From Dusk till Dawn

von André Schulz
06.10.2026 – Die Älteren erinnern sich. Früher, also vor der Erfindung des Internets, musste man sich noch persönlich treffen, um Schach spielen zu können. Man saß sich beim Blitzschach gegenüber, sah sich und sprach sogar miteinander. Es wurde gesellig und bisweilen ausschweifend. In Hamburg gab es nun am Wochenende ein geheimes Treffen von Veteranen. "From Dusk till Dawn", lautete das Motto. BILD war dabei.

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Wider die digitale Vereinsamung

Die Schachkultur war in früheren Zeiten in vielen Ländern weit verbreitet. Man saß in Cafés zusammen, sprach über die Dinge der Welt und spielte Schach dabei. Manche akademische Karriere endete wegen des ständigen Aufenthalts in den Schachcafés allerdings frühzeitig und die Nobelpreise gingen später an andere. Wenn die Schachcafés mal geschlossen waren oder man rausgeflogen war, weil die Schachspieler immer zu laut spielten und zu wenig verzehrten, dann traf man sich halt privat, am besten in Gruppen.

Es wurde natürlich geblitzt. In der Gruppe konnte man kleine Turniere spielen oder die Züge der anderen von außen spöttisch kommentieren. Von außen sieht man bekanntlich immer mehr. Je länger der Abend dauerte, desto unberechenbarer und spannender wurden die Partien. Die kontinuierliche Aufnahme geistiger Getränke erhöhte den Spaß- aber auch den Zufallsfaktor. Turnierruhe gab es keine, dafür aber Slade oder anderes lautes Musikgedröhne. Von seinen grandiosen Kombinationen konnte man sich noch über Jahrzehnte an den Schach-Lagerfeuern erzählen. Freundschaften fürs Leben entstanden. 

Ja, und dann wurde das Internet erfunden. Dort kann man immer und überall blitzen. Und mit jedermann in der Welt. Das ist natürlich eine tolle Sache. Man muss zum Blitzen nicht mehr ins Schachcafé gehen und auch nicht zum Blitzturnier in den Klub... Das Schach wurde allerdings zu einer eher anonymen Angelegenheit. Man sieht den Internetgegner nicht, man weiß nicht, wo er lebt, man weiß nicht, wie er heißt. Die Namen sind anonym. Man kann auch nicht über die Partie sprechen. Keine Zeit, nächste Partie. Die Partien werden alle digital aufgezeichnet. Aber wer braucht das. Wo ist die Schachkultur?

Ein gereifter Hamburger Schachpublikator - er möchte nicht genannt werden - hatte nun eine schöne Idee. In Erinnerung an die guten alten Zeiten organisierte er ein privates Schachturnier, so wie einst.

Dazu lud er alle seine Schachfreunde ein, mit denen er sich von Jugend an auf seinem Lebensweg im Norden Deutschlands zum geselligen Blitzschach getroffen hatte. In Hamburg-Stellingen fand er eine passende Location für seinen Event. Die früher noch jungen Leute nahmen die Einladung gerne an. Fast 40 Schachfreunde kamen zusammen, darunter sogar ein paar, die das Leben ohne Internet und Handy schon nicht mehr kennengelernt haben. 

Da die Veranstaltung privat war, konnten die Bilder hier nur mit versteckter Kamera aufgenommen werden, immerhin. Die Spannung in den Partien wird greifbar.

Das Turnier stand unter dem Motto "Die 12 Stunden von Stellingen" - ein Blitzschachmarathon also, "From Dusk till Dawn", quasi. Am frühen Nachmittag ging es los, ganz klassisch: mit Vorrunden und Rutschsystem. Der Spieler, die Spielerin am Kopfende des Tisches schreibt auf und dreht das Brett. 

Ganz Retro war es dann aber doch nicht. Moderne digitale Blitzuhren erlaubten eine Zeiteinstellung von 3+2. Das gab es früher nicht, nur Analoguhren, auf denen beim Blitzen bisweilen ordentlich eingehämmert wurde, weil die Nippel oben klemmten. 

Musik gab es auch wieder. Auch Slade kam zu Ehren. Das Privatturnier war besser organisiert als manches offizielles Turnier. Zwischendurch gab es Pausen, Kuchen und später Suppen. Zur Erhaltung der Wachsamkeit, zumindest am Anfang, standen Kaffeekannen bereit. Nach Einbruch der Dunkelheit gingen die Partecipanten zu fröhlicheren Getränken über.

Das offizielle Turnierende war schon gegen elf Uhr erreicht, das angestrebte Marathonzeitziel aber noch nicht. Für die Preisträger hatte der geheimnisvolle Organisator aus dem eigenen Fundus würdige Preise zusammengestellt. Den Siegerpokal hatte er voller Vorfreude eigenhändig mit echter Goldfarbe bemalt.

Turniervorbereitung

Nach dem Ende des offiziellen Turniers gingen die Schachfreunde zum freien Blitzen über. Gegen ein Uhr war nur noch der harte Kern dabei, immerhin noch ein Viertel des anfänglichen Teilnehmerfeldes. Nun schlug einer vor, mit dem Rest noch ein richtiges Blitzturnier zu spielen. Und so geschah es. 

Zur Nachahmung empfohlen!


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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