.05.2021 – Dagobert Kohlmeyer ist quasi der Egon Erwin Kisch des Schachs. Über einige Jahrzehnte war er der "rasende Schachreporter" und traf die Großen des Schachs auf den Turnieren in der ganzen Welt. Später verlegte Dagobert Kohlmeyer sich auf das Verfassen von Schachbüchern, Biografien und Turnierbücher. Heute wird er 75 Jahre alt. Ein Interview.

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Ein Leben für das Schach und mit etwas Rock’n Roll

Der Berliner Schachjournalist Dagobert Kohlmeyer wird heute, am 23. Mai, 75 Jahre

Dagobert, herzlichen Glückwunsch und beste Gesundheit! Als langjähriger Freund aus der früheren gemeinsamen Zeit beim Schachverein AdW Berlin möchte ich (Klaus Kapr) dir zum Jubiläum Fragen zu deinem Leben und Schaffen stellen.

2008 im Hyde Park

Welchen Platz nahm und nimmt Schach in deinem Leben ein?

Einen recht großen, und das seit dem 6. Lebensjahr. Ich erlernte es im Kindergarten, wurde Schulmeister und spielte dann ab dem Jugendalter aktiv in verschiedenen Schachklubs. Allerdings gab es Unterbrechungen während des Studiums oder in der Zeit, als ich in einer Band spielte. Meine praktische Spielstärke ist daher auch überschaubar. Dass die Schachpublizistik später einmal mein Beruf werden sollte, war damals überhaupt nicht abzusehen.

Wie verlief dein Berufsweg zum Journalisten, Buchautor, Übersetzer und Fotografen? Welche Hürden musstest Du überwinden, wer hat Dich dabei unterstützt?

Ich hatte zunächst Germanistik, Slawistik sowie Pädagogik studiert und war in meinem ersten Berufsleben Dozent für Russisch und Deutsch. Ab 1972 arbeitete ich als Journalist beim Rundfunk in Berlin. Anfang 1990 machte ich dann mein Hobby zum Beruf und wagte den Schritt in die Selbständigkeit. Da Schach eine Randsportart ist, musste man vielseitig sein. Ich übersetzte Schachbücher aus dem Russischen ins Deutsche, später schrieb ich auch eigene Bücher, und ich fuhr als Reporter zu den wichtigsten Events der Weltelite. Eine Kamera oder zwei waren immer dabei. So entstanden im Laufe der Jahre tausende Fotos, erst analog, dann digital. Unterstützer bzw. Partner auf meinem Berufsweg gab es viele: In- und ausländische Schachzeitungen, Buchverlage, die Nachrichtenagentur dpa, Turnierveranstalter, das beste Beispiel dafür ist Dortmund, seit zwei Jahrzehnten ChessBase und nicht zuletzt sehr viele Schachspielerinnen und -spieler von Rang, die meine Arbeit zu schätzen wussten. 

Mit Topalov 2005 in Dortmund


Wie bewertest Du in der Rückschau das Schachleben in Deutschland vor 1990 und danach?

Ein weites Thema, wobei ich mehr die östliche Seite kenne. In der DDR war Schach lange Zeit bis etwa 1970 eine angesehene und geförderte Sportart. Die Olympiade 1960 in Leipzig trug sehr zum internationalen Renommee des kleinen Landes bei. Dann gab es den unsäglichen Beschluss des SED-Politbüros, wonach Schach mit einem Mal nicht zu den förderungswürdigen, medaillenträchtigen olympischen Sportarten gehörte. Die Spitzenspieler durften sich nicht mehr mit der Weltelite messen und auch nicht mehr zu Olympiaden fahren. Natürlich verheerend für eine Sportart, die wie alle anderen Vorbilder braucht. Das Breitenschach funktionierte indessen. Erst mit dem politischen Tauwetter konnten die DDR-Großmeister ab 1988 wieder bei der Olympiade antreten. Im September 1990 haben sich in Leipzig beide deutsche Schachverbände zusammengeschlossen. Ich war als Chronist dabei und auch zehn Jahre später, als die Kräfte gebündelt waren und das deutsche Team bei der Schacholympiade 2000 in Istanbul die Silbermedaille holte.

DSB-Silberteam 2000 in Istanbul

Und die nächsten Jahrzehnte bis heute?

Nun, es gab schon etliche Highlights. Wir hatten im Oktober 2008 das WM-Match Anand-Kramnik in Bonn und kurz darauf die Schacholympiade in Dresden. Beide Events erfuhren große öffentliche Aufmerksamkeit, aber der danach erwartete Schachboom blieb mehr oder weniger aus. Auch nach der Schnellschach-WM 2015 in Berlin und dem Kandidatenturnier 2018 in Berlin. Was die heutige Organisation im DSB sowie die Ausbildung der Spitzenspieler und -Spielerinnen angeht, sehe ich durchaus noch Luft nach oben.

Du hast viele GMs und alle Champions der letzten 50 Jahre getroffen. Wer sind deine Lieblingsweltmeister?

Ich habe sogar die meisten Schach-Champions der letzten 65 Jahre persönlich kennengelernt. Besonders sympathisch fand ich dabei zwei aus der „älteren Garde“: Wassili Smyslow und Boris Spasski. Wassili Wassiljewitsch war ein großer Figurenkünstler und feiner Gesprächspartner. Die Partien von Boris Wassiljewitsch und seine Einstellung zum Leben haben mich immer sehr beeindruckt. Die heutige Generation der Schachelite ist auch interessant, aber tickt natürlich ganz anders.

Mit Wassili Smyslow 1996

Mit Boris Spasski 2008

Mit Miguel Najdorf in Jerewan

Mit Pal Benkö in New York

Welche Reise war deine spannendste als Schachreporter?

Ohne Zweifel die abenteuerliche Tour zum Re-Match zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski in Restjugoslawien. Der Wettkampf über 30 Partien fand im Herbst 1992 in Sveti Stefan (Montenegro) sowie in Belgrad statt. Bis zuletzt war nicht klar, ob der exzentrische Amerikaner wirklich antreten würde. Rundherum tobte der Balkankrieg, und ich war als einziger deutscher Journalist an beiden Schauplätzen. Dabei kam ich ganz dicht an den unnahbaren Bobby Fischer heran. Die aufregenden Erlebnisse habe ich zweimal in Buchform veröffentlicht.

Fischer-Spasski, Sveti Stefan 1992

Du hast auch ein Buch vom WM-Match 1995 in New York zwischen Kasparow und Anand geschrieben. Das „Duell in den Wolken“ fand oben in einem der beiden Türme des World Trade Centers statt, die später gesprengt wurden. Auf dem Buchumschlag zeigt ein Foto die zwei Türme nach oben gekrümmt sowie diverse Lichtspiegelungen. Wie kam das Bild zustande?

Die Sache war kurios. Wenn man vor den riesigen Twin Towers stand, konnte man die beiden nicht mit einem normalen Objektiv aufnehmen. Also kaufte ich in der Fifth Avenue ein Weitwinkel-Objektiv für viel zu viele Dollars, und so war die Aufnahme möglich.  Als ich auf den Auslöser drückte, spiegelte sich das Gegenlicht der Sonne in der Linse. Mein Verleger fand das Foto sehr originell, und so kam das Buchcover zustande.

Ende dieses Jahres gibt es wieder ein WM-Match. Wie siehst Du das kürzlich beendete Kandidatenturnier und dessen Sieger Jan Nepomniachtschi?

Jan hat am stabilsten gespielt und verdient gewonnen. Er führte schon zur Hälfte und hat seine Performance auch im zweiten Durchgang gehalten. „Nepo“ gehört zum goldenen Jahrgang 1990 wie Magnus Carlsen, Sergej Karjakin, Maxime Vachier-Lagrave, Juri Kusubow und andere. Sein Familienname ist für einen Schachspieler kurios, denn Nepomniachtschi bedeutet im Russischen „Einer, der sich nichts merken kann“.

Hat Nepo denn eine Chance gegen Carlsen?

Jan kennt das Spiel seines Freundes Carlsen ziemlich gut, er war Sekundant des amtierenden Weltmeisters. Das ist ein Vorteil im anstehenden WM-Match. Ob es aber für ihn zum Sieg reicht? Nepos Eröffnungsrepertoire ist nicht sehr breit. In meinem Archiv fand ich ein nettes Foto, das ich im September 2002 im Moskauer Kreml beim Wettkampf Russland gegen die Welt machte. Es zeigt Jan und zwei andere Wunderkinder, die dort kiebitzten und es in der Folgezeit sehr weit gebracht haben.

Sergej Karjakin, Katerina Lagno, Jan Nepomniachtschi

Du hast 50 Länder dieser Welt bereist. Wo gab es besonders schöne Eindrücke?

Auf anderen Kontinenten. Dort sind die Menschen oft ärmer als bei uns in Europa, aber sie haben meist ein Lächeln auf den Lippen. Das konnte ich zum Beispiel in Brasilien, Uruguay, Mexiko, Ägypten, Tunesien oder Indien beobachten. Die Leute zeigen mehr Gemeinschaftssinn und kommen einem in der Regel freundlich entgegen.

Hattest du in den exotischen Ländern auch nachhaltige Naturerlebnisse?

Ja, die gab es. Ich durfte schöne Plätze der Erde sehen und mag besonders die kleinen Inseln. Im Februar 2005 hatte ich Gelegenheit, in Brasilien an der Atlantikküste einen Baum zu pflanzen. Ich hoffe, dass er inzwischen prächtig gewachsen ist und nicht eines Tages von der Holzmafia vernichtet wird.

Beim Baumpflanzen 2005 in Brasilien

Noch ein paar spezielle Fragen: Wann und wo hast du das beste Essen genossen?

Oh, mal überlegen. Im Oktober 1994 in einem Steakhaus in Buenos Aires, wohin Anatoli Karpow mich führte. Es ist das angesagteste Lokal der Stadt, und der Chef des Hauses nahm bei unserem Besuch kein Geld. Er hat den Schachweltmeister nur um ein Autogramm gebeten. Das bekam er auf eine blütenweiße Stoffserviette.

Wo hast du den besten Wein getrunken?

Im April 1997 in Malaga. Als Spanien-Freund bin ich von den Tropfen dieses Landes geprägt; auch wenn ich weiß, dass unter Rotwein-Kennern der Bordeaux als Maß der Dinge gilt. Ich war auf dem Rückweg vom Turnier der Schachelite in Dos Hermanas und trank am Abend in einer Taverne ein feines Glas Vino Tinto. Den wunderbaren Geschmack hatte ich noch lange auf der Zunge.

Wie bist du durch die Pandemie gekommen, und was tust du heute als Pensionär?

Danke, es geht mir ganz gut, inzwischen bin ich auch zweimal geimpft. Ansonsten befinde ich mich im Unruhestand und verfolge sporadisch das aktuelle Schachgeschehen. Noch mehr interessiert mich jetzt die Schachhistorie. Hin und wieder schreibe ich ein Kalenderblatt für ChessBase News. Meine jüngsten Bücher sind interessanten Persönlichkeiten gewidmet, die heute fast vergessen sind, aber sehr viel für unser schönes Spiel getan haben.

 

Buchumschlag „Vergessene Schachmeister“

Welche Dinge sind für Dich beim Schreiben wichtig?

Wie gesagt, beschäftigen mich spannende Themen um das Schach und seine Geschichte. Es geht mir dabei um interessante Stoffe und neue Erkenntnisse oder Einsichten. Das ist bei historischen Persönlichkeiten des Schachs nicht immer einfach, weil es oft nur wenige Quellen gibt. Aber die Sache ist für mich reizvoller als über die gegenwärtigen Cracks der Schachszene zu schreiben, deren Schritte heute täglich im Netz verfolgt werden können. Doch als Magnus Carlsen 2013 Weltmeister wurde, habe ich über seinen erstaunlichen Weg zum Gipfel ein Buch geschrieben.

Du feierst am gleichen Tag Geburtstag wie Antoli Karpow.

Das stimmt. Anatoli ist aber fünf Jahre jünger. Es gibt ein paar Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel hieß sein Vater Jewgeni, meiner Eugen, also der gleiche Name. Wir haben uns bei vielen Turnieren und anderen Gelegenheiten getroffen, ob in Deutschland, Belgien, Frankreich, Österreich, Russland, Armenien, Spanien, auf den Kanaren, in Argentinien und einmal auch in Mexiko. Ich übersetzte seine bekanntesten Bücher ins Deutsche. - Happy birthday, Tolja!

Mit Anatoli Karpow 2006 am Fuße einer Pyramide in Mexiko

Im Beruf warst du breit aufgestellt und hast verschiedene Felder beackert. Früher spieltest du mit deinem Bruder auch in einer Band. Wie war oder ist dein Lebensmotto?

Die Bandgeschichte liegt Jahrzehnte zurück. Danach war ich mehr Musikkonsument und habe gern Livekonzerte, z. B von Bob Dylan, Paul McCartney, den Stones oder Joe Cocker (siehe Foto unten) besucht. Im November 1989, wenige Tage nach dem Mauerfall, traf ich Udo Lindenberg in Berlin beim Jugendsender DT 64. Er kam gerade aus einem Sanatorium in der Schweiz und ließ es sich nicht nehmen, die Radiomacher im Osten zu besuchen. Da wir beide im Mai 1946 geboren sind, sprach ich ihn auf unseren Jahrgang an. Seine trockene Antwort: „Penetrant haltbar!“  - Eines meiner Lieblingsmottos ist einem Song der Rolling Stones entlehnt: „It’s only Rock ‚n‘ Roll, but I like it.“

Begegnung mit Joe Cocker

Begegnung mit Schachfan Richard von Weizsäcker

Im Namen Deiner Leser, Freunde und Kollegen wünsche ich Dir viel Kraft, Gesundheit und weitere schöne Bücher!

Die Fragen stellte Dr. Klaus Kapr

Fotos: Dagobert Kohlmeyer


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clemming clemming 23.05.2021 09:56
die türme des wtc wurden nicht "gesprengt"! terroristen haben jeweils ein passagierflugzeug in sie gesteuert, was dann letztendlich zu ihren einsturz führte!
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