Der stille Abschied des Walter Rostalski

von André Schulz
05.04.2026 – Walter Rostalski gehörte über Jahrzehnte zum ständigen Inventar der Hamburger Schachszene. Schach war seine größte Begabung und als Jugendlicher erzielte er schon beachtliche Erfolge. In späteren Jahren verlegte er sich aufs Blitz. Irgendwann tauchte er bei Turnieren nicht mehr auf. Was ist aus ihm geworden? | Foto: Schachfreunde Lurup, Gisbert Jacoby

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Der stille Abschied des Walter Rostalski

Der Hamburger Schachspieler Walter Rostalski war über Jahrzehnte fester Bestandteil der lokalen Schachszene und gehörte zum Bild vieler Schachturniere. Er stammte aus Wilhelmsburg und war dort in wohl in ziemlich prekären Verhältnissen aufgewachsen. Schach hatte er von seinem Vater gelernt, der auch schon ein passionierter Schachspieler war und seine schachliche Heimat bei der Hamburger Schachgesellschaft Barmbek Uhlenhorst (Hamburger SG BUE) hatte. Dort nahm er bald auch seinen Sohn mit, denn der Schachvirus hatte auch Walter Rostalski schnell ergriffen, der im Übrigen kein guter Schulgänger war. Lieber verbrachte er die Vormittage in Kinos, die in den 1950er und 1960er Jahren noch Vormittagsvorstellungen anboten, für Arbeiter, die von der Nachtschicht kamen. Mit seinen vielen morgendlichen Kinobesuchen erlangte Rostalski sogar eine gewisse Kenntnis über die damals aktuellen Filme. Einen Beruf, der ihm ihm ein Einkommen sichern konnte, erlernte er nie. Rostalskis häufige Abwesenheit in der Schule wurde im Elternhaus offenbar nicht zu kritisch gesehen. „Mein Sohn braucht nicht zur Schule gehen“, war sein Vater überzeugt. „Er wird einmal Schachweltmeister!“ Im Übrigen war Walter Rostalski ein eher schüchterner Charakter, nicht besonders gesellig, ein Einzelgänger.

Im Internet findet man Walter Rostalskis Geburtsjahr, 1953, aber nicht seinen Geburtstag. In der Partiensammlung der Mega Database taucht der Name von Walter Rostalski 1969 als Teilnehmer der Deutschen U20-Meisterschaft auf. Da war er erst 16 Jahre alt. Im 18-köpfigen Turnierfeld findet man die Namen einiger Spieler, die später eine gewisse Bekanntheit erreichten, darunter Bodo Schmidt, Herbert Bastian oder Bernd Feustel. Rostalski konnte nur eine Partie gewinnen und spielte viele Partien remis. So kam er auf 7 Punkte und belegte einen Platz im unteren Mittelfeld, was für einen 16-Jährigen in einem U20-Turnier kein schlechtes Ergebnis ist. Das Turnier gewann Ferdinand Middendorf, im Januar diesen Jahres in Münster verstorben, sehr überlegen mit 13 Punkten aus 17 Partien und 1,5 Punkten Vorsprung vor Werner Malcher.

1970 belegte Walter Rostalski den geteilten 1. Platz bei den Hamburger Jugendmeisterschaften, verlor aber den Stichkampf. 1971 konnte er den dann aber den Titel gewinnen. Der Hamburger Schachverband führt Walter Rostalski für das Jahr 1971 auch noch als Sieger der absoluten Hamburger Meisterschaften. Diese Meisterschaft konnte Rostalski auch noch 1978 und 1983 gewinnen. 1977 war Rostalski zudem Hamburger Blitz-Einzelmeister.

Im Jahr 1971 wurde Walter Rostalski vom Deutschen Schachbund in die DSB- Auswahlmannschaft berufen, die an der Westeuropäischen Juniorenmeisterschaft in Zutphen (Niederlande) teilnahm. Damit war er Nationalspieler, wenn auch nur bei dieser einen Gelegenheit. 

Ein Jahr später durfte Walter Rostalski auch bei den absoluten Deutschen Meisterschaften mitspielen und belegte hier als 19-Jähriger einen guten Platz im Mittelfeld. Das Turnier wurde mit 36 Spielern im Schweizer System durchgeführt. Im Sommer des gleichen Jahres erreichte Rostalski bei den Deutschen U20-Meisterschaften schon Platz vier. Deutscher Meister wurde damals Wolfgang Keller.

Die Hamburger Schachgesellschaft Barmbek Uhlenhorst (Hamburger SG BUE), der Klub, in den sein Vater Walter Rostalski eingeführt hatte, war in den 1950er Jahren einer der führenden und mitgliedsstärksten Vereine (150 Mitglieder) in Hamburg und sogar in Deutschland mit einigen bekannten und spielstarken Mitgliedern. Walter Rostalski gehörte bald zu den besten Spielern seines Vereins und schaffte es mit seiner Mannschaft 1972 in die Vierer-Endrunde zu Deutschen Mannschaftsmeisterschaft. Die Bundesliga gab es noch nicht. Das Hamburger Team wurde allerdings nur Vierter. Rostalski verlor gegen O’Kelly, spielte aber gegen den starken Nationalspieler Helmut Pfleger remis. 

Von 1974 bis 1980 spielte die HSG BUE mit ihrer ersten Mannschaft in der damals noch vierteiligen Bundesliga. 1985/86 stieg die erste Mannschaft aus der Zweiten Liga Nord in die inzwischen einteilige Bundesliga auf, konnte aber in der Saison 1986/87 die Klasse nicht halten und stieg als Viertletzter wieder ab. Die HSG/BUE spielte noch lange mit ihrer Mannschaft in Hamburger Regionalliegen. 2019 löste sich der Verein jedoch auf, da er kaum noch Mitglieder hatte.

Gemäß den Eintragungen in der Mega Database wechselte Walter Rostalski einige Male den Verein. 1975 spielte er für Königsspringer Frankfurt, 1977 war er wieder bei der Hamburger SG BUE gelandet. Ab 1981 trat er wieder für Frankfurt an. Dann wechselt er erneut zurück zur Hamburger SG BUE, wo er bis zur Saison 1986/87 noch in der Bundesliga spielte. In den 1990er Jahren trat er für die HSG/BUE noch in der Oberliga Nord an.

  

   

1977 wurde anlässlich des 100sten Gründungstages des Deutschen Schachbundes in Hamburg ein Jubiläumsturnier organisiert, bei dem Spieler von Favorite Hammonia Hamburg an neun Brettern im Scheveninger System gegen neun internationale Meister oder Großmeister antraten. Rostalski spielte in der Mannschaft Favorite Harmonia mit, verlor drei seiner neun Partien und gewann eine. Die restlichen seiner Partien enden remis.

1978, nun 25 Jahre alt, spielte Rostalski erneut die Deutschen Einzelmeisterschaften mit, mit einer Endplatzierung im hinteren Mittelfeld. Seine Elozahl betrug zu dieser Zeit 2380. Im Dezember des Jahres nahm er am Berlin Open teil, von dem fünf Gewinnpartien von Rostalski überliefert sind. Zu welcher Platzierung das führte, ist nicht auf einfache Weise zu ermitteln, da nicht alle Partien des Turniers erfasst wurden.
    

Und im Juni 1979 gehörte Walter Rostalski zu einer Hamburger Delegation von drei Spielern, die in Esbjerg am B-Turnier des Nordsee-Cups teilnehmen. Die anderen beiden Hamburger waren Peter Dankert und Herbert Heinecke. Rostalski wurde bei 12 Spielern allerdings nur Vorletzter vor Heinecke. Dieses Turnier ist tatsächlich das einzige Auslandsturnier von Walter Rostalski, der vermutlich nicht die Mittel hatte, weite Reisen anzutreten.

Rostalski trug den Titel eines FIDE-Meisters, der ihm vermutlich 1978 bei der Einführung dieses Titels von der FIDE verliehen wurde.

Walter Rosalski war 1970 geteilter Erster bei der Hamburger Jugendmeisterschaft, verlor aber den Stichkampf gegen Thomas Peine. 1971 wurde Rostalski Hamburger Jugendmeister. Im gleichen Jahr hat Rostalski gemäß der Liste im Hamburger Schachverband auch die Hamburger Meisterschaften der Erwachsenen gewonnen. Er gewann diesen Titel weitere Male 1978 und 1983. Und 1977 war er auch Hamburger Blitz-Einzelmeister.

Im Laufe der späteren Jahre ließ Walter Rostalski in seinen Leistungen und Ergebnissen bei klassischen Turnieren nach und die Eintragungen bei überregionalen Turnieren werden immer dünner. In Hamburg und Umgebung tauchte er aber weiter bei Turnieren regelmäßig auf.

Besonders bei Blitzturnieren blieb er ein gefürchteter Gegner kam regelmäßig in die Preisränge. Weggefährten erinnern sich an gewisse wiederkehrende Sprüche, wie: „Ich sehe schon die Mattbilder“, wenn Rostalski gut stand. Das sprach er mit hoher Fiselstimme, die nicht zu seiner sonstigen Erscheinung passte. Wenn es nicht gut lief, hieß es bei der Ergebnismeldung: „Ich habe einen Fehler gemacht und verloren.“

Eine gewisse Bekanntheit erreichte auch die „Rostalski-Rochade“, z.B. nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 und nun 5.0-0. In der Hand von Rostalski unternahm der weiße Turm die kurze Rochade sehr schwungvoll und stand dann „mit einem Bein“ schon mehr auf e1 statt auf f1. Schlug der Schwarze nun mit dem Springer auf e4, 5…Sxe4, um die Offene Variante der Spanischen Partie zu erreichen, wurde er davon überrascht, dass ein weißer Turm von e1 aus wiedernehmen konnte.

In den 2000er Jahren findet man auf diversen Vereins- und Turnierseiten noch sporadisch Hinweise auf Walter Rostalski. 2006 nahm er am Luruper Schnellschachturnier teil und wurde als Vereinsloser Zweiter. Den Luruper Organisatoren verdankt die Nachwelt auch eines der ganz wenigen Fotos mit Rostalski.

Walter Rostalski war auch einige Male Teilnehmer bei den Schnellschach Open in Lauenburg und erreichte öfters auch die Preisränge. Beim Schnellschach Open 2018 belegte er den dritten Platz hinter Dmitrij Kollars und Dietrich Hawranke. Im September 2019 erreichte er hinter Matthias Bach den zweiten Platz. Im Sommer 2019 war Rostalski noch einer der Teilnehmer beim Peter Dankert Schnellschachturnier gewesen. Dankert war 2004 unerwartet und früh verstorben und hatte in der Jugend einige Turniere zusammen mit Rostalski bestritten. Rostalski gewann hier hier den Seniorenpreis.

Dann stoppte die Pandemie alle Schachaktivitäten am Brett. Als es nach eine langen Pause mit dem Turnierschach am Brett weiterging, bemerkten irgendwann Hamburger Schachfreunde das Fehlen von Rostalski. Thorsten Stelting forschte nach und fand über die Polizei heraus: Walter Rostalski war im Mai 2025 tot in seiner Wohnung in Hamburg-Lokstedt aufgefunden worden. Die Polizei schätzte, dass er im März oder im April 2025 gestorben sein könnte. Das genaue Todesdatum ließ sich das nicht mehr feststellen. 


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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