Neue Erkenntnisse in der Zahlentheorie

von Prof. Ingo Althöfer
03.02.2026 – Nun zu etwas völlig anderem: Karsten Müller ist in der Schachwelt als Endspiel-Papst weltweit bekannt, pflegt aber als promovierter Mathematiker auch noch seine Leidenschaft für die Welt der Zahlen. Zusammen mit Michael Taktikos veröffentlichte er kürzlich einen Beitrag mit einem innovativen Ansatz zur ABC- Vermutung, der unter Mathematikern große Beachtung fand.

Ihr persönlicher Schachtrainer. Ihr härtester Gegner. Ihr stärkster Verbündeter.
FRITZ 20: Ihr persönlicher Schachtrainer. Ihr härtester Gegner. Ihr stärkster Verbündeter. FRITZ 20 ist mehr als nur eine Schach-Engine – es ist eine Trainingsrevolution für ambitionierte Spieler und Profis. Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des ernsthaften Schachtrainings machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ 20 trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.

Karsten Müller ist nicht nur Schachgroßmeister, sondern auch promovierter Mathematiker (2002 an der Uni Hamburg bei Michalicek). Seinen Lebensunterhalt verdient er seit langer Zeit mit dem Schreiben von Schachbüchern und dem Erstellen von CDs/DVDs. Besonderer Experte ist Karsten im Bereich Endspiele. Die Mathematik ist aber all die Jahre sein Hobby und treuer Begleiter geblieben.

Die Verbindung zu Michael Taktikos ergab sich vor 20 Jahren durch einen Zufall: Karsten hatte sich für den Kauf eines neuen PCs entschieden und ein passendes Gerät in einem Hamburger Computer-Laden erworben. Das eher unhandliche Gerät wollte er nach Hause transportiert bekommen. Weil er selbst nicht Auto fährt, wurde ein Taxi gerufen. Der Taxifahrer, Michael Taktikos, stellte sich als mathematisch sehr interessiert heraus, und so gerieten er und der Fahrgast in eine längere Fachsimpelei, die beim Ausladen des Fracht am Zielort noch lange nicht endete.

Die fruchtbaren jahrelangen Diskussionen führten unter anderem dazu, dass beide auch an Mathematik- Workshops meines Lehrstuhls in Jena teilnahmen. Und ohne dass ich davon etwas mitbekam, gab es Grundlagen- Forschung zur ABC-Vermutung in einem Querbezug zum Satz von Thue-Siegel-Roth. (Randbemerkung: Carl Ludwig Siegel war übrigens der mathematische Großvater von Helmut Reefschläger.)

Das Ergebnis jahrelanger Brüterei von Müller und Taktikos liegt jetzt als mathematische Arbeit vor und kann von der Plattform arXiv.org heruntergeladen werden:

https://arxiv.org/pdf/2601.11376

Eine Warnung: Es muss nicht jeder Schachspieler diese Arbeit von vorne bis hinten durchlesen; durchscrollen reicht. Für die heftigen Formeln in den konkreten Rechnungen auf den Seiten 8 und 9 zeichnet Taktikos verantwortlich.

Eine Reihe prominenter Mathematiker hat sich seit dem Er- scheinen bei Karsten gemeldet und wohlwollendes Interesse bekundet, auch mit Nachfragen zu einigen Details. Ich muss gestehen, dass ich, obwohl Berufsmathematiker, die Sache nur in groben Zügen verstanden habe. Aber das kann ja noch besser werden, wenn irgendwann mal (vielleicht bald) anschaulichere Erklärungen kursieren.

Eine Bemerkung zu dem genannten Mathematiker Klaus Friedrich Roth: Er bekam die Fields-Medaille (so etwas wie einen Nobel- preis in der Mathematik) im Jahr 1958, vor allem auch für den Satz, der die Grundlage der Arbeit von Müller und Taktikos bildet. Roth wurde 1925 als Sohn jüdischer Eltern im schlesischen Breslau geboren. Vor den Nazis flüchtete er nach England. Direkt nach Kriegsende arbeitete er für etwa ein Jahr als Assistent an einer schottischen Reformschule. In der Zeit war er auch durchaus erfolgreicher Turnierschachspieler.

Roth kehrte dann nach London zurück, wo er seine mathematische Ausbildung fortsetzte: Masterabschluß 1948, Promotion 1950, viele tolle Forschungs-Ergebnisse, ab 1961 Professur in London.

Gäbe es in der Mathematik Elozahlen, hätte Roth wohl an der 2800 gekratzt, Karsten und ich mindestens 250 Wertungs- punkte drunter, mindestens!

Die folgende Einschätzung der Arbeit von M&T stammt von der KI ChatGPT 5.2:

Kurzfassung in einem Satz

Der Text von Karsten Müller und Michael Taktikos zeigt, wie man mithilfe der ABC-Vermutung konkrete Zahlen dafür berechnen kann, wie gut Kubikwurzeln durch Brüche angenähert werden dürfen – und entdeckt dabei ein überraschend kleines Maß für „ungewöhnlich gute“ Näherungen, das möglicherweise ein Schlüssel zur ABC-Vermutung selbst ist.

1. Kubikwurzeln – „Welche Zahl passt in einen Würfel?“

Eine Kubikwurzel ist die Antwort auf die Frage:

Welche Zahl muss ich dreimal mit sich selbst multiplizieren, um eine bestimmte Zahl zu bekommen?

Beispiel:

  • 2×2×2=82 \times 2 \times 2 = 82×2×2=8
    → die Kubikwurzel von 8 ist 2

Jetzt wird’s interessant:

  • Für viele Zahlen (z. B. 2, 5, 10) gibt es keine solche „schöne“ Zahl.
  • Die Kubikwurzel von 2 ist also eine komische Dezimalzahl, die nie aufhört und kein Muster hat.

Solche Zahlen nennt man irrational.

👉 Warum sind Kubikwurzeln hier wichtig?
Sie sind einfach genug, um sie gut zu untersuchen – aber kompliziert genug, um echte Probleme der Zahlentheorie zu zeigen.


2. Kettenbrüche – die ehrlichste Art, eine Zahl zu beschreiben

Stell dir vor, du willst eine komplizierte Zahl (wie ∛2) durch Brüche annähern:

  • 1,4
  • 7/5
  • 17/12
  • 577/408

Kettenbrüche sind ein systematisches Verfahren, das:

  • automatisch die bestmöglichen Brüche liefert
  • Schritt für Schritt immer bessere Näherungen erzeugt

Man kann sich das vorstellen wie:

„Ich nähere mich der Zahl in Stufen – und jede Stufe ist optimal.“

👉 Warum sind Kettenbrüche so mächtig?

  • Sie zeigen exakt, wie gut eine Zahl durch Brüche angenähert werden kann
  • und auch, wann man nicht mehr viel besser werden kann

Für die Autoren sind Kettenbrüche das „Messinstrument“, um Näherungsqualität präzise zu bewerten.


3. Die ABC-Vermutung – Ordnung im Zahlchaos

Die ABC-Vermutung ist schwer formal, aber die Idee ist überraschend einfach.

Stell dir drei Zahlen vor:

  • a + b = c
  • zum Beispiel: 8 + 1 = 9

Jetzt schaue nicht auf die Zahlen selbst, sondern auf:

Welche Primzahlen stecken in ihnen?

Beispiel:

  • 8 = 2·2·2
  • 1 = (nichts)
  • 9 = 3·3

Die ABC-Vermutung sagt grob:

Wenn a und b keine großen gemeinsamen Primfaktoren haben,
dann kann c nicht viel größer sein als das „Primzahlen-Produkt“ von a, b und c.

Oder alltagssprachlich:

Addition kann keine völlig neue Komplexität erzeugen.

👉 Warum ist das so wichtig?
Weil unglaublich viele andere Aussagen der Zahlentheorie plötzlich erklärbar würden – darunter auch Aussagen darüber, wie gut man Zahlen durch Brüche annähern kann.


Wie hängt das alles zusammen?

  • Kubikwurzeln sind Zahlen, die man annähern möchte
  • Kettenbrüche sagen einem, wie gut diese Annäherung möglich ist
  • Roths Theorem setzt eine unsichtbare Grenze
  • ABC erklärt warum diese Grenze existiert
  • Diese Arbeit versucht, die Grenze sichtbar und berechenbar zu machen

Hier ist als zusätzlicher Hinweis die Zahl dritte Wurzel (2), von wolframalpha.com gerundet auf schlappe 64 Nachkommastellen:

dritte Wurzel (2) circa=

1.25992 10498 94873 16476 72106 07278 22835 05702 51464 70150 79800 81975 1121

Aber Mathematiker wollen es aus Prinzip gerne noch genauer wissen.

So haben manche Leute ja auch die Kreiszahl Pi auf mehr als 300 Billionen Nachkommastellen berechnet (Stand Januar 2026), auch wenn im Alltag für die meisten Anwendungen die Näherung 22/7 (auch ein Kettenbruch!) völlig ausreicht. Das Ergebnis von Müller und Taktikos hilft bei der Suche nach sehr genauen Antworten!

Oder doch lieber Schachendspiele?

Vom Mattsetzen mit Dame, Turm, zwei Läufern, Springer und Läufer bis zu den Grundlagen der Bauernendspielen – hier lernen Sie das nötige Know-how um ihren Endspielvorteil in Siege zu verwandeln!

Großmeister Dr. Karsten Müller, einer der führenden Endspielexperten weltweit, vermittelt Ihnen in diesem zweiten Band systematisch alles, was Sie zu Turmendspielen wissen müssen.
Stellen Sie sich vor: Sie haben Ihren Gegner Zug um Zug überspielt, stehen klar besser und dann kippt das Endspiel doch noch ins Remis, - nur weil das entscheidende Theoriewissen gefehlt hat. Genau hier setzt dieser Kurs an. Ohne sicheres Endspielwissen geht es nicht. Gerade das Wissen über Turmendspiele ist unentbehrlich: diese Endspiele treten am häufigsten auf und entscheiden über Sieg oder halben Punkt. Wer hier sattelfest ist, verwandelt Vorteile souverän in Siege!
Kostenloses Videobeispiel: Einführung
Kostenloses Videobeispiel: Bodycheck


Seit vier Jahrzehnten verfolgt er die Entwicklung im Computerschach intensiv. Im Januar 1979 erschien im SchachMagazin 64 sein erster Artikel zum Thema. 1985 führte er das 3-Hirn-Prinzip ein und machte damit viele Experimente bis 1997. 1986 entstand seine Doktorarbeit über mathematische Grundlagen zur Spielbaum-Suche. Gemeinsam mit Timo Klaustermeyer erfand er 2004 das Konzept des Freistil-Schachs ein.
Diskussion und Feedback Senden Sie Ihr Feedback an die Redakteure


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren