Zum Tod von Herbert Scheidt

von André Schulz
23.05.2018 – Morgen wird in Baden-Baden der Stichkampf zwischen der OSG und der SG Solingen ausgetragen. Die sportliche Bedeutung des Wettkampfes tritt jedoch angesichts des Todes des Solinger Mannschaftsführers Herbert Scheidt in den Hintergrund. (Foto: Rainer Falge)

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Großer Verlust für das deutsche Schach

Der Stichkampf um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft 2018, morgen in Baden-Baden, wird vom Tod von Herbert Scheidt überschattet. Der Solinger Mannschaftsführer war mit einer starken Erkältung vom zentralen Bundesligawochenende in Berlin, Ende April, nach Solingen zurück gekehrt und hatte sich dort in stationäre Behandlung begeben. Die Erkältung verursachte eine Lungenentzündung, an die sich ein Schlaganfall anschloss. Herbert Scheidt starb in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai. Er wurde 73 Jahre alt. 

Herbert Scheidt war einer der Urgesteine der Bundesliga. In seiner aktiven Zeit war er 1974 auch als Spieler am Gewinn der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft durch die SG Solingen beteiligt, worauf er sehr stolz war. Die meisten Erfolge erzielte er jedoch als Mannschaftsführer. Mit insgesamt 12 gewonnenen Titeln als Deutscher Mannschaftsmeister ist Solingen zur Zeit noch alleiniger Rekordmeister.

Ein Teil der Titelgewinne fielen in die Zeit vor Einführung der einteiligen Bundesliga. 1969 gewann die Solinger Mannschaft den Meistertitel zum ersten Mal. Zum Meisterteam gehörten damals unter anderem die beiden ausländischen Großmeister Lubomir Kavalek und Alberic O'Kelly de Galway. Auch bei der letzten Meisterschaft vor Einführung der eingleisigen Bundesliga 1980 war Lubomir Kavalek noch mit dabei. Wer in Solingen spielte, blieb dort offenbar auch gerne. Zwischen 1971 und 1975 konnte Solingen den Titel gleich fünf Mal in Folge gewinnen. In dieser Zeit spielte auch der neue deutsche Schachstar Robert Hübner zeitweise für die SG Solingen, denn, so Scheidt: "nur mit Hübner konnte man Meister werden."

1980 war Solingen dann eines der Gründungsteams der neuen Bundesliga. Neben dem Hamburger SK ist Solingen der einzige Verein, der bis heute ohne Unterbrechung dabei ist. 1981, 1987, 1988, 1997 und dann noch einmal 2016 schloss die Solinger Mannschaft die Bundesliga-Saison als Sieger ab. Über viele Jahre war die SG Porz der Dauerrivale. Von dessen Mannschaftsführer und Mäzen Wilfried Hilgert hatte Herbert Scheidt allerdings offenbar keine hohe Meinung, während er den Mäzen der OSG Baden-Baden Wolfgang Grenke schätzte.

1976 und 1991 wurde Solingen sogar Europapokalsieger. Dreimal konnte man zudem den Mannschaftspokal gewinnen: 1986, 2006 und 2009. Viermal wurde man Mannschaftsblitzmeister: 1986, 1996, 2000 und 2002. Alle diese Erfolge hat der Verein in großem Maße Herbert Scheidt zu verdanken. Mit Boris Spassky hatte Solingen in den Anfangszeiten der Bundesliga als erstes Team einen Ex-Weltmeister und damit einen echten Zuschauermagnet in seinen Reihen. Spassky war in der Sasion 1980/81 zum Team gestoßen und blieb zehn Jahre lang, bis zur Saison 1989/90. Seine letzte Bundesligapartie spielte er im Oktober 1989 gegen Mihail Tal, der inzwischen für Berlin-Zehlendorf antrat. Seinen Star schätzte Herbert Scheidt als angenehmen unkomplizierten Zeitgenosse sehr.

In den großen Solinger Zeiten war der Unternehmer Egon Evertz der finanzielle Rückhalt der SG Solingen. Schach war neben der Rennfahrerei eine der Leidenschaften von Evertz, der sporadisch auch selber mal in der 1. Mannschaft einsprang. Zeitweise war Evertz auch Vorsitzender der SG Solingen. Zusammen mit Herbert Scheidt bildete er das berühmte Solinger Zweigestirn. Herbert Scheidt war 1960 dem Verein beigetreten, hatte von Anfang an verschiedene Aufgaben übernommen, 15 Jahre lang, von 1980 bis 1995 auch als 1. Vorsitzender.

Über viele Jahre schickte die SG Solingen eine Mannschaft in die Bundesliga-Saison, die zumeist zum soliden oberen Mittelfeld gehörte, oft auch mit Kontakt zur Spitze. 2013 geriet die Mannschaft dann in eine finanzielle Krise, als zwei Drittel der Sponsorengelder wegbrachen und der Etat auf 40.000 Euro reduziert werden musste. Die Antrittsgelder der Spieler wurden gekürzt, doch die Spieler blieben dem Verein treu. Der Solinger Sportmäzen Michael Kölker, ein Freund von Herbert Scheidt, und seine Firma Forst Technology rettete das Engagement des Vereins in der Bundesliga. Solingen konnte sich sogar ein paar starke Neuzugänge leisten, zum Beispiel den Weltklassespieler Anish Giri. 2016 stach das Team dann überraschend die übermächtige OSG Baden-Baden aus und holte den 12. Meistertitel für den Verein.

Der Tod von Herbert Scheidt trifft ddie SG Solingen zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt. Neben dem Stichkampf um den Titel am kommenden Donnerstag gegen die OSG Baden-Baden sollte die Ausrichtung der Mannschaftsblitzmeisterschaft am Wochenende danach eine weiterer Höhepunkt in der Vereinsgeschichte werden. Doch der sportliche Wert der Wettbewerbe tritt angesichts der Trauer um den Verlust von Herbert Scheidt zurück. Mit ihm verliert der Verein und das deutsche Schach eine große Persönlichkeit. 

Auf der Webseite des Schachbundesliga erschien ein Nachruf vom Markus Schäfer, den wir hier nachdrucken. Lesenswert sind die beiden Interviews mit Herbert Scheidt im Karl (2002) und im Schachmagazin 64, in denen sein freundlicher Charakter sichtbar wird.


Nachruf auf Herbert Scheidt von Markus Schäfer, Präsident des Schachbundesliga e.V.

Herbert Scheidt ist am 20. Mai 2018 von uns gegangen. Mit ihm verlieren das Schach in Solingen und die Schachbundesliga eine der bedeutendsten und prägendsten Persönlichkeiten der letzten Jahrzehnte.

Unter der Führung von Herbert Scheidt ist die SG Solingen zum Deutschen Rekordmeister aufgestiegen, und auch der Europapokal sowie nationale Pokal- und Blitzschachtitel konnten mehrfach in die Klingenstadt geholt werden. Die SG Solingen gehört der Schachbundesliga seit deren Bestehen an und ist Gründungsmitglied des Schachbundesliga e.V.

Als ich 1991 zur SG Solingen kam, musste ich gleich zu Beginn lernen, welches die wesentlichen Erfolgsfaktoren waren: Mannschaftsgeist und Kampfgeist! Hierauf hat Herbert Scheidt stets größten Wert gelegt, und auf dieser Grundlage gelang es ihm und den von ihm geführten Teams immer wieder, auch dann erfolgreich zu sein, wenn die Konkurrenz nominell überlegen war.

Er hat Fairness vorgelebt, sowohl im sportlichen Wettstreit als auch im Umgang miteinander. Sein Wort hatte Gewicht, und wir konnten uns immer auf sein Wort verlassen.

Herbert Scheidt war Teamchef im besten Sinne. Er hat sich mit ganzer Kraft für seine Mannschaft eingesetzt und die Solinger Spieler zusätzlich auch außerhalb des Schachbrettes großartig unterstützt. Wir alle haben ihm viel zu verdanken.

Die Kämpfe seines Teams in der Schachbundesliga haben Herbert Scheidt besonders am Herzen gelegen. Der letzte Mannschaftskampf, den er miterleben konnte, war der 5,5:2,5 Sieg der SG Solingen gegen die SF Deizisau am 1. Mai 2018 in Berlin.

Der Schachbundesliga e.V. trauert um Herbert Scheidt. Sein Name und sein Wirken werden mit der Schachbundesliga verbunden bleiben. Wir werden seine Ideen und seinen Erfahrungsschatz, seine Menschlichkeit und Herzlichkeit sehr vermissen.

Markus Schäfer, Nachdruck aus schachbundesliga.de

Links:

Interview bei Karl-online (2002)...

Interview bei Schachmagazin 64 (2016)...

Artikel im Solinger Tageblatt...

 

  



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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