Gewinnen mit 3.Lc4 gegen Sizilianisch. Echt jetzt?

von André Schulz
23.09.2026 – Das ist kein Werbetext! Der "Amateurzug" 3.Lc4 (ohne späteres d2-d4) gegen Sizilianisch, verbunden mit einem Aufbau wie in der Italienischen Partie, wird immer populärer. Inzwischen spielen auch Spitzenprofis mit Erfolg dieses System, erst im Online-Blitz, jetzt auch in klassischen Partien am Brett. Bei der Schacholympiade gewann Michael Adams so gegen Etienne Bacrot. | Fotos: Michal Walusza

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Vor etwa 20 Jahren noch wurde die Läuferentwicklung nach f4, nach 1.d4 d5, aber ohne vorheriges c2-c4, belächelt. Das Londoner System galt als "Rentner-Eröffnung". Gemeint waren mit dieser abwertenden Bezeichnung Schachspieler, die ohne große Kenntnisse der Eröffnungstheorie, mit den weißen Steinen eine ruhige Positionspartie spielen wollten. Viele Amateure wählten diese Eröffnung genau aus diesen Grund gerne. Wer einmal mit Schwarz in seiner Turnierpraxis damit konfrontiert wurde, merkte aber bald, dass der weiße Aufbau nicht ohne Gift ist. Inzwischen ist das Londoner System ein anerkanntes Eröffnung und gehört praktisch zum Repertoire der meisten Spitzenspieler. 

Mann kann die Idee der frühen Läuferentwicklung aber genauso gut auch auf die andere Bretthälfte spiegeln. Gemeint ist der Zug 2...Lc4.

Nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 ist die Entwicklung 3.Lc4 seit den Anfängen der Schachtheorie bekannt. Die Italienische Eröffnung hat inzwischen sogar der Spanischen Eröffnung als meistgespielte Eröffnung der Spitzenprofis nach 1.e4 e5 den Rang abgelaufen, aus gutem Grund: Hier gibt es weder ein Marschall Gambit noch eine Berliner Verteidigung. Auch 2. Lc4 ist als Läuferspiel seit Jahrhunderten bekannt.

Ganz anders verhält es sich mit der frühen Entwicklung Lc4 nach 1.e4 c5, der Sizilianischen Verteidigung. Auch dies wurde im Amateurbereich durchaus regelmäßig gespielt. Doch das Urteil der Eröffnungsexperten war noch niederschmetternder als beim Londoner Systems. Ein weißer Aufbau nach dem Schema 1.e4 c5 2.Sf3 und dann 3. Lc4, d3, 0-0 etc., also analog zum weißen Aufbau in der Modernen Variante der Italienischen Partie, wurde von den Theoretikern lange noch nicht einmal zur Kenntnis genommen. Auch unter den besseren Turnierspielern galt der die Entwicklung Lc4 nach 1.e4 c5 2.Sf3 ohne vorheriges d2-d4 als nicht nachhaltig, quasi als "Aufschlag von unten".

Aber auch diese Einschätzung hat sich in jüngerer Zeit geändert. Auf den Schach-Plattformen im Internet werden die meisten Partien der Amateure ohne besondere Eröffnungskenntnisse gespielt. Viele Weißspieler begnügen sich mit einem einfachen Eröffnungsaufbau, zum Beispiel 1.d4, 2.e3, 3. Sf3, 4.Ld3, 5.0-0, mehr oder weniger egal, was Schwarz macht. Der andere Ansatz ist der Italienische Aufbau, also 1.e4, 2.Sf3, 3.Lc4, 4.0-0, 5.d3. So kann man ohne große Schwierigkeiten gegen viele schwarze Antworten im ersten Zug spielen, gegen 1...e5, 1....d6, 1...g6, 1...Sc6, 1...b6, aber auch gegen 1...c5. Gegen 1... e6 und 1...c6 hilft die Abtauschvariante. Nur gegen 1...Sf6 und 1...d5 muss man aufpassen und sich was überlegen. Schon hat man ein "Repertoire".

In den letzten Jahren wurden unfassbar viele Partien, zumeist Blitzpartien, im Internet gespielt. Auch Großmeister beteiligen sich regelmäßig an solchen Turnieren. Die ewigen Wiederholungen der bekannten Theorievarianten langweilt aber früher oder später. Neue Wege werden gesucht und ausprobiert. Und so ist ein Wildwuchs an "untheoretischen", oder "unregelmäßigen" Eröffnungsvarianten entstanden. Die Entwicklung 3.Lc4 gegen die Sizilianische Verteidigung gehört dazu. 

Zu den Topspielern, die regelmäßig 3.Lc4 gegen Sizilianisch spielen, jedenfalls bei Blitzpartien im Internet, gehört auch Magnus Carlsen. Wenn der beste Spieler der Welt so zieht, kann der Zug ja nicht schlecht sein, oder? Und wenn er für Blitzpartien gut ist, warum dann nicht in klassischen Turnierpartien?

Nun spielen also immer mehr Spitzenprofis den "Amateurzug" 3.Lc4 gegen die Sizilianische Verteidigung, auch in klassischen Turnierpartien. Das jüngste Beispiel stammt aus dem Wettkampf England gegen Frankreich in der 6. Runde der Schacholympiade in Samarkand.

Michael Adams hatte gegen Etienne Bacrot kein Interesse an einer theoretischen Diskussion in langen Varianten der Sizilianischen Verteidigung und antwortete nach 1.e4 c5 2.Sf3 d6 mit der Entwicklung 3.Lc4. Danach passierte lange gar nichts. Doch als die Partie begann spannend zu werden, zeigte sich, dass der weiße Aufbau taktisch viele giftige Antworten erlaubte. 

Mit dem Sieg konnte Adams die Niederlage seines Mannschaftskollegen Gawain Maroroa Jones gegen Marc'andria Maurizzi ausgleichen. Der Wettkampf endete 2:2.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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