Eugenio Torre: Asiens erster Großmeister wird 75

von André Schulz
04.11.2026 – Eugenio Torre wurde 1974 als erster Schachspieler aus Asien zum Großmeister ernannt. In seiner besten Zeit gehörte der Filippino zur absoluten Weltspitze und war in der Lage, jeden anderen Topspieler besiegen. Mit 23 Teilnahmen ist Torre zudem der Rekordspieler bei Schacholympiaden. Und als einer von ganz wenigen war er lange eng mit Bobby Fischer befreundet. Heute feiert Eugenio Torre seinen 75. Geburtstag. | Foto: Reykjavik Open

Ihr persönlicher Schachtrainer - Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des Vereinsschachs machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.
FRITZ ist mehr als nur eine Schach-Engine – es ist eine Trainingsrevolution! Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des Vereinsschachs machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.

Eugenio Torre wurde am 4. November 1951 in Iloilo City auf der philippinischen Insel Panay geboren. Er war das siebte von insgesamt zehn Kindern seiner Eltern. Sein Großvater und auch sein Vater waren begeisterte Schachspieler. Der Vater, von Beruf Rechtsanwalt, brachte allen seinen Kindern Schach bei, seinem Sohn Eugenio, als dieser fünf oder sechs Jahre alt war. Die Kinder spielten oft und gerne Schach und bastelten sich selber Schachfiguren aus Lederresten, die sie von einem Schuhmacherbetrieb erhielten. Auch die älteren Brüder erreichten eine große Spielstärke, aber Eugenio übertraf sie alle mit seinem Talent. 

Eine Schachfamilie über mehrere Generationen

1958 zog die Familie nach Quezon City im Großraum Manila um. Mit neun Jahren spielte Eugenio Torre schon bei Juniorenturnieren mit, bei denen die anderen Jugendlichen in der Regel sehr viel älter waren als er. Als 16-Jähriger wurde Torre bereits philippinischer Jugendmeister.

Seine Fortschritte erzielte Torre dabei als reiner Autodidakt, ohne jeden Schachtrainer, aus einigen Lehrbüchern. Schachbücher waren allerdings schwer zu bekommen. Torre lernte vor allem durch das Nachspielen von Partien aus dem Schachinformator.

Schachspieler im Popstar-Look

1968 spielte Eugenio Torre in Manila sein erstes großes internationales Turnier. Im folgenden Jahr nahm er schon bei den U20-Weltmeisterschaften 1969 in Stockholm teil. Als Vierter seiner Vorgruppe (Sieger Anatoly Karpov) verpasste er das A-Finale, gewann aber das B-Finale. 1970 gewann Torre auch erstmals die Philippinischen Landesmeisterschaften. Bei der Jugendweltmeisterschaft 1971 belegte er den vierten Platz und ließ einige starke Spieler wie Rafael Vaganjan hinter sich.

Nach seiner Schulzeit begann Torre ein Studium der Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Bank- und Finanzwesen, gab das Studium aber nach zwei Jahren auf, weil es sich nicht mit seinen Schachaktivitäten vereinbaren ließ.

Rekord-Olympiaspieler

1970 wurde Torre für die Schacholympiade in Siegen in die philippinische Nationalmannschaft berufen. In den folgenden Jahren gehörte Torre bis zur Olympiade 2016 immer zum philippinischen Aufgebot und spielte alle Schacholympiaden mit, mit einer Ausnahme. In Dresden 2008 war er nicht dabei. Mit 23 Teilnahmen bei Schacholympiaden ist Eugenio Torre somit der Rekordteilnehmer bei Schacholympiaden. 1974 (in Nizza), 1980 (La Valetta), 1986 (Dubai) und 2016 (Baku) erzielte er jeweils das drittbeste Ergebnis an seinem Brett und gewann die individuelle Bronzemedaille.

Das philippinische Team bei der Schacholympiade in Skopje 1972, von li. Ruben Rodriguez, Edgar De Castro, then IM Glicerio Badilles, die Mannschaftsbetreuerin Vera und IM Rodolfo Tan Cardoso. Es fehlt Julian Lobigas | Foto: Eugenio Torre auf Facebook.

Neunmal nahm Torre zudem für die Philippinen an den Asiatischen Mannschaftsmeisterschaften teil, gewann viermal mit der Mannschaft Gold, einmal Silber und einmal Bronze. Viermal war Torre bei diesen Wettbewerben der beste Spieler an Brett eins und gewann die individuelle Goldmedaille. Einmal gewann er Einzelbronze.

Erster Großmeister aus Asien

1972 ernannte die FIDE Torre zum Internationalen Meister. Nach der Schacholympiade in Nizza erhielt er als erster Spieler aus Asien auch den Großmeistertitel. 

Nachdem Torre 1972 das Zonenturnier in Hong Kong gewonnen hatte, durfte er das Interzonenturnier in Leningrad mitspielen, belegte aber nur einen Platz in der zweiten Tabellenhälfte. Auch beim Interzonenturnier 1976 in Manila konnte sich Torre nicht besser in Szene setzen. 1979 war Torre erneut Teilnehmer eines Zonenturniers. In Rio de Janeiro belegte er den 7. bis 9. Platz bei 18 Teilnehmern.

Sein bestes Ergebnis bei den Interzonenturnieren erzielte Torre 1982 in Toluca, als er mit Lajos Portisch den ersten Platz teilte.

Als erster Schachspieler aus Asien nahm er nun an den Kandidatenwettkämpfen teil, schied jedoch im Viertelfinale gegen Zoltan Ribli aus. Beim nächsten Interzonenturnier 1985 schnitt Eugenio Torre mit dem geteilten 4. bis 6. Platz erneut sehr gut ab. Es folgte ein Stichkampf um die Teilnahme an den Kandidatenkämpfen gegen die punktgleichen Nigel Short und John van der Wiel, den Torre jedoch als Letzter abschloss.

1987 war Torre ein weiteres Mal für das Interzonenturnier qualifiziert und verpasste in Zagreb als Siebter erneut die Kandidatenkämpfe. 1990 war wieder Manila der Gastgeber eines Interzonenturniers, das diesmal mit 64 Spielern im Schweizer System durchgeführt wurde. Torre landete aber nur im Mittelfeld.

Als Torre sich erstmals für ein Interzonenturnier qualifiziert hatte, fand er in seinem Heimatland einige Unterstützer, die es ihm ermöglichten, weite Reisen zu unternehmen und Turniere in Asien, Amerika und vor allem in Europa zu spielen. Zu seinen Förderern gehörte damals auch Florencio Campomanes, der spätere FIDE-Präsident. In den Jahren 1972-1973 lebte Torre in Madrid, um kürzere Wege zu den Turnieren in Europa zu haben und Reisekosten zu sparen. Von seinen Förderern erhielt er eine monatliche Apanage von 250 US-Dollar.

Turniere überall auf der Welt

Eugenio Torre nahm im Laufe seiner Karriere an unzähligen Turnieren teil. In Europa war er als „Exot“ ein gern gesehener Gast. 1977 und 1983 (vierter Platz) nahm er unter anderem auch an den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Bad Lauterberg bzw. Hannover teil.

Zu Torres herausragenden Erfolgen gehören die Turniersiege an der Costa des Sol 1974, beim Vierturnier in Manila 1976 vor Karpov, Ljubojevic und Browne...

Auf dieser DVD geht ein Expertenteam Karpovs Spiel auf den Grund. In über 7 Stunden Videospielzeit (jeweils komplett deutsch und englisch) beleuchten die Autoren vier wesentliche Aspekte von Karpovs Spielkunst.

Torre siegte bei den Marlboro Chess Classic 1977 in Manila, bei den Jakarta Internationals 1978 und 1979 (geteilter Sieg mit Averbach und Dorfman), bei den Marlboro Chess Classic in Manila 1979, in San Francisco 1991 und in Kuala Lumpur 1994.

Who is who beim Turnier 1980 in Baku? | Foto: Eugenio Torre auf Facebook

Dorian Rogozenco, Mihail Marin, Oliver Reeh und Karsten Müller stellen den 8. Schachweltmeister und seine Eröffnungen, sein Verständnis der Schachstrategie, seine Endspielkunst und nicht zuletzt seine unsterblichen Kombinationen in Videolektionen vor.

2001, 2002 und 2014 wurde Torre erneut Philippinischer Landesmeister. 2017 gewann er die Asiatischen Seniorenmeisterschaften mit 9 aus 9.

1984 war Torre einer der Teilnehmer für die Neuauflage des Matches UdSSR gegen die Welt und gewann sein Match gegen Andrey Sokolov mit 2:1.

Freundschaft mit Fischer, "Sportler des Jahrtausends"

1974 und 1982 wurde Eugenio Torre von der philippinischen Sportpresse zum Sportler des Jahres gewählt, im Jahr 2000 zum philippinischen Sportler des Jahrtausends. Darüber hinaus erhielt er eine Reihe weiterer Auszeichnungen und Ehrungen. 2021 wurde er in die World Chess Hall of Fame aufgenommen.

Eugenio Torre war zudem einer der wenigen Schachspieler, denen Bobby Fischer vertraute und zu denen der Amerikaner eine Freundschaft pflegte. Die beiden hatten sich bei der Schacholympiade in Siegen 1970 erstmals getroffen. Als Fischer sich nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1972 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, versteckte er sich eine Zeitlang auch auf den Philippinen. In dieser Zeit entstand die enge Freundschaft zu Torre. Beim „Revanchewettkampf“ 1992 zwischen Fischer und Spassky war Torre Fischers Sekundant und spielte vor dem Match einige Trainingspartien gegen Fischer.

Kein anderer Weltmeister erreichte auch über die Schachwelt hinaus eine derartige Bekanntheit wie Bobby Fischer. Auf dieser DVD führt Ihnen ein Expertenteam die Facetten der Schachlegende vor und zeigt Ihnen u.a die Gewinntechniken des 11.Weltmeisters

Fischer diskutiert mit Spassky, links: Eugenio Torre | Foto: Eugenio Torre auf Facebook

Zu Beginn der 2000er Jahre lebte Fischer sogar einige Zeit in Baguio City, in der gleichen Wohnanlage wie Torre.

An Fischers Grab | Foto: Eugenio Torre auf Facebook

Die Erfolge von Eugenio Torre waren maßgeblich für die Popularität des Schachs auf dem Philippinen verantwortlich. 1978 fand hier der Weltmeisterschaftskampf zwischen Karpov und Kortschnoj statt, 1990 wurde eine Schacholympiade ausgetragen. Auch heute ist Eugenio Torre noch eines der größten Sportidole des Landes. 2023 eröffnete er in der Nähe seiner Wohnung in Concepcion Dos, Marikina City, ein kleines persönliches Schachmuseum, in dem er Erinnerungstücke, Pokale und Trophäen aus seiner 50-jährigen Schachkarriere ausstellt.

2023 wurde Torre zum Nationaltrainer der Philippinen ernannt und begleitete die philippinische Mannschaft auch bei der Schacholympiade 2024 in Budapest.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
Diskussion und Feedback Senden Sie Ihr Feedback an die Redakteure