Internationales Turnier Nürnberg 1896: Tarraschs Glückstabelle

von Johannes Fischer
27.04.2018 – „Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!“ sagen Statistiker gerne. Tabellen von Schachturnieren stellen diese Statistiker vor Probleme. Die Ergebnisse stehen fest, fälschen lässt sich da nur wenig. Aber natürlich kann man darüber diskutieren, wie diese Ergebnisse zustande gekommen sind, gerne auch mit einer zweiten Tabelle. Wie das funktioniert, zeigte Dr. Siegbert Tarrasch in seinem Turnierbuch über das Internationale Schachturnier in Nürnberg 1896. (Foto: Dr. Siegbert Tarrasch)

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Nürnberg 1896: Das Turnier

Nürnberg 1896 war eines der bedeutendsten Turniere der damaligen Zeit. 19 Teilnehmer gingen an den Start, darunter Weltmeister Emanuel Lasker, Ex-Weltmeister Wilhelm Steinitz und Weltklassespieler wie Harry Nelson Pillsbury, Mihail Chigorin, Geza Maroczy und nicht zuletzt Dr. Tarrasch, vor dem Aufstieg Laskers lange Zeit der beste Spieler Deutschlands.

Die Turnierteilnehmer

Stehend, v.l.: Lasker, Charousek, Schlechter, zwei Organisatoren, Janowsky, Maróczy, Marco, Showalter, drei Organisatoren. 
Sitzend, v.l.: Albin, Porges, Tschigorin, Tarrasch, Winawer, Steinitz, Blackburne, Schallopp, Schiffers, Pillsbury, Walbrodt, Teichmann.

Tarraschs Verein, der die Veranstaltung organisierte, hatte einen günstigen Zeitpunkt für die Austragung des Turniers gefunden: Die Stadt Nürnberg erlebte nach langen Zeiten der Krise wieder einen wirtschaftlichen Aufschwung. So heißt es in dem Turnierbuch des Nürnberger Turniers selbstbewusst:

Den Anlaß zu diesem Turnier gab die im Sommer 1896 in Nürnberg veranstaltete bayerische Landesausstellung. Der Schachclub beschloß, gelegentlich der Ausstellung ein großes Schachturnier zu veranstalten, und bald ging das Finanz-Comité an das in Nürnberg nicht so schwierige Werk der Geldbeschaffung.“ (Siegbert Tarrasch und Christoph Schröder, Das internationale Schachturnier des Schachclubs Nürnberg im Juli-August 1896, Edition Olms Zürich 1982, Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1897, S. V)

Tatsächlich war die Landesausstellung ein Großerereignis. Die Webseite nuernberginfos schreibt:

Die zweite Bayerische Landes-Gewerbe-, Industrie- und Kunstausstellung in [Nürnberg] fand vom 14.05. bis 15.10.1896 statt. Der Ausstellungsbereich musste auf 200.000 qm ausgedehnt werden um den 3.300 Ausstellern genügend Fläche bieten zu können. Bei dieser Schau fuhr die Straßenbahn bereits elektrisch. Allerdings blieb das Interesse hinter den Erwartungen zurück. Nur 1,8 Millionen Besucher wurden gezählt. Für die ausstellenden Firmen war es ein Erfolg. Es wurden über 9.000 Abschlüsse mit einen Gesamtwert von zwei Millionen Mark getätigt. Weitere 9.000 Nachabschlüsse mit einem Volumen von 1,5 Millionen Mark kamen hinzu. Ein positiver Aspekt, die gärtnerischen Anlagen dieser Landesausstellung blieben den Nürnberger Bürgern als Stadtpark erhalten.

Das Turnier selbst wurde mitten in der Stadt gespielt, in den Räumen der Gesellschaft Museum, in der Königstraße 1.

Das Haus der Gesellschaft Museum,  Königstrasse 1 (Foto: Gesellschaft Museum)

Das Turnier war gut dotiert und stark besetzt. Aber nicht alles verlief reibungslos. So vermerkt das Turnierbuch:

Nicht geringe Mühe verursachte die Korrespondenz mit der Presse. Das Comité war entschlossen, die Partien den Zeitungen zur Veröffentlichung nur gegen Bezahlung zu überlassen. Hierdurch wurden mehr als 1000 Mark eingenommen. (Turnierbuch, S. IX)

Auch bei der Auslosung ging das Comité eigene Wege. Zu Beginn des Turniers wurden alle Runden ausgelost, aber „diese Runden wurden nicht der Reihe nach gespielt, sondern jeden Morgen ½ Stunden vor Beginn des Turniers wurde die an diesem Tag zu spielende Runde ausgelost und alsdann bekannt gemacht“. Was sich die Organisatoren von dieser Form der Auslösung versprochen haben, wird nicht erwähnt.

Am Ende des Turniers, nach 19 Runden, hatte sich der Favorit, Weltmeister Emanuel Lasker, durchgesetzt. Er gewann das Turnier mit 13,5 Punkten aus 18 Partien, Platz zwei ging an Geza Maroczy, Platz drei teilten sich Pillsbury und Tarrasch.

Schlussstand nach 19 Runden

Rg. Name 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Pkt.
1 Emanuel Lasker   ½ 1 0 0 1 ½ ½ 1 1 1 0 1 1 1 1 1 1 1 13.5 / 18
2 Geza Maroczy ½   ½ 1 1 0 ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ 1 1 1 1 1 ½ 12.5 / 18
3 Siegbert Tarrasch 0 ½   0 1 1 ½ ½ 1 1 0 1 1 1 1 ½ ½ ½ 1 12.0 / 18
4 Harry Nelson Pillsbury 1 0 1   ½ 1 ½ 0 1 0 0 ½ 1 1 1 1 ½ 1 1 12.0 / 18
5 Dawid Markelowicz Janowski 1 0 0 ½   1 1 1 0 1 ½ 0 1 ½ 1 0 1 1 1 11.5 / 18
6 William Steinitz 0 1 0 0 0   1 ½ 1 ½ 1 1 1 0 0 1 1 1 1 11.0 / 18
7 Carl Schlechter ½ ½ ½ ½ 0 0   ½ 1 ½ ½ ½ ½ 1 1 ½ ½ 1 1 10.5 / 18
8 Carl August Walbrodt ½ ½ ½ 1 0 ½ ½   1 ½ 0 0 ½ 1 1 1 1 1 0 10.5 / 18
9 Mikhail Ivanovich Chigorin 0 ½ 0 0 1 0 0 0   ½ 1 1 ½ 1 1 0 1 1 1 9.5 / 18
10 Emanuel Stepanovich Schiffers 0 ½ 0 1 0 ½ ½ ½ ½   0 ½ ½ 1 ½ 1 ½ 1 1 9.5 / 18
11 Joseph Henry Blackburne 0 ½ 1 1 ½ 0 ½ 1 0 1   0 0 0 1 1 0 1 ½ 9.0 / 18
12 Rudolf Rezso Charousek 1 0 0 ½ 1 0 ½ 1 0 ½ 1   ½ 0 ½ 1 1 0 0 8.5 / 18
13 Georg Marco 0 ½ 0 0 0 0 ½ ½ ½ ½ 1 ½   ½ 1 ½ ½ 1 ½ 8.0 / 18
14 Adolf Albin 0 0 0 0 ½ 1 0 0 0 0 1 1 ½   0 ½ ½ 1 1 7.0 / 18
15 Szymon Winawer 0 0 0 0 0 1 0 0 0 ½ 0 ½ 0 1   1 1 1 ½ 6.5 / 18
16 Jackson Whipps Showalter 0 0 ½ 0 1 0 ½ 0 1 0 0 0 ½ ½ 0   ½ 0 1 5.5 / 18
17 Moritz Porges 0 0 ½ ½ 0 0 ½ 0 0 ½ 1 0 ½ ½ 0 ½   0 1 5.5 / 18
18 Emil Schallopp 0 0 ½ 0 0 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0 1 1   1 4.5 / 18
19 Richard Teichmann 0 ½ 0 0 0 0 0 1 0 0 ½ 1 ½ 0 ½ 0 0 0   4.0 / 18

Mit diesem Ergebnis war Tarrasch offensichtlich unzufrieden. So stellt er im Turnierbuch Überlegungen an, um das Ergebnis der Turniertabelle zu relativieren. Beim Philosophieren über die Formschwäche einiger Teilnehmer kommt er zu der wenig originellen Erkenntnis, dass dies „einen nicht unwesentlichen Einfluß auf den Ausgang des Turniers“ ausgeübt hat, um dann ins Spekulieren zu verfallen: „Es ist interessant, die Preisträgerliste zu betrachten, wie sie ausgefallen wäre, falls zufällig Schallopp, Showalter, Porges, Teichmann und Winawer nicht mitgespielt hätten.“

Interessant an dieser Überlegung ist vor allem, warum Tarrasch auf sie verfällt. Ein Blick auf die Tabelle verrät die Antwort: Tarrasch hat gegen die fünf von ihm genannten Spieler 3,5 aus 5 erzielt, Turniersieger Lasker jedoch 5 aus 5. Streicht man die Ergebnisse dieser fünf Spieler aus der Tabelle, so liegen Tarrasch und Lasker plötzlich gleichauf und teilen sich mit 8,5 aus 13 die Plätze eins und zwei.

Doch das reicht Tarrasch nicht, um das Turnierergebnis zu relativieren, und so bringt er das Glück ins Spiel:

Auch das Glück spielt ja in Schachturnieren eine gewisse Rolle, und ich habe mich seit langer Zeit daran gewöhnt, jedes Schachturnier auf den Einfluß des Glücksfaktors zahlenmäßig zu untersuchen. Unter Glück verstehe ich hierbei lediglich die Rettung aus einer verlorenen Stellung. Denn wenn ich eine verlorene Stellung habe, so kann ich noch so gut spielen, – sowie mein Gegner die richtigen Züge macht, bin ich verloren. Deshalb muß ein für mich glücklicher Zufall eintreten, wenn ich eine verlorene Stellung retten soll.“ (Turnierbuch, S.292-293)

Das klingt logisch, ist es aber nicht, denn je besser ein Spieler ist, desto mehr Punkte wird er auch aus „verlorenen“ Stellungen holen. Das ist jedoch kein Zufall, sondern Spielstärke.

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Dann geht Tarrasch noch einen Schritt weiter und verrät den geneigten Lesern mit Hilfe einer Tabelle „den Einfluß des Glücksfaktors in diesem Turnier“. Und kommt zu dem Schluss, dass Turniersieger Lasker das meiste Glück gehabt hat.

Tarraschs Glückstabelle

Glück haben gehabt In den Partien gegen Zahl der geretteten Partien Zahl der durch Glück errungenen Punkte
Lasker Albin, Schallopp, Schiffers, Showalter, Tschigorin 5 5
Maróczy Blackburne, Teichmann 2 1
Pillsbury Albin, Charousek, Janowski, Dr. Tarrasch 4 4
Dr. Tarrasch Porges, Showalter 2 1

Die vollständige „Glückstabelle“ findet man im Turnierbuch auf Seite 293.

Natürlich sind Betrachtungen darüber, wer in einem Turnier angeblich wie viel Glück gehabt hat, müßig. Dennoch lohnt ein Blick auf die von Tarrasch genannten fünf Partien Laskers, die der Weltmeister, wenn es nach Tarraschs Glückstabelle gehen würde, eigentlich alle hätte verlieren sollen.

Bemerkenswerterweise hatte Lasker in allen fünf dieser Partien Weiß.

E. Lasker - A. Albin

 

In dieser Partie hatte Lasker tatsächlich Glück – wäre Albin taktisch auf der Höhe gewesen, hätte Lasker die Partie verloren.

E. Lasker - E. Schallopp

 

Auch in dieser Partie hatte Lasker Glück. Seine miserable Eröffnungsbehandlung hätte leicht ins Auge gehen können.

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E. Lasker - E. Schiffers

 

Eine bemerkenswerte Partie: In einer ungewöhnlichen Eröffnung verpasst Lasker die Möglichkeit, früh in Vorteil zu kommen (11.Sh4) und opfert wenig später zwei Bauern, um die Schwächen der schwarzen Stellung auszunutzen. Objektiv gesehen reicht diese Kompensation vielleicht nicht, aber in schwieriger Lage findet Schwarz nicht die richtige Verteidigung. Bemerkenswert ist, wie Lasker im Endspiel trotz materiellem Nachteil mit nur wenigen Figuren auf dem Brett auf Gewinn spielt.

Aber zu behaupten, Lasker hätte diese Partie nur mit „Glück“ gewonnen, ist dann doch etwas einseitig.

E. Lasker - J.W. Showalter

 

Lasker holt aus der Eröffnung nichts heraus und Schwarz übernimmt die Initiative. Aber ein klarer Weg zum Gewinn ist für Schwarz nicht zu sehen gewesen. Schwarz verliert die Partie, die eigentlich Remis hätte ausgehen sollen, weil er einen Konter übersieht.

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E. Lasker - Tschigorin

 

Eine weitere faszinierende Kampfpartie. Nachdem Schwarz Ausgleich erzielt hat, spielt Lasker riskant auf Gewinn, aber hält die Partie dabei stets innerhalb der Remisbreite. In schwieriger Stellung übersieht Schwarz eine paradoxe taktische Möglichkeit und driftet in eine Verluststellung.

Diese Partien zeigen weniger, dass Lasker in diesem Turnier mit Fortuna im Bunde war, sondern sie zeigen, dass Lasker seine Partien im Nürnberger Turnier 1896 scharf und zweischneidig angelegt hat. Er hat das Risiko gesucht und wurde dafür belohnt – das zeigt sich auch in seiner Bilanz von 12 Siegen, 3 Niederlagen und 3 Remis.

Dieser scharfe Stil machte sich vor allem gegen Spieler der unteren Tabellenhälfte bezahlt: gegen die Spieler auf den Plätzen 9 bis 19 holte Lasker 10 aus 11, gegen die Spieler auf den Plätzen 2 bis 8 nur 3,5 aus 7.

So ist es vielleicht auch kein Zufall, dass Lasker auch an der Partie beteiligt war, die den Schönheitspreis gewann – da allerdings wurde er von Pillsbury taktisch überrannt.

 

Doch ganz gewiss kein Glück hatte Lasker in der Partie gegen Dr. Tarrasch, die in der 18. Runde gespielt wurde. Tarrasch schreibt über diese Partie:

Lasker konnte immerhin noch von Dr. Tarrasch eingeholt und sogar überholt werden, und deshalb war die Partie zwischen diesen beiden Spielern von größter Wichtigkeit. Lasker eröffnete spanisch, spielte sehr vorsichtig, tauschte, was zu tauschen war und spielte offenbar auf Remis. Durch einen ungünstigen Abtausch gab ihm sein Gegner Gelegenheit, in Vorteil zu kommen, und von da an nutzte Lasker seine Chancen in feinster Weise aus. (S.265)

Tatsächlich machte Tarrasch den „ungünstigen Abtausch“ bereits im neunten Zug, das heißt, man könnte auch sagen, dass Tarrasch nach neun Zügen bereits strategisch klar schlechter stand.

 

Eine bittere Niederlage für Tarrasch und ein verdienter Sieg für Lasker – der damit auch das Turnier gewann. Verdient – trotz aller Philosophien über das Glück.

Siehe auch

 




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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