Zwischen Seidenstraße und Schachbrett – acht Tage in Usbekistan
Die deutsch-niederländische Rivalität ist legendär. Oft genügt schon die Erinnerung, und auf beiden Seiten werden Geschichten hervorgeholt, die der jeweils andere vermutlich ganz anders erzählen würde.
Insofern war unsere Reisegruppe ein kleines europäisches Experiment: neun Niederländer, fünf Deutsche und ein Italiener. Gemeinsam machten wir uns vom 21. bis 29. September auf den Weg nach Usbekistan – entlang der alten Seidenstraße von Buchara über Samarkand bis nach Taschkent. Organisiert und begleitet wurde die Reise von Ardjan Langedijk, Schachspieler und Inhaber des auf Zentralasien spezialisierten Reiseveranstalters Central Asia Tours in Heemstede. Wir wollten ein für die meisten von uns unbekanntes Land entdecken, Menschen und Kultur kennenlernen und natürlich die Schacholympiade erleben.
Dass während unserer Reise Deutschland und die Niederlande gleich zweimal sportlich aufeinandertrafen, war eine hübsche Pointe. Im Fußball endete die Begegnung friedlich 1:1. Beim Schach sollte es am Ende etwas weniger diplomatisch zugehen.
Buchara – wie in einer Filmkulisse
Nach dem Nachtflug über Istanbul landeten wir morgens in Buchara. Eine Mütze Schlaf musste genügen, dann zog es uns hinaus. Schon bei der ersten Erkundung zu Fuß stellte sich dieses Gefühl ein, das uns in den kommenden Tagen immer wieder begleiten sollte: Ist das wirklich echt – oder laufen wir gerade durch eine Filmkulisse?


Die Kalon Moschee
Moscheen und Medresen, sandfarbene Mauern und blau leuchtende Kuppeln, dazwischen enge Gassen und kleine Innenhöfe. Wir sahen das rund tausend Jahre alte Samaniden-Mausoleum, die mächtige Kalon-Moschee und natürlich Labi-Hauz, den Platz rund um das alte Wasserbecken, an dem man nicht nur etwas besichtigen, sondern einfach bleiben möchte.
Dort begegneten wir auch einem alten Bekannten – Hodscha Nasreddin. Von der Türkei über den Balkan und Zentralasien bis nach Indien werden seine Streiche und Weisheiten erzählt. In Buchara sitzt er als Bronzefigur auf seinem Esel, gleich bei der Nadir-Divan-Begi-Medrese, und gehört zu den meistfotografierten Bewohnern der Stadt.

Hodscha Nasreddin
Am späten Nachmittag verwandelte sich der Innenhof der Medrese in einen Laufsteg. Musik, traditionelle Tänze und eine Modenschau mit farbenprächtigen usbekischen Gewändern vor der historischen Kulisse – viel eindrucksvoller hätte unser Empfang in Usbekistan kaum sein können.




Musikalische Begleitung zur Fashion-Show
Aber wir waren ja nicht nur Kulturreisende. Wir sind auch Schachspieler.

Schach-Wettkampf am Labi-Hauz-Platz

Peter, rechts, aus den Niederlanden gegen den weiblichen usbekischen Nachwuchs
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Rechts: Jan

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Paul aus den Niederlanden spielt mit den schwarzen Steinen.

Peter gegen die usbekische U10-Meisterin
Und so wartete eine erste Bewährungsprobe an den Brettern: ein Mannschaftskampf gegen eine Auswahl junger usbekischer Spielerinnen und Spieler. Am Ende stand ein umkämpftes 15:12 für uns – samt der Erkenntnis: usbekische Talente unterschätzt man besser nicht.

Teppichhändler beim Schach
Samarkand – morgens Kultur, nachmittags Schach
Am nächsten Morgen ging es mit dem Bus nach Samarkand. Schon der Name weckt Bilder. Von Karawanen, von Seide und von Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Und manches davon wurde schnell Wirklichkeit: Auf dem Siyob-Basar dufteten die Gewürze, türmten sich Nüsse und Obst – und die berühmten runden Samarkander Fladenbrote mit ihren kunstvollen Mustern.

Hier gibt es das Nationalgericht Plov

Ein Fladenbrot mit dem typischen Brotstempel
Und dann der Registan! Man kennt den Platz von Bildern. Seine ganze Wirkung entfaltet er aber erst, wenn man selbst zwischen den drei monumentalen Medresen, den historischen Eliteuniversitäten steht.

Registan mit den drei Medresen

Die Reisegruppe


Am Abend eine Lasershow

Lasershow aus dem Registan

Unsere Tage in Samarkand bekamen bald einen angenehmen Rhythmus: vormittags Kultur, nachmittags Schach. Dann ging es hinaus zur Olympiade auf dem Expo-Gelände. Für 20 Dollar gab es eine Tageskarte – und damit die schöne Gelegenheit, der Weltelite aus nächster Nähe über die Schulter zu schauen.

Schachgesichter
Die riesige Spielhalle war auf ihre Art nicht weniger beeindruckend als der Registan. Hunderte Spielerinnen und Spieler, Profis und Amateure aus mehr als 200 Ländern – die Olympiade gibt ihnen allen ein Gesicht. Wir erlebten diese eigentümliche Mischung aus absoluter Stille an den Brettern und internationalem Stimmengewirr außerhalb des Spielsaals und waren plötzlich nicht mehr Zuschauer eines Livestreams wie noch wenige Tage zuvor zu Hause, sondern mittendrin.
Taschkent – einmal unter die Erde
Noch vor der Schlussrunde hieß es Abschied nehmen von Samarkand. Mit dem Zug fuhren wir weiter nach Taschkent – und damit in eine ganz andere usbekische Wirklichkeit.
Nach dem verheerenden Erdbeben von 1966 sind große Teile der Hauptstadt neu aufgebaut. Breite Straßen, großzügige Plätze, monumentale Gebäude und viel Grün prägen die Stadt.
Eine ihrer Sehenswürdigkeiten liegt allerdings unter der Erde. Also fuhren wir U-Bahn. Was andernorts einfach öffentlicher Nahverkehr ist, ist in Taschkent zugleich eine kleine Architekturreise. Die Station Kosmonavtlar blieb uns besonders in Erinnerung – eine unterirdische Hommage an die sowjetische Raumfahrt und ihre Kosmonauten.


Wieder über der Erde schauten wir im berühmten Hotel Uzbekistan vorbei. Wir begnügten uns nicht mit der markanten Fassade, sondern spazierten kurzerhand auch ins mondäne Foyer.

Ausgerechnet Deutschland gegen die Niederlande
Am Sonntagnachmittag allerdings zog Taschkent draußen an den Busfenstern zeitweise etwas unbeachtet vorbei. Drinnen lag unsere Aufmerksamkeit ganz woanders.
Fast alle starrten auf ihre Handys.
In Samarkand lief die letzte Runde der Olympiade. Und als hätte jemand bei der Auslosung eigens an unsere Reisegruppe gedacht, lautete eine der entscheidenden Paarungen: Deutschland gegen die Niederlande.
Für die Deutschen ging es um Bronze. Matthias Blübaum gewann gegen Jorden van Foreest. Und als sich gegen halb sechs Frederik Svane und Loek van Wely zum Remis die Hände reichten, stand fest: Deutschland holt Bronze!
Fünf Deutsche hatten an diesem Nachmittag also etwas mehr Grund zur Freude als neun Niederländer. Egal. Wir saßen weiterhin im selben Bus, fuhren gemeinsam durch Taschkent und hatten längst festgestellt, dass beide Seiten auch dann ganz gut miteinander auskommen, wenn es beim Schach ausnahmsweise um mehr als die Ehre geht.
Vier aus vier – und eine Medaille für null aus null
Am Montag waren wir dann selbst wieder dran.

Am Olympischen Museum trafen wir zum zweiten Mal auf eine junge usbekische Mannschaft. Wieder glückte uns ein Sieg, doch nur einer hatte nach beiden Matches eine weiße Weste: Yuri! Vier Punkte aus vier Partien, hundert Prozent.
Dafür gab es einen Pokal – stattlich, schwer und bestens geeignet, das zulässige Fluggepäck auf der Heimreise noch einmal neu zu kalkulieren.
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Die Siegerehrung
Eine kleine Ungenauigkeit hatte die Trophäe allerdings: In goldener Schrift war dort der Vergleich „Usbekistan – Niederlande“ verewigt. Wir Rest-Europäer aus Deutschland und Italien nahmen es sportlich gelassen.

Und dann war da noch eine Bronzemedaille zu vergeben. Gleich mehrere Spieler lagen im individuellen Ergebnis auf Platz drei, aber es gab nur eine Plakette.
Was tun? Ardjan fand eine salomonische Lösung – und überreichte sie Monika.
Sie war die einzige Nichtschachspielerin unserer Gruppe. Acht Tage lang hatte sie Eröffnungsvarianten, Partieanalysen, Ergebnisse und wahrscheinlich mehr Schachgespräche ertragen, als einem Menschen ohne eigenes Interesse an 64 Feldern zuzumuten ist. Der gute Geist unserer Gruppe bekam die Medaille.
Vielleicht war es die schönste Siegerehrung der ganzen Reise.
Die Schachwelt – ein Ort für gute Menschen
Beim anschließenden Abschiedsessen im Café Olympia kam noch einmal die wunderbare usbekische Küche auf den Tisch.

Und eine Überraschungstorte, denn einer hatte an diesem Abend noch einen ganz persönlichen Grund zum Feiern: Michael wurde 60! Spätestens jetzt wurde klar, wie schnell die Zeit, wie schnell acht Tage vergehen können. Und erst auf dem Heimweg merkt man manchmal, wie viel von einer Reise tatsächlich bleibt.

Eine Geburtstagsüberraschung
John war fast schon wieder zu Hause, als er der Gruppe schrieb: „Das Lachen, die anregenden Gespräche, das ständige Staunen und die grenzenlose Freiheit haben diese Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht.“
Yuri empfand es ähnlich: „Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder. Schließlich ist die Schachwelt gar nicht so groß; sie ist ein Ort für gute Menschen.“
Fünfzehn Menschen hatten acht Tage miteinander in Buchara, Samarkand und Taschkent verbracht. Dass alles so wunderbar zusammenpasste, war nicht zuletzt Ardjans Verdienst. Er hatte Kultur und Schach perfekt miteinander verbunden. Vieles ließ sich planen und organisieren. Was daraus entstanden ist, nicht.
Von der viel zitierten deutsch-niederländischen Rivalität war am Ende jedenfalls nichts zu spüren. Dafür war tatsächlich etwas anderes entstanden.
Etwas, das kein großes Schlusswort braucht. Eines aus einem alten Film genügt. In Casablanca sagt Humphrey Bogart: „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“
Ein Satz, der auch in Buchara, Samarkand oder Taschkent hätte fallen können.