Kasparov unterliegt Topalov deutlich im Clutch Chess-Match der Legenden

von Stefan Liebig
14.09.2026 – 16:8 hieß es am Ende! Veselin Topalov schlug Garry Kasparov erstaunlich deutlich beim beim „Clutch Chess: The Legends“ in Saint Louis. Die beiden ehemaligen Weltklassespieler bestritten am vergangenen Wochenende einen Wettkampf über zwölf Partien im Chess960. Kasparov konnte dabei nicht an seinen Vorjahressieg gegen Viswanathan Anand anknüpfen. | Fotos: St. Louis Chess Club, Austin Fuller

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2026 Clutch Chess: Die Legenden

Bereits 2025 hatte der Saint Louis Chess Club mit „Clutch Chess: The Legends“ ein außergewöhnliches Wiedersehen inszeniert: Drei Jahrzehnte nach ihrem WM-Match von 1995 trafen Garry Kasparov und Viswanathan Anand erneut aufeinander. Gespielt wurde nicht klassisches Schach, sondern Chess960, kombiniert mit dem Clutch-Wertungssystem (s.u.). Kasparov entschied das Duell vorzeitig für sich – Anand sorgte erst in den beiden abschließenden Blitzpartien noch für zwei Siege.

Topalov schlug Kasparov deutlich in ihrem zweiten Chess960-Match. | Foto: Austin Fuller

2026 setzte der Saint Louis Chess Club die Reihe mit einer anderen historischen Rivalität fort. Vom 11. bis 13. September standen sich Kasparov und Veselin Topalov gegenüber – zwei Spieler, die über Jahre zur Weltspitze gehörten und sich bereits bei großen Turnieren und Weltmeisterschaftskandidatenkämpfen gegenüberstanden. Auch diesmal bildeten zwölf Chess960-Partien über drei Tage den Rahmen. Rapid- und Blitzpartien wechselten sich ab, während die Wertung von Tag zu Tag an Gewicht gewann. Damit war selbst ein deutlicher Rückstand nach den ersten Partien noch keine endgültige Entscheidung. Doch trotz dieses Punktesystem gestaltete sich das Event recht eindeutig.

Tag 1: Topalov legt gegen Kasparov vor – 2,5:1,5

Veselin Topalov entschied den ersten Tag des Duells mit Garry Kasparov beim „Clutch Chess: The Legends“ in St. Louis mit 2,5:1,5 für sich. Die beiden ehemaligen Weltmeister bestritten vier wechselhafte Partien, in denen Kasparov mehrfach aussichtsreiche Stellungen erreichte, seine Vorteile jedoch vor allem wegen des hohen Zeitverbrauchs aber nicht verwerten konnte. Topalov erwies sich dagegen als der praktischere Spieler und nutzte die Fehler seines Gegners konsequent aus. Immerhin konnte Kasparov nach 0,5:2,5-Rückstand die vierte Partie gewinnen und so das Ergebnis nach dem ersten Tag knapp halten.

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Topalov nutzt Kasparovs Zeitprobleme

In der ersten Schnellpartie übernahm Topalov mit den weißen Steinen früh die Initiative. Mit 5.g4 und 7.g5 suchte er unmittelbar nach dynamischen Möglichkeiten und nahm dabei strukturelle Risiken in Kauf. Kasparov gelang es zunächst, die unorthodoxe Eröffnung besser zu behandeln. Nachdem Topalov mit 14.Tg1 einen Bauern verlor, schien der 13. Weltmeister die Kontrolle zu übernehmen.

Entscheidend war aber die Uhr. Kasparov investierte erheblich mehr Bedenkzeit und geriet schließlich mit mehr als fünf Minuten Rückstand in Zeitnot. Als er weniger als zwei Minuten auf der Uhr hatte, verlor er einen wichtigen Freibauern auf der f-Linie. Topalov konnte damit die erste Partie gewinnen, obwohl Kasparov zwischenzeitlich die besseren praktischen Chancen besessen hatte.

Kasparov und Topalov trafen bereits zuvor im chess960 in Saint Louis aufeinander. Beim Champions Showdown 2018 besiegte Topalov Kasparov mit 14½:11½ in einem Wettkampf über 20 Partien (sechs Schnellschachpartien und vierzehn Blitzpartien). | Foto: Austin Fuller

Die zweite Rapidpartie verlief ausgeglichener. Kasparov gab im Übergang ins Endspiel einen Bauern für Aktivität und geriet später in einer Stellung mit Türmen und Läufern ungleichfarbiger Farbe unter Druck. Wieder wurde die Zeit ein wichtiger Faktor: Beide Spieler näherten sich der Zeitkontrolle mit sehr wenig Bedenkzeit. Topalov verpasste allerdings seine Gewinnchance, sodass Kasparov das Remis sichern konnte.

In der ersten Blitzpartie schien Kasparov schließlich seine bisherige Strategie erfolgreich umzusetzen. Mit 4...Lxe3 fügte er seinem Gegner eine geschwächte Bauernstruktur zu und erarbeitete sich früh die bessere Stellung. Doch auch diesmal kippte die Partie. Kasparov behandelte das Mittelspiel ungenau und musste schließlich nach einer unglücklichen Entscheidung am 22. Zug aufgeben.

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Kasparov reagierte jedoch unmittelbar. In der vierten Partie dominierte er das Geschehen und kam zu einem überzeugenden Sieg. Damit verkürzte er den Rückstand noch am ersten Tag auf 1,5:2,5. Das Ergebnis spiegelte allerdings nicht vollständig die Kräfteverhältnisse auf dem Brett wider. Kasparov hatte in mehreren Partien gute oder sogar deutlich bessere Stellungen erreicht, konnte diese Vorteile aber nicht in Siege umwandeln. Topalov spielte dagegen konsequenter.

Zusammenfassung Tag 1:

Tag 2: Topalov baut den Vorsprung deutlich aus –
6:2 / Gesamtstand 8,5:3,5

Die fünfte Partie des Matches bot Kasparov eine große Chance, selbst in Führung zu gehen. Er spielte von Beginn an aktiv und investierte früh mehrere Bauernzüge. Dadurch entstanden dauerhafte Schwächen in der gegnerischen Stellung. Bis zum 18. Zug hatte Kasparov eine klare vorteilhafte Position erreicht. Erneut wurde aber die Uhr zum entscheidenden Faktor. Während Topalov noch rund acht Minuten zur Verfügung hatte, war Kasparovs Bedenkzeit bereits auf etwa zwei Minuten geschrumpft. In der entscheidenden Phase fand er nicht den starken Zug 25.Da3!, der seine Stellung weiter verstärkt hätte. Die große Gewinnchance war dahin und Topalov konnte sich retten.

Auch die sechste Partie war hart umkämpft. Kasparov versuchte trotz eines ungewöhnlichen Endspiels mit Turm und Springer gegen Turm und Läufer weiter auf Gewinn zu spielen. Unter beiderseitiger Zeitnot verlor er jedoch den Faden. Topalov kam seinerseits zu einem erheblichen Vorteil, konnte diesen aber ebenfalls nicht verwerten. Die Partie endete remis.

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In der siebten Partie zeigte sich, dass beide Spieler inzwischen mit der ungewöhnlichen Ausgangsstellung vertrauter waren. Topalov übernahm mit 12...Sca4! die Initiative und richtete seine Figuren zunehmend gegen den weißen König. Kasparov reagierte mit einem spektakulären Qualitätsopfer und suchte seinerseits nach Gegenchancen.

Topalov fand jedoch mit 14...Sxc3! einen starken taktischen Schlag. Das Figurenopfer verstärkte seine Initiative entscheidend und führte zu einem überzeugenden Sieg. 

Noch schneller ging die achte Partie zu Ende. Kasparov war bereits nach wenigen Zügen mit seiner Stellung unzufrieden. Nach 8.e4? bot sich Topalov die Möglichkeit zu einem weiteren taktischen Schlag. Zwar nutzte er diese konkrete Chance nicht, doch Kasparovs Stellung blieb schwierig und die Partie entwickelte sich zu einem klaren Erfolg für den Bulgaren.

Mit den beiden Blitzsiegen baute Topalov seinen Vorsprung von einem auf fünf Punkte aus. Nach acht Partien stand es 8,5:3,5. 

Zusammenfassung Tag 2:

Tag 3: Topalov hält Kasparovs Comeback stand –
7,5:4,5 / Endstand: 16:8

Am dritten und entscheidenden Tag konnte der 13. Weltmeister den Rückstand mit einem Sieg in der ersten Schnellpartie verkürzen. Kasparov kam damit auf 6,5:8,5 heran. Nach einem Remis in der zehnten Partie benötigte Topalov jedoch nur noch einen Sieg aus den beiden abschließenden Blitzpartien – und machte den Matchgewinn mit einem weiteren Erfolg perfekt.

Topalov zeigte sich gelöst im Interview mit Maurice Ashley. | Foto: Austin Fuller

Kasparov erwischte aber den besseren Start. Topalov setzte in Partie 9 bereits früh mit 5.0-0 auf eine dynamische Entscheidung und bot ein Qualitätsopfer an. Kasparov nahm sich ungewöhnlich viel Zeit für seine Antwort und benötigte rund neun Minuten. Dennoch gelang es ihm, die Partie zu seinen Gunsten zu drehen. Topalov hatte lange Zeit die besseren Aussichten, ließ jedoch mit 24...f4! gefährliches Gegenspiel zu. Kasparov nutzte die Gelegenheit und kam zu seinem ersten Sieg des Tages. Damit verkürzte er den Rückstand auf 6,5:8,5. Die Spannung war zurück im Match. Topalov bewahrte aber die Nerven:

In der zehnten Partie entwickelte sich erneut ein taktisch geprägter Kampf. Topalov geriet unter Druck, konnte jedoch mit 24...Txc5 die Initiative des Gegners neutralisieren. Kasparov musste sich schließlich mit dem Remis begnügen. Damit lag Topalov weiterhin mit nur zwei Punkten vorne.

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Entscheidung fällt im Blitz

Die elfte Partie wurde zur entscheidenden des Matches. Beide Spieler kämpften unter hohem Zeitdruck, denn neben dem möglichen Matchgewinn ging es auch um die über mehrere Remis angesammelten Bonuszahlungen. Topalov kam zunächst besser in die Partie, während Kasparov mit 14...Sa8? einen Springer auf ein ungünstiges Feld stellte. Mit 17.e4 öffnete Topalov anschließend die Stellung für seine Figuren. Kasparov gab sich jedoch nicht geschlagen und erreichte erneut eine spielbare Position. Die Entscheidung fiel erst in der Schlussphase, als beide Spieler nur noch wenige Minuten auf der Uhr hatten. Topalov behielt die Kontrolle und gewann die Partie. Damit erreichte er 13 Punkte und war uneinholbar in Führung. Der Matchgewinn war bereits vor der zwölften Partie gesichert.

Die letzte Blitzpartie hatte damit keine Bedeutung mehr für den Ausgang des Matches, zeigte aber noch einmal Topalovs Stärke im schnellen Schach. Er kontrollierte die Partie von Beginn an, erhöhte seinen Vorteil Schritt für Schritt und gewann schließlich souverän. Kasparov räumte anschließend ein, dass ihm in dieser Partie die Motivation gefehlt habe, nachdem die Entscheidung bereits gefallen war.

Zusammenfassung Tag 3:

Topalov überzeugt mit praktischer Spielweise

Am Ende gewann Topalov mit 16:8. Besonders auffällig war seine Überlegenheit im Blitz: Die sechs Blitzpartien entschied er mit 11:1 für sich. Kasparov suchte zu häufig nach der objektiv besten Lösung und investierte dafür viel Zeit. Topalov behandelte die Stellungen dagegen konsequent nach praktischen Gesichtspunkten.

Topalov erhielt für seinen Gesamtsieg 70.000 Dollar und zusätzlich 20.000 Dollar an Boni, insgesamt also 90.000 Dollar. Kasparov kam auf 50.000 Dollar Preisgeld und 4.000 Dollar Boni, insgesamt 54.000 Dollar. Damit endete das dreitägige Wiedersehen zweier ehemaliger Weltmeister mit einem deutlichen Erfolg für Topalov.

Partien

Garry Kasparov ist nicht nur einer der besten Schachspieler der Welt, er ist auch ein ausgezeichneter Schachtrainer. Im Rückblick auf seine Karriere zeigt der 13. Weltmeister eine Auswahl seiner besten Partien - mit auch heute noch verblüffenden Ideen

Regularien

Das offizielle Programm begann mit der Eröffnungszeremonie und der Auslosung am 10. September. Die Partien finden an den folgenden drei Tagen jeweils um 12 Uhr Ortszeit (19 Uhr MESZ) statt. Bei dem Legendenduell wird das von Großmeister Maurice Ashley entwickelte Clutch Chess-Punktesystem verwendet, bei dem Siege im Laufe des Turniers immer wertvoller werden. Ein Sieg bringt am ersten Tag 1 Punkt, am zweiten Tag 2 Punkte und am letzten Tag 3 Punkte.

Die Spielboni sind nach demselben Schema gestaffelt: 1000 $ für jeden Sieg am ersten Tag, 2000 $ am zweiten Tag und 3000 $ am dritten Tag. Der Gesamtpreispool beträgt 144.000 $, wobei der Gewinner 70.000 $ und der Zweitplatzierte 50.000 $ erhält. Zusätzlich gibt es Spielboni in Höhe von 24.000 $.

Endet eine Partie remis, wird der Bonus auf die Partien 11 und 12 übertragen. Das bedeutet, dass die letzte Blitzpartie, die mit einer Bedenkzeit von 5 Minuten plus 3 Sekunden Zuschlag gespielt wird, theoretisch den gesamten Bonus von 24.000 US-Dollar erhalten könnte. Bei einem Gesamtgleichstand würden Kasparov und Topalov jeweils 60.000 US-Dollar aus dem Hauptpreispool erhalten.

Link

Saint Louis Chess Club


Stefan Liebig, geboren 1974, ist Journalist und Mitinhaber einer Marketingagentur. Er lebt heute in Barterode bei Göttingen. Im Alter von fünf Jahren machten ihn seltsame Figuren im Regal der Nachbarn neugierig. Seitdem hat ihn das Schachspiel fest in seinen Bann gezogen. Höhenflüge in die NRW-Jugendliga mit seinem Heimatverein SV Bad Laasphe und einige Einsätze in der Zweitligamannschaft von Tempo Göttingen waren Highlights für den ehemaligen Jugendsüdwestfalenmeister.
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