Frisch rezensiert: Robert Ris – Eröffnung, Variantenberechnung und strategisches Denken (Teil 2)

von Lukas Köpl
10.10.2026 – Robert Ris hat sich in den letzten Jahren einen Namen unter den Autoren gemacht, die zu verschiedenen Eröffnungen Kurse herausbringen. Dies wird auch durch seine Show bei ChessBase zu Eröffnungstrends unterstrichen, in der er sich regelmäßig mit aktuellen Entwicklungen auseinandersetzt. Lukas Köpl hat sich die Eröffnungskurse von Ris genauer angesehen und ein Gesamtfazit gezogen.

Der Hyper-Accelerated Dragon ist schnell und scharf. Schwarz entwickelt seinen Läufer sofort nach g7 und kann oftmals d5 in einem Zug spielen und ein Tempo sparen.
Dieser zweibändige Kurs präsentiert ein komplettes Repertoire für Schwarz nach 1.e4 c5 2.Sf3 g6 – dem Hyperbeschleunigten Drachen. In den letzten Jahren hat diese dynamische Variante deutlich an Popularität gewonnen, und mehrere der weltbesten Spieler haben sie in ihr Repertoire aufgenommen. Diese Variante bietet Schwarz zwei wesentliche Vorteile: Er muss sich weder mit der Rossolimo- noch mit der Moskauer Variante nach 3.Lb5 auseinandersetzen, und in vielen Abspielen kann er d5 in einem Zug spielen und so ein Tempo sparen. Im ersten Band geht es um die scharfen Varianten im Offenen Sizilianer, die exzellente Angriffschancen auf die lange Rochade bieten und der positionelle Maroczy Aufbau.
kostneloses Beispielvideo: Introduction
kostenloses Beispielvideo: Maroczy Aufbau 6...Qb6

Teil II · Die Eröffnungskurse

Von den Grundlagen zur Theorie

Robert Ris baut, ähnlich wie seine Reihe zur Variantenberechnung, sein Portfolio zu einem vernetzten Kompendium auf. Während zu Beginn vereinzelt Eröffnungskurse entstanden, sieht man spätestens seit dem Erscheinen von Mastering Pattern Recognition in the Opening sowie Basic Opening Strategy die Eröffnungsreihe zunehmend um weitere wichtige Aspekte des Eröffnungsstudiums ergänzt. So werden neben konkreter Eröffnungstheorie auch der notwendige Grundstein in der Eröffnungsstrategie gelegt. Denn nur, wer versteht, worauf die Eröffnung abzielt, kann die Eröffnung wirklich verstehen lernen und vor allem bei Abweichungen reagieren.

Ris ist ein ausgesprochener Theoriespezialist, der neue Ideen verfolgt und seinen Zuschauern konkrete Repertoires an die Hand gibt. Dabei baut er immer wieder wichtige Aspekte des Strategie- und Positionsspiels ein, wie beispielsweise, welche Figuren getauscht werden sollen, welche Bauernhebel den Charakter der Stellung bestimmen, wo die typischen taktischen Brennpunkte liegen und wie der Übergang ins Mittelspiel gelingt. Dadurch wirken die Kurse sehr interaktiv und fordern einen zum Denken auf, anstatt lediglich Varianten zu folgen. Somit zeigt er die Bedeutung auf, die ein Eröffnungsstudium eigentlich haben sollte: das Verständnis des Mittelspiels zu fördern.

Aufgrund der großen Anzahl an Eröffnungskursen von Robert Ris bei ChessBase war es notwendig, eine Einteilung in Einzelbereiche vorzunehmen. Deshalb konzentriert sich diese Rezension auf die Grundlagen sowie die einzelnen Eröffnungsfamilien (1.e4, 1.d4, etc.).

In Mastering Pattern Recognition in the Opening (2019) behandelt Ris zehn universelle Eröffnungsmotive: Zentrum, Entwicklungsvorsprung, König im Zentrum, vernachlässigte Königsflügelentwicklung, vergiftete Bauern, Schlagrichtung im Zentrum, verfrühte Rochade, Flügelangriff, fehlplatzierte Figuren und Raumvorteil. Auf theoretische Beispiele folgen mehr als fünfzig interaktive Aufgaben und eine zusätzliche Beispieldatenbank. Ris stellt damit eine Art Grammatik der Eröffnung bereit. Wer überrascht wird, soll nicht in Panik nach gespeicherten Zügen suchen, sondern anhand von Merkmalen denken. Genau hier liegt der pädagogische Kern seines gesamten Eröffnungswerks, da Konzepte vermittelt werden anstatt lediglich Züge auswendig lernen zu lassen.

Basic Opening Strategy (2023) setzt noch elementarer an. In gut vier Stunden erklärt Ris goldene Eröffnungsregeln, Zentrum, Entwicklung, Königssicherheit, die Gefahren früher Damenausflüge und die besondere Verwundbarkeit des f-Bauern. Fünfzig Übungen sorgen dafür, dass aus Regeln keine unreflektierten Dogmen werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass Schach ein sehr konkretes Spiel ist, jedoch gewissen Gesetzmäßigkeiten folgt. Wer seinen König regelmäßig im Zentrum verbleiben lässt, riskiert, dass er dort strandet und Teil eines Königsangriffs wird.

Der Kurs ist für Einsteiger und den unteren Vereinsbereich sinnvoll, für fortgeschrittene Turnierspieler dagegen eher als methodisches Lehrmaterial interessant. Seine Stärke liegt weniger in originellen Erkenntnissen als in seinem systematischen Aufbau. Erst die Regel verstehen, dann die Ausnahme prüfen und schließlich die Stellung konkret bewerten.

Eröffnungskurse nach 1.d4

Während die strategischen Grundlagen notwendig sind, um ein Verständnis der Stellungen aufzubauen, findet man am anderen Ende konkrete Eröffnungsvorschläge mit präzisen Analysen, um die kein Spieler herumkommt. A Complete Black Repertoire against 1.d4 baut auf dem Angenommenen Damengambit auf und ergänzt es um aktive Lösungen gegen Trompowsky, London, Jobava, Torre, Colle, Veresov und Blackmar-Diemer. Rund sieben Stunden Video, zwanzig interaktive Aufgaben, zehn Ausspielstellungen und mehr als 150 Modellpartien ergeben ein bemerkenswert vollständiges Trainingspaket. Hier hat Ris sich nicht gescheut, viel Material in die Kurse zu packen, was sein Standard für viele Kurse werden sollte.

Besonders überzeugend ist die Wahl des Angenommenen Damengambits. Sie erlaubt freie Figurenentwicklung und zwingt Schwarz dazu, das weiße Zentrum aktiv anzugreifen. Das passt zur Grundidee von Ris, solide Eröffnungen nicht passiv, sondern initiativ zu interpretieren.

Das zeigt sich ebenfalls in den diversen Kurzkursen im 60-Minutes-Format, in denen er zahlreiche Ideen gegen 1.d4 anbietet.

So findet man neben einer Erweiterung für sein Repertoire hier einen Kurs zur Zentrumsvariante im Angenommenen Damengambit, in denen er 3.e4 b5!? untersucht sowie davon abweichend in Gefilde des Budapester Gambits eintaucht, um die Initiative mit Hilfe des Fajarowicz Gambits zu ergreifen.

Aus weißer Sicht setzt er einen kleinen Beitrag zur Fianchettovariante gegen Halbslawisch, was im Grunde die Kerntheorie sehr gut zusammenfasst, jedoch aufgrund des Formats in ca. 60 Minuten nicht allumfänglich abgedeckt werden kann.

Dies gelingt ihm jedoch mit The Menacing Colle & Zuckertort System for the Club Player, welches ein theoriearmes und auf Verständnis basierendes Repertoire zur Verfügung steht. Der Kurs besticht dabei dadurch, dass er nicht nur Theorie vermittelt, sondern meines Erachtens thematisch aufgebaut ist und sich hier die gängigen Pläne in den verschiedenen Strukturen, die Schwarz anspielen kann, klar herauskristallisieren. In meinen Augen einer seiner besten Kurse. Ergänzt wird das Repertoire durch The Top-Tier Trompowsky, um jene Aufbauten mit 1…Sf6 direkt auszuschalten.

Zwischenzüge, ruhige Züge, Opfer auf leeren Feldern, Mattmuster, das Ignorieren einer Drohung, Berechnung in der Verteidigung und die Methode des Vergleichens werden besprochen. Danach warten 50 interaktive Aufgaben zum Testen auf Sie.

Eröffnungskurse nach 1.e4

Nach 1.e4 finden sich ebenfalls eine Menge Kurse aus der Ideenschmiede von Robert Ris. Während er vereinzelt Ideen streut, lässt sich in all den Kursen eine gewisse Linie und ein Hang zur Initiative erkennen.

Ähnlich geschlossen ist das sizilianische Paket aus The flexible Taimanov Sicilian und A Complete Guide for Black against the Anti-Sicilian aus dem Jahr 2024. Die Taimanov-Variante bietet Schwarz Gewinnchancen ohne die strukturelle Festlegung mancher schärferer Sizilianer. Der ergänzende Anti-Sizilianer-Kurs schließt jene Lücke, an der viele Repertoires praktisch scheitern. Alapin, geschlossene Systeme, Grand Prix und andere Abweichungen treten im Vereinsalltag häufiger auf, als die Beschäftigung mit den großen Hauptvarianten vermuten lässt. Dass Ris die Nebenwege nicht als lästige Fußnoten behandelt, sondern ihnen ein eigenes Trainingsvolumen gibt, ist ein deutliches Qualitätsmerkmal.

Die Neigung zur Sizilianischen Verteidigung zeigt sich auch in seinem jüngst erschienen Kurs zum Beschleunigten Drachen, welches separat in einer Rezension abgehandelt wird. Abgesehen von 1…c5 widmet sich Ris jedoch auch anderen Eröffnungen, wie beispielsweise 1…e5 und der Offenen Partie sowie Skandinavisch. Hier hat er für Schwarz jeweils Ideen in einem vollen Kurs ausgearbeitet und bietet damit eine schnelle Lösung gegen den Aufzug des Königbauern.

Die zahlreichen 60-Minuten-Kurse – etwa gegen Französisch und Philidor, zur verzögerten Jänisch-Variante bilden die experimentelle Randzone des Werks. Sie zeigen Ris als Ideensammler und taktischen Entertainer. Hier ist das Ziel klar erkennbar. Überraschungswaffen, Blitzrepertoire, kreative Ergänzungen. Als Fundament eines langfristigen Repertoires sind sie deutlich schwächer als die großen, strukturell vollständigen Kurse. Gerade die Unterscheidung zwischen Kernrepertoire und Überraschungsmodul sollte der Käufer selbst bewusst treffen.

The two DVDs offer you the chance to solve 66 exercises with multiple questions. These exercises are presented in the interactive format, which makes them accessible for players of different strengths as we will go through the thought process step by step

Zusatzmaterialien

Besonders wertvoll sind die Aufgaben und Modellpartien, weil sie aus passivem Videokonsum ein interaktives Training machen können. Ein Eröffnungskurs ist erst dann gelernt, wenn der Spieler Schlüsselstellungen ohne Kommentator beurteilen kann. Ris liefert dafür meist bessere Voraussetzungen als Autoren, die nur eine lange theoretische Vorlesung anbieten.

Kritisch bleibt die Alterung konkreter Theorie. Ein Kurs von 2015 oder 2019 kann konzeptionell hervorragend sein, während einzelne Varianten heute überholt sind. Das betrifft die Tactic Toolbox zur Meraner Variante ebenso wie jede scharfe Repertoireempfehlung. Ris’ motivbasierte Teile altern langsam; konkrete Hauptvarianten altern schnell. Idealer Gebrauch bedeutet daher, den Kurs als erklärtes Grundgerüst zu sehen und aktuelle Referenzdatenbanken als Updatequelle für die Repertoirepflege zu verstehen. Wer diese Arbeit verweigert, sollte eher zu robusten Systemkursen greifen als zu den schärfsten Sizilianern.

Fazit

Robert Ris hat einen klaren Schwerpunkt in seiner Arbeit gesetzt. Dies sieht man daran, dass er ein vollständiges Repertoire gegen 1.d4 und 1.e4 im Programm hat. Wer darüber hinaus noch vereinzelt Ideen und Überraschungswaffen sucht, dem kann der Internationale Meister gut ausstatten, auch wenn man sich des Risikos mancher Varianten durchaus bewusst werden sollte.

***

In diesem Videokurs lernen Sie die grundlegenden Schacheröffnungsstrategien kennen, die Ihnen zu beginn ihrer Schachpartie helfen können.

Zum Autor:

Der Internationale Meister Robert Ris (Jahrgang 1988) hat sein Heimatland, die Niederlande, schon auf vielen Jugendmeisterschaften erfolgreich vertreten. Heute ist er vor allem als Schachtrainer in Schulen und Schachklubs aktiv und trainiert Schüler aus verschiedenen Ländern online auf playchess.com. Auch als Livekommentator für die niederländische Meisterschaft und das Traditionsturnier in Wijk aan Zee ist er schon in Erscheinung getreten.

Mehr Produkte vom Autor gibt es im ChessBase-Shop

--> WEITERE REZENSIONEN <--

Zum ersten Teil dieser Serie

Die DVD befasst sich nun mit dem Rochadekönig und speziell mit den Methoden, aus dem geschwächten Königsflügel Kapital zu schlagen. Diverse bekannte Themen, Bauernformationen und andere Angriffswaffen werden in 8 Kapiteln unter die Lupe genommen.


Lukas Köpl, geboren 1989, ist ein leidenschaftlicher Vereins- und Turnierspieler, der mit aktiver Trainer- und Schiedsrichterlizenz seit mittlerweile über 15 Jahren erfolgreich als Schachtrainer tätig ist. Zu seinem erweiterten Themenfeld zählen journalistische Tätigkeiten für Schachzeitschriften und Verlage sowie die aktive Vereins- und Jugendarbeit. Als Schachspieler vertrat er über die Jahre in diversen Ligen bei mehreren Vereinen das Spitzenbrett.
Diskussion und Feedback Senden Sie Ihr Feedback an die Redakteure