Norwegen: Fußball wie Schach

von André Schulz
07.07.2026 – Der norwegische Fußball erlebt derzeit einen gewissen Höhenflug. Am Sonntag knockten die norwegische Mannschaft bei der Weltmeisterschaft Brasilien aus und war dabei keineswegs die schlechtere Mannschaft. In Norwegen geht Fußball und Schach gut zusammen - nicht nur mit Magnus Carlsen. Edith und Monika Machlik gehören ebenfalls zu den Doppel-Sportstars. | Fotos: tromsosjakk.no/ Lars Elevold und Anniken Vestby

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Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada, USA und Mexiko - bei der wachsenden Zahl von teilnehmenden Mannschaften werden die Länder eines Kontinents als Gastgeber bald nicht mehr ausreichen - sorgte Norwegen am Sonntag für eine dicke Überraschung, indem sie mit Brasilien einen der Titelspiranten ausschalteten.

Die Norweger hatten am Anfang etwas Glück - und mit Ørjan Nyland auch einen ausgezeichneten Torwart -, als Brasilien es nicht schaffte, in der 12.Minute einen Elfmeter zu verwandeln. In der folgenden Spielzeit war Brasilien dann aber keinesfalls das bessere Team. Beide Mannschaften waren ungefähr gleichwertig und lauerten auf Kontor, wenn die andern den Ball hatte. Brasilien hat ein paar feine Techniker, aber Norwegen hat Erling Haaland. So manches Mal wurde Haaland mit einem weiten Ball Richtung brasilianisches Tor geschickt. Und wenn der norwegische Sturmtank ins Rollen kommt, ist er eigentlich nicht mehr zu stoppen.

Haaland brachte sein Team mit einem "Doppelpack" in Führung. Brasilien schaffte zwar in der Nachspielzeit noch den 1:2-Anschluss, musste sich am Ende aber doch mit der Niederlage abfinden. Es ist nach 36 Jahren das erste Mal, dass Brasilien nicht ins Viertelfinale einer Weltmeisterschaft kommt. Norwegen hatte im Sechzehntelfinale übrigens auch die Elfenbeinküste besiegt.

Von Magnus Carlsen weiß man, dass er ein begeisterter und aktiver Sportfan, besonders Fußballfan, ist. Inzwischen ist der Weltranglistenerste aber auch etwas in die Jahre gekommen. Im Dezember wird er 36 Jahre alt. Da fällt das Laufen nicht mehr so leicht wie in früheren Jahren.Carlsens erster Großmeister-Trainer war Simen Agdestein. Dieser war hauptberuflich Fußball-Profi, spielte in der englischen zweiten Liga und war norwegischer Fußball-Nationalspieler. Lange war Agdestein auch im Schach der beste norwegische Spieler - bis Magnus Carlsen kam. 

Carlsen kickte einige Zeit in der zweiten Mannschaft eines Fußballvereins in Oslo. Trotz aller Freude am Bewegungsspiel hat es zum Fußball-Nationalspieler nicht gereicht. Das liegt aber vielleicht auch darin, dass der langjährige Weltmeister sich doch sehr intensiv mit seiner Erstbegabung beschäftigt hat.

Es gibt aber neben diesen beiden norwegischen Großmeistern noch zwei doppelbegabte Sportlerinnen in Norwegen.

Ballbesitz ist wichtig

2014 richtete Norwegen im Zuge der nationalen Begeisterung über die Erfolge ihres Schachstars die Schacholympiade aus. Gastgeber war die Stadt Tromsö (sprich: Trumsa), recht weit im Norden von Norwegen.

ChessBase war damals mit einem kleinen Team vor 0rt und berichtete mit vielen Videos, Livesendungen und Foto-Reportagen von der Schacholympiade. Es gab einen engen Kontakt zu den Organisatoren, zu denen auch Tom Robertsen gehörte. Er besorgte eine Unterkunft, ein hübsches Haus, in dem das ChessBase-Team, im Wesentlichen Daniel King, Pascal Lautenschläger und Andé Schulz, für die Zeit der Schacholympiade unterkam.

Trömsö ist recht hügelig und die Unterkunft befand sich auf einem dieser Hügel oberhalb der Küste. Da es in der Spielhalle nur einen kleinen und kaum gesicherten Schrank zum Einstellen des Equipments gab, schleppten wir unsere Technik morgens vom Hügel hinunter zur Spielhalle am Hafen von Tromsö. Nach den Runden schleppten wir die Sachen, einige Rechner, Kameras, Mikros, Stative, Kabel, Mehrfachsteckdosen, etc. wieder zurück. Spätestens auf dem Rückweg wurde der Hügel zum Berg und der Aufgang immer steiler. Manchmal wurde es auch später, weil noch Interviews zu machen waren, aber da im Sommer im Norden von Norwegen die Sonne nie richtig untergeht, blieb es immer hell. Im Sommer gibt es in Tromsö keinen Abend und keine Nacht. Im Winter ist es das Gegenteil

Auf dem beschwerlichen Weg zur Unterkunft kamen wir täglich an einer Schule mit einem Sportplatz vorbei. Und egal, wie spät es war, immer spielten dort einige der Schachspieler nach den Runden sehr intensiv und engagiert Fußball. Meist war dort auch Magnus Carlsen dabei. Immer aber auch zwei Mädchen von norwegischen Schach-Frauenteam, Edit und Monika Machlik, Zwillinge, damals 16 Jahre alt, und die größten Talente im norwegischen Frauenschach aller Zeiten. 

Wir wunderten uns, dass die beiden jungen Frauen immer mitspielen durften, obwohl es auch bei anderen Olympiateilnehmern großes Interesse für das Fußballspiel gab. Dafür gab es aber einen einleuchtenden Grund - den Mädchen gehörte der Ball. 

Foto: Anniken Vestby

Tatsächlich waren uns die Zwillinge schon bekannt, denn vor der Schacholympiade hatte es bei ChessBase einen Besuch der jungen weiblichen norwegischen Talente gegeben, die auch einen kleinen Vergleichskampf gegen gleichaltrige Hamburgerinnen gespielt hatten. 

Die Machlik-Schwestern, li.,  2014 in Hamburg

In den nächsten Jahren ging der sportliche Weg der beiden Zwillingsschwestern etwas auseinander. Monika Machlik konzentrierte sich etwas mehr aufs Schach und etwas weniger auf Fußball. Bei Edith Machlik war es umgekehrt. So ist Monika Machlik derzeit noch die Nummer sechs in der norwegischen Frauenrangliste im Schach und gehörte auch noch zu norwegischen Auswahl bei der letzten Schacholympiade in Budapest. Monika Machlik erlangte große Bekanntheit im norwegischen Fernsehen, nachdem sie einen Schaukampf von Magnus Carlsen live kommentiert hatte. Im Fußball spielt sie für Tromsø Idrettslag in der 2. Liga.

Ihre Schwester Edit war zuletzt bei der Schacholympiade in Indien 2022 im norwegischen Team und konzentrierte sich dann mehr auf ihre Fußballkarriere.

Foto: Tromsø Idrettslag

Sie spielte ebenfalls für Tromsø Idrettslag in der zweiten Liga, dann für Idrettsforeningen Fløya in der ersten Liga und nach dem Aufstieg von Tromsø Idrettslag wieder für ihren alten Verein. Für den nationalen norwegischen Kader reichte es jedoch nicht. Ihr Geld verdient Edit Machlik nicht mit dem Fußball, sondern als Zahnärztin.

   

Das Achtelfinalmatch gegen Brasilien gingen die Norweger übrigens sehr strategisch an und hatten einen klaren Matchplan, in dem Erling Haaland natürlich eine wichtige Rolle spielte. Er ist aber nicht der einzige Joker im norwegischen Team. Im Viertelfinal trifft Norwegen am Donnerstag nun auf England. Allerdings spielt auch Kane Schach...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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