Der gestrige Dienstag hatte es in sich: Bereits um 10 Uhr begann die vierte Runde, am Abend folgte ab 17.30 Uhr die fünfte Partie. Der ungewöhnliche Spielplan ist Teil des neuen Turnierkonzepts in Fagernes. Zehn Runden werden in diesem Jahr an neun Tagen ausgetragen, wodurch den Teilnehmern insbesondere bei der Jagd nach Titelnormen zusätzliche Flexibilität geboten wird. An den übrigen Tagen steht jeweils nur eine klassische Partie auf dem Programm.
Die Augen waren natürlich erneut auf Christian Glöckler (2515) gerichtet, der nach der dritten Runde mit einem halben Punkt Vorsprung an der Spitze lag. Nach drei Siegen gegen nominell schwächere Gegner traf der junge Wiesbadener in Runde 4 auf den ersten höher gerateten Gegner: Am Vormittag des Doppelspieltags spielte der 14-Jährige mit Weiß gegen den kasachischen Großmeister Rinat Jumabayev (2564). Glöckler kam gut aus der Eröffnung und erspielte sich einen lang anhaltenden deutlichen Vorteil im Mittelspiel. Diesen gab er aber nach und nach ab. Es entstand ein Endspiel in dem der 37-jährige Kasache sich mit einem Turm, einem Läufer und einem Bauern gegen Glöcklers zwei Türme verteidigte. Beide spielten lange genau und das Spiel näherte sich stets ausgeglichen dem Remisschluss. Doch dann griff der Schwarze fehl, Glöckler kam erneut in Vorteil, wusste diesen aber nicht zu nutzen und die Partie endete schließlich nach 84 Zügen Remis.
Damit war zwar die perfekte Serie des jungen Deutschen beendet und er erhielt Gesellschaft an der Tabellenspitze, doch er hatte erneut gezeigt, dass er für einen jungen Spieler bereits über eine erstaunliche Reife im Endspiel verfügt und mit starken Spielern mithalten kann.
Nach dieser langen Partie musste der Führende am gegen den punktgleichen und an Nummer drei gesetzten Norweger Frode Olav Olsen Urkedal (2554) antreten. Dort gelang dem jungen Deutschen der nächste große Erfolg. Allerdings hatte es lange nicht danach ausgesehen: Das Spiel entwickelte sich zu einer dramatischen Partie, in der die Gewinnchancen mehrfach wechselten. Besonders kritisch wurde die Situation für den Deutschen im späteren Mittelspiel beziehungsweise Übergang ins Endspiel. Nachdem Glöckler lange deutlich schlechter gestanden hatte, wurde aber der schwarze Zug 38…Td3?? zum entscheidende Wendepunkt: Urkedals Gewinnchancen waren plötzlich dahin. Glöckler konnte die Partie drehen und schließlich den ganzen Punkt sichern:
Damit kommt der im November 2011 geborene Deutsche nach fünf Runden auf 4,5 Punkte aus fünf Partien. Da der einzige weitere Punktgleiche, Tiger Hillarp, seine Partie gegen seinen schwedischen Landsmann Vitaly Sivuk verlor. Stand Glöckler nach vier Runden wieder alleine an der Tabellenspitze. Seine Bilanz lautet vier Siege und ein Remis – eine beeindruckende Ausbeute gegen ein Feld mit zahlreichen Großmeistern. Vielleicht gelingt ihm in Norwegen seine zweite GM-Norm.
Christian Glöckler erspielte seine erste GM-Norm im Juli 2026 beim Biel Chess Festival. Im Master Open kam er nach neun Runden auf 8 Punkte und hatte zu diesem Zeitpunkt eine Performance von 2688 Elo. Auch dort hatte Glöckler bereits gegen mehrere Großmeister, wie Peter Acs und Dimitris Alexakis, gewonnen.

Vor der fünften Runde gehörte Tiger Hillarp (rechts) zum Spitzentrio. Seine Niederlage gegen Vitaly Sivuk warf ihn zurück. | Foto: Anna Ovidia Young
Hinter Glöckler hat sich das Feld etwas auseinandergezogen. Der norwegische Topgesetzte Elham Amar, Aksel Bu Kvaløy und der Kasache Rinat Jumabayev folgen mit jeweils vier Punkten. Auch der norwegische IM Semen Mitusov hat nach fünf Runden vier Punkte gesammelt. Auch die indische Großmeisterin Harika Dronavalli gehört weiterhin zur erweiterten Spitzengruppe. Sie kam am Doppelspieltag zweimal zu einem Remis und steht nach fünf Runden bei 3,5 Punkten. Damit ist sie ebenso wie Urkedal noch in Reichweite der Spitzenplätze. Ihre bisherige Bilanz ist bemerkenswert stabil: Zwei Siege und drei Remis bedeuten, dass sie noch keine Partie verloren hat.

Der 2006 geborene deutsche Spieler FM Kevyan Farokhi (rechts) gewann die Runden 2 bis 4. Zum Auftakt und hier gegen Rinat Jumabayev in Runde 5 verlor er. Mit 3 aus 5 liegt er zur Zeit auf Platz 23. | Foto: Anna Ovidia Young

Bennet Hagner – hier bei seinem Remis in Runde 5 gegen den indischen FM Saurabh Anand – steht zur Turniermitte bei 50 Prozent. | Foto: Anna Ovidia Young
Runde 6: Amar gegen Glöckler
Für Amar verlief der Doppelspieltag mit zwei Siegen sehr gut. Der 21-jährige Norweger hatte nach seinem eher durchwachsenen Auftakt – er gab bereits in Runde zwei und drei jeweils einen halben Punkt ab – wieder Anschluss an die Spitze gefunden. Auch Jumabayev hält sich mit vier Punkten in unmittelbarer Reichweite des Führenden. In Runde 6 kommt es nun zum Spitzenduell zwischen der Nummer 1 der Setzliste und der Nummer 1 der aktuellen Tabelle: Elham Amar gegen Christian Glöckler.
Das Internationale Herbstturnier in Fagernes hat begonnen und wird vom 3. bis 11. Oktober im Scandic Valdres Hotel in Fagernes, rund 187 Kilometer nördlich von Oslo, ausgetragen. Die GM-Gruppe mit 62 Spielern wird über zehn Runden in neun Tagen ausgetragen. Die Bedenkzeit beträgt 100 Minuten für die ersten 40 Züge, danach 40 Minuten für den Rest der Partie, mit einer Zeitzugabe von 30 Sekunden ab dem ersten Zug. Der Lokalmatador Elham Amar ist mit einer Elo-Zahl von 2567 der Topgesetzte, gefolgt vom Kasachen Rinat Jumabayev (2564) und einem weiteren Norweger, Frode Olav Olsen Urkedal (2554). Abhijeet Gupta, GB Harshavardhan und Krishnan Sasikiran sind die nächsten drei Spieler auf der Startliste, während Aksel Bu Kvaloy und der deutsche Nachwuchsstar Christian Gloeckler beide eine Elo-Zahl von 2515 aufweisen.
Auch die indische Großmeisterin Harika Dronavalli gehört weiterhin zur erweiterten Spitzengruppe. Sie kam am Doppelspieltag zweimal zu einem Remis und steht nach fünf Runden bei 3,5 Punkten. Damit ist sie ebenso wie Urkedal noch in Reichweite der Spitzenplätze. Ihre bisherige Bilanz ist bemerkenswert stabil: Zwei Siege und drei Remis bedeuten, dass sie noch keine Partie verloren hat.