Ein Streitfall in der Bundesliga

von André Schulz
10.10.2026 – Die deutsche Schachbundesliga ist bekanntermaßen ein Garant für Konstanz und Kontinuität. Seit Jahrzehnten wird nach dem gleichen Format und den gleichen Regeln gespielt, manchmal etwas modifiziert. Auch die Streitfälle haben Wiedererkennungswert. Vor 40 Jahren, am Ende der Saison 1986/87, passierte folgendes... | Foto: Robert Hübner in den 1980er Jahren in der Bundesliga (Alle Fotos via Eising, Treppner: Schachbundesliga)

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Mit der Saison 1980/81 wurde die einteilige Bundesliga eingeführt. Zuvor gab es vier regionale Bundesligastaffeln. Am Ende der Saison spielten die vier Staffelsieger dann in einem Turnier jeder gegen jeden den Deutschen Mannschaftsmeister aus. Zu Beginn der 1980er Jahre war das Schachspielen auf hohem Niveau noch viel einfacher. Es gab noch kein Internet, in dem die Partien live zu sehen waren und jede Partie aufgezeichnet wurde und auch ChessBase war noch nicht erfunden. Die Vorbereitungsmöglichkeiten waren also übersichtlich und geschah mit Hilfe von Büchern, wenn überhaupt. Die Turnierspieler bereiteten sich vielleicht mit dem Informator vor, in dem man aber nur Partien von Topspielern finden konnte. 

In der einteiligen Bundesliga spielten 16 Mannschaften im Modus jeder gegen jeden, so wie heute auch noch. Die Reisewege längs und quer durch die Republik waren nun aber weiter. Reise- und Übernachtungskosten erhöhten den finanziellen Aufwand für die Vereine. Die Zeit zwischen 1980 und 1990 war in der Bundesliga eine Übergangszeit vom Amateursport zum Profisport. Die Anzahl der Ausländer, das waren zumeist Profis, die in einer Bundesligamannschaft eingesetzt werden durften, war noch auf zwei begrenzt. Aber es gab auch schon einige inländische Profis ohne besonderen Bezug zu den Vereinen, für die sie spielten. Für Vereine ohne permanenten Mäzen im Rücken wurde es immer schwieriger mitzuhalten.

Vor Einführung der einteiligen Bundesliga war die SG Solingen der Platzhirsch im deutschen Mannschaftsschach mit sieben Titeln bis 1980. In der neuen einteiligen Bundesliga gab es dann in den ersten Jahren einen Dreikampf mit der SG  Solingen, der SG Porz und der Schachabteilung von Bayern München. Bis zur Saison 1999/2000 machten diese drei Vereine alle Titel unter sich aus.

In der Saison 1986/87, also vor 40 Jahren gelang es Solingen noch einmal, sich gegen die beiden Konkurrenten durchzusetzen. Die Solinger traten mit Hübner, Short, Spassky und Lobron an den ersten Brettern an, gewannen 14 der 15 Wettkämpfe und gaben nur gegen Lasker Steglitz überraschend eine Mannschaftspunkt ab.

Robert Hübner (nachdenklich) im Sportdress beim Schach.

Bayern München, mit Zoltan Ribli an Brett eins, verlor den Spitzenkampf gegen Solingen und wurde Zweiter. Der Hamburger SK wurde mit seinen beiden Profs John Nunn und Murray Chandler und einer Mischung aus  jungen und erfahrenen Eigengewächsen Dritter und verdrängte Porz, mit Hort und Miles, auf Platz vier.

Murray Chandler und John Nunn

Dr. Helmut Reefschläger (HSK)

Die Meisterfrage wurde in den Wettkämpfen der drei Dauerfavoriten plus dem Hamburger SK entschieden, der zu dieser Zeit im Hamburger SV integriert war.

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Solingen gegen Bayern

Solingen gegen Porz

Bayern gegen Porz

Bayern gegen Hamburg

Und in der letzten Runde: Solingen gegen Hamburg

Auch interessant: Hamburg gegen Bamberg. Helmut Pfleger schlug John Nunn am Spitzenbrett, doch die übrigen Siegpunkte gingen alle an Hamburg.

Streit im Abstiegskampf

Für zusätzliche Spannung im Abstiegskampf, den Mannschaften ohne Profis unter sich ausmachten, sorgten das Regelwerk und die Entscheidungsinstanzen des Deutschen Schachbundes. Die Bundesliga war damals noch kein eigener Verein, sondern wurde vom Deutschen Schachbund, im Besonderen von Helmut Nöttger, dem Sportdirektor des DSB, geleitet.

Helmut Nöttger

Im Laufe der Saison hatte sich nun im Wettkampf zwischen Heidelberg und München ein  besonderer Vorfall ereignet. Der Wettkampf war am Samstag für 14 Uhr angesetzt (wie heute noch), aber der Schiedsrichter setzte die Uhren etwas später in Gang, was normalerweise keine große Rolle spielt, in diesem Fall aber schon. Der für München spielende jugoslawische GM Nikolac erschien nämlich etwas mehr als eine Stunde zu spät zu seiner Partie - etwas mehr als eine Stunde, gemessen vom angesetzten Rundenbeginn, aber etwas weniger als eine Stunde, gemessen vom tatsächlichen Spielbeginn.

Heidelberg wurde vom Schiedsrichter daraufhin ein kampfloser Punkt wegen der zu großen Verspätung des Spielers zuerkannt. Der SK Heidelberg gewann so den Wettkampf mit 4,5:3,5 und war dadurch am Ende der Saison punktgleich mit der Hamburger SG/BUE auf dem geteilten 15./16. Platz. Damals wurden noch Stichkämpfe bei Punktgleichheit ausgetragen. München 36 beendete die Saison im Mittelfeld und hatte mit dem Abstieg nichts zu tun.

Was passierte nun? Richtig: München 36 erhob Einspruch gegen die Wertung der Partie von Nikolac. Schließlich war der Spieler vor Ablauf der Karenzstunde erschienen, so die Argumentation der Münchener, gemessen vom tatsächlichen Partiebeginn. Sportdirektor Nöttger entschied zugunsten der Münchener und setzte einen Wiederholungskampf an, der 4:4 endete. Heidelberg ist abgestiegen. Die Hamburger SG/ BUE bleibt in der Ersten Liga.

Die Partien des Wiederholungskampfes

Heidelberg rief nun aber das Bundesturniergericht an. Dieses kassierte die Entscheidung von Nöttger und gab Heidelberg recht. Nun war Heidelberg wieder punktgleich mit der Hamburger SG/ BUE und gewann den erforderlichen Stichkampf um den Abstieg mit 4,5:3,5. Heidelberg blieb drin, die Hamburger SG/ BUE stieg ab.

Der Stichkampf um den Abstieg

Endstand:

Wie sind die Regeln heute? Ein Fall für den Schiedsrichterlehrgang.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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