1994 wurde Judit Polgar zu ihrem ersten Superturnier nach Linares eingeladen. Die junge Ungarin hatte bereits seit ihrem zwölften Lebensjahr für Schlagzeilen gesorgt, als sie mit einer Elozahl von 2555 die Nummer 1 der Frauenweltrangliste wurde. Mit 15 wurde sie Großmeister und brach Bobby Fischers Rekord als jüngster Großmeister aller Zeiten. Und mit 18 spielte sie im damals stärksten Turnier der Welt – in Linares, Spanien.
In der fünften Runde traf Judit auf Garry Kasparov. Zuvor hatte sie in der ersten Runde gegen Miguel Illescas verloren, in Runde zwei gegen Veselin Topalov zurückgeschlagen und anschließend gegen Vasyl Ivanchuk und Boris Gelfand remisiert. Die Partie gegen Kasparov zog naturgemäß die größte Aufmerksamkeit auf sich. Judit war die beste Schachspielerin der Welt, Garry der unangefochtene Weltranglistenerste. Auch wenn Judit sich deutlich in Richtung Weltspitze bewegte, lag sie mit einer Elozahl von 2630 noch ein gutes Stück hinter Kasparov zurück, der bei beeindruckenden 2805 Elo stand.
Judit Polgar v. Garry Kasparov, Linares 1994 (Runde 5)
Judit Polgar eröffnete mit 1.e4 und Garry Kasparov antwortete mit 1...c5. Wenig später stand ein Najdorf-Sizilianer auf dem Brett.
Schwarz zog die Bauern nach e6 und d6 und steuerte einen Scheveninger Aufbau an. Weiß brachte die Dame über e1 nach g3, um den schwarzen König anzugreifen.
Judit spielte von Beginn an aggressiv und griff mit 16.Lh6 Garrys König an, was Schwarz mit dem Springerrückzug 16...Se8 beantwortete.
In dieser Stellung hatte Weiß die bemerkenswerte Möglichkeit g2-g4, mit der Idee, anschließend mit g4-g5 weiter vorzurücken. Vielleicht gefiel Judit nicht, dass Schwarz dann mit ...d6-d5 einen Bauern opfern könnte, und so entschied sie sich für das ruhigere 21.Tfe1.
Es war klar, dass Weiß auf Abwege geraten war, und nach 27.Le2? nahm Garry mit 27...Lxe4! den Bauern auf e4 – danach verfügt Schwarz bereits über nahezu entscheidenden Vorteil.
Und dann kam der entscheidende Moment der Partie. Judit hatte soeben ihren Springer von b3 nach d2 gezogen. Garry zog seinen Springer von d7 nach c5, und ließ ihn auf c5 für einen kurzen Moment los. Aber er griff jedoch sofort wieder danach, als er erkannte, dass Lb7-c6 ein Desaster gewesen wäre – Weiß greift Dame und Turm an und gewinnt Material. Garry stellte den Springer nach d7 zurück und zog ihn später nach f8.
Judit war wie vor den Kopf gestoßen. Sie war überzeugt, dass Garry den Springer auf c5 losgelassen hatte, konnte es jedoch nicht beweisen. Also spielte sie weiter – und verlor die Partie schließlich.
Garry zog seinen Springer nach f8 zurück und...
...gewann die Partie in 46 Zügen. Die Dame auf c4, der Springer auf g4 und der Bauer auf e3 sind einfach zu stark. Weiß gab auf.
Das Kuriose ist, dass 36...Sc5? auf den ersten Blick wie ein Verlustzug aussieht, da Weiß mit 37.Lc6 Material gewinnt, die Stellung jedoch keineswegs völlig verloren ist. Die Partie könnte mit 37...Dh4 38.Lxe8 Sg4 weitergehen, und überraschenderweise kann Weiß trotz eines ganzen Turms mehr nicht gewinnen, da sein König auf h1 zu verwundbar ist.
Die beste Möglichkeit für Weiß ist es, den Bauern nach h3 zu ziehen. Und nach 39.h3 Sf2+ 40.Kg1 Sxh3+ 41.gxh3 Dg3+ 42.Kh1 Dxh3+ endet die Partie mit Remis durch Dauerschach.

Judit und Garry analysieren nach der Partie. Susan und Sofia Polgar schauen zu, genau wie Veselin Topalov sein Manager Silvio Danailov.| Foto: Rosa de las Nieves
Als die Partie zu Ende war, schien der Vorfall um die Berührt-geführt-Regel ausgestanden und alles vergessen zu sein – Judit hatte keinen Protest eingelegt, und Garry hatte die Partie gewonnen. Allerdings stand nur wenige Meter vom Brett entfernt eine Kamera. Während des Zwischenfalls mit dem Springer bediente sie zwar niemand, doch wie sich herausstellte, lief sie. Als das Material später überprüft wurde, war zu sehen, dass Kasparov den Springer für den Bruchteil einer Sekunde losgelassen hatte.
Judit war sehr aufgebracht, als sie die Aufnahmen sah, und stellte Garry Kasparov am Ende des Turniers zur Rede. In den folgenden drei Jahren sprachen Garry und Judit kein Wort miteinander. Bemerkenswert ist, dass sowohl Judit Polgar als auch Garry Kasparov in der jüngsten Netflix-Dokumentation The Queen of Chess offen über diesen Vorfall sprechen. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Judit und Garry schließlich gute Freunde wurden – Kasparov lud Judit sogar zu einem seiner Trainingscamps ein.
The Queen of Chess ist jetzt auf Netflix zu sehen. Die Dokumentation über das Leben von Judit Polgar hat eine Länge von 1 Stunde und 34 Minuten. Im Mittelpunkt steht der Kampf zwischen Judit und Garry – und wie es ihr nach 14 Partien schließlich gelang, ihn zu besiegen.
Der Film bietet eine gute Gelegenheit, Einblicke in das Leben und die Karriere Judit Polgars zu bekommen, um besser verstehen zu können, warum und wie sie im Schach so viel erreicht hat.
