Die bislang 14-teilige Serie „Understanding Middlegame Strategies“ des niederländischen Schachgroßmeisters und Autors Ivan Sokolov behandelt verschiedene Aspekte der Mittelspiel-Strategie. In den ersten Bänden werden eröffnungsunabhängige Themen besprochen wie dynamische Bauern oder das praktische Mittelspiel. Die weiteren Bände behandeln Stellungen, die aus häufig gespielten Eröffnungssystemen hervorgehen. Dabei geht es nicht um die Theorie dieser Eröffnungen, sondern um das Verständnis der Mittelspielstellungen und die sich daraus ergebenden Strategien.
Im ersten Teil meiner Serie habe ich die „allgemeinen“ Kurse besprochen.
In Teil 2 wurden Kurse vorgestellt, die Stellungstypen aus Sizilianisch, Französisch und Königsindisch behandeln
In dieser Folge möchte ich die drei Kurse vorstellen, die Stellungstypen aus Eröffnungen mit vertauschten Farben behandeln:
Hinweis:
Verwechseln Sie diese Kurse nicht mit Eröffnungs-Fritz Trainern. Es werden hier zwar auch Theorievarianten besprochen, die Kurse bieten aber kein komplettes Repertoire für Weiß oder Schwarz. Um für diese Eröffnungen eine solide theoretische Basis zu bekommen, ergänzen Sie diese z.B. mit diesen Kursen:
Der Autor geht nicht nur auf die strategischen Merkmale der „Reversed Colour“ Eröffnungen und den gegebenenfalls vorhandenen Unterschieden zu den entsprechenden Verteidigungen ein, er bespricht auch die psychologische Komponente. Das eine Tempo des Anzugsvorteils macht oft keinen großen Unterschied, aber die Erwartungshaltung ist eine andere. Wer z.B. mit Schwarz Grünfeld-Indisch spielt, überlässt dem Gegner oft das Zentrum und Raumvorteil und versucht dynamischen Ausgleich zu erhalten. Wer mit Weiß „Grünfeld im Anzug“ spielt, möchte einen Vorteil in der Eröffnung erreichen. Dieser muss nicht unbedingt objektiv gerechtfertigt sein, es kann z.B. das Ziel sein, dem Gegner oder der Gegnerin einen weniger gut bekannten Stellungstyp aufzuzwingen.
In Band 12 geht es um den Königsindischen Angriff (KIA), auch wenn einige schwarze Aufbauten ohne den Zug c5 eher der Pirc-Verteidigung mit vertauschten Farben zuzuordnen sind. Sokolov stellt hier eine Reihe von Themen in Kapiteln mit jeweils einer ausführlich besprochenen Partie vor.

Einer der ausführlich besprochenen Stellungstypen ist diese Stellung, die nicht nur nach 1.Sf3 oder 1.g3 sondern auch über 1.e4 in der Sizilianischen oder Französischen Verteidigung entstehen kann.

In Band 13 sind Grünfeld und Holländisch mit vertauschten Farben das Thema. In den beiden Hauptkapiteln werden mehrere Partiebeispiele mit verschiedenen Themen besprochen.

Hier haben mich insbesondere Sokolovs Ausführungen zu 1.f4 (Bird Eröffnung) interessiert, weil ich mit dieser Eröffnung mit Schwarz bisher wenig gute Erfahrungen gemacht habe. Etwas überraschend für mich, bespricht und empfiehlt der Autor hier auch das Froms-Gambit 1…e5!

Sokolov betont auch hier den psychologischen Aspekt: Warum soll man den Gegner nach 1.f4 sein gewünschtes Holländisch mit einem Tempo mehr spielen lassen? Mit 1…e5 zwingt man ihn (oder sie) in einen völlig anderen Stellungstyp – unabhängig davon, ob das Gambit mit 2.fxe5 angenommen wird oder mit 2.e4 in das Königsgambit gewechselt wird.
Für die Freunde des soliden Positionsspiels, die hier keine Lust auf Gambits haben, hat der Autor aber auch Beispiele mit anderen Systemen im Angebot.

Im zweiten Kapitel zu Grünfeld-Indisch mit Weiß untersucht Sokolov im Detail, ob das Mehrtempo im Vergleich zu den Varianten mit Schwarz einen signifikanten Vorteil bietet:

Seiner Meinung nach ist das durchaus der Fall. Das bestärkt mich in meiner Haltung, solche „Reversed Colour“-Systeme mit meinem normalen Anti-1.d4 Repertoire zu beantworten, z.B. mit der Tarrasch-Verteidigung oder Königsindischen Aufstellungen.
Stellungen mit dem Charakter eines Modernen Benoni, Blumenfeld-Gambit oder Wolga-Benkö-Gambit mit vertauschten Farben entstehen meist über das Reti-System (1.Sf3) oder Englisch (1.c4).

Wie Sokolov beschreibt, sollte man hier nicht versuchen, Varianten dieser Eröffnungen zu „kopieren“. Das Tempo mehr und auch andere Aspekte machen hier einen großen Unterschied. Man sollte diese Stellung als eigenständig betrachten – hier setzen die Ausführungen von Sokolov an, wie z.B. in dieser benoniähnlichen Stellung:

Diese Videokurse sind für beide Seiten sehr hilfreich: sowohl für diejenigen, die mit Weiß gerne solche „Reversed Colour“ Systeme spielen, als auch für diejenigen, die mit Schwarz mit solchen Systemen konfrontiert werden.
Sokolov bleibt auch bei diesen Kursen seinem Stil treu und liefert das Material, sowohl was die Auswahl der Themen angeht als auch die Präsentation selbst, herrlich unstrukturiert. Mir gefällt das, denn nichts wäre langweiliger als eine komplette Auflistung und Besprechung aller möglichen Stellungen oder Varianten. Mit einem Sokolov-Kurs bekommt man immer eine Art „Überraschungs-Ei“ – bevor man ihn nicht durchgearbeitet hat, kann man bestenfalls erahnen, was man bekommt.
Ivan Sokolov ist ein niederländischer Schachgroßmeister und Autor populärer Schachbücher. Er war 1988 jugoslawischer Meister und 1995 und 1998 niederländischer Meister. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört er zu den Elite-Spielern und hat viele der stärksten Spieler der Welt geschlagen.