So war Viktor Kortschnoj

von André Schulz
14.06.2026 – Vor etwas mehr als zehn Jahren starb mit Viktor Kortschnoj einer der ganz Großen der Schachgeschichte. Kortschnoj hatte viele Facetten und gehörte bis ins hohe Alter zu den besten Spielern der Welt. Aber es war keine gute Idee, mit ihm über Curacao 1962 sprechen zu wollen. Eine Erinnerung. | Foto: Rob Bogaerts/Anefo

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Personen des öffentlichen Lebens, wenn sie sich nicht den üblichen Normen entsprechend verhalten, werden gerne als Charaktere mit "Ecken und Kanten" bezeichnet. In diesem Sinne war Viktor Kortschnoj eine recht "kantige" Person.

1931 in Leningrad geboren, das heute wieder St. Petersburg heißt, musste Kortschnoj als Kind die Belagerung der Stadt durch die deutsche Wehrmacht mit allen ihren fürchterlichen Auswirkungen für die hungernde Bevölkerung erleben. Dieses Erlebnis in jungen Jahren hat ihn sehr geprägt.

Als junger Mann wollte er eigentlich Schauspieler werden, aber seine Aussprache war für diesen Beruf zu schlecht und so machte er seine Leidenschaft für das Schach zu seinem Beruf, mit ziemlichem Erfolg.

Die meisten Schachfreunde werden den Namen von Kortschnoj mit den Wettkämpfen um die Weltmeisterschaft 1978 und 1981 verbinden. Da war Kortschnoj allerdings schon um die 50 Jahre alt - und gehörte auch noch lange danach zur absoluten Weltspitze. Seine ersten Erfolge hatte er aber schon über 20 Jahre früher gefeiert.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Schachleben in der Sowjetunion wieder in Gang kam, gehörte der junge Viktor Kortschnoj schon bald zu den besten Spielern des Landes. Als 18-Jähriger unternahm er 1950 seinen ersten Anlauf, sich für das Finale der UdSSR-Meisterschaften zu qualifizieren. 1952 schaffte er di Finalteilnahme. Nur die besten Sowjetspieler nahmen teil und es war die besten Spieler des Landes auch quasi Pflicht, sich hier zu beweisen.

Die UdSSR-Meisterschaften waren immer auch schon ein Qualifikationsturnier für die Interzonenturniere. 1962 wurde Kortschnoj zum zweiten Mal Landesmeister. Als Vierter des Interzonenturniers 1962 in Amsterdam qualifizierte er sich dann dann für das berüchtigte Kandidatenturnier von Curacao 1962. Der junge Fischer war dort der Favorit, fühlte sich aber von den Sowjets ausgetrickst, die viele kurze Remisen gegeneinander spielte, um Kraft für ihre Partien gegen Fischer zu sparen.

Ich hatte mehrfach Gelegenheit Kortschnoj etwas näher kennenzulernen, natürlich erst viel später. Kortschnoj gehörte zu den Spielern der älteren Generation, die erkannt hatte, dass eine auf einem Computer arbeitenden Schachdatenbank wie ChessBase für einen Schachprofi wie ihn eine sehr nützliche Sache sein könnte. Und er war willens, sich trotz des fortgeschrittenen Alters - 1987 war er schon Mitte 50 - damit auseinanderzusetzten. Der jüngere Karpov hatte diesen Schritt nicht gewagt.

Der Zugang zur neuen digitalen Welt gelang Kortschnoj allerdings nur rudimentär und er machte keinen Hehl daraus, dass er diese elektronischen Computerdinger in Wirklichkeit hasste. Aber er hatte mit Petra Leeuwerik eine tüchtige Frau zu Seite, die ihm bei allen lästigen Dingen abseits eines Schachbrettes zur Seite stand.

Sie pflegte die ChessBase-Datenbank für Viktor, der sich dann unbekümmert die Partien für seine Vorbereitung anschauen konnte. Natürlich gab es hier und da Anwendungsfragen oder technische Probleme. Petra rief dann bei ChessBase an und gemeinsam konnte man die Probleme lösen. Aus dieser Verbindung entstand die Idee, dass Kortschnoj doch wichtige Partien seiner Karriere in Form einer Videopräsentation als Fritztrainer-Kurs aufzeichnen könnte.

Er war einverstanden und saß dann irgendwann in Hamburg im ChessBase Studio. Als ich ihm dort begegnete, wollte ich etwas Smalltalk machen und dachte, es wäre eine gute Idee, mit ihm über das Kandidatenturnier in Curacao 1962 zu sprechen und wie das denn da genau gelaufen ist mit den Absprachen der Sowjetspieler gegen Fischer.

Kortschnoj fand das nicht. Mein Ansatz, alle Sowjetspieler in einen Topf zu werfen, ihn inklusive, gefiel ihm gar nicht und er klärte mich etwas aufgebracht auf, dass Petrosian und Geller die Idee der kurzen Remispartien hatten, Keres mit reingezogen hatten und dass die Verschwörung sich nicht nur gegen Fischer, sondern auch gegen ihn gerichtet hätte.

Da ich jedoch zumeist der Mann war, der die Probleme seiner Frau bei der Pflege der ChessBase-Datenbank lösen konnte, blieben wir in diesem Sinne Freunde.

Bei einer späteren Begegnung in Biel, als er dort spielte und ich über das Turnier berichtete, hatte es auch wieder einmal Unordnung in seiner ChessBase-Datenbank gegeben und ich wurde zur Hilfe in sein Hotelzimmer gerufen. Das Problem konnte schnell behoben werden. Kortschnoj, der das Geschehen aus der Ferne beobachtete, war danach etwas kiebig zu seiner Frau und meinte: "Wie kann es denn sein, dass du so lange ohne Erfolg an dem Problem sitzt und der junge Mann (Die Geschichte liegt schon ein paar Jahre zurück.) löst es in ein paar Minuten." Das war aber wirklich etwas ungerecht vom "schrecklichen" Viktor gegenüber seiner Frau.

Die Aufnahmen von Viktor Kortschnoj mit seinen besten Partien sind ein einzigartige Zeitdokument. Sie konnten aber nur deshalb zustande kommen, weil Oliver Reeh neben Kortschnoj hockte und außerhalb des Bildes die Tasten bediente, um die Partien vorzuführen. Kortschnoj konnte sich so darauf konzentrieren, den Hintergrund der Partie zu zählen und die Motive und Varianten zu erklären.

Viktor Kortschnoj starb am 6. Juni 2016, vor etwas mehr als zehn Jahren. Er war wirklich ein Mann mit vielen Facetten. Mit seinem Partien und den einzigartigen Aufnahmen lebt die Erinnerung an ihn fort. 

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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