Das Interview erschien zuerst bei der Deutschen Welle. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.
In Samarkand startet die Schach-Olympiade (15. bis 27.09. 2026) und als beste europäische Mannschaft haben die DSB-Männer gute Chancen auf eine Medaille. Das hat viel mit Vincent Keymer zu tun. Der 21-jährige, der inzwischen in Wien lebt, hat sich in der absoluten Weltspitze etabliert und gehört inzwischen international zu den Stars in der Schach-Szene. Das hat auch viel mit seiner Art zu tun, wie er seine Schachpartien angeht.
Kurz vor Beginn Turniers in Usbekistan sprach Holger Hank für die Deutsche Welle (https://dw.com) mit der deutschen Nummer Eins.
Holger Hank: Du bist seit rund einem Jahr in den Top 10. Es ist ja immer wieder zu beobachten, dass Spieler ihren Stil anpassen, wenn Sie in dieser Elite-Gruppe angekommen sind. Bei Dir ist aber bisher nicht so. Bleibt das so?
„Risiko und Verlust wird bei mir mit eingepreist. Ich habe sehr wenige Top-Turniere, in denen ich keine einzige Partie verliere; auch wenn sie sehr gut laufen. Aber dafür gewinne ich auch mehr Partien als die meisten anderen Spieler. Ich möchte halt viel kämpfen und ich glaube, man muss seinem Stil so gut es geht treu bleiben. Ich möchte so spielen, wie es sich für mich natürlich und richtig anfühlt.”
Was in den letzten Monaten in Deinen Turnieren nicht so gut funktioniert hat, waren Stichkämpfe mit sehr kurzer Bedenkzeit. Fängst Du jetzt an, Blitz und Armageddon zu trainieren?
(lacht) „Ich habe vor, mich ein bisschen mehr um die kürzeren Bedenkzeiten zu kümmern. Das wird im nächsten Jahr ja noch wichtiger, weil die “Total Chess World Championship Tour” starten wird, die auch für die Qualifikationen für das Kandidaten-Turnier 2028 relevant ist.”
Findest Du es gut, dass jetzt kürzere Bedenkzeiten im Spitzenschach eine größere Rolle spielen?
“Es geht hauptsächlich um schnelles klassisches Schach und normales bis langsames Rapid. Das sind Bedenkzeiten, die mir eigentlich sehr gut liegen. Ich war immer der Meinung, dass verschiedene Bedenkzeiten sehr interessant sein können. Aber ich habe es immer für sinnvoll erachtet, innerhalb des WM-Zyklus die gleiche Zeitkontrolle zu behalten. Wenn man jetzt sagt, wir spielen plötzlich den World Cup mit schnellerer Bedenkzeit und das Kandidaten-Turnier dann aber wieder mit einer langen Zeitkontrolle, dann fühlt sich das für mich nicht passend an!“
Kommen wir zur Schach-Olympiade. Bei den letzten großen Mannschaftsturnieren lief bei Euch (anders als bei den Frauen, die zuletzt einen Bronze-Medaille bei der EM geholt haben) nicht immer alles zusammen. Was könnt Ihr in Samarkand besser machen?
„Wir müssen diesmal vor allem die unnötigen Verluste gegen schwächere Teams vermeiden. Die wichtigsten Matches bei der Olympiade sind erst mal nicht die gegen die Top-Mannschaften, sondern die Kämpfe, die dazu hinführen, dass wir gegen eine andere Top-Mannschaft spielen.“
Wie schätzt Du Eure Chancen ein?
„Wir sind diesmal auf Nummer fünf gesetzt, also ganz oben mit dabei. Bei der Olympiade gehört aber immer ein bisschen Glück dazu.
Teilst Du den Eindruck, dass einer Eurer größten Konkurrenten, Titelverteidiger Indien, gerade etwas schwächelt?
„Steile These. Auch wenn sie zuletzt im Ranking etwas zurückgefallen sind: Ich glaube schon, dass sie wieder sehr stark performen. Sie sind ein junges, ambitioniertes Team.“
Aber es ist deutlich, dass sich Weltmeister Gukesh aktuell schwer tut. Du hast ihn bei der WM als Sekundant unterstützt und kennst ihn recht gut. Wie schätzt Du seine Lage ein?
„Er ist sehr jung Weltmeister geworden. Plötzlich gibt es dann diese ganzen Erwartungen, sowohl von außen als auch an sich selbst. Und denen gerecht zu werden, ist natürlich schwierig. Besonders, wenn es anfängt, irgendwann nicht so gut zu laufen. Aber ich denke, Gukesh ist schon jemand, der mental dazu in der Lage ist, zurückzukommen. Und ich gehe davon aus, dass das auch passiert. Die Frage ist nur, wann.
Neben den USA und China gilt natürlich auch Gastgeber Usbekistan als ein Top-Favorit. Zu recht?
„Das ist vielleicht das eine Team, bei dem ich mir vorstellen kann, dass sie es nicht ganz so einfach haben werden. Einfach, weil sie relativ unausgeglichen sind. Aber die ersten zwei Bretter sind natürlich unglaublich stark.“
Magnus Carlsen hat sich dafür entschieden, diesmal nicht für Norwegen bei der Schach-Olympiade anzutreten. Er spielt auch kaum noch klassisches Schach. In der FIDE-Weltrangliste steht er aber weiter ganz oben. Ist er aus Deiner Sicht immer noch die Nummer Eins?
„Die meisten Turniere, die er gespielt hat, hat er immer noch gewonnen. Aber wenn man die klassischen Turniere betrachtet, ist das nicht mehr so eindeutig. Er beschäftigt sich natürlich nicht mehr so viel mit Schach. Aber ich denke, nur weil man von ihm gewöhnt ist, dass er alles zerlegt, kann man deshalb nicht sofort sagen, er ist nicht mehr Nummer Eins.“
Schach bei der Deutschen Welle
Die Deutsche Welle (DW) berichtet regelmäßig über wichtige Turniere, die Weltmeisterschaften und internationale Entwicklungen im Schachsport. Die Artikel der letzten Jahre sind auf der Schach-Themenseite der DW-Sportredaktion zusammengefasst.