Neueste Entwicklungen im Carlsen - Niemann -"Schach-Skandal"

von André Schulz
15.09.2022 – Der beispiellose Rückzug von Magnus Carlsen aus dem Sinquefield Cup und die Diskussion darüber, ob Hans Niemann mit unlauteren Mitteln gespielt hat, zieht weite Kreise und beschäftigt nicht nur die Schachwelt. Besonders pikant: Im Julius Bär Generation Cup spielen beide erneut im selben Turnier. Hier sind die jüngsten Entwicklungen...

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Vor der vierten Runde des Sinquefield Cups im Saint Louis Chess Center sorgte Magnus Carlsen mit seinem Tweet, in dem er seinen Rückzug vom Turnier erklärte, für einen Skandal.

Carlsen hat keine Begründung für seinen Rückzug angegeben, für die Kommentatoren außerhalb des Turniers, darunter Hikaru Nakamura, war aber klar, dass dahinter Carlsens Vermutung oder Überzeugung stand, Hans Niemann würde mit unlauteren Mitteln, das heißt mit Computerhilfe spielen. In den ersten beiden Runden des Turniers hatte Niemann sehr stark gespielt. Levon Aronian war mit einem Remis davon gekommen, Shakhriyar Mamedyarov hatte gegen Niemann verloren. In der dritten Runde war Magnus Carlsen dann gegen Niemann ohne Chance auf einen Sieg. Im besten Fall hätte der Weltmeister ein Remis erreichen können, nutzte seine Chance in Zeitnot aber nicht.

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Carlsens Rückzug und die damit verbundenen Beschuldigungen gegen Hans Niemann lösten eine gewaltige Diskussion auf allen Kanälen aus und sorgten zudem für ein gewaltiges Medienecho, mit teilweise grotesken Vermutungen über die verwendete Technik.

Noch während des laufenden Turniers hatte Hans Niemann in einem lebhaften Interview alle Beschuldigungen zurückgewiesen. Einige Spieler äußerten sich, manche mit sehr sorgfältig gewählten Formulierungen. Ein Videoüberblick über die Ereignisse...

Auch die Plattform chess.com meldete sich mit einer Erklärung zu Wort und widersprach der Darstellung Niemanns, der zugegeben hatte, dort zweimal unerlaubt mit Computerhilfe gespielt zu haben. Das Ausmaß von Niemanns Computer-Cheating sei größer gewesen als zugegeben, so Chess.com.

Die Organisatoren im Saint Louis Chess Club hatten ab der vierten Runde bei den Spielern einen Scan auf Elektronik durchgeführt und die Partien nur noch mit einer Verzögerung von 15 Minuten übertragen.

Der ukrainische FM Andrii Punin unterzog Niemanns Partien bei verschiedenen Turnieren einer Kontrolle und fand hohe Übereinstimmungen mit den jeweils aktuellen Topengines. Die Ergebnisse seiner Überprüfung hat er in einigen Videos auf seinem Youtube-Kanal dargestellt.

Auf Twitter wurde eine Übersicht von Niemanns Turnierergebnissen im Jahr 2020 veröffentlicht, die nahelegte, dass er immer dann gute Resultate erzielte, wenn die Partien übertragen wurde, schlechte Resultate, wenn die Partien nicht übertragen wurden. 

Beide Untersuchungsergebnisse wurden von Kritikern in Frage gestellt. Wir haben die Ergebnisse der Untersuchungen nicht nachgeprüft und können das nicht beurteilen.

In der aktuellen Ausgabe von Schach wird von der Schacholympiade in Indien berichtet, die im Juli, also vor dem Sinquefield Cup stattfand. Auch dort war die Möglichkeit von computerunterstütztem Betrug ein Thema und zur Abwehr wurden beim Einlass an den Spielern Ohrenscans vorgenommen, was bei einigen Spielern auf Widerstand stieß, nicht etwa weil sie Betrug im Sinn hatten, sondern weil sie sich bedrängt fühlten. Die Zeitschrift Schach verweist auf einen Vorfall bei einem Turnier in Indien, wo ein Spieler mit Hilfe eines Minihörers im Ohr Züge von einem Freund, der an einem Computer saß, übermittelt bekam. Die Geschichte passierte schon 2015...  

Damals benötigte der überführte Betrüger noch ein Smartphone als Zusatzgerät. Heutzutage findet man im einschlägigen Handel viele handlichere Komplettsysteme.

Es nützt übrigens nichts, wenn man nur vor Beginn der Partie einen Elektroscan durchführt. Ohnehin ist es eine Frage, wie empfindlich diese Geräte sind. Aber der Cheater kann sich sein Hilfsgerät auch jederzeit später abholen und an seinem Körper und in seinem Ohr installieren. Man müsste als Organisator den Scan also öfters während der Runde wiederholen, was für die Konzentration der Spieler sicher nicht förderlich ist.

Es gibt auch Cheating-Techniken, bei denen man keinen Funkempfänger am Körper tragen muss. Die klassische Methode war der häufige Toilettengang, der aber etwas auffällig ist. Eine andere Methode ist die Zusammenarbeit mit einem Helfer, der die Computervorschläge ermittelt oder empfängt und per Zeichen an den Spieler weitergibt, so wie es vor zehn Jahren praktiziert wurde.

Anders als der "dumme" Cheater spielt der "schlaue" Cheater natürlich nicht immer den besten Zugvorschlag einer bestimmten Engine und ist deshalb durch den Vergleich seiner Züge mit den Zügen dieser Engine nicht zu entdecken. Man kann vermutlich auch mit dem viert-oder fünftbesten Zug - zwischendurch kann man ja auch wechseln -  einer beliebigen Engine sehr gut auf Topniveau mithalten. Und natürlich muss man für ein gutes Ergebnis nicht jede Partie optimal spielen und kann auch mal eine Partie verlieren, einfach um ein paar Nebelkerzen zu werfen. Alle Argumente, wie "er hat aber Fehler gemacht" sind also mitnichten stichhaltig. Womit aber in der aktuellen Diskussion keine Stellungnahme gemacht werden soll.

Auch das Argument "Der Gegner hat schlecht gespielt" zündet überhaupt nicht. Gegen eine Engine sehen alle Spieler schlecht aus, weil einfach nichts klappt, womit man den Maschinengegner unter Druck setzten will.

Wenn man über eine Lösung nachdenken möchte, ohne alle Turnierräume elektronisch abzuschotten, gibt es vielleicht nur eine: Die Organisatoren müssen auf die Live-Übertragungen verzichten. Sie können sich ja auf die Video-Kommentierung mit ausgewählten Partien beschränken und so den Zuschauern draußen auch einiges bieten.

Doch zurück zu der aktuellen Diskussion: In einem längeren Beitrag über die neuesten Entwicklungen zitiert Sport1 den norwegischen IM Atle Grønn, der sich gegenüber dem norwegischen Dagbladet zu den Analysen von Andrii Punin geäußert hat:

"Niemann habe in den fraglichen Partien Zug nach Zug nach Zug genau so gespielt, wie es der zu diesem Zeitpunkt stärkste Schach-Computer auch getan hätte. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist Null", sagte Grønn gegenüber der Zeitung "Dagbladet". Ob dies ein Beweis für Betrug sei, wisse er allerdings nicht, aber: "Aus Schach-Perspektive ist es nicht möglich, so zu spielen." 

"Doch so sehr sich der Verdacht gegen Hans Niemann auch erhärtet: Einen konkreten Beweis für einen Betrug des 19-jährige US-Amerikaners gibt es nach wie vor nicht", heißt es bei Sport1 im Resümee.

Ab Sonntag spielen Magnus Carlsen und Hans Niemann überraschenderweise doch wieder im selben Turnier, in einem Online-Schnellschachturnier, dem Julius Bär Generation Cup. Tatsächlich hat sich Hans Niemann für dieses Turnier dadurch automatisch qualifiziert, weil er im vorherigen Turnier unter den ersten Acht war. Turnierdirektor Arne Horvei betonte, dass man die Regeln der Turnierserie einhalten wolle.

"Die Organisatoren der Turnierserie haben mehrere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass die Möglichkeit des Betrugs der Athleten minimiert wird. Unter anderem teilen sich alle Spieler während der Spiele den Bildschirm, sie haben eine Schiedsrichterkamera, die während des Spiels den Raum filmt, und sie müssen alleine im Raum sein und ein Mikrofon tragen. Darüber hinaus überwachen Schiedsrichter die Spiele digital und die Athleten müssen vor dem Spiel und möglicherweise auch danach ihre Ohren in die Kamera halten" heißt es in einem Artikel von Dagbladet.

"Wir haben mit Magnus genauso gesprochen wie mit all unseren Spielern. Magnus wird spielen", versicherte Arne Horvei.

Der norwegische Schachexperte Torstein Bae, mit dem Dagbladet ebenfalls gesprochen hat, meinte: "Wir gehen davon aus, dass Magnus Niemann für einen Betrüger hält. Dass er sich dann wieder mit ihm zusammensetzt, ist eine ganz besondere Situation. Es könnte natürlich etwas geben, das den Fall weiterführt."

Artikel bei Sport1...

Beitrag bei Dagbladet...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Pemoe6 Pemoe6 19.09.2022 04:37
Naja, so schlau ist Magnus auch. Wo hat er denn auch nur den leisesten Hinweis 1. auf Computerbetrug oder 2. auf die Person Niemann verlauten, lassen? Was irgendwer sich da reindenkt oder diskutiert (auch wenn's Tausende sind, wie zu erwarten war), ist vor Gericht ja völlig belanglos.
Dirk Bredemeier Dirk Bredemeier 18.09.2022 09:21
@crizzy
Es wird eng für Magnus!
Die ersten drei Partien spielt Niemann überzeugend und holt 2,5 Punkte.
Dann wird er zu Unrecht des Betrugs bezichtigt und ein Internet-Mob fällt über ihn her. In den folgenden Partien kann er - unschuldig beschuldigt - nicht seine volle Konzentration zeigen und fällt zurück.
Falsche Anschuldigungen können zu Schadensersatzansprüchen führen und die sind immens hoch in den USA. IM Ken Regan, ein Experte für die Untersuchung von Schachpartien auf Hinweise auf möglichen Computerbetrug, hat die aktuellen Partien von Niemann und ca. 100 weitere untersucht. Sein Ergebnis: Kein Hinweis auf den Einsatz einer Engine. Keiner, nada, nothing, rien.
boheme boheme 16.09.2022 09:04
Andere Experten haben Niemanns Partien untersucht und keine Auffälligkeit feststellen können. Dass in diesem Bericht nur die Analyse herangezogen wird, die Niemann belastet, ist ziemlich einseitige Berichterstattung. Es gibt keine Beweise und auch keine erdrückende Indizien. Vielmehr sollte auch kritisiert werden, dass mit den bislang haltlosen Anschuldigen die Karriere eines jungen Spielers zerstört wird. Aber außer bspw. Ben Finegold scheinen nicht viele den Mut zu haben, Carlsens und Nakamuras Verhalten zu kritisieren.
amarius amarius 16.09.2022 02:26
Ich bin zwar kein Schachspieler, aber mir war schon seit Jahren bewusst, dass man hier mit der heutigen Technik betrügen kann. Es gibt sogar Leute, die sich etwas unter die Haut implantieren würden, nur um Geld zu generieren.

In solch wichtigen Wettbewerben ist die Lösung ganz einfach. Man setzt die Leute in ein gläsernes Abschirmhäuschen, wo kein Signal durchkommt.

Das würde zumindest für die nächsten 20 Jahre reichen. Danach müsste man berücksichtigen, dass es immer kleinere Rechner geben wird, die man sonst wo verstecken kann und mit visuellen Bildern gefüttert werden können (aktuell aber noch Sci-Fiction).
crizzy crizzy 16.09.2022 11:29
Es wird eng für Hans!
Ergebnis von Hans Moke Niemann beim Sinquefield Cup 2022:
Die ersten drei Partien mit Live-Übertragung:
2,5 Punkte aus 3; Gegner-Durchschnitt: 2792; Performance 3.375 !!
Die nächsten sechs Partien bei zeitversetzter Live-Übertragung;
2 Punkte aus 6; Gegner-Durchschnitt: 2767; Performance 2533

Runde Gegner Elo Ergebnis Bemerkung
1 Aronian, Levon 2759 0,5
2 Mamedyarov, Shakhriyar 2757 1
3 Carlsen, Magnus 2861 1
4 Firouzja, Alireza 2778 0,5
5 Dominguez Perez, Leinier 2745 0,5
6 So, Wesley 2771 0
7 Vachier-Lagrave, Maxime 2757 0,5
8 Caruana, Fabiano 2758 0
9 Nepomniachtchi, Ian 2792 0,5
echtjetzt echtjetzt 16.09.2022 11:10
"Wir haben die Ergebnisse der Untersuchungen nicht nachgeprüft und können das nicht beurteilen".

Hey, Ihr seid eine Schachredaktion!! Macht das bitte...
Ellrond Ellrond 16.09.2022 08:17
Gibt ja ein ziemlich klares Bild. Bei Online übertragenen Turnieren kann Niemann den Turbo einschalten und scheint dies phasenweise (10-20 Züge) auch zu tun und in der Phase auf >3200 Niveau zu spielen. Ohne Turbo auf 2500 Niveau. Wäre gut dass mal grafisch aufzuarbeiten, also alle seine Games auf diese "Phasen" zu untersuchen und per Balkenchart oder ähnlich das visuell einfach fassbar darzustellen (also zB Zug 1-25 ELO 2500, Zuge 25-35 ELO 3400, usw).
DoktorM DoktorM 15.09.2022 11:23
Es gibt bis jetzt keine Beweise, aber bemerkenswerte Indizien. Die haben Carlsen gereicht, mir reichen sie auch.
oegenix oegenix 15.09.2022 07:15
Fazit: Computerbetrug ist nur zu verhindern, wenn man die Spieler in funkabgeschirmte Kabinen setzt?
Meine Hoffnung, dass systematisch betrügende Spieler so starke Persönlichkeitsstörungen aufweisen, dass keiner mehr gegen sie spielen will und sie möglichst bald von der Schachszene verschwinden.
Rheingauer Rheingauer 15.09.2022 04:33
Ich glaube, dass MC schon schwerwiegende Indizien bzgl des cheaten hatte, sonst hätte er nicht so reagiert, zumal er ja eigentlich nur bei der ganzen Sache zu verlieren hat, falls seine Annahme unbewiesen bleiben sollte. Falls seine Vermutung stimmt, wird es so oder so irgendwann ans Licht kommen. Auf Dauer lässt sich so der Spielstärkenunterschied wohl bei Niemann nicht kompensieren. Die Zukunft wird es weisen!
rollinghills rollinghills 15.09.2022 03:56
Diese Spielstärkedifferenz sollte sich DGT bezahlen lassen :-) Erstaunlich, dass das noch nicht früher aufgefallen ist.
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