Die Kandidatenturniere 2013, 2014 und 2016

von Johannes Fischer
09.03.2018 – 2013 feierten die Kandidatenturnier im klassischen Stil in London Wiederauferstehung. Mit Erfolg: das Kandidatenturnier in London 2013 war spannend und dramatisch und brachte Magnus Carlsen einen Schritt näher zum Weltmeistertitel. Auch die Kandidatenturniere 2014 und 2016 waren phantastische Turniere. (Foto: Magnus Carlsen © Ray-Morris Hill)

Master Class Band 8: Magnus Carlsen Master Class Band 8: Magnus Carlsen

Freuen Sie sich auf die DVD über das größte Schachgenie unserer Zeit! Lassen Sie sich von unseren Experten Mihail Marin, Karsten Müller, Oliver Reeh und Niclas Huschenbeth die Spielkunst des 16. Weltmeisters erklären. Ein Muss für jeden Schachfan!

Mehr...

Rückkehr zum alten Format

Nach dem Skandal beim Kandidatenturnier 1962 in Curacao dauerte es 51 Jahre, bis die FIDE wieder zu diesem Format zurückkehrte, um den Herausforderer des Weltmeisters zu ermitteln. In diesen 51 Jahren gab es Kandidatenwettkämpfe, eine Zeit mit Weltmeisterschaften zweier rivalisierender Schachverbände, ein Turnier, das Kandidatenturnier genannt wurde, und 1985 in Montpellier stattfand, zwei Turniere, in denen es direkt um die Weltmeisterschaft ging (2005 in San Luis in Argentinien, wo Veselin Topalov gewann, und 2007 in Mexiko City, wo Vishy Anand gewann), aber ein klassisches Kandidatenturnier, dessen Sieger den amtierenden Weltmeister herausfordern durfte, gab es nicht.

Doch im März 2013 wurde in London wieder ein Kandidatenturnier alten Stils organisiert, mit acht Teilnehmern, die doppelrundig Jeder-gegen-Jeden spielten. Verlauf und Dramatik dieses Turniers lieferten Anhängern dieses Formats gute Argumente.

Kandidatenturnier London 2013: Ein nervöser Carlsen

Turnierfavorit in London war Magnus Carlsen. Carlsen war seit Juli 2011 die Nummer eins der Welt und lag bei Beginn des Turniers in London mit einer Elo-Zahl von 2872 Punkten in der Weltrangliste weit vor seinen Konkurrenten.

Und der Norweger startete gut in das Turnier. Zwei Remispartien zum Auftakt folgten zwei Siege (gegen Boris Gelfand und Alexander Grischuk), und nach einem Remis in Runde fünf gelang Carlsen in Runde ein weiterer Sieg (gegen Peter Svidler). Nach einem weiteren Remis in Runde sieben lag Carlsen zur Halbzeit mit 5 aus 7 gut im Rennen.

Doch dann kam Sand ins Getriebe. Carlsen gewann zwar in Runde zehn eine schöne Partie gegen Gelfand, aber zugleich schien ihn die Aufholjagd Vladimir Kramniks nervös zu machen.

Kramnik hatte in den ersten sieben Runden zwar viele gute Stellungen auf dem Brett, aber ein Sieg war ihm nicht vergönnt gewesen. Er war mit sieben Remis ins Turnier gestartet. Aber dann drehte er auf und holte in den Runden 8 bis 12 4,5 Punkte aus 5 Partien. Carlsen hingegen verlor in Runde 12 gegen Vassily Ivanchuk, für den bis dahin nicht viel zusammengelaufen war.

Zwei Runden vor Schluss lag Kramnik so plötzlich einen halben Punkt vor Carlsen und war neuer Favorit auf den Turniersieg. Dann folgte ein dramatisches Finish: in Runde 13 trennten sich Kramnik und Gelfand Remis, während Carlsen gegen Radjabov zeigte, warum er in dem Ruf steht, Endspiele gewinnen zu können, die nicht zu gewinnen sind.

 

Damit lagen Carlsen und Kramnik vor der letzten Runde mit je 8,5/13 gemeinsam an der Spitze. Carlsen spielte in der letzten Runde mit Weiß gegen Svidler, Kramnik mit Schwarz gegen Ivanchuk. Außerdem hatte Carlsen den Vorteil der besseren Wertung, denn bei Punktgleichheit entschied erst die direkte Begegnung, danach die höhere Anzahl von Siegen. Carlsen und Kramnik hatten sich zwei Mal Remis getrennt, aber Carlsen hatte mehr Partien gewonnen als Kramnik – und logischerweise auch mehr Partien verloren, wie Kritiker dieses Tiebreak-Systems einwandten. Wie auch immer – mit einem Sieg gegen Svidler konnte sich Carlsen aus eigener Kraft zum Herausforderer von Anand machen, aber sollte er nur Remis spielen und Kramnik gegen Ivanchuk gewinnen, dann würde Kramnik das Turnier gewinnen und könnte noch einmal gegen Anand zum WM-Kampf antreten.

Entsprechend nervös waren Kramnik und Carlsen während ihrer Partien. Sie wussten einfach nicht, ob sie sicher oder riskant spielen sollten – am Ende verloren beide.

 
 

Damit war Carlsen am Ende der Glücklichere und wurde zum Herausforderer von Vishy Anand – und im November 2013 auch neuer Weltmeister.

Abschlusstabelle

Rg. Titel Name 1 2 3 4 5 6 7 8 Pkt.
1 GM Magnus Carlsen   ½½ ½½ 01 11 ½1 8.5 / 14
2 GM Vladimir Kramnik ½½   ½½ 8.5 / 14
3 GM Levon Aronian ½½   ½0 ½½ 10 11 11 8.0 / 14
4 GM Peter Svidler 10 ½1   ½½ ½½ ½1 ½1 8.0 / 14
5 GM Alexander Grischuk ½½ ½½   ½½ ½½ 6.5 / 14
6 GM Boris Gelfand 00 ½½ 01 ½½ ½½   ½½ ½1 6.5 / 14
7 GM Vassily Ivanchuk 00 ½0 ½½   10 6.0 / 14
8 GM Teimour Radjabov ½0 00 ½0 ½½ ½0 01   4.0 / 14

Das Kandidatenturnier 2014: Vishy Anands souveränes Comeback

Vishy Anand (Foto: Amruta Mokal)

Nach dem Verlust des Weltmeistertitels glaubten viele, Anand würde seine Karriere beenden und sich vom Turnierschach zurückziehen. Aber der indische Großmeister belehrte sie eines Besseren. Anand gab zwar später zu, nicht sicher gewesen zu sein, ob er beim Kandidatenturnier 2014 in Khanty-Mansijsk tatsächlich starten sollte, aber nachdem ihm sein Rivale und Freund Kramnik gut zugeredet hatte, überwand Anand seine Bedenken. Und gewann das Kandidatenturnier 2014 völlig überraschend und absolut souverän. Gleich in Runde eins besiegte er Levon Aronian, einen der Turnierfavoriten, gegen den Anand bis dahin immer Probleme gehabt hatte, überzeugend.

 

In Runde zwei folgte ein Remis mit Schwarz gegen Veselin Topalov und in Runde drei dann der zweite Sieg – mit Schwarz, gegen Shakhriyar Mamedyarov. Mit 2,5/3 lag Anand damit nach drei Runden an der Spitze des Feldes und im weiteren Verlauf des Turniers nutzte er seine gesamte Erfahrung und verteidigte seinen Vorsprung bis zum Ende des Turniers. Anand verlor während des gesamten Turniers keine einzige Partie und obwohl er in den nächsten elf Runden nur noch einen weiteren Sieg erzielte (gegen Topalov in Runde 10), reichte das, um das Turnier mit 8,5 /13 als alleiniger Erster zu beenden.

My Career Vol. 1

Vishy Anand gilt als eines der größten Schachtalente aller Zeiten. Er ist der 15. Weltmeister der Schachgeschichte und war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn auch im Schnell- und Blitzschach kaum zu besiegen. Auf dieser DVD spricht er über seine Laufbahn und präsentiert und analysiert die besten Partien seiner Schachkarriere bis zum Gewinn des Weltmeistertitels 2007 (in englischer Sprache).

Mehr...

My Career Vol. 2

Vishy Anand gilt als eines der größten Schachtalente aller Zeiten. Er ist der 15. Weltmeister der Schachgeschichte und war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn auch im Schnell- und Blitzschach kaum zu besiegen. Auf dieser DVD spricht er über seine Laufbahn und präsentiert und analysiert die besten Partien seiner Schachkarriere nach dem Gewinn der Schachweltmeisterschaft 2007.

Mehr...

Abschlusstabelle

Rg. Titel Name 1 2 3 4 5 6 7 8 Pkt.
1 GM Viswanathan Anand   ½½ ½1 ½½ ½½ ½½ 8.5
2 GM Sergey Karjakin ½½   ½½ 10 ½½ 10 ½1 ½½ 7.5
3 GM Shakhriyar Mamedyarov ½0 ½½   ½1 01 ½½ 7.0
4 GM Vladimir Kramnik ½½ 01   ½½ ½½ 10 7.0
5 GM Dmitry Andreikin ½½ ½½ ½0 ½½   ½0 7.0
6 GM Levon Aronian 01 10 ½½   ½½ 6.5
7 GM Peter Svidler ½½ ½0 ½1   10 6.5
8 GM Veselin Topalov ½½ ½½ 01 ½½ 01   6.0

Doch den Weltmeistertitel konnte Anand nicht zurückerobern, denn auch den zweiten Titelkampf gegen Carlsen verlor er.

Kandidatenturnier 2016: Ein nervenstarker Verteidigungskünstler

Sergey Karjakin (links) und Fabiano Caruana bei der Pressekonferenz nach Ende des Turniers (Foto: Vladimir Barsky)

Das Kandidatenturnier 2016 fand vom 10. bis 28. März 2016 in Moskau statt und auch dieses Turnier war eine Werbung für das Schach und den Modus des Kandidatenturniers. Wieder traten acht Spieler doppelrundig gegeneinander an und wieder wurde das Turnier in der letzten Runde entschieden. In der direkten Begegnung der beiden Spitzenreiter Sergey Karjakin und Fabiano Caruana, die nach 13 Runden mit je 7,5 / 13 gemeinsam an der Spitze lagen. In dieser entscheidenden Partie zeigte Karjakin, der im Laufe des Turniers eine ganze Reihe von gefährdeten Stellungen gehalten hatte, einmal mehr Nervenstärke und spielte seine vielleicht beste Partie im Turnier:

 
Rg. Titel Name 1 2 3 4 5 6 7 8 Pkt.
1 GM Sergey Karjakin   ½1 01 ½½ ½½ ½½ 8.5 / 14
2 GM Fabiano Caruana ½0   ½1 ½½ ½½ ½½ ½½ 7.5 / 14
3 GM Viswanathan Anand 10 ½0   ½0 ½½ 7.5 / 14
4 GM Levon Aronian ½½ ½½   ½½ ½1 7.0 / 14
5 GM Hikaru Nakamura ½1   ½½ ½½ 11 7.0 / 14
6 GM Anish Giri ½½ ½½ ½½ ½½ ½½   ½½ ½½ 7.0 / 14
7 GM Peter Svidler ½½ ½½ ½½ ½½   ½½ 7.0 / 14
8 GM Veselin Topalov ½½ ½0 00 ½½ ½½   4.5 / 14

Nach diesem glanzvollen Sieg durfte Karjakin im November 2016 in New York gegen Carlsen um die Weltmeisterschaft spielen. Und wäre fast neuer Weltmeister geworden. Der WM-Kampf endete nach 12 Partien mit 6-6 Unentschieden und Carlsen konnte sich erst im Schnellschach-Tiebreak durchsetzen.

Chess Prodigies Uncovered: Sergey Karjakin

Erleben Sie den Aufstieg des jüngsten Großmeisters aller Zeiten in die Weltspitze anhand ausgewählter Meisterpartien. IM D‘Costa präsentiert fantastische Siege des Wunderkindes Karjakin u.a. gegen Shirov, Kramnik, Eljanov. Neues interaktives Trainingsform

Mehr...

Die Reputation der Kandidatenturniere in den Jahren 1950 bis 1962 war immer durch den Verdacht möglicher Manipulationen gefährdet. Ein solcher Verdacht tauchte in keinem der drei „modernen“ Kandidatenturniere auf. Stattdessen waren es spannende und inhaltsreiche Turniere mit vielen interessanten Partien, packender Dramatik und etlichen Überraschungen. Das verspricht ein aufregendes Kandidatenturnier 2018.

Ein paar Zahlen

In allen drei Kandidatenturnieren hatte der Sieger am Ende 8,5 Punkte aus 14 Partien, aber die Remisquote ist für ein solches Spitzenturnier recht niedrig. In den Kandidatenturnieren 2013, 2014 und 2016 wurden insgesamt 168 Partien gespielt (56 in jedem Turnier), und 105 dieser Partien endeten mit Remis. Aber Schwarz muss aufpassen: denn 46 der 63 Gewinnpartien gehen auf das Konto von Weiß und nur 17 auf das Konto von Schwarz. Und die Tendenz zeigt, wie schwer es Schwarz im modernen Spitzenschach hat. 2013 gewannen die Schwarzspieler noch zehn Partien, aber 2014 nur noch vier und 2016 sogar nur noch drei.

Von den acht Teilnehmern 2018 waren nur Ding Liren und Wesley So noch nie bei einem Kandidatenturnier dabei. Die meiste Erfahrung hat hingegen Levon Aronian: er war schon bei den Kandidatenturnieren 2013, 2014 und 2016 dabei. Ob sich diese Erfahrung beim Kandidatenturnier 2018 auszahlt, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.

Links

Webseite Kandidatenturnier
Die Kandidatenturniere 1950, 1953 und 1956
Die Kandidatenturniere 1959 und 1962

 



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren

Machomove Machomove 09.03.2018 03:57
Warum wurde das Kandidatenturnier in Dortmund 2002 völlig ignoriert? Es fand zwar nicht unter der FIDE-Flagge statt, aber ohne dieses kein WM-Match Kramnik-Leko und auch kein Vereinigungskampf danach. Dortmund 2002 war ebenfalls sehr stark besetzt und wartete mit einem interessanten Format auf, welches Absprachen wie in Curacao erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht.
1