Interview mit Christopher Lutz, 3.Teil

04.07.2005 – Im dritten und letzten Teil des Interviews, das Conrad Schormann mit Christopher Lutz geführt hat, gibt der deutsche Großmeister Einblicke in die Gedächtnisleistungen und Arbeitsweisen von Großmeistern. Außerdem äußert er sich zum Phänomen der vielen kurzen Remisen auf Turnieren wie Linares und spricht über deren Ursachen. Schließlich gibt er sein Urteil über die gegenwärtige Situation in Bezug auf die Weltmeisterschaft ab und kommentiert den Rückzug von Kasparov. Interview mit Christopher Lutz...

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Interview mit Christopher Lutz, 3.Teil
Von Conrad Schormann

Teil 1...
Teil 2...

Schadet es der Entwicklung eines Schachspielers, der Engine zuzuschauen, statt zu denken?

Computer beeinflussen wesentlich die Entwicklung und das Denken jüngerer Spieler. Viele setzen sich ans Brett und rechnen einfach, mit dem Verständnis ist es nicht so weit her. Ich kenne Großmeister, die Stellungen für gut halten, weil der Computer sie für gut hält, obwohl das nicht stimmt. Die meisten Schachprofis arbeiten fast ausschließlich mit Computern. Auch ich trainiere selten mit Brett und Figuren. Computer beeinflussen das Schach, bringen es aber auch weiter. Wir wissen jetzt, dass viel mehr Stellungen spielbar sind, als man früher dachte.


Du hast vorhin gesagt, dir hätten zu Beginn die schachlichen Grundlagen gefehlt. Wo bleiben die Grundlagen heute? Verdrängen die Computer die klassische Ausbildung?


Bernd Vöckler, Nachwuchstrainer des Deutschen Schachbunds, hat mir mal berichtet, wie sich bei Jugend-Weltmeisterschaften oder ähnlichen Turnieren die Spieler auf ihre Gegner vorbereiten. Drei Analyseengines laufen gleichzeitig, und es geht vor allem darum, sie zu bedienen, und nicht, über die Stellung nachzudenken. Langfristig ist das nicht förderlich für die schachliche Entwicklung. Peter Leko hat einen gewaltigen Leistungssprung gemacht, nachdem er entschieden hatte, bei der Analyse nicht ständig ein Schachprogramm rechnen zu lassen, sondern erst selbst zu schauen, was Sache ist in dieser oder jener Stellung. Ich glaube, die Bedeutung der Computer für das eigene Schach wird überschätzt. Beim Training sollte man sie eher außen vor lassen.

Die Engines sind eine Seite, Datenbanken die andere. Die Eröffnungstheorie wächst und wuchert. Du hast wahrscheinlich ein fantastisches Gedächtnis...

(lacht)

...zumindest ein fantastisches Gedächtnis für Schachvarianten. Aber kann man sich als Profi noch alles merken, was man wissen müsste?

Ich kanns nicht mehr. Beim Punkt Eröffnungswissen weiß ich auch nicht genau, wo ich ansetzen soll. Auf absolutem Topniveau, Elo 2.700 und drüber, ist es wahrscheinlich extrem wichtig, all die Varianten zu memorieren. Aber schon auf dem Niveau darunter, ab 2.600, wird das wahrscheinlich überschätzt. Die Eröffnungsvorbereitung kommt extrem selten aufs Brett. Ich frage mich selbst, ob ich in jeder Variante das Aktuellste und Beste spielen soll, oder ob es sinnvoller ist, Varianten zu spielen, die vom theoretischen Standpunkt aus nicht optimal sind, die ich aber sehr gut kenne. Manche spielen sehr viele Varianten und können zwangsläufig nicht alles besonders tief kennen. Andere spielen wenige Systeme, die sie in- und auswendig kennen.

Vassili Iwantschuk spielt alles. Wie macht der das?

Iwantschuk ist auch unter den Top-Spielern ein Phänomen. Kramnik, der sein eigenes Gedächtnis nicht so toll einschätzt, meinte mal, dass Iwantschuk wahrscheinlich das beste Gedächtnis von allen hat. Aber letztendlich haben alle Schwierigkeiten, sich die Varianten zu merken. Darum geht der Trend dahin, Systeme zu spielen, in denen es mehr auf allgemeine Ideen ankommt. Marshall oder Anti-Marshall zum Beispiel sind deswegen populär.

Ist aus Sicht von Topspielern die Zahl der Eröffnungen, mit denen sich mit Weiß was reißen lässt, tatsächlich so sehr geschrumpft?

Im Prinzip ist es nunmal leichter, mit Schwarz auszugleichen, weil Schach Remis ist. Behaupte ich. Mit Weiß ist es unendlich viel mehr Arbeit, und es gibt wenige Bereiche, in denen Weiß auf Vorteil hoffen kann. Diese Marshall-Anti-Marshall-Geschichte zum Beispiel, oder gegen Sweschnikow, wo eigentlich niemand so genau weiß, was man spielen soll. Natürlich tauchen immer mal wieder neue Ideen auf, aber die werden meist schnell entkräftet.

Was hältst du vom Ansatz eines Spielers wie Alexander Morosewitsch, der abseits gängiger Theorie spielt und dann hofft, die Komplikationen besser zu durchschauen?

Morosewitsch ist sicher einer der originellsten Spieler in der Weltspitze, der seine eigenen Wege geht. Manchmal geht das natürlich schief. Die prinzipielle Strategie ist schon, sich auf gängigen Pfaden zu bewegen. Wenn es dann gelingt, im 25. Zug eine Neuerung zu platzieren, hat man gewonnen, wenn nicht, wird die Partie Remis.

Für die Zuschauer ist das nicht besonders aufregend.

Das ist ein Problem, wenn nach der Eröffnungstheorie die Stellung ausgeglichen ist und Remis vereinbart wird. Aber der momentane Trend.

Droht der Remistod?

Denke ich nicht. Wenn die Spieler nicht Remis vereinbaren dürfen, kommen interessante Partien zustande. Das hat jetzt das Turnier in Sofia gezeigt. Das Problem ist ja nicht, dass Partien Remis enden...

...sondern, dass nicht gekämpft wird.

Genau. Wenn nach 70 Zügen Remis gemacht wird, beschwert sich niemand. Insofern war das Turnier in Sofia ein interessantes Experiment. Vielleicht wären ein paar mehr Ruhetage sinnvoll gewesen, weil am Schluss die Zahl der Fehler und Einsteller gestiegen ist. Kramnik hat im Verlauf des Turniers mehrmals was eingestellt. Aber der Kampfgeist hängt auch vom Turnier ab. In Wijk an Zee haben sich die Spieler in den vergangenen Jahren eigentlich immer kampfesmutig präsentiert. Natürlich hat mancher mal ein kurzes Remis eingestreut, aber es gab immer viele umkämpfte Partien. In Linares ist das anders. Da werden jeden Tag drei Partien gespielt, zwei davon sind sowieso schnell Remis. Linares ist Inzucht: Vier, fünf Spieler plus Schirow und Vallejo, und keiner will was riskieren aus Angst, beim nächsten Mal nicht eingeladen zu werden. Deswegen war Linares zuletzt nicht besonders interessant. Wijk, mit 14 Spielern, ist spannender.

Also ist nicht das Schach Schuld am Remisproblem, sondern die Spieler?

Naja, die Linares-Teilnehmer sind meist auch in Wijk dabei. Es hängt mehr vom Umfeld ab.

Und die Turnierform? Wenige Spieler doppelrundig ist keine Lösung, oder?

Das sehe ich auch so. In Dortmund letztes Jahr gabs zwar das K.o.-System, aber das hat nur zu mehr Schnellschach-Tiebreaks geführt. Die regulären Partien hat das K.o.-System nicht interessanter gemacht. Im Gegenteil. Niemand wollte in den klassischen Partien etwas riskieren. Viele Spieler machen ein Turnier interessanter, auch Lokalmatadore, die etwas schwächer sind.

Was sagst du zum Rücktritt von Gary Kasparow?

In den vergangenen zwei Jahren hat Kasparow nicht so überzeugend gespielt. Da waren einige schwächere Resultate bis jetzt zur Russischen Meisterschaft und Linares, die er gewonnen hat. Es war zwar nicht seine Schuld, dass er einige Turniere nicht gespielt hat (weil er sich auf Matches vorbereitete, die nicht stattfanden, d. Red.), aber aus meiner Sicht war er in den vergangenen zwei Jahren nicht so präsent. Hätte er vor zwei oder drei Jahren aufgehört, wäre er noch der absolut beste Spieler gewesen. 2004 zum Beispiel war Anand der Beste, deswegen hinterlässt Kasparows Rücktritt keine so große Lücke.

Nach der Russischen Meisterschaft und Linares war der Tenor, Kasparow zeigts nochmal allen.

Aber bis dahin? Kasparow hatte einige schwächere Ergebnisse, und vor allem hat er sehr wenig gespielt, auch weil sein FIDE-WM-Kampf in der Luft hing. Okay, am Schluss hat er es nochmal allen gezeigt. Natürlich ist sein Rücktritt auch ein Verlust. 10, 15 Jahre war Kasparow klar die Nummer eins. Ich sehe keinen, der das Schach wieder so dominieren könnte, der eine Klasse besser ist als die anderen. Anand oder Topalow sind eher die Besten unter Gleichen.

Sollte einer über den anderen thronen?

Zumindest gibt das den Medien eine Identifikationsfigur. Beim Golf war Tiger Woods einige Zeit klar besser als alle anderen, und ähnlich wars beim Schach, wo Kasparow auch durch seine Art einige nicht besonders schachorientierte Medien angezogen hat. Aus Sicht der Schachspieler hat er natürlich Eigenheiten, die nicht so angenehm sind.

Wirkt sich Kasparows Rücktritt auf die Vereinigung des Weltmeistertitels aus?

Die wird jetzt wahrscheinlich einfacher. Aus drei Parteien - FIDE, Kasparow, Kramnik - sind zwei geworden. Das erhöht die Chancen, sich zu einigen.

Die FIDE-WM in Argentinien hat Kramnik abgesagt. Er würde hinterher gegen den Sieger spielen, aber das will der Weltverband FIDE verhindern. Glaubst du an eine Vereinigung?

Die FIDE hat schon viel angekündigt, was nicht zustande kam, speziell die Wettkämpfe Kasparow-Ponomarjow und Kasparow-Kasimdschanow. Sollte das Turnier in Argentinien stattfinden, hätten sie eine gewisse Legitimation und könnten schauen, ob und wie sie sich mit Kramnik einigt. Kramniks Position ist auch nicht ideal. Er hat zwar seinen Titel verteidigt, aber ansonsten eher mäßig gespielt. Die FIDE plant ja einen neuen WM-Zyklus mit weiteren Turnieren. Wenn eines davon ausfiele, hätte sie ein neues Problem, zumal das Geld für ihre Weltmeisterschaften bisher von Iljumschinow oder Gaddafi kam. Das war auch nicht ideal. Wie die Strukturen der FIDE: Einige der höchsten Funktionäre sind nicht gerade vertrauenswürdig.
Erstmal hängt viel davon ab, ob das Turnier in Argentinien stattfindet. Zuletzt gab es ja Zeichen, dass der Weltverband wieder bereit ist, auf die Spieler zuzugehen, zum Beispiel in der Bedenkzeitfrage. Auf jeden Fall wäre es gut, gäbe es eine Einigung. Der Öffentlichkeit sind und waren mehrere Weltmeister nicht zu vermitteln. Als Kramnik Weltmeister war und Ponomarjow eigentlich auch, aber Kasparow der beste Spieler der Welt, das konnte man keinem Außenstehenden erklären.
Jetzt müssen wir abwarten, was in Argentinien passiert. Wenn dieses Turnier auch nicht stattfindet, hat die FIDE vielleicht endgültig ihren Kredit verspielt.

Seien wir gespannt. Vielen Dank für das Gespräch.

 
 


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