50 Partien... (7): Tarrasch gegen Lasker

von Johannes Fischer
11.01.2018 – Gute Schachspieler sind oft schlechte Verlierer. Sie bekommen nach einer Niederlage Wutanfälle, beschimpfen sich oder den Gegner oder werfen mit Gegenständen. Aber dafür trainieren schlechte Verlierer oft hart und lernen aus ihren Niederlagen. Vorausgesetzt, sie sind selbstkritisch genug. Doch natürlich gibt es auch schlechte Verlierer mit einem Mangel an Selbstkritik. Einer davon war Siegbert Tarrasch.

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Tarrasch wurde am 5. März 1862 in Breslau geboren und starb am 17. Februar 1934 in München und gehörte lange zu den besten Spielern der Welt. Dem Statistiker Jeff Sonas zufolge kam Tarrasch 1895 auf eine historische Elo-Zahl von 2818 Punkten und ist damit der beste Spieler aller Zeiten, der nie Weltmeister wurde.

Auch Bobby Fischer hatte eine hohe Meinung von Tarrasch. 1964 veröffentlichte Fischer in der kurzlebigen amerikanischen Zeitschrift Chessworld eine Liste mit den seiner Meinung nach zehn besten Spielern aller Zeiten. Nummer eins der Liste ist Paul Morphy, Lasker fehlt, aber Tarrasch ist dabei. Über ihn schreibt Fischer:

Steinitz kannte viele Regeln, aber war der Meinung, er stünde über ihnen, wohingegen Tarrasch seine eigenen stets befolgte, aber so brillant, dass er zu den besten Spielern gehört. Tarraschs Spiel war messerscharf und seinem Glauben an seine vorgeblich wissenschaftliche Spielmethode zum Trotz spielte er oft einfallsreich und glänzend. Er war ein großer Eröffnungstheoretiker und hier war er deutlich stärker als zum Beispiel Emanuel Lasker, der ein Kaffeehausspieler war: Lasker wusste nichts über Eröffnungen und hatte kein Verständnis für positionelles Spiel … (Chessworld, 1,1 (Januar-Februar 1964, S. 56-61, zitiert in Andrew Soltis, Chess Lists, McFarland 2002, S. 37)

Siegbert Tarrasch

Tarrasch war sein Leben lang Amateur. Er praktizierte als Arzt, hatte Frau und fünf Kinder, aber war nicht nur ein erfolgreicher Spieler, sondern auch ein produktiver, unterhaltsamer und viel gelesener Autor, der viel für die Popularisierung des Schachs getan hat. Er neigte zur Vereinfachung und zum Dogma, aber eine ganze Reihe seiner Aussprüche sind geflügelte Worte geworden: „Tempo verloren, Partie verloren“, „Springer am Rand bringt Kummer und Schand“, „Türme gehören hinter die Freibauern“, um nur einige zu nennen. Berühmt ist auch sein Satz „Das Schachspiel hat wie die Liebe, die Musik, die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen. Ich habe ein leises Gefühl des Bedauerns für jeden, der das Schachspiel nicht kennt, so wie ich jeden bedaure, der die Liebe nicht kennt."

Doch trotz aller Erfolge und Leistungen hat Tarraschs Ansehen im Laufe der Zeit gelitten. Das liegt an seinem Hochmut, seiner Arroganz und seinem Umgang mit Niederlagen. Diese Eigenschaften zeigen sich besonders deutlich in seinem Umgang mit Emanuel Lasker.

Dr. Emanuel Lasker

Lasker, der am 24. Dezember 1868 geboren wurde, und der sechs Jahre ältere Tarrasch waren fast ihr ganzes Leben lang Rivalen. Ihre ersten Partien spielten sie, als Lasker noch unerfahren war, aber Tarrasch schon zu den besten Spielern der Welt gehörte. Dazu schreibt André Schulz: „1887 konnte Tarrasch [Lasker] bei zwei Partien in den Berliner ‚Theehallen’ noch einen Springer vorgeben und trotzdem eine Partie gewinnen und eine remis spielen. Zwei weitere Partien ohne Vorgabe endeten dann jedoch mit einem Sieg für jede Seite.“ (André Schulz, Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften, 46 Titelkämpfe – Von Steinitz bis Carlsen, New in Chess 2015, S. 52)

Doch Lasker wurde rasch stärker und 1892 forderte er Tarrasch zu einem offiziellen Wettkampf heraus. Offensichtlich glaubte Tarrasch nicht daran, dass man junge Talente schlagen soll, solange das noch geht, und lehnte Laskers Herausforderung mit einem hochmütigen Brief ab, in dem er meinte, Lasker solle doch erst einmal ein großes internationales Turnier gewinnen. Doch Lasker ließ sich von dieser Abfuhr nicht erschüttern und forderte wenig später den amtierenden Weltmeister Wilhelm Steinitz zu einem Wettkampf um den Titel heraus. Steinitz nahm die Herausforderung an, verlor den Wettkampf und 1894 war Lasker Weltmeister.

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In den Jahren darauf gingen sich Lasker und Tarrasch bei Turnieren aus dem Weg. Wollte Lasker in einem Turnier spielen, verzichtete Tarrasch in der Regel auf die Teilnahme, stand Tarraschs Teilnahme fest, wollte Lasker nicht spielen.

Doch die Möglichkeit eines Weltmeisterschaftskampfes zwischen den beiden besten deutschen Spielern stand immer im Raum. 1904 waren sich Tarrasch und Lasker dann endlich einig geworden und hatten nach zähen Verhandlungen einen Wettkampf vereinbart. Doch Tarrasch sagte in letzter Minute ab, angeblich, weil er einen „Schlittschuhunfall“ erlitten hatte. Richtig glauben wollte ihm das niemand. So schreibt André Schulz: "Schon die Zeitgenossen vermuteten, dass Tarrasch die ungewöhnlich hohe Einsatzsumme von 8.000 Mark nicht rechtzeitig hat aufbringen können und sich die Unfallgeschichte ausgedacht hatte, um ohne Gesichtsverlust einen Aufschub zu erreichen.“ (Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften, S.53). Doch Lasker stimmte einem Aufschub nicht zu, die Verhandlungen platzten und der Wettkampf fand nicht statt.

Aber ein Jahr später hatte Tarrasch wieder Oberwasser. 1905 hatte er einen Wettkampf gegen den Amerikaner Frank Marshall souverän mit 8-1, bei acht Remis, gewonnen, und nach diesem überzeugenden Sieg fühlte er sich wieder bereit für einen Wettkampf gegen Lasker. Aber er schien dabei vergessen zu haben oder vergessen zu wollen, wer Weltmeister war:

Ich bin bereit unter billigen Bedingungen einen Wettkampf mit Lasker zu spielen, aber herausfordern werde ich ihn dazu nicht; das tut der, der das geringere Renommee und geringere Erfolge hat. Meine Erfolge aber seit gerade zwanzig Jahren sind den seinigen mindestens gleich; als ich ihn vor zwei Jahren herausforderte, war das ein faux pas von mir. (Siegbert Tarrasch, Der Schachwettkampf Marshall – Tarrasch im Herbste 1905, S. 62, zitiert in André Schulz, Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften, S.53)

1908 war es nach weiteren zähen Verhandlungen dann endlich so weit: Lasker und Tarrasch hatten sich darauf geeinigt, in Düsseldorf und München einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft zu spielen. Doch im Gegensatz zu Tarrasch 1905 hatten die Organisatoren ein klares Gespür dafür, wer Herausforderer und wer Titelverteidiger war. Das zeigte sich in den Honoraren, die beide Spieler zugesichert bekamen:

Lasker verlangte für den WM-Kampf zunächst ein Antrittshonorar von 15.000 Mark, begnügte sich dann aber mit 7 500 Mark (das entspricht nach heutiger Kaufkraft etwa 35.000 bis 40.000 Euro). Tarrasch verzichtete auf ein Antrittsgeld, um den Kampf überhaupt zu ermöglichen. Zudem wurde vom Deutschen Schachbund ein Preisfonds von 6.500 Mark zur Verfügung gestellt, von dem 4.000 Mark auf den Sieger, 2500 auf den Verlierer fielen. (André Schulz, Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften, S.54)

Renommee und vorherige Erfolge hin oder her – der Wettkampf verlief einseitig und nach 16 Partien hatte Lasker mit 8-3 bei fünf Remis gewonnen. Doch trotz der deutlichen Niederlage wollte Tarrasch nicht anerkennen, dass Lasker stärker war. So schreibt er in seinem Resümee des Wettkampfs:

Wer sich nicht bloß an das Resultat hält, sondern die Partien nachspielt, muß zugeben, daß ich bei vielen anderen Gelegenheiten besser gespielt habe, daß meine Kraft in der zweiten Hälfte des Wettkampfes viel größer war als im Anfang, und daß es nicht die größere Kraft des Gegners war, die mich besiegt hat, sondern daß ich, besonders anfangs, gar zu oft den Gewinn ausgelassen und meinem Gegner die Partien geradezu an den Kopf geworfen habe. Ich bin der erste, der überlegene Kraft des Gegners rückhaltlos anerkennen würde. Aber das muß Kraft sein, die den Gegner niederzwingt! Von solcher Kraft habe ich jedoch nur in sehr wenigen Partien etwas gemerkt, nämlich in der fünften und elften Partie. In vielen anderen Partien war es so, daß ein Spieler zweiten Ranges an meiner Stelle die Partie siegreich hätte zu Ende spielen können, nachdem ich einmal die Gewinnposition aufgebaut hatte.“ (Siegbert Tarrasch, Der Schachwettkampf Lasker-Tarrasch um die Weltmeisterschaft im August-September 1908, Leipzig 1908, S. 111, zitiert in Die Schachwettkämpfe Lasker-Tarrasch um die Weltmeisterschaft 1908 und 1916, Edition Olms, Zürich 1990.

Die Gründe für sein schlechtes Spiel in der ersten Hälfte des Wettkampfs sah Tarrasch in „mangelnder Übung“ und dem „Düsseldorfer Seeklima“. „Mangelnde Übung“ mag tatsächlich zur Niederlage Tarraschs beigetragen haben, aber „Seeklima“ herrscht in Düsseldorf einfach nicht – wer von Düsseldorf aus ans Meer will, muss erst einmal durch ganz Holland fahren.

Doch hier lügen die Zahlen nicht: Lasker hat 1908 einfach besser als Tarrasch gespielt. Aber mit seinen albernen Erklärungen für die Wettkampfniederlage hat sich Tarrasch keinen Gefallen getan. Sie haben seine Reputation dauerhaft beschädigt und brachten ihm den Ruf eines fast schon lächerlich schlechten Verlierers.

Besonders aufschlussreich ist hier dabei die zweite Partie des Wettkampfs. Tarrasch kann nach Ungenauigkeiten Laskers in der Eröffnung mit einer taktischen Abwicklung eine Gewinnstellung erreichen, aber findet im weiteren Verlauf der Partie keine Möglichkeit, seinen Vorteil zu verwerten und wird von Lasker überspielt.

 

Eine bemerkenswerte Partie. Sie zeigt, wie stark Lasker in gefährdeten Stellungen spielen konnte und wie schwer es ist, eine gewonnene Partie zu gewinnen. Und die Kommentare Tarraschs zeigen, warum es nicht gut ist, ein schlechter Verlierer zu sein.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".

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