Den meisten jüngeren Schachfreunden ist der Name von Mathias Gerusel vielleicht nicht mehr präsent, doch er gehörte in den 1960er und 1970er Jahren zu den besten deutschen Schachspielern. Im Bonner Raum war er viele Jahre der beste Spieler.
Mathias Gerusel wurde am 5. Februar 1938 in der westpreußischen Stadt Elbing geboren, damals Deutsches Reich, heute Polen. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges floh die Familie nach Westdeutschland, kam zuerst nach Husum und von dort nach Simmern im Hunsrück. Um den Kindern - Mathias Gerusel hatte noch einen Bruder und eine Schwester - eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, zog die Familie schließlich nach Bonn um.
Das Schachspiel hatte Mathias Gerusel schon im Alter von vier Jahren von seinem Vater gelernt. In Bonn trat er dann als Jugendlicher dem Bonner SC bei. Er gehörte bald zu den besten Nachwuchsspielern und sorgte mit seinem ersten großen Auftritt bei einem überregionalen Schachturnier für Schlagzeilen. 1955 gewann der 17-Jährige in Remscheid als Vertreter des Schachverbandes Mittelrhein die Deutsche U20-Jugendmeisterschaft, punktgleich mit Richard Kohler (Württemberg). Im folgenden Jahr wurde er in Traben-Trarbach Sechster der deutschen U20-Meisterschaft.
Mit seinen Erfolgen bei den nationalen Meisterschaften entsandte der Deutsche Schachbund Mathias Gerusel 1957 zu den U20-Jugendweltmeisterschaften nach Toronto. Bei 12 Teilnehmern wurde Mathias Gerusel hinter dem US-Amerikaner William Lombardy Vizeweltmeister.
Ab 1958 nahm Mathias Gerusel auch schon regelmäßig an den Kandidatenturnieren zur Deutschen Einzelmeisterschaft teil. Im Oktober 1963 konnte er sich erstmals für das Finalturnier qualifizieren, das in Bad Pyrmont stattfand. Bei 16 Teilnehmern belegte er Platz 10. Die ersten Plätze gingen an die (späteren) Großmeister Helmut Pfleger, Wolfgang Unzicker und Hans-Joachim Hecht.

Mathias Gerusel 1963 | Foto: Gerhard Hund
In diesem Jahr war Mathias Gerusel auch für Wettkämpfe in die deutsche Nationalmannschaft berufen worden. Im September spielte er bei einem Vergleichskampf gegen die Niederlande mit (zwei Siege gegen Johan Barendregt). Im Oktober gehörte er zur deutschen Mannschaft bei der Vorrunde zur Europamannschaftsmeisterschaft. Die Wettkämpfe wurden ebenfalls in Bad Pyrmont ausgetragen. Deutschland qualifizierte sich gegen die Schweiz und Österreich für das Finale, das aber erst 1965 in Hamburg durchgeführt wurde.
Nachdem er 1964 die Teilnahme am Finalturnier verpasst hatte, war Gerusel bei der Endrunde 1965 in Bad Aibling wieder dabei. Hier belegte er einen ausgezeichneten vierten Platz und ließ unter anderem Robert Hübner, damals 18 Jahre alt, und Hans-Joachim Hecht hinter sich. Mit Hübner verband Gerusel später eine enge Freundschaft.
1966 wurde Gerusel erneut in die deutsche Nationalmannschaft berufen, spielte einen weiteren Vergleichskampf gegen die Niederlande mit und nahm für Deutschland am Länderturnier Clara Benedict Cup teil.
Im Jahr 1967 vertrat Mathias Gerusel zusammen mit Hans Besser die Bundesrepublik Deutschland beim Zonenturnier in Halle und belegte einen Platz im Mittelfeld. Das Turnier gewann Lajos Portisch vor Vlastimil Hort. Im gleichen Jahr spielte Gerusel in der deutschen Mannschaft Vergleichskämpfe gegen Belgien und die Niederlande und holte an seinem Brett insgesamt 3,5 Punkte aus 4 Partien. Auch in späteren Jahren wurde Mathias Gerusel regelmäßig für Turniere wie den Clara Benedict Cup, Vorrunden der Europamannschaftsmeisterschaft oder den Mitropa Cup ins Nationalteam berufen.
Bei den Deutschen Einzelmeisterschaften im September 1967 in Kiel kam Gerusel bei 16 Teilnehmern auf den achten Platz ins Ziel. Deutsche Meister wurden gemeinsam Robert Hübner und Hans Besser, nach einem Remis-Stichkampf.
In den folgenden beiden Jahren nahm Mathias Gerusel auch an einigen größeren internationalen Turnieren teil. Beim internationalen Turnier in Solingen 1968 wurde er Siebter (bei 16 Teilnehmern), das Grand Prix Masters in Monaco im April 1969 schloss er als Fünfter ab (bei 12 Teilnehmern) und beim 2. Andersen Memorial im Mai 1969 in Büsum belegte Gerusel hinter den Großmeistern Bent Larsen und Lev Polugajewsky einen ausgezeichneten dritten Platz, noch vor Weltklasse-Großmeistern wie Svetozar Gligoric und Borislav Ivkov sowie einer Reihe anderer starker Großmeister. Das Turnier war neben der Jugendvizeweltmeisterschaft sicher eine der besten Leistungen in Gerusels Turnierlaufbahn. Der junge Robert Hübner wurde dort nur Zwölfter, nachdem er die Erstauflage im Vorjahr noch gewonnen hatte.
1968 hatte der Weltschachbund Mathias Gerusel den Titel "Internationaler Meister" verliehen.
Inzwischen hatte Mathias Gerusel Kontakte zur SG Solingen geknüpft und spielte 1969 in Frankfurt erstmals für Solingen bei der Finalrunde der Deutschen Meisterschaft mit. Zu dieser Zeit durften die Mannschaften maximal zwei Ausländer einsetzen. Bei der SG Solingen waren das Ljubomir Kavalek, der sein Heimatland Tschechoslowakei nach dem Einmarsch der Roten Armee und ihrer Hilfstruppen verlassen hatte, und der Belgier Alberic O'Kelly de Galway. Mathias Gerusel spielte hinter Heinz Lehmann an Brett vier. Solingen setzte sich gegen Heidelberg, Porz und Frankfurt durch. Solingen konnte sich zwar als Titelverteidiger nicht für die Endrunde 1970 qualifizieren, gewann dann aber von 1971 bis 1975 fünf Titel in Folge. Gerusel gehörte stets zu den Meistermannschaften. 1976 wurde Solingen noch einmal Vizemeister. Und 1980/81 gewann Solingen die erste Meisterschaft in der neu gegründeten einteiligen Bundesliga. Danach endete die Solinger Vorherrschaft allerdings. Mathias Gerusel wechselte zur Saison 1981/82 zu Köln-Porz und wurde mit seinem neuen Team wieder Deutscher Mannschaftsmeister.
In den 1970er Jahren war Mathias Gerusel ständiger Teilnehmer bei den Deutschen Meisterschaften, die zu jener Zeit im jährlichen Wechsel als rein nationale und als internationale Meisterschaften durchgeführt wurden. Vor allem bei den nationalen Turnieren belegte Mathias Gerusel regelmäßig gute Plätze im oberen Tabellenbereich. 1970 wurde er 3. bis 5., 1972 belegte er den 3. bis 6. Platz, bei der Meisterschaft 1976 belegte er den 2. bis 5. Platz. 1978 war er Neunter bei 24 Teilnehmern. Seine letzte Teilnahme an den Deutschen Einzelmeisterschaften datiert aus dem Jahr 1980, wo Gerusel noch im Mittelfeld landete.
Auch in den 1970er Jahren nahm Mathias Gerusel noch einige Male an größeren internationalen Turnieren teil. 1973 wurde er zusammen mit Hans-Joachim Hecht zum stark besetzten B-Turnier nach Wijk aan Zee eingeladen, das damals noch von Hoogovens gesponsert wurde. Gerusel belegte den geteilten vierten bis fünften Platz und ließ zahlreiche Großmeister hinter sich. Beim großen internationalen Turnier in Solingen 1974, das von der Solinger SG anlässlich der 800-Jahr-Feier der Stadt organisiert worden war, belegte Mathias Gerusel den geteilten 5. bis 8. Platz. Lev Polugajevsky und Lubomir Kavalek teilten sich den Turniersieg vor Ex-Weltmeister Boris Spassky und Bojan Kurajica. 1975 spielte Gerusel ein Jubiläumsturnier in Leipzig mit und 1979 gehörte er zum Teilnehmerfeld der Dortmunder Schachtage und des Staudte Gedenkturniers in Bonn.

John Nunn und Mathias Gerusel 1979 in Dortmund | Foto: Gerhard Hund
Sein letztes größeres internationales Turnier war das Internationale GM-Turnier in Köln, das 1981 von der SG Porz organisiert wurde. Michail Tal gewann überlegen vor Tony Miles und Vlastimil Hort.

Foto: Privat
Seine Laufbahn als Jurist und Ministerialrat im Bundesfinanzministerium ließ Mathias Gerusel nur begrenzte Zeit für Turnierteilnahmen und seine Leidenschaft Schach. Als "Schachverrückter" im besten Sinne lebte er seine Freude am Schach aber aus, wo immer ihm das möglich war. Im Bundesfinanzministerium, damals noch in Bonn, gab er gelegentlich Simultanvorstellungen, an denen auch Helmut Schmidt und seine Frau Loki teilnahmen. Helmut Schmidt, zeitweise als Finanzminister auch Gerusels Chef, war immer auf dem Sprung und musste manchmal Partien wegen plötzlicher Verpflichtungen abbrechen. Als Gerusel einmal bemerkte, dass Helmut Schmidt wieder das Simultan vorzeitig verlassen musste, bot er Remis an. Doch Helmut Schmidt hatte schon einen Bauern verloren und gab stattdessen auf.
Zu ChessBase bzw. den ChessBase-Programmen hatte Mathias Gerusel eine besonders innige Beziehung. Er war ein guter Kunde bei Schach Niggemann, bestellte dort die neuesten Schachbücher und über die Jahre auch alle Programm-Neuerscheinungen von ChessBase, sogar die Fritz&Fertig-Programme. In technischen Fragen ließ er sich von Christof Wulfken vom Godesberger SK beraten und helfen. Christof Wulfken baute ihm jeweils maßgeschneiderte leistungsstarke PCs zusammen. Mit diesen und den Fritz-Programmen ging Mathias Gerusel dann auf die Suche nach Neuerungen im Eröffnungsbereich. Dazu ließ er die Programme oft tage- und nächtelang laufen und an bestimmten Stellungen rechnen.
Als Gegenleistung versuchte Gerusel seinem Helfer auch etwas Nachhilfe im Schach zu geben, doch dieses Unterfangen fiel nicht auf besonders fruchtbaren Boden. "Einen Satz, den Mathias mir bei seinen Lektionen öfters sagte, habe ich mir aber gemerkt", erinnert sich Christof Wulfken, "Seine Maßgabe lautete häufig: 'Vorwärts, Rochade ist Tempoverlust'."
Auch Mathias Gerusels Ehefrau Uta, ebenfalls eine Juristin, war in ihrer Jugend- und Studentenzeit eine aktive und gute Schachspielerin. Sie hatte in ihrer Schulzeit in einem Internat mit dem Schachspiel begonnen und an Fernschachturnieren teilgenommen. Später nahm sie auch an den Deutschen Fernschachmeisterschaften teil und wurde im Nahschach Mittelrheinmeisterin. Während der Studentenzeit in Bonn besuchte sie regelmäßig den Bonner SC. Später ließ ihr aber der Beruf als Rechtsanwältin keine Zeit mehr für das Schach, doch sie hatte großes Verständnis für die Leidenschaft ihres Mannes.
Nach seiner erfolgreichen Zeit bei den Bundesligisten Solingen und Porz war Mathias Gerusel 1989 dem Godesberger SK beigetreten und spielte nun für Godesberg in verschiedenen Mannschaften und Ligen, von der Zweiten Bundesliga West bis zur Verbandsliga. Im Verein übernahm er zudem ehrenamtlich die Betreuung einiger talentierter Jugendlicher. Johannes Florstedt, der später nach Berlin ging und 2022 Berliner Meister wurde, war einer seiner Schüler.

Mathias Gerusel beim Jugendtraining | Foto: Godesberger SK
Als Kolumnist betreute Mathias Gerusel mit großer Sorgfalt über mehr als zehn Jahre die Schachspalte in der TV-Beilage Prisma des Bonner General-Anzeigers.
Mathias Gerusel starb am 18. Juli 2026 in Bonn. Die große Hitze in den Sommermonaten hatte ihm gesundheitlich schwer zu schaffen gemacht. Er wurde 88 Jahre alt.
Nachruf von Heinz Bitsch beim Godesberger SK...
