Die Schacholympiade, die keine war: München 1936

von André Schulz
08.10.2026 – Unter allen Schacholympiaden der Geschichte nimmt das Turnier von 1936 in München eine Sonderrolle ein. Offiziell erkannte die FIDE das Turnier nicht als Schacholympiade an. Dennoch erfüllte der Länderwettbewerb alle Voraussetzungen. Auch hier gewann eine deutsche Mannschaft die Bronzemedaille. | Fotos: Ferenc Chalupetzky und Turnierbuch

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Die Schacholympiade, die keine war: München 1936

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland wurde im Zuge der „Gleichschaltung“ der Institutionen schon im April/Mai 1933 auch der Deutsche Schachbund durch den Großdeutschen Schachbund ersetzt. Der neue Bundesleiter hieß Otto Zander, der das Amt bis zu seinem tödlichen Autounfall 1938 ausübte. Auf der Gründungsversammlung des GSB im Juli 1933 war durch Zander auch schon den Ausschluss der Juden aus dem Schachbetrieb angekündigt worden. Bereits Ende Mai 1933 hatte Joseph Goebbels den Ehrenvorsitz des GSB übernommen, womit sich zeigte, dass die Reichsführung dem organisierten Schach eine gewisse Bedeutung zuschrieb.

Otto Zander

Im Rahmen der Olympischen Spiele von 1936 sollte auch ein großes Mannschaftsschachturnier der Nationen, eine Schacholympiade durchgeführt werden. Allerdings war der Großdeutsche Schachbund ab 1933 nicht mehr Mitglied der FIDE. Im Zuge der Planungen für die geplante Schacholympiade bemühte sich der GSB deshalb schon 1935 um Wiederaufnahme in den Weltschachbund. Die Angelegenheit wurde auf dem FIDE-Kongress während der Schacholympiade 1935 in Warschau kontrovers diskutiert. Da die Rassengesetze im Deutschen Reich und die Bestimmungen des GSB, nach denen Juden vom Schachbetrieb ausgeschlossen wurden, mit der Satzung der FIDE unvereinbar waren, wurde der Antrag des GSB abgelehnt - vorerst. Weil der GSB kein Mitglied der FIDE war, konnte auch keine deutsche Mannschaft bei den Schacholympiaden 1933 (Folkstone), 1935 (Warschau) und 1937 (Stockholm) teilnehmen. Beim FIDE-Kongress 1938 änderte die FIDE ihre Haltung und verfolgte nun einen pragmatischeren Kurs. Der GSB wollte der FIDE wieder beitreten und konnte so 1939 an der Schacholympiade in Buenos Aires teilnehmen, bei der Deutschland Gold gewann.

Der Großdeutsche Schachbund richtete sein Länderturnier 1936 dennoch aus und nannte es Schacholympiade. Als eine Art Kompromiss hatte die FIDE ihren Mitgliedsverbänden freigestellt, an diesem Turnier teilzunehmen oder fernzubleiben. Den Status einer offiziellen Schacholympiade billigte der Weltschachbund dem Turnier allerdings nicht zu. Mit 21 Nationen beteiligten sich dann etwas mehr Verbände als bei den Schacholympiaden 1935 in Warschau (20) und 1937 in Stockholm (19). Es fehlten aber beispielsweise England, Belgien und die USA. Zeitgleich zum Münchener Länderturnier (17. August bis 1. September) fand aber auch das berühmte Turnier von Nottingham statt, so dass einige prominente Spieler, Bogoljubow, Tartakower, Aljechin, Vidmar und Flohr, in München für ihre Mannschaften nicht am Start waren.

München im Jahr 1936

München wurde als Austragungsort unter anderem deshalb ausgewählt, weil der Münchener Schachclub von 1836, einer der ältesten Schachvereine in Deutschland, 1936 seinen 100. Geburtstag feierte. Der Austragungsort in München war die Messehalle auf dem alten Messegelände an der Theresienwiese im Stadtteil Schwanthalerhöhe.

   

Im Unterschied zu den vorherigen und auch zu den folgenden Schacholympiaden, wurde das Länderturnier in München an acht Brettern gespielt. Die Teams konnten zudem zwei Ersatzspieler aufstellen. Das Turnier mit 21 Teilnehmermannschaften wurde noch mit allen Mannschaften im Modus jeder gegen jeden gespielt. Erst 1939 gab man dieses Format wegen der steigenden Teilnehmerzahl auf und spielte dort eine Vorrunde mit verschiedenen Gruppen und anschließenden Finalrunden. Die Bedenkzeit beim Turnier in München betrug zwei Stunden für 40 Züge, danach jeweils eine Stunde für je 20 Züge. 

Ehrhardt Post

Turnierleiter war Ehrhardt Post, der Stellvertreter von Bundesleiter Otto Zander. Post wurde 1939 zum Geschäftsführer  des Großdeutschen Schachbundes ernannt und war in der Folgezeit der maßgebliche Mann im Verband.

Zu Beginn des Turniers war es offenbar recht heiß in München und einige der Spieler beklagten sich über die hohen Temperaturen in der Messehalle.

Ludwig Rellstab ist es zu heiß

Überlegener Sieger des Turniers wurde die Mannschaft von Ungarn, die alle ihre Wettkämpfe gewann. Das Team wurde von der ungarischen Schachlegende Geza Maroczy angeführt, doch dieser war inzwischen schon 67 Jahr alt und hatte seinen Zenit weit überschritten. Immerhin erreichte Maroczy an Brett eins mit 6 Punkten aus 11 Partien noch ein leicht positives Ergebnis.

Maroczy und Richter

Der Topscorer der Ungarn war der damals erst 19 Jahre alte Laszlo Szabo. Seine erste Schacholympiade hatte Szabo sogar schon im Jahr zuvor in Warschau gespielt. In München erzielte er, an Brett fünf nominiert, 16,5 Punkte aus seinen 19 Partien – prozentual das beste Ergebnis aller Spieler bei diesem Turnier.

Ein herausragendes Ergebnis erreichte zudem Lajos Steiner an Brett zwei mit 15,5 aus 20. Auch die anderen jungen Ungarn wie Gedeon Barcza (10,5 aus 16) und Ernö Gereben (13 aus 19) zeigten starke Leistungen. Zwanzig Jahre später, nach der Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn durch die Sowjetunion flüchtete Gereben aus seiner Heimat, ging in die Schweiz und änderte seinen Namen dort wieder in die ursprüngliche deutsche Form Ernst Grünfeld. Wegen der Verwechslungsgefahr mit dem gleichnamigen österreichischen Schachmeister hatte er 1935 die ungarische Variante Ernö Gereben gewählt.

Hinter Ungarn belegte Polen den zweiten Platz. Die polnische Mannschaft, inzwischen ohne Rubinstein und Tartakower, hatte in Najdorf an Brett zwei ihren besten Spieler. Mit 16 aus 20 gewann er Einzelgold an Brett zwei.

Najdorf führte in München noch seinen ursprünglichen Vornamen Mieczysław. Drei Jahre später musste er wegen des Beginns des Zweiten Weltkrieges nach der Schacholympiade von Buenos Aires in Argentinien bleiben, wurde der beste Spieler seiner neuen Heimat und änderte seinen Vornamen in Miguel. Neben Najdorf gehörten Henryk Friedmann (15,5 aus 20) und Leon Kremer (15 aus 20) zu den Besten des polnischen Teams.

Punktgleich mit Polen (beide 16 Mannschaftspunkte), aber mit einigen Brettpunkten weniger, belegte die deutsche Mannschaft auch ohne Bogoljubow den dritten Platz. Für die deutsche Mannschaft spielte Kurt Richter am ersten Brett und kam mit 12 aus 18 auf ein gutes Ergebnis. Später veröffentlichte der Berliner zusammen mit Heinz van Henning ein lesenswertes, zweibändiges Turnierbuch über den Wettbewerb.

Einige weitere Namen der deutschen Spieler sind den interessierten Schachfreunden sicher ebenfalls bekannt, zum Beispiel Carl Ahues, vielleicht Ludwig Engels, Carl Carls, Ludwig Rellstab, Friedrich Sämisch natürlich, der aber nur an Brett 6 spielte, und mindestens den Hamburgern sicher Herbert Heinicke.

Ludwig Engels, mit Otto Zander als Kiebitz

Doch die Namen von Ludwig Rödl, Wilhelm Ernst und Paul Michel werden wohl nur noch wenige kennen. Rödl war ein Nürnberger Rechtsanwalt, Mitglied bei Noris-Tarrasch Nürnberg und ein profunder Endspielexperte. 1929/ 1930 hatte er die Deutsche Meisterschaft nach Stichkampf gegen Engels gewonnen. 1931 wurde er nach verlorenem Stichkampf gegen den punktgleichen Bogoljubow Vizemeister. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte er in den späten 1940er Jahren noch mit gutem Erfolg bei einigen Deutschen Meisterschaften und Turnieren mit.

Auch der Gelsenkirchener Stadtinspektor Wilhelm Ernst war in jener Zeit ein starker Spieler. Bei der Deutschen Meisterschaft 1935 belegte er den geteilten zweiten Platz hinter Kurt Richter, zusammen mit Paul Michel. Letzterer gehörte ebenfalls in den 1930 Jahren zu den besten deutschen Spielern. Michel spielte 1939 auch für die dann Großdeutsche Nationalmannschaft (an Brett zwei), die in Buenos Aires Gold gewann und blieb wie alle anderen deutschen und österreichischen Spieler dort. 

Es waren gerade die heute weniger bekannten Spieler, die am meisten zum Gewinn der Bronzemedaille der deutschen Mannschaft in München beitrugen. Rödl war mit 11 aus 16 bester Spieler an Brett sechs. Ernst und Michel waren mit 9,5 aus 14 bzw. 9,5 aus 12 am ersten und zweiten Reservebrett jeweils die zweitbesten Spieler. Auch Herbert Heinicke war an Brett 8 (mit 13 aus 18) zweitbester Spieler. Ludwig Rellstab war mit 12 aus 17 drittbester Spieler an Brett fünf.

Zu den besten Spielern des Turniers gehörte natürlich auch Paul Keres, der mit 15,5 aus 20 an Brett eins der estnischen Mannschaft Einzelgold gewann.

Borislaw Kostic war hinter Laszlo Szabo mit seinen 16 aus 19 der zweitbeste Spieler des ganzen Turniers und war einer der Garanten für den vierten Platz Jugoslawiens.

Emil Zinner war an Brett drei der fleißigste Punktesammler (14,5 aus 20) für die Tschechoslowakei.

Von den baltischen Staaten, die bis zur Oktoberrevolution und dem Ende des Ersten Weltkrieges noch zu Russland gehört hatten, schnitt Lettland als Sechster am besten ab. Hier vertrat Vladimir Petrovs das erste Brett und erreichte mit 13,5 aus 20 ein solides Ergebnis. Als er sich 1942 bei einem Turnier in der UdSSR über die schlechte Versorgungslage in Lettland nach der sowjetischen Besetzung geäußert hatte, wurde er verhaftet und in einen sibirischen Gulag gebracht, wo er bald an Unterernährung starb. Karlis Ozols hingegen, an Brett acht des lettischen Teams, trat nach der deutschen Besetzung Lettlands der SS bei und half bei der Vernichtung der lettischen Juden. Bei Kriegsende floh er vor der anrückenden Roten Armee über Deutschland nach Australien, wo er noch bis in die 1990er Jahre an Turnieren teilnahm.

Litauen wurde hinter Estland Elfter und hatte mit Vladas Mikenas an Brett eins seinen bekanntesten Spieler. Mikenas hatte es am Spitzenbrett nicht leicht und verpasste mit 9 aus 20 knapp die 50%. Bester Spieler des litauischen Teams war Markas Luckis, als zweitbester Spieler des Turniers an Brett vier. Auch er blieb nach 1939 in Argentinien und spielte dort bis 1972 viele Turnier mit.

Österreich spielte 1936 in München noch mit einer eigenen Mannschaft. Mit den Spitzenspielern Erich Eliskases und Albert Becker (13,5 aus 18), der eine Bronzemedaille in der Brettwertung an Brett drei gewann, belegte Österreich Platz sieben in der Endabrechnung. Nach dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 wurden die österreichischen Spieler in die Großdeutsche Mannschaft für die Schacholympiade 1939 integriert. 

Endstand

no. team code pts + = -
1. Hungary HUN 110½ 20 0 0
2. Poland POL 108 16 1 3
3. Germany GER 106½ 16 2 2
4. Yugoslavia YUG 104½ 14 3 3
5. Czechoslovakia CSR 104 13 4 3
6. Latvia LAT 96½ 14 2 4
7. Austria AUT 95 13 3 4
8. Sweden SWE 94 11 3 6
9. Denmark DEN 91½ 12 0 8
10. Estonia EST 90 9 4 7
11. Lithuania LTU 77½ 7 4 9
12. Finland FIN 75 6 6 8
13. Netherlands NED 71½ 10 0 10
14. Romania ROM 68 4 4 12
15. Norway NOR 64½ 3 2 15
16. Brazil BRA 63 5 3 12
17. Switzerland SUI 61½ 5 2 13
18. Italy ITA 59 3 3 14
19. Iceland ISL 57½ 4 0 16
20. France FRA 43½ 1 1 18
21. Bulgaria BUL 38½ 0 1 19

Tabelle: Olimpbase.org

Die Siegerehrung wurde am Abend nach dem Turnier in der Ausstellungshalle des Messegeländes von Bundesleiter Otto Zander vorgenommen. Neben den Siegerteams des Mannschaftsschachturniers wurden auch die Gewinner des parallel durchgeführten Problemwettbewerbs geehrt. Hier gewann Deutschland Gold vor Ungarn und Lettland.

Otto Zander moderiert die Schlussfeier

Das Turnier wurde von den Organisatoren als Mega-Event gefeiert und war in ein umfangreiches Rahmen - und Unterhaltungsprogramm eingebettet. Für die Bevölkerung gab es Lebendschachvorführungen und Revueveranstaltungen der damals sehr populären Doorlay Girls zu sehen.

Ferenc Chalupetzky, Mitglied der ungarischen Delegation, machte in München eine Reihe von Fotos. Laszló Jakobetz veröffentlichte eine Auswahl anlässlich der Schacholympiade in Budapest 2024. Weitere Fotos erschienen im Turnierbuch.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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