Eine Laudatio von Alexander von Gleich
Am 23. September 1966 eröffnete Michael Sebastian Langer die wichtigste Partie seines Lebens. Die Theorie war dünn, die Vorbereitung gleich null, aber er hat sich bekanntlich schnell eingearbeitet. Sechzig Jahre später darf man feststellen: Die Stellung ist gesund, die Figuren sind entwickelt, und von Zeitnot kann keine Rede sein. Höchstens von Terminnot.
Zur Beschreibung von Michael S. Langers Aktivitäten reicht ein Artikel eigentlich nicht - ein Organigramm wäre besser geeignet. Angefangen haben die Schach-Funktionärsaktivitäten ganz bescheiden - als Jugendwart und Spielleiter in Schöppenstedt. Von dort ging es aber schnell zielstrebig nach oben, Zug um Zug und Gremium um Gremium: über den Schachbezirk Braunschweig an die Spitze der Niedersächsischen Schachjugend, dann zum Vizepräsidenten und seit 2007 zum Präsidenten des Niedersächsischen Schachverbandes. Nebenbei verwaltete er zwölf Jahre lang als Schatzmeister und Vizepräsident Finanzen das Geld des Deutschen Schachbundes und war zeitweise auch dessen stellvertretender Präsident.
Weil ihn Schach alleine offenbar nicht auslastet, sitzt Micheal S. Langer auch noch im Präsidium des Landessportbundes Niedersachsen, im Rundfunkrat des NDR und im Kuratorium der Braunschweigischen Stiftung. Manche Stimmen behaupten, in Niedersachsen gebe es kein Gremium mit mehr als drei Stühlen, auf dem nicht bald eine Jacke mit dem Namensschild "M. S. Langer" hinge. Ämterhäufung ist bei ihm kein Vorwurf, sondern ein Eröffnungssystem. Und zwar ein gut analysiertes.
Die Goldene Ehrennadel hat er gleich dreimal erhalten: vom NSV, vom DSB und vom Landessportbund. Das ist ein Hattrick, der im Schach seltener ist als eine Unterverwandlung in den Springer.
Beobachter halten Michael S. Langer zudem für den meist interviewten Mann im deutschen Schach. Er beherrscht jedes Format, egal ob Video, Email oder Telefon.
Zu den schönsten Kapiteln seiner Amtszeit gehört die 100-Jahr-Feier des NSV im Jahr 2024. Dass ein Verband 100 Jahre alt wird, obwohl sein Bundesland erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, ist schon an sich eine beachtliche Leistung. Die schachspielenden Niedersachsen waren eben schon da, bevor Niedersachsen da war.
Bei den Vorbereitungen tauchte dann ein Fundstück aus dem Archiv auf. Der Niedersächsische Schachverband hatte 1953 aus Verärgerung über den Deutschen Schachbund seinen Austritt erklärt. Vollzogen wurde er nie. Entweder hat man ihn in der DSB-Geschäftsstelle nicht ernst genommen, oder der Brief ist schlicht nie angekommen. Möglicherweise liegt er noch heute in einem Postverteilzentrum zwischen Hannover und Berlin.
Juristisch ist die Lage also bestenfalls "unklar, mit Initiative für Niedersachsen". Der Verband ist seit über 70 Jahren gleichzeitig drin und draußen, schickt aber vorsichtshalber trotzdem jedes Jahr seine Delegierten zum Bundeskongress. Dort gibt er seine 13 Stimmen mit großer Selbstverständlichkeit ab. Michael S. Langer führt diesen Quantenzustand seit fast zwei Jahrzehnten mit bewundernswerter Gelassenheit. Unser Rat zum Sechzigsten: Den Brief von 1953 gut aufbewahren. Man weiß nie, wann man vor einem Bundeskongress noch ein Druckmittel braucht.
Bei aller Funktionärsarbeit darf man nicht vergessen: Michael S. Langer ist auch Schachspieler, und zwar ein aktiver. Seit 1981 ist er in Vereinen gemeldet. Zunächst spielte er in Schöppenstedt. Seit 1997 gehört er dem SC Braunschweig Gliesmarode von 1869 an, den er seit 2004 auch als Vorsitzender führt. Er gehört also zu den seltenen Menschen, die ihren eigenen Mannschaftsführer im Zweifel selbst gewählt haben.
Seinen sportlichen Gipfel erreichte Michael S. Langer (Tipp für alle Gratulanten: Niemals das "S." hinter dem ersten Vornamen vergessen!) im Oktober 2004 mit einer Elo-Zahl von 2100. Dort oben hielt er sich ein halbes Jahr lang, bis März 2005. Danach zog er sich wie ein weiser Feldherr auf vorbereitete Stellungen zurück. Ob dabei eine Rolle spielte, dass er gleichzeitig den Haushalt eines Bundesverbandes führte, ist nicht überliefert. Plausibel wäre es.
Sein Spielstil passt zu einem langjährigen Schatzmeister. Er spielt solide, positionell und kostenbewusst. Ein Bauer wird bei ihm nicht ohne Deckungsvorschlag geopfert, jede Figur muss ihren Platz im Haushaltsplan rechtfertigen, und riskante Kombinationen werden erst nach Prüfung durch die Kassenprüfer freigegeben. Gegner berichten, er rechne Varianten nicht bis zum Matt, sondern bis zur Ausgeglichenheit des Budgets durch. Wer gegen ihn gewinnen will, braucht Geduld und eine gute Begründung.
Dass er sein Wissen weitergibt, hat er als Jugendwart, als Chef der Schachjugend und als Organisator gezeigt. Jetzt will er noch mehr Menschen an seinen Kenntnissen teilhaben lassen.

Foto: Privat
Mit dem Niedersachsen Masters in Wolfsburg hat Michael S. Langer Niedersachsen sogar ein Großmeisterturnier beschert. Dafür hat er Sponsoren überzeugt, was bekanntlich schwieriger ist als jedes Turmendspiel.
Lieber Michael, zu Deinem 60. Geburtstag gratuliere ich Dir von Herzen. Mögen Deine Stellungen stabil bleiben wie Deine Haushalte, Deine Gremien kurz tagen und Deine Mannschaftskämpfe lang dauern. Ich wünsche Dir alles Gute zum Geburtstag und freue mich darauf, dass wir beide bald einmal gemeinsam an einem Schachturnier teilnehmen.
Herzlichen Glückwunsch!