Russischer Schachverband nach CAS-Urteil suspendiert - zum Teil

von André Schulz
16.06.2026 – Der Internationale Sportgerichtshof (Court of Arbitration for Sport, CAS) hat nach einer Klage des Ukrainischen Schachverbandes die FIDE azfgefordert, den Russischen Schachverband wegen der Durchführung von Turnieren auf besetzten Gebieten zu suspendieren. Das FIDE Council folgte dem Urteil - aber nur zum Teil. Einige Verbände haben bereist protestiert.

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Im Juni 2024 war die FIDE Ethikkommission einem Antrag von drei FIDE-Mitgliedern, darunter Peter Heine Nielsen, gefolgt und hatte den Russischen Schachverband Suspendierung angedroht, wenn dieser nicht seine Praxis einstelle, auf dem Gebiet der von Russland besetzten Gebiete in der Ukraine Schachturniere durchzuführen. FIDE-Präsident Arkadij Dvorkovich wurde zudem für seine enge Beziehung zum Russischen Schachverband gerügt. 

Dvorkovich hatte innerhalb der FIDE gegen diese Maßnahme der FIDE Ethikkommission Einspruch erhoben und diesem Einspruch war aus formalen Gründen stattgegeben worden. Dagegen hatte der Ukrainische Schachverband beim Internationalen Sportgerichtshof seine Klage eingereicht.

In seinem Urteil vom 11. März 2026 kassierte der Court of Arbitration for Sport die Berufungsentscheidung der FIDE in seinen wesentlichen Teilen. Stattdessen wurde der Russische Schachverband aufgefordert, alle Schachaktivitäten und Schachveranstaltungen in der Stadt Sewastopol und den Regionen Krim, Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja einzustellen und zu bestätigen, dass er dieser Aufforderung Folge leiste. Die FIDE wurde angehalten, diese Maßnahme zu überprüfen.

Weiterhin entschied der CAS, dass die Mitgliedschaft des Russischen Schachverbandes in der FIDE für einen Zeitraum von drei Jahren ausgesetzt werden soll, wenn er der Aufforderung zur Einstellung der Aktivitäten in den widerrechtlich besetzten Gebieten nicht nachkomme. Der CAS setzte dem Russischen Schachverband eine Frist von 90 Tagen, um die Anweisung zu befolgen.

Nachdem nun die gesetzte Frist abgelaufen war, ohne dass der Russische Verband überhaupt regiert hätte, leistete der Rat des Weltschachbund (FIDE Council) dem Urteil des CAS Folge und suspendierte den Russischen Schachverband mit sofortiger Wirkung. Der Russische Schachverband verliert durch den Ausschluss unter anderem sein Stimmrecht bei den FIDE-Wahlen. Gemäß der Satzung des Weltschachbundes muss die FIDE Generalversammlung die Entscheidung noch bestätigen. Die FIDE Generalversammlung tritt während der nächsten Schacholympiade in Samarkand im September zusammen.

Die Suspendierung des Russischen Schachverbandes soll gemäß des FIDE Rates jedoch weiterhin keine Auswirkungen für russische Spieler haben, die wie bisher unter FIDE-Flagge an Individualturnieren teilnehmen können. Russische Jugendliche dürfen sogar unter russischer Flagge spielen.

Aber auch für russische Mannschaften soll die Entscheidung keine Auswirkung haben. Nachdem russische und weißrussische Teams infolge des Angriffs Russlands auf die Ukraine lange von Mannschaftsturnieren ausgeschlossen waren, sollen sie nach dem Wunsch der FIDE-Führung unter neutraler Flagge wieder teilnehmen dürfen. Bei der letzten Team-Weltmeisterschaft der Frauen war bereits eine Auswahl russischer Frauen als Team am Start, wenn auch unterneutraler FIDE-Flagge, und gewann das Turnier. Von diesem Vorhaben will die FIDE-Führung sich offenbar auch durch das Urteil des CAS nicht abbringen lassen.

Der Nordische Schachverband, in dem die skandinavischen und baltischen Verbände organisiert sind, hat in einer Stellungnahme die nicht vollständigen Umsetzung des CAS-Urteils durch den FIDE Council kritisiert:

Stellungnahme des Nordischen Schachverbands zur Entscheidung der FIDE bezüglich Russland

Die Schachverbände von Dänemark, den Färöern, Finnland, Grönland, Island, Norwegen und Schweden begrüßen die Entscheidung der FIDE, den Russischen Schachverband zu suspendieren. Es ist richtig und wichtig, dass die FIDE die Entscheidung des Sportschiedsgerichts (CAS) respektiert. 

Wir vertreten jedoch einen ganz klaren Standpunkt: Russische Mannschaften dürfen an keinen FIDE-Wettbewerben teilnehmen, wie beispielsweise der Schacholympiade in Usbekistan im September – auch nicht unter neutraler Flagge oder der FIDE-Flagge –, solange der Russische Schachverband suspendiert bleibt.

Gemäß den eigenen Regeln der FIDE dürfen bei einem suspendierten Verband nur einzelne Spieler, Schiedsrichter und Trainer teilnehmen. Für Mannschaften gibt es keine Ausnahme.

Wir lehnen jeden Versuch entschieden ab, russischen Mannschaften die Teilnahme zu gestatten, solange die Suspendierung besteht. Wir fordern die FIDE nachdrücklich auf, sich an ihre eigene Satzung zu halten und das CAS-Urteil lückenlos zu respektieren.

Für den Nordischen Schachverband

Håkan Jalling, Präsident

Stellungnahme im Original...

Der Deutsche Schachbund hat die die Art und Weise Umsetzung des CAS-Urteils durch das FIDE Council gegenüber der ARD-Sportschau ebenfalls kritisiert. Die Umsetzung des CAS-Urteils unterlauf die Entscheidung des CAS und sei unzulässig, kommentierte DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker das Vorgehen des FIDE-Councils. "Solange sich der russische Schachverband nicht aus ukrainischen Gebieten zurückzieht, kann es keine sportliche Teilhabe für den russischen Schachverband geben!"

Deutsche Übersetzung des Beschlusses des CAS:

CAS 2024/A/10911 Ukrainischer Schachverband gegen Internationalen Schachverband (FIDE), Arkady Dvorkovich und Russischer Schachverband 

Das Schiedsgericht für Sport (CAS) entscheidet wie folgt:

1. Die vom Ukrainischen Schachverband am 3. Oktober 2024 gegen die Entscheidung der Berufungskammer der Ethik- und Disziplinarkommission des Internationalen Schachverbands vom 12. September 2024 eingelegte Berufung wird mit Ausnahme der in Absatz (2) unten genannten Anordnung zurückgewiesen. 

2. Absatz 24.5 der Entscheidung der Berufungskammer der Ethik- und Disziplinarkommission des Internationalen Schachverbands vom 12. September 2024 wird aufgehoben und durch folgenden Wortlaut ersetzt:

„24.5 Gegen den Russischen Schachverband werden folgende Sanktionen verhängt: 

(A) Innerhalb von 90 Tagen nach dieser Entscheidung hat der Russische Schachverband die Regulierung von Schachaktivitäten und -veranstaltungen in der Stadt Sewastopol und den Regionen Krim, Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja einzustellen; er wird diesbezüglich Bekanntmachungen veröffentlichen, unter anderem an den Internationalen Schachverband, in denen er bestätigt, dass er dies getan hat.

(B) Falls der Russische Schachverband den vorstehenden Absatz (A) nicht einhält, wird seine Mitgliedschaft im Internationalen Schachverband gemäß Artikel 13.1(f) des Ethik- und Disziplinarreglements (Unterabsatz mit dem Titel „Vorübergehender Ausschluss aus der Mitgliedschaft“) für einen Zeitraum von drei Jahren automatisch ausgesetzt; es sei denn, der Russische Schachverband erfüllt die Anforderungen des vorstehenden Absatzes (A) zur Zufriedenheit des Internationalen Schachverbands; in diesem Fall wird seine Mitgliedschaft automatisch wieder aufgenommen.

(C) Für den Fall, dass der Russische Schachverband gemäß dem Schiedsspruch 45.000 € an den Internationalen Schachverband gezahlt hat, hat der Internationale Schachverband diesen Betrag unverzüglich zurückzuerstatten.“

(…). 

(…).

Alle weiteren Anträge oder Rechtsbehelfe werden zurückgewiesen. Ort des Schiedsverfahrens: Lausanne, Schweiz Datum: 11. März 2026 

Vollständiges Urteil des CAS...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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