Keres gewinnt das AVRO Turnier!

von Johannes Fischer
16.06.2020 – Vor der 14. und letzten Runde des AVRO Turniers teilten sich Paul Keres und Reuben Fine mit je 8.0/13 Platz eins. Und wie der Zufall es wollte, mussten sie erst in der Schlussrunde gegeneinander spielen, und so entschied ihr direktes Duell über den Turniersieg. Doch wirkliche Spannung kam in der Partie nicht auf: sie endete nach nur 19 Zügen mit Remis und damit war Keres Sieger nach Wertung. Nach diesem herausragenden Erfolg kann sich der 22-jährige Este Hoffnungen auf einen Weltmeisterschaftskampf gegen Alexander Aljechin machen. | Foto: Valter Heuer (Archiv)

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Generationswechsel

Keres spielte mit Weiß gegen Fine und wusste, dass er mit einem Remis den größten Erfolg seiner noch jungen Laufbahn erzielen würde. Denn Keres hatte die bessere Sonneborn-Berger Wertung als Fine und hatte den Amerikaner auch in ihrer direkten Begegnung in der siebten Runde besiegt.

Die Partie selbst verlief dann allerdings undramatisch. Fine gelang es nicht, Keres vor Probleme zu stellen und in einem Offenen Spanier verflachte die Stellung so schnell, dass Fine im 19. Zug Remis anbot und sich mit dem zweiten Platz im Turnier zufriedengab.

 

Keres und Fine kämpfen um den Turniersieg

Im Kampf um Platz drei trafen Weltmeister Alexander Aljechin und Mikhail Botvinnik aufeinander. Vor der Runde lag Aljechin mit 6½/13 einen halben Punkt hinter Botvinnik, der mit 7.0/13 alleiniger Dritter war. Mit einem Sieg wäre Aljechin also an Botvinnik vorbeigezogen und hätte sich den dritten Platz gesichert.

So spielte Aljechin von Beginn an auf Angriff und entwickelte auch eine starke Initiative. Doch Botvinnik konnte alle Angriffsversuche parieren und so endete die Partie schließlich mit Remis und Botvinnik wurde Dritter.

 

Zum dritten Remis der Runde kam es in der Partie zwischen Salo Flohr und Samuel Reshevsky – hier jedoch schienen beide Seiten mit einem halben Punkt zufrieden zu sein.

 

Der einzige Sieg der Runde gelang Max Euwe. Er gewann gegen den indisponierten Ex-Weltmeister José Raúl Capablanca und kam so nach einer enttäuschenden Leistung in der ersten Hälfte des Turniers in der zweiten Turnierhälfte auf 5.0 Punkte aus 7 Partien und war damit "Gewinner" der Rückrunde.

 

Ergebnisse der 14. Runde

P. Keres ½-½ R. Fine
A. Alekhine ½-½ Botvinnik
S. Flohr ½-½ S. Reshevsky
M. Euwe 1-0 J.R. Capablanca

Schlussstand des AVRO Turniers 1938

 

Alle Partien

 

Fazit

Beim AVRO Turnier 1938 gingen die acht besten Spieler der Welt an den Start, und wenn man sich den Schlussstand anschaut, dann scheint es, als ob in der Schachwelt ein Generationswechsel ansteht: gewonnen hat Paul Keres, der mit 22 Jahren jüngste Teilnehmer des AVRO Turniers. Platz zwei ging an den 24-jährigen Reuben Fine, den zweitjüngsten Teilnehmer, Platz drei an Mikhail Botvinnik, den mit 27 Jahren der viertjüngsten Spieler im  Feld.

Keres lieferte eine souveräne Vorstellung und blieb als einziger Spieler im Feld ungeschlagen. Zu Beginn seiner Laufbahn beeindruckte Keres mit brillanten Opferpartien, aber beim AVRO Turnier erwies er sich als universeller Spieler, der durchaus das Zeug zum Weltmeister hat.

In der ersten Hälfte des Turniers dominierte Fine und dabei gelangen ihm eine ganze Reihe beeindruckender Partien. Doch in der zweiten Hälfte des Turniers lief bei ihm nur noch wenig zusammen und so musste er am Ende mit dem zweiten Platz vorlieb nehmen.

Fine hat sich eine Zeit lang als Schachprofi versucht und in dieser Zeit in Europa und den USA zahlreiche Turniere gespielt, aber schon vor dem AVRO Turnier hat er sich dann doch für eine Laufbahn als Psychologe in den USA entschieden – und es fällt schwer zu glauben, dass er diesen Entschluss trotz seines guten Abschneidens beim AVRO Turnier rückgängig machen wird.

Die drei Weltmeister Alexander Aljechin, Max Euwe und José Raúl Capablanca waren zugleich die ältesten Teilnehmer des Turniers und sie konnten mit den jungen Spielern nicht mithalten. Aljechin war zu unbeständig und holte aus seinen sechs Partien gegen die drei Spitzenreiter Keres, Fine und Botvinnik lediglich 1½ Punkte.

Alexander Aljechin

Euwe war zwar der beste Spieler der Rückrunde, aber dafür gelang ihm in den Hinrunde kaum etwas. Dafür kann er mit 3½/6 auf ein positives Ergebnis gegen die drei Spitzenreiter verweisen.

Samuel Reshevsky, der große Rivale von Fine, kam mit 7.0/14 auf genau 50%. Wenn man ihn spielen sieht, fragt man sich allerdings, wie weit er kommen könnte, wenn er es schaffen würde, nicht in fast jeder Partie in horrende Zeitnot zu geraten.

Gänzlich außer Form war Capablanca. Er verpasste in einer ganzen Reihe seiner Partien gute Möglichkeiten und landete mit 6.0/14 am Ende auf dem vorletzten Platz und blieb so das erste Mal in seiner Karriere unter 50 Prozent. Ein Grund dafür war die angegriffene Gesundheit des Ex-Weltmeisters. Capablanca leidet schon seit langem unter Bluthochdruck und sein Arzt hatte ihm vor dem Turnier dringend von der Teilnahme abgeraten. Tatsächlich, so ist zu hören, erlitt Capablanca während des Turniers einen kleinen Schlaganfall.

Natürlich kam der kräftezehrende Modus des Turniers den jüngeren Spielern entgegen. Denn wie bereits oft erwähnt, wohnten die Turnierteilnehmer in Amsterdam, aber mussten zu den einzelnen Runden durch ganz Holland reisen, um am Abend wieder nach Amsterdam zurückzukehren. Gerade Capablanca, dem ältesten Teilnehmer des Turniers, dürften diese Strapazen zugesetzt haben.

Auch Salo Flohr gelang im Verlaufe des Turniers kaum etwas. Der Grund dafür dürfte das Schicksal seiner Wahlheimat Tschechoslowakei gewesen sein: Nur wenige Wochen vor Turnierbeginn hatte Nazideutschland das Sudetenland besetzt und den in Prag lebenden Flohr, der aus einer jüdischen Familie stammt und seine Eltern und sechs Brüder in einem antijüdischen Pogrom verloren hat, zur Flucht gezwungen.

Ausblick

Durch seinen Sieg beim AVRO Turnier kann sich Keres Hoffnungen auf einen Weltmeisterschaftskampf gegen Aljechin machen, und gleich nach dem Turnier habe die beiden sich darauf geeinigt, diesen Wettkampf 1940 zu spielen, was Keres Zeit geben würde, sein Mathematikstudium zu beenden.

Doch ob ein solcher Wettkampf 1940 tatsächlich stattfinden wird, steht in den Sternen. Denn Aljechin hat auch mit anderen Teilnehmern des AVRO Turniers über einen möglichen Weltmeisterschaftskampf verhandelt und er könnte sich auch dafür entscheiden, gegen Botvinnik zu spielen, der von der Sowjetunion, wo Schach mittlerweile Volkssport ist, nach Kräften gefördert wird.

Möglich ist allerdings auch, dass sich die angespannte politische Lage in Europa weiter verschärfen wird und für friedliche Veranstaltungen wie das AVRO Turnier kein Raum mehr vorhanden ist. Dann könnte Keres um seinem Erfolg bei einem der stärksten Turniere der Schachgeschichte betrogen werden.

Turnierseite




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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ulricus ulricus 18.06.2020 09:44
eine ganz wunderbare Idee, die großen klassischen Turniere wie New York 1924 und AVRO 1938 auf diese Weise "wiederzubeleben" und uns Jüngeren so die Kunst der alten Meister aufzuzeigen. Und genial ist es, die Berichte im Präsens zu verfassen, als seien sie gerade eben gespielt worden.
Johannes Fischer Johannes Fischer 18.06.2020 03:12
@Grebredna
Sie haben Recht. Am 1. Oktober 1938 besetzte Deutschland "nur" das Sudetenland, die Besetzung der restlichen Tschechoslowakei folgte erst im März 1939. Die entsprechende Passage im Text wurde geändert.
Grebredna Grebredna 17.06.2020 10:47
"Nur wenige Wochen vor Turnierbeginn hatte Nazideutschland die Tschechoslowakei besetzt." - Das kann so nicht stimmen, da die sogen. "Rest-Tschechei" erst im März 1939 besetzt wurde. Vor Beginn des AVRO-Turniers war lediglich das Sudetenland aufgrund des Münchener Abkommens an das Deutsche Reich abgetreten worden.
michaela69 michaela69 16.06.2020 01:23
Sehr geehrter Herr Fischer, vielen Dank, dass Sie die Situation mit Salo Flohr und Capablanca erklärt haben. Nehmen Sie als nächstes Projekt die DEUTSCHE Version von Keres Best Games unter dem Lupe. Es gibt mehrere Spiele, die in keiner übersetzten Universalversion enthalten sind. Weder Golombek noch Nunn sprechen sie an. Allein das Endspiel in Keres vs. Levenfish ist die Mühe wert. Ich schätze Ihre Zeit sehr und arbeite an den alten Turnieren. Ihre Arbeit und Zeit ist für die Leser von Chessbase wirklich gut angelegt.
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