18.05.2026 – Beim außerordentliche Bundeskongress am vergangenen Samstag wurde Paul Meyer-Dunker zum neuen DSB-Präsidenten gewählt. Er setzte sich knapp gegen Niklas Rickmann durch. Die Delegierten waren größtenteils um Sachlichkeit und fairen Umgang bemüht, was aber nicht immer gelang. | Das neue Präsidium: Jürgen Gersinska, Jürgen Klüners, Paul Meyer-Dunker und Jannik Kiesel (Foto: Deutscher Schachbund/ Finn Engesser)
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Nach Meinung der meisten Beobachter befand sich der Deutsche Schachbund in den letzten Monaten in einer schwerwiegenden Führungskrise. Auf dem Bundeskongress im letzten Jahr in Paderborn kündigte sich die Unzufriedenheit vieler Mitgliedsverbände mit dem Führungsstil von Präsidentin Ingrid Lauterbach schon in einem überraschend knappen Votum bei der Wiederwahl an.
Beim Hauptausschuss im Herbst eskalierte der Dissens in einer Diskussion über die Art und Weise, wie mit dem Personal umgegangen wurde und schließlich reichte der Riss bis ins Präsidium.
Risse und Gräben
Alexander von Gleich hatte sich 2023 als Finanzexperte zusammen mit Matthias Kierzek für einen Untersuchungsausschuss zur Verfügung gestellt, um die Ursachen für die finanzielle Schieflage im Deutschen Schachbund zu ermitteln. Im Ergebnis wurden auf einige strukturelle Defekt hingewiesen und Verbesserungen in die Wege geleitet. Von Gleich übernahm danach erst kommissarisch das Amt des Vizepräsidenten und wurde dann in Paderborn einstimmig in seinem Amt bestätigt.
In der Folge waren sich Ingrid Lauterbach und Alexander von Gleich aber zunehmend uneins, wie die Finanzen des Schachbundes zu führen wären und fanden am Ende keinen Weg mehr zu einer konstruktiven Zusammenarbeit. Von Gleich trat im Februar 2026 zurück, fertigte noch den Jahresabschluss an und begleitete im März noch die Kassenprüfer bei ihrer Arbeit.
Fünf Landesverbände hatten nach dem Hauptausschuss einen Antrag auf Durchführung eines außerordentlichen Bundeskongresses gestellt, mit dem Ziel, dort ein neues Präsidium zu wählen. Nach einigem juristischen Hin und Her fand dieser Bundeskongress nun am vergangenen Wochenende in Frankfurt statt.
Zuvor war noch von einigen Landesvertretern das Angebot von Richard Lutz abgelehnt worden, als Präsident zu kandidieren. Der frühere Bahnchef hatte zur Bedingung gemacht, dass ein Team von ausgewählten Personen als seine Vizepräsidenten mit gewählt werden würden. Im Deutschen Schachbund gibt es das System einer „Ticket“-Wahl nicht. Aber natürlich hätte man dem Wunsch von Lutz entsprechen können, um ihn als DSB-Präsidenten zu gewinnen. Besonders gegenüber zwei der von Lutz erwünschten Vizepräsidenten, Gerald Hertneck als Vizepräsident Sport und Alexander von Gleich als Vizepräsident Finanzen, gab es von einer Reihe von Verbänden, bzw. ihrer Vertreter, starken Gegenwind. Aber es gab auch prinzipiellen Widerstand gegen eine "Ticket"-Wahl. Richard Lutz zog sein Angebot einer Kandidatur daraufhin zurück. Bis wenige Tage vor dem Bundeskongress war damit unklar, wer überhaupt kandidieren würde.
"Fairer Umgang miteinander"
Am Vorabend des Bundeskongresses hatten sich die verschiedenen Lager unter den Delegierten der Landesverbände zusammengesetzt und darüber beraten, wie man die Krise bewältigen könnte und sich auf einen Fahrplan geeinigt. Nicht das ganze Restpräsidium sollte nun abgewählt werden, sondern nur die Präsidentin Ingrid Lauterbach. Paul Meyer-Dunker, vormals Präsident des Berliner Schachverbandes und beim Bundeskongress 2025 bereits Gegenkandidat von Ingrid Lauterbach, und Niklas Rickmann, vormals Präsident des Schachverbandes von Mecklenburg-Vorpommern und Präsident der Deutschen Schachjugend, wollten sich im Falle einer tatsächlichen Abwahl von Ingrid Lauterbach als Kandidaten für das Präsidentenamt bewerben. Im Übrigen war man allgemein bemüht, den Bundeskongress einigermaßen harmonisch über die Bühne zu bringen. Kurz vor dem Bundeskongress hatte auch Ehrenpräsident Herbert Bastian noch in einem Beitrag hier auf ChessBase.de zu konstruktivem Miteinander aufgerufen.
Im Großen und Ganzen folgten die Delegierten diesem Aufruf. Die tiefen Risse im Deutschen Schachbund, die offenbar unversöhnliche Spaltung in zwei Lager - Gegner und Unterstützer von Ingrid Lauterbach -, wurden bisweilen aber doch deutlich sichtbar. So gab es den Versuch, den Bericht des zurückgetretenen Vizepräsidenten Finanzen zum Anlass zu nehmen, gegen Alexander von Gleich nachzutreten - so wirkte es. Schon die Existenz und die Form seines Finanzberichts wurde in Frage gestellt, so dass von Gleich sich noch während der Sitzung per Email melden musste, um darauf hinzuweisen, dass ein Finanzbericht bisweilen auch ohne einleitende "Lyrik" auskommen kann, da es ja im Wesentlichen um Zahlen geht. Als dann auch noch über eine Fehlbuchung von 80 Euro diskutiert werden sollte, griffen die Kassenprüfer und andere Delegierte ein und beendeten diese Aktion.
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit (kein Livestream im Internet) wurde Ingrid Lauterbach dann in einem weiteren Tagesordnungspunkt abgewählt. Den formalen Antrag dazu hatte Christoph Mährlein, Präsident des Badischen Landesverband gestellt. Eine Reihe von Verbänden unterstützten diesen Antrag. Mit 125 Ja-Stimmen, 95 Nein-Stimmen bei 7 Enthaltungsstimmen wurden der Antrag auf Abwahl angenommen. Damit war Ingrid Lauterbach nach drei Jahren im Amt als Präsidentin des deutschen Schachbundes abgewählt.
Ehrenpräsident Herbert Bastian dankte in seiner Laudatio der scheidenden Präsidenten für ihren Einsatz, vor allem auch für ihre Leistung bei der Instandsetzung der Finanzsituation des Deutschen Schachbundes. Alexander von Gleich, der dabei ja ebenfalls einen großen Anteil daran hatte, war nicht vor Ort. Sonst hätte der Deutsche Schachbund ihm für seinen Einsatz unter sehr schwierigen Bedingungen sicher auch gedankt.
Neues Präsidium
Jürgen Klüners und Jannik Kiesel bleiben als Vizepräsidenten Sport und Verbandsentwicklung im Amt. Aber die Position des Präsidenten und des Vizepräsidenten Finanzen mussten neu besetzt werden.
Paul Meyer-Dunker und Niklas Rickmann, die Kandidaten für das Amt des Präsidenten, stellten sich kurz vor und skizierten ein Szenario im Falle ihrer Wahl, das sich nicht groß voneinander unterschied. Beide Kandidaten wollten mit allen gut zusammenarbeiten und vor allem „Gräben zuschütten“.
Mit 116 zu 114 Stimmen (bei einer Enthaltung) fiel das Ergebnis denkbar knapp zugunsten von Paul Meyer-Dunker aus. Vielleicht gab den Ausschlag, dass Meyer-Dunker, wie er bei seiner Vorstellung betont hatte, einige Zeit in der Geschäftsstelle des Deutschen Schachbundes gearbeitet hat und die Abläufe dort kennt. Zudem lebt er in Berlin und hat so einen sehr kurzen Weg in die Geschäftsstelle.
Der einzige Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten Finanzen war Jürgen Gersinska, von Paul Meyer-Dunker vorgeschlagen. Er wurde mit 152 zu 75 Stimmen bei 4 Enthaltungen gewählt. Die 75 Gegenstimmen bei einem einzigen Kandidaten sorgte bei einigen Delegierten für Verwunderung und zeugten ebenfalls eher nicht von "fairem Umgang".
Ein Antrag von Andreas Filmann, Präsident des Hessischen Schachverbandes, über Erstellung eines Meinungsbildes zum Verbleib des Deutschen Schachbundes in der Emanuel Lasker Gesellschaft, bezugnehmend auf ein Interview, in dem der Vorsitzende der ELG Thomas Weischede die Präsidentin für ihre Behandlung des Antrages auf einen Außerordentlichen Bundeskongress kritisiert hatte, wurde zurückgezogen.
Der weitere Verlauf des Bundeskongresses war technisch und konstruktiv. Bei der Beratung verschiedener Sachfragen und Anträgen machten die Delegierten einfach ihre Arbeit.
Service des Schachbundes
Kurzfristig hatten sich die Verantwortlichen beim DSB entschlossen, den Bundeskongress mit einem Livestream auf dem DSB-Twitch-Kanal SchachdeutschlandTV zu übertragen und so die Mitglieder des Schachbundes an den Beschlüssen teilhaben zu lassen – zumindest in Teilen: Einige kontroverse Themen wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt. Dazu gehörten u.a. der Bericht der Präsidentin und der Abwahlvorgang. Der Sitzungsleiter Klaus Deventer bezeichnete den Stream als „semiprofessionell“, als zum Abschluss Kongresses darüber beraten wurde, ob man diesen Service auch in Zukunft anbieten wolle. Sein Eindruck ist wohl zutreffend, aber immerhin. Mit drei Kameras wurden drei unterschiedliche Perspektiven angeboten. Eventuell wäre es noch eine Verbesserung, wenn man das Rednermikro so aufstellt, dass die Zuschauer nicht die Hinterköpfe, sondern die Gesichter der Redner sehen.
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15.05.2026 – Ein Jahr vor dem Jubiläum anlässlich seines 150-jährigen Bestehens und wenige Tage vor dem Wahlkongress befindet sich der Deutsche Schachbund in einer schweren Führungskrise. Auf der Suche nach den Ursachen für die Probleme verweist Ehrenpräsident Herbert Bastian auf die Strukturen und ruft die Protagonisten zur Zusammenarbeit auf.
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