Das Kandidatenturnier und der Krieg

von Thorsten Cmiel
18.03.2026 – Ende März 2026 soll das Kandidatenturnier bei Paphos auf Zypern starten. Veranstaltungsort ist das Luxusressort Cap St. Georges, das fast an der westlichen Spitze der Insel liegt. In der Nacht vom ersten auf den zweiten März gab es einen Angriff auf einen britischen Luftwaffenstützpunkt im Süden der Insel. Humpy Koneru, eine der Teilnehmerinnen des Kandidatenturniers der Frauen, hat öffentlich ihre Besorgnis ausgesprochen und erklärt, unter diesen Bedingungen könnte sie nicht teilnehmen. Was nun? Auf seinem Blog chessecosystem analysiert Thorsten Cmiel die aktuelle Situation. | Foto: AI (FIDE Chess Image Event Homepage)

Ihr persönlicher Schachtrainer. Ihr härtester Gegner. Ihr stärkster Verbündeter.
FRITZ 20: Ihr persönlicher Schachtrainer. Ihr härtester Gegner. Ihr stärkster Verbündeter. FRITZ 20 ist mehr als nur eine Schach-Engine – es ist eine Trainingsrevolution für ambitionierte Spieler und Profis. Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des ernsthaften Schachtrainings machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ 20 trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.

Beginnen wir mit den Fakten: Der erste Anschlag auf Zypern erfolgte mit einer „Kamikaze-Drohne“ vom iranischen Typ Shahed, die einen Hangar auf dem Flugfeld des Luftwaffenstützpunktes RAF Akrotiri beschädigte. Der Stützpunkt ist britisches Hoheitsgebiet und damit Territorium der NATO. Entsprechend haben Großbritannien und Frankreich reagiert und Kriegsschiffe in die Region verlegt. Dieser Drohnen-Waffentyp ist bekannt aus dem Krieg von Russland mit der Ukraine – da der Iran seine Drohnen ins befreundete Russland verkauft. An den folgenden Tagen wurden weitere Drohnen von verschiedenen Verteidigungssystemen abgewehrt, heißt es recht unbestimmt. Die eingeschlagene Drohne wurde vermutlich von der pro-iranischen Terrororganisation Hezbollah vom Libanon aus gestartet. Hintergrund ist der Krieg im Iran, der sich zurzeit seit etwas mehr als zwei Wochen vor allem Luftangriffen aus den Vereinigten Staaten und Israel ausgesetzt sieht. Die Hezbollah selbst ist zudem inzwischen in Kampfhandlungen mit der israelischen Luftwaffe verwickelt. Auch der zivile Flughafen Paphos wurde kurzzeitig geräumt, als ein verdächtiges Objekt auf dem Radar erschien, so heißt es Meldungen zufolge.

Zwischen dem Flugplatz der britischen Luftwaffe (roter Pfeil) und dem Spielort St. Georges (grüner Pfeil) ist die Entfernung mit dem Auto laut Google Maps (Karte) etwa 80 Kilometer. Luftlinie ist es etwas weniger.

Der Iran selbst hat in ersten Reaktionen Militärbasen der US-Amerikaner in umliegenden Staaten attackiert. Für die Spielerinnen und Spieler des Kandidatenturniers relevant dürfte sein: Die Reisen nach Zypern aus Asien führen meist über die Flugdrehkreuze Doha oder Dubai und beide Flughäfen könnten Ziele für Anschläge sein. Eine Anreise über Europa oder Istanbul scheint daher sicherer zu sein. Eine gewisse Verunsicherung unter den Spielern ist also nachvollziehbar.

Die Fragen wurden lauter und Emil Sutovsky, CEO des Weltschachbundes FIDE, gab Sagar Shah ein Interview zur Lage aus Sicht der organisierenden Föderation.

Eine kurze Zusammenfassung: Die Vorbereitungen für das Kandidatenturnier auf Zypern laufen wie geplant und der Starttermin am 28. März bleibt bestehen. Die FIDE beobachtet die Entwicklungen in der Region genau und steht in Verbindung mit den zuständigen Behörden. Zypern sei nicht direkt in den Konflikt verwickelt und Sutovsky sieht keinen Grund für eine Verschiebung oder Verlegung. Das derzeit größte Problem betrifft die Fluglogistik für einige Spielerinnen und Spieler, die über Drehkreuze im Nahen Osten reisen; hier wird Abhilfe durch alternative europäische Routen und die Übernahme der Kosten für die Spieler geschaffen. Die Anfragen der Spieler betrafen laut Sutovsky größtenteils allgemeine Bedenken und Reisefragen; die Kommunikation sei transparent, und es gäbe keine ungelösten kritischen Probleme. Lehren aus vergangenen Veranstaltungen, insbesondere Anpassungen während der COVID-Zeit, bilden die Grundlage. Ansonsten machte Emil Sutovsky Werbung für das Event.

Einen Tag später wurde ein Interview der indischen Spitzenspielerin Koneru Humpy mit Susan Nihan in der Hindustan Times öffentlich. Die Überschrift sagt schon einiges aus: Humpy Koneru sieht ihre Befürchtungen offenbar nicht ausreichend reflektiert und erwägt einen Ausstieg aus dem Turnier wegen Sicherheitsbedenken. Humpy wörtlich: „Das ergibt einfach keinen Sinn. Es ist derzeit gefährlich, in die Nähe von Westasien zu reisen, wo doch so große Spannungen und Unsicherheit herrschen. Der Krieg hat vor etwa zwei Wochen begonnen, er dauert immer noch an, und das Turnier steht in weniger als zwei Wochen bevor. Ich glaube nicht, dass sich irgendeine offizielle Stelle derzeit trauen würde, eine Veranstaltung in dieser Region auszurichten.“

Diese Kritik sitzt. Inzwischen haben vor allem indische Medien das Thema aufgegriffen. Ex-Weltmeister und FIDE-Vize Viswanathan Anand meldete ich via Firstpost. Anand, der selbst als gelegentlicher Kommentator vor Ort sein soll, argumentiert ähnlich wie Sutovsky zuvor. „Die FIDE versucht zunächst, einen guten, hochwertigen Austragungsort zu finden, und ich glaube, das ist uns gelungen. Zypern wird ein sehr guter Austragungsort sein, und ich denke, die Bedingungen werden fantastisch sein; wir versuchen, die Spieler auf dem Laufenden zu halten.“

Auch dieser Kommentar dürfte die indische Spielerin kaum beruhigt haben und zum Umdenken bewegt haben. Humpy Koneru hat eine Flugverbindung via Frankfurt und will beobachten wie sich die Situation entwickelt. Immerhin hat der Weltschachbund Erfahrungen bereits mehrfach mit unsicheren Situationen gesammelt. Beim Kandidatenturnier in Toronto 2024 gab es Widerstände der Kanadier beim Erteilen der Visa der indischen, russischen und chinesischen Spielerinnen und Spieler. Wenige Wochen vor Veranstaltungsbeginn gab es einen Ausweichplan für die Veranstaltung. Letztlich gelang es den Kanadiern mit persönlichem Einsatz und Kontakten zu Abgeordneten dann das Problem aus der Welt zu schaffen. Der Rest ist Schachgeschichte. Der 17-jährige Inder Gukesh gewann in der offenen Klasse und die Chinesin Tan Zhongyi bei den Frauen. Beim Kandidatenturnier in Yekaterinenburg 2020 gab es im Vorfeld Bedenken wegen der heraufziehenden Covid-Pandemie. Ein Spieler wollte nicht mitspielen und stieg aus. Die FIDE setzte dem aserbaidschanischen Großmeister Teimur Radjabov ein Datum, bis zu dem er sich entscheiden musste teilzunehmen. Der entschied sich sich gegen die Teilnahme und wurde von einem französischen Schachgroßmeister ersetzt. Nach sieben Runden wiederum wurde das Kandidatenturnier unterbrochen und ein Jahr später fortgesetzt. Nepomniachtchi gewann vor dem Franzosen und trat gegen Magnus Carlsen 2021 zum Titelkampf an.

Man kann beide Positionen verstehen. Spielerinnen und Spieler wollen möglichst keine Störung im Vorfeld erleben und Krieg in relativer Nähe ist für sensible Spielerinnen und Spieler ein erheblicher Störfaktor. Auf der anderen Seite sind die Vorbereitungen inklusive Logistik bereits angelaufen und ein Wechsel in einen anderen Spielort ist so kurzfristig nur schwer vorstellbar. Für das Turnier selbst stellt eine neue Spielerin im Feld für alle anderen Spielerinnen eine zusätzliche Herausforderung dar. Das beschrieb einmal Ian Nepomniachtchi, der zur Halbzeit mit dem Franzosen Maxime Vachier-Lagrave (MVL) vorne lag und sich im nachhinein nicht sicher war, ob irgendwer den Franzosen noch gestoppt hätte, falls das Turnier nicht für ein Jahr unterbrochen worden wäre. Neben den Teams deren finanziellen Aufwendungen von der FIDE gedeckt werden, sind auch andere Gruppen wie Fotografen und Journalisten betroffen, die teilweise auf eigene Kosten anreisen. Eine Änderung des Veranstaltungsortes oder des Zeitplans hätte auch für diesen Gruppen finanzielle Konsequenzen oder zumindest Herausforderung bei Umbuchungen zur Folge, zumindest solange keine offiziellen Reisewarnungen beispielsweise geplante Flüge und Hotels stornierbar machen. Es spricht derzeit also wenig für eine Verlegung.

Damit ist ein Ausstieg von Koneru Humpy wahrscheinlich, aber nicht sicher. Bis wann sich die Inderin für eine Teilnahme entscheiden muss ist hingegen unbekannt und die aktuelle Situation ist insofern nicht vergleichbar. Neue Drohnenangriff auf Zypern könnten die Einschätzung der Sicherheitslage verändern. Es ist daher wahrscheinlich, dass eine Ersatzspielerin anreisen könnte, um einzuspringen. Tatsächlich gibt es in den Regularien eine festgelegte Reihenfolge: Die Ukrainerin Anna Muzychuk ist nach Artikel 2.2 der Turnierregeln als bestplatzierte nicht qualifizierte Spielerin in der Frauen-Turnier-Serie als Nachrückerin vorgesehen – es folgen zwei Chinesinnen. Das ist eine vernünftige Regelung, denn würde man wie 2024 in der offenen Klasse verfahren müssen, als Nijat Abasov als Vierter im World-Cup den Sieger Magnus Carlsen ersetzte, dann müsste es ohne zeitlichen Vorlauf diesmal mehrere Spielerinnen in Warteposition geben. Vierte im Frauen-World-Cup wurde die Chinesin Lei Tingjie, die erst dritte Nachrückerin in der Frauen-Serie ist.

Der Artikel erschien zuerst auf Thorsten Cmiels Blog chessecosystem. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Turnierseite

Emil Sutovsky: „Kandidatenturnier findet statt“ (Carlos Colodro bei ChessBase)


Thorsten Cmiel ist Fide-Meister lebt in Köln und Milano und arbeitet als freier Finanzjournalist.
Diskussion und Feedback Senden Sie Ihr Feedback an die Redakteure