Solinger Tausendsassa

von ChessBase
05.11.2026 – Egon Evertz war zeitweise Deutschlands wichtigster Schachsponsor und Initiator des Europacups. Lothar Schmid hätte ihn gern als Präsident des Deutschen Schachbunds gesehen. Mit seinen Pflichten als Firmen- und Familienoberhaupt wäre das aber kaum unter einen Hut zu bringen gewesen. Ein Gruß zum neunzigsten Geburtstag von Bernd Schneider. | Foto: Archiv Evertz Group

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"Vorige Woche feierte die Evertz Group in der Alten Schlossfabrik in Solingen ihr siebzigjähriges Bestehen. Früher hätte Egon Evertz bei solchen Anlässen eine Rede gehalten, alle Gäste persönlich begrüßt, vielleicht auch für die Musik gesorgt. Nun gehörte die Bühne seinem Sohn und seiner Enkelin, die das Unternehmen, das er bereits als 19-Jähriger gegründet hatte, inzwischen führen. Sein Rückzug aus der Firmenleitung liegt noch nicht so lange, vielleicht zehn Jahre zurück. Genau weiß ich das nicht, weil der Kontakt nicht mehr so eng ist, seit Evertz sich vor etwa zwanzig Jahren bei der SG Solingen weitgehend zurückgezogen hat.

In den späten Sechzigern und Siebzigern war er der wichtigste Schachsponsor in Deutschland. In diese Zeit fielen Reisen zu Vergleichskämpfen nach Budapest und Moskau, außerdem mehrere Großmeisterturniere in Solingen. Während der Schacholympiade 1970 in Siegen holte Evertz Bobby Fischer für ein Uhren-Simultan an zwanzig Brettern. Der benahm sich total daneben. Schon beim Abholen im Hotel in Siegen ließ er eine Stunde auf sich warten. Am Weg wollte Fischer noch frühstücken und an einem Geldautomaten zocken. Als er viel zu spät da war, verlor er gegen Ulrich Dresen in 14 Zügen mit Weiß, die erste von fünf Niederlagen, danach polterte Fischer erst recht herum. 

Um durchzusetzen, dass Ausländer in der Liga spielen durften, legte sich Evertz mit dem Schachbund an. Es begann 1968 mit Albéric O´Kelly. Der NRW-Verband wollte ihn nicht zulassen, weil er schließlich ein Ausländer sei. Evertz argumentierte, dass O´Kelly nur für Solingen und nicht für einen belgischen Verein spielte, es also keine Doppelspielberechtigung sei. Was wieder infrage gestellt wurde, als O’Kelly 1968 für Belgien an der Schacholympiade teilnahm. Dann floh Lubosh Kavalek aus dem sowjetisch besetzten Prag und brauchte Einkommen und eine Bleibe. Mit Kavalek und O´Kelly wurde Solingen 1969 zum ersten Mal deutscher Meister. Insgesamt elfmal holte Solingen den Titel mit Evertz als Sponsor und oft auch als Mannschaftsführer. 

Bei den erfolgreichen Finalrunden 1971 und 1975 setzte er sich auch selbst mal ans Brett. Seine Spielstärke damals entsprach mindestens 2100 DWZ. Später hat er dann irgendwann seine separate Mannschaft mit seinen Kumpels aufgemacht. Er hat sehr gerne gespielt. Ich kenne seine Bibiliothek, seine Partieformulare, seine Aufzeichnungen. Er hat sein Trainingsmaterial organisiert und durchaus an seinem Schach gearbeitet. Dabei hatte er viele Interessen. Er spielte hervorragend Geige, liebäugelte als Junge sogar damit, Musiker zu werden. Er fuhr erfolgreich Autorennen, hatte eine Fluglizenz und ein Unternehmen zu leiten, für das er dutzende Patente entwickelte.

Egon Evertz an der Geige | Foto: Archiv Christian Beier

Bojan Kurajica reiste aus Jugoslawien an. Heikki Westerinen kam aus Finnland, trat immer sehr bescheiden auf. Wenn die erste Mannschaft schon zwei Ausländer hatte, spielte Heikki eben in der zweiten oder dritten Mannschaft, Hauptsache er war da. Um Jürgen Dueball und Hajo Hecht aus Berlin zu holen, wurden für sie Stellen bei der Stadt Solingen gefunden. Auch Robert Hübner spielte für Solingen, als ich 1976 anfing, bei den Mannschaftskämpfen zuzuschauen. Schon als kleiner Junge habe ich Egon Evertz und Herbert Scheidt bemerkt, ohne dass ich genau wusste, wie die heißen und wer sie sind, aber ich wusste, dass sie für die Mannschaft wichtig sind. Damals fand der erste Europacup statt, übrigens auf Initiative von Evertz. Solingen richtete 1976 das erste Finale aus und teilte den Sieg mit Burewestnik Moskau.

Später durfte ich selbst mitspielen – Bundesliga und Europacup. In einem Team mit Boris Spasski. Unvergesslich unsere Reise 1990 nach Reykjavik mit Evertz am Steuer seines Privatflugzeugs. Kavalek war damals nicht mehr im Kader, aber reiste, quasi als Tourist, mit.

 

Egon Evertz mit der damaligen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft | Foto: NRW-Staatskanzlei

Kürzlich hatte ich einen Brief von Lothar Schmid aus den Siebzigerjahren in der Hand, in dem er Evertz riet, sich auf jeden Fall um Schach zu kümmern, weil er ja derjenige sei, der demnächst die Verantwortung für den Deutschen Schachbund übernehmen würde. Vielleicht ein Versuchsballon. Vielleicht wollte er auch gucken, ob Evertz mal 100.000 Mark in die Nationalmannschaft investiert. Ob Evertz es gewollt hat, weiß ich nicht."

Aufgezeichnet von Stefan Löffler.

Eine ausführliche Version dieses Beitrags erscheint im Schachkalender 2027.

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