"Ich muss versuchen, mein bestes Schach zu spielen" – Ein Interview mit Magnus Carlsen

von Johannes Fischer
25.10.2018 – Magnus Carlsen gilt als schwieriger, manchmal frustrierend einsilbiger Interviewpartner. Aber vor kurzem sprach er auf einem norwegischen Podcast eine Stunde lang sehr offen mit zwei guten Freunden. Der norwegische Social Media Guru Tarjei Svensen hat lange Passagen dieses Podcasts dankenswerterweise übersetzt und per Twitter veröffentlicht. Hier folgen die wichtigsten Passagen dieses Twitter-Threads auf deutsch. | Fotos: Alina l'Ami Players.Chessbase.com

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Erinnerungen

Zu Beginn des Interviews schwelgte Carlsen in Erinnerungen an die Zeit, als er auf dem Weg zum Großmeistertitel war. Seine drei GM-Normen holte der spätere Weltmeister im Frühjahr 2004 in nur vier Monaten, die letzte beim Open in Dubai 2004.

Ich holte den Titel früher als erwartet. Im Herbst 2003, da hatte ich etwa 2450 Elo, habe ich über Normen nachgedacht, aber bin nicht einmal in die Nähe einer Norm gekommen. Aber im Frühjahr 2004 kam der Durchbruch. Beim letzten Turnier in Dubai war ich in der Zone. Ich fühlte mich fast unbesiegbar, aber habe nicht wirklich geglaubt, dass ich Spieler mit 2600 besiegen könnte. Aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass sie gegen mich gewinnen.

Schnellschach

Sollte es im WM-Kampf gegen Caruana nach zwölf Partien 6-6 Unentschieden stehen, entscheidet ein Schnellschachstichkampf über den Titel. In einem solchen Stichkampf ist Carlsen klarer Favorit, denn er gilt als bester Schnellschach- und Blitzschachspieler der Welt.

Ich glaube, das hat viel mit dem Spielstil zu tun. Caruana spielt sehr konkret, aber beim Blitz- und Schnellschach hat man keine Zeit, viel zu rechnen. Es ist besser, wenn man einfacher spielt und seiner Intuition vertraut. Karjakin ist ein gutes Beispiel: jede Menge Erfahrung, solider Spielstil, gute Technik. Perfekt fürs Blitzen. Er hat auch im klassischen Schach viele Erfolge erzielt, aber seine Ergebnisse im Blitz sind noch besser als im klassischen Schach.

Konkurrenten, Freunde, Rivalen

Über den Chinesen Wei Yi, in dem viele einen kommenden Weltmeister sehen, sagte er:

Wei Yi hat ein paar Einladungen zu Spitzenturnieren erhalten, aber er war in den letzten Jahren nicht besonders erfolgreich. Dann bekommt man nicht mehr so viele Chancen. Man muss sie nutzen. Und wenn man nicht gegen die Besten spielen kann, dann entwickelt man sich anders. Wei Yi wird sich irgendwann unter den Top Ten etablieren, aber das kann länger dauern, als viele Leute erwartet haben. Was das für seine Karriere bedeutet, ist schwer zu sagen. Aber ideal ist es nicht, denn er will sich nicht in offenen Turnieren weiter entwickeln.

Insgesamt scheint sich Carlsen mit seinen Rivalen und Kollegen gut zu verstehen.

Ehrlich gesagt, gibt es eigentlich kaum Spieler, gegen die ich eine starke Abneigung habe. Eigentlich niemanden. Aronian ist derjenige, mit dem ich mich am besten verstehe, aber es ist schon vorgekommen, dass ich ihn während einer Partie hätte prügeln können! (lacht) Vor allem, wenn ich schlecht stehe. Dann rege ich mich leicht über Kleinigkeiten auf, und Aronian kann sich sehr aufreizend verhalten, wenn er dich überspielt hat und gut steht. Ich verbringe bei Turnieren auch relativ viel Zeit mit Maxime Vachier-Lagrave und Ian Nepomniachtchi. Aber auch Karjakin ist ein sehr netter Kerl, viele von ihnen sind das.

Fitness

Einmal mehr betonte Carlsen, wie wichtig körperliche Fitness für ihn ist. Carlsen ist Fußball- und Basketball-Fan und "bei Turnieren muss ich mindestens ein paar Mal Sport machen, damit mein Körper nicht völlig schlaff wird." Mit dieser Einstellung wurde er zum Vorbild für viele andere Spitzenspieler.

Immer mehr Spieler legen Wert darauf, gut in Form zu sein. Man sieht, wie Caruana im Tufteparken in Stavanger 20 Klimmzüge macht, wie Nakamura um den Stokkavanet See joggt und MVL 10 km auf dem Laufband zurücklegt. Das ist gut, denn so sind die Spieler professioneller und das Niveau steigt.

Der WM-Kampf Carlsen – Karjakin, New York 2016

Ausführlich äußerte sich Carlsen auch über den WM-Kampf 2016 gegen Karjakin in New York.

Sergey Karjakin und Magnus Carlsen beim WM-Kampf 2016 in New York | Foto: Der Spiegel

In der ersten und zweiten Partie ist nicht viel passiert, in der dritten hatte ich Gewinnchancen, in der vierten dann sogar noch größere Gewinnchancen. Dass ich nicht gewonnen habe, liegt an einer Kombination aus guter Verteidigung von Karjakin und dem Umstand, dass ich im wichtigsten Moment der Partie unkonzentriert war, was nach so viel Vorbereitung ein Skandal ist.

Doch die ersten vier Partien hätten ihm keine großen Sorgen bereitet, aber dann folgten wieder einige Remispartien, und die hätten ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. "Langweilige Remispartien erschöpfen einen mental, denn man kommt gar nicht dazu, Schach zu spielen." Doch dann verlor Carlsen die achte Partie.

Ich hatte nie Angst, dass ich diese Partie verlieren könnte. Doch dann bin ich zu weit gegangen. Plötzlich habe ich erkannt, dass ich tatsächlich verlieren kann und war wie erstarrt.

Ich war nicht darauf eingestellt, dass ich in in Verlustgefahr geraten könnte, denn in allen vorherigen Partien hatte ich nie Probleme. Entweder haben wir schnell Remis gemacht oder ich habe ihn unter Druck gesetzt. Nach der 8. Partie war ich ziemlich fertig.

 

Dann fing ich an, mir zu überlegen, was ich tue, wenn ich den Titel verliere. Wie kann ich ohne Weltmeistertitel bei einem Turnier erscheinen? Am schlimmsten war der Gedanke, dass Karjakin den Titel bekommen würde, ich wusste fast nicht, wie ich damit leben sollte.

Am Ende hielt Carlsen den Wettkampf Unentschieden und verteidigte seinen Titel im Tiebreak. Entscheidend für den Wettkampf war dabei Carlsens Sieg in der zehnten Partie, in der Karjakin die Möglichkeit zu einem Remis verpasste.

 

Nach der zehnten Partie habe ich mir keine Sorgen mehr gemacht. Denn ich war wieder im Match und konnte mit Schwarz solide spielen. In der elften Partie kam ich mit Schwarz problemlos zu einem Remis. Dann habe ich meinen Jungs gesagt, dass die 12. Partie keine richtige Partie sein würde (lacht). Ich habe meinem Sekundanten Peter Heine Nielsen gesagt, er soll keine Zeit mit der Vorbereitung auf diese Partie verschwenden, denn sie würde schnell mit Remis enden, und stattdessen sollten wir uns auf den Tiebreak konzentrieren.

Plötzlich hatte Karjakin etwas zu verlieren. Ich glaube, er ging in den WM-Kampf ohne wirklich daran zu glauben, dass er gewinnen könnte, aber er wollte zumindest sein Bestes geben. Es muss schwer für ihn gewesen zu sein, sich auf die neue Situation einzustellen: er hatte seinen Vorsprung eingebüßt und ich war von den Toten auferstanden. Psychologisch gesehen war die Situation viel besser für mich.

Caruana und der WM-Kampf 2018

Auch über Caruana und den WM-Kampf in London, der am 9. November beginnt, sprach Carlsen ausführlich und offen.

Caruana ist ein ruhiger und ziemlich unkomplizierter Typ, ein netter Kerl. Sein Spielstil ist sehr konkret. Er rechnet sehr, sehr genau und tief. Er ist gut vorbereitet. Und er liebt das Zentrum! Caruana opfert oft Bauern, gestattet seinem Gegner Freibauern und lässt Angriffe gegen seinen König zu, um die Kontrolle über das Zentrum zu bekommen. Was die Schachauffassung betrifft, so ist das meiner Einschätzung nach unser größter Unterschied.

Fabiano Caruana beim Kandidatenturnier 2018 in Berlin | Foto: World Chess

Carlsen und Caruana haben im Laufe ihrer Karriere schon oft gegeneinander gespielt und Carlsen war insgesamt erfolgreicher. Laut FIDE-Statistik hat Carlsen seit 2007 19 Mal gewonnen und 10 Mal verloren, 21 Partien endeten mit Remis.

Meine letzten Partien gegen ihn liefen gut. Es ist schon eine Weile her, seit ich gegen ihn in Verlustgefahr gewesen bin. Aber ein WM-Kampf ist immer schwer. Er hat in letzter Zeit gut gespielt, aber nicht gegen mich. Ich habe in letzter Zeit nicht gut gespielt, aber gegen ihn lief es gut. Wer weiß? In jedem Fall werde ich wacher und aufmerksamer sein, als ich es in letzter Zeit war.

Carlsen räumte ein, dass Caruana der schwerste der möglichen Gegner ist.

Er ist die Nummer zwei der Welt, und kein anderer Gegner ist schwerer. Er ist nicht derjenige, der am schwersten zu schlagen ist, denn er geht Risiken ein, aber neben Aronian ist Caruana der Spieler, der mich am häufigsten überspielt hat.

Vorbereitung

Carlsen zeigte sich sehr zufrieden mit der Arbeit, die sein Team bei der Vorbereitung auf den WM-Kampf gegen Karjakin 2016 in New York geleistet hatte.

Ich glaube, das wird auch dieses Mal so sein, aber der Fokus wird darauf liegen, die Mittelspielbehandlung, die ich in letzter Zeit gezeigt habe, zu verbessern. Die Eröffnungen sind wichtig, aber ich glaube, da gibt es im Vergleich zu 2016 nicht viel Unterschiede, denn da lief das gut.

Carlsen bestätigte auch, dass er zur Entspannung eine alte Tradition pflegen und den Film "Get Ready To Be Boyzvoiced" während des Wettkampfs mindestens einmal anschauen würde.

Am Ende des Interviews verriet Carlsen noch, wer sein Lieblingsspieler ist: Alexander Aljechin.

Er hat eine Art modernes Schach gespielt, das phantastisch war. Sein positionelles Verständnis war seiner Zeit voraus und er hatte ein Gefühl für Dynamik, bei dem er besonders gut darin war, in Vorteil zu kommen, indem er aggressiv spielte.

Alexander Aljechin, Schachweltmeister von 1927 bis 1946

Auf die Frage, wie er sich fühlen würde, wenn er den WM-Titel an Caruana verlieren würde, meinte Carlsen:

Über diese Frage denke ich nicht allzu viel nach. Ich muss versuchen, mein bestes Schach zu spielen und überall so gut vorbereitet zu sein, wie es geht.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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