Als Usbekistan bei der Schacholympiade 1992 überraschend Silber gewann

von André Schulz
16.09.2026 – Die Schacholympiade 1992 in Manila war die erste nach dem Zerfall der Sowjetunion. Plötzlich gab es nicht mehr eine übermächtige UdSSR-Mannschaft, sondern viele sehr starke Teams von ehemaligen Sowjet-Republiken. Russland setzte die Erfolgsserie der Sowjetunion fort. Das Überraschungsteam aus Usbekistan, mit nur einem GM, holte Silber vor Armenien. Bei den Frauen ging die Goldmedaille an Georgien. | Foto: Gerhard Hund (Wikipedia)

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Das Jahr 1992 war ein sehr ereignisreiches Schachjahr. Michael Tal starb, in Baden-Baden und in Dortmund fanden bedeutende Turniere statt. Bobby Fischer tauchte nach 10 Jahren wieder aus der Versenkung auf und spielte in Sveti Stefan ein "Rematch" gegen Boris Spassky. Und in Manila wurde die erste Schacholympiade nach dem Zerfall der UdSSR durchgeführt.

Die UdSSR hatte mit ihrer großen Zahl an Spitzenspielern das Weltschach seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges dominiert und bei Schacholympiaden immer dann, wenn die Mannschaft angetreten ist, auch die Goldmedaille gewonnen - mit einer Ausnahme: Bei der Schacholympiade 1978 in Buenos Aires musste die UdSSR sich mit Silber begnügen, nachdem sie das Match gegen die Bundesrepublik Deutschland verloren hatte. Ungarn gewann stattdessen Gold. 

Die erste Schacholympiade ohne ein UdSSR-Team seit 1952

Als Anfang Juni 1992 in Manila die 30. Schacholympiade begann, gab es kein UdSSR-Team mehr. Seine Nachfolge trat die Mannschaft Russlands an, die in Manila in der Aufstellung 1. Garry Kasparov, 2. Alexander Khailifman, 3. Sergey Dolmatov, 4. Alexei Dreev, 5. Vladimir Kramnik, 6. Alexei Vyzmanavin auflief. 

Kasparov hatte dafür gesorgt, dass der damals erst 17-jährige Kramnik nominiert wurde. Eine gute Entscheidung, wie sich bald herausstellte. Mit dieser Mannschaft gewann Russland die Goldmedaille und trat damit erfolgreich das Erbe der Sowjetunion an. Kasparov (8,5 aus 10) und Kramnik (8,5 aus 9) waren die besten Spieler.

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Gold für Russland

Wer von den anderen Nationen geglaubt hatte, durch den Zerfall der UdSSR seit auch die sowjetische Dominanz im Schach gebrochen, sah sich getäuscht. Tatsächlich geschah sogar das Gegenteil. Die ehemaligen Republiken der Sowjetunion, nun selbstständig, schickten nämlich nun als neue Mitglieder des Weltschachbundes FIDE eigene Mannschaften, und die waren auch alle bärenstark. De facto gab es jetzt also nicht nur ein UdSSR-Team, sondern ganz viele - aber unter anderen Namen. Und die ersten Republiken des auseinanderfallenden Jugoslawien nahmen jetzt auch noch mit starken Mannschaften teil.

Was die Sowjetunion angeht, nahm jetzt außer Russland auch die Ukraine, Moldawien, Lettland, Litauen, Estland, Armenien, Georgien, Turkmenistan, Kirgistan, Kasachstan und Usbekistan alle mit eigenen Mannschaften teil. 

Bei Armenien spielten Großmeister wie Vaganjan, Akopjan und Lputjan. Georgien kam mit Asmaiparashvili an Brett eins. Shirov spielte an Brett eins für Lettland. Und die Ukraine kam mit Ivanchuk, Beliavsky und Romashin - um nur einige der bekanntesten Namen zu nennen.

Überraschungsteam Usbekistan

Die Überraschungsmannschaft dieser Schacholympiade war dann aber das Team von Usbekistan, 2026 der Gastgeber der 46. Schacholympiade.

Mit Usbekistan hatte keiner der Experten so richtig gerechnet. In der Aufstellung 1. Valery Loginov, 2. Grigory Serper, 3. Alexander Nenashev, 4. Sergei Zagrebelny, 5. Mikhail Saltaev 6. Saldai Iuldachev gewann Usbekistan Silber. Tatsächlich wies nur Loginov einen Großmeistertitel auf. Die folgenden Spieler hatten nur den IM-Titel und Iuldachev gar keinen Titel.

Mit 4 Punkten aus 13 Partien war Loginov an Brett eins der Blitzableiter des Teams. Er gewann nur eine seiner Partien - gegen Robert Hübner. Sechsmal verlor er gegen starke Gegner, der Rest ging Remis aus.

Die "Killer" im usbekischen Team waren Serper, Nenashev und Zagrebelny. Sie holten jeweils 8,5 Punkte und mehr. Bester Spieler des Teams war Nenashev mit 9,5 aus 12. Damit gewann er die individuelle Goldmedaille an seinem Brett. Zu seinen Opfern gehörten unter anderem John Nunn und Alexey Dreev. Noch 1992 erhielt er den Großmeistertitel.

   

In alle Winde zerstreut

Alexander Nenashev übersiedelte später nach Deutschland, nahm den Familiennamen seines Vaters, Graf, an und wurde 2000 deutscher Staatsbürger. Zwischen 2002 und 2006 spielte er dreimal bei Schacholympiaden für die deutsche Mannschaft.

Alexander Nenashev beim Grenke Open 2018 | Video Screenshot

2003 gewann Alexander Nenashev-Graf unter deutscher Flagge die Europameisterschaft. 2004 wurde er Deutscher Meister. 

Auch Mikhail Saltaev übersiedelte nach Deutschland und spielt für Mülheim-Nord. Er blieb aber im usbekischen Verband. Den Großmeistertitel erhielt er 1995. Valery Loginov lebte eine Zeitlang in Ungarn und nahm dort an vielen der First Saturday Turnieren teil. Dann ging er nach St. Petersburg und arbeitete als Schachtrainer.

Grigory Serper erhielt 1992 den Großmeistertitel. 

Grigory Serper, 1990er Jahre

1996 wanderte Serper mit seiner Familie in die USA aus und wurde US-amerikanischer Staatsbürger. 1999 gewann er das World Open in Philadelphia. Serper verfasste in den letzten Jahren als Autor eine Reihe von Beiträgen für Chess.com und arbeitete für den ICC.

Sergey Zagrebeny 2021 | Foto: Chessmoscow.ru

Sergey Zagrebelny erhielt 1993 den Großmeistertitel und arbeitete später als Jugendtrainer in Moskau. Saldali Iuldachev wurde 1996 Großmeister und blieb in Usbekistan.

Hinter Usbekistan gewann mit Armenien eine weitere ehemalige Sowjetrepublik die Bronzemedaille. In die Top Ten kamen auch noch Lettland (5.), Georgien (8.) und die Ukraine (9.). Sechs der besten zehn Mannschaften waren also Ex-Sowjetrepubliken. Das beste "westliche" Land war die USA, allerdings mit drei Exilsowjets im Team, Gata Kamsky, Alexander Yermolinsky und Boris Gulko.

Die deutsche Mannschaft belegte am Ende in der Aufstellung 1. Hübner, 2. Lobron, 3. Hertneck, 4. Hort, 5. Wahls und 6. Lutz Platz 13.

Christopher Lutz und Matthias Wahls | Foto: Gerhard Hund (Wikipedia)

Endstand

102 Mannschaften

Die Schacholympiade der Frauen

Bei der Schacholympiade der Frauen ergab sich ein ähnliches Bild, wenn auch in anderer Reihefolge. Innerhalb der Sowjetunion waren die georgischen Frauen im Schach das Maß der Dinge. In der Aufstellung: 1. Maia Chiburdanidze 2. Nona Gaprindashvili, 3. Nana Ioseliani und 4. Nino Gurieli holten sie die Goldmedaille vor einer anderen ehemaligen Sowjetrepublik, der Ukraine. Die chinesischen Frauen gewannen Bronze. Russland wurde mit einigen heute kaum noch bekannten Spielerinnen hinter Ungarn Vierter. Aserbaidschan auf sieben und Kasachstan auf Platz acht komplettierten den Erfolg der Ex-Sowjetrepubliken. Die deutsche Auswahl - mit drei Spielerinnen aus der ehemaligen DDR - belegte Platz 36. Damals wurde die Wettkämpfe der Frauenolympiade noch an drei Brettern gespielt, mit einem Ersatzbrett in der Aufstellung.

62 Teams

Fünf der sechs Mannschaftsmedaillen gingen also an ehemalige Sowjetrepubliken. 

Nun erneut ohne Russland

Bei den Männern, bzw. im offenen Wettbewerb, konnte Russland seine Dominanz noch bis zur Olympiade 2002 in Bled verteidigen und gewann jedes Mal Gold. Doch dann war damit Schluss. Seitdem konnte Russland im offenen Turnier keine Goldmedaille mehr gewinnen. Seit 2022 sind die russischen Teams wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine suspendiert.

Für die junge unabhängige Republik Usbekistan war die Silbermedaille natürlich ein Riesenerfolg. Die junge Generation, mit den Top-Großmeistern Nodirbek Abdusattorov und Javokhir Sindarov, konnte diesen bei der Schacholympiade 2022 in Chennai übertreffen. Die usbekische Mannschaft holte Gold. 

Können die jungen usbekischen Spielern den Erfolg bei der Heimolympiade in Samarkand wiederholen?


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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