Stellungsnahme von Carsten Hensel

03.08.2005 – Gestern erschien bei chessbase.de unter dem Titel "Die WM in San Luis - Neustart der FIDE?" ein Betrag von André Schulz zu dem für September/Oktober geplanten Weltmeisterschaftturnier. Dort äußerte sich der Autor u.a.  zu einigen Aspekten der jüngeren Schachgeschichte im Hinblick auf die zwei existierenden Schachweltmeisterschaften und beschäftigt sich auch mit der Rolle Vladimir Kramniks. Carsten Hensel, Manager von Vladimir Kramnik, hält die dargelegte Meinung für falsch und bittet um Veröffentlichung der folgenden Stellungsnahme. Stellungsnahme von Carsten Hensel...

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An die Chessbase.de Redaktion

Mit einigem Entsetzen habe ich Ihren Bericht "Kleiner Streifzug durch die jüngere Schachgeschichte" gelesen. Erneut wird Ihrerseits klischeehaft die Rolle Wladimir Kramniks im Zusammenhang mit der Situation rund um die Schach-WM "gepflegt". Einige Ihrer Behauptungen entsprechend nicht den Fakten. Das daraus resultierende Bild Kramniks in der Öffentlichkeit befindet sich nicht im Einklang mit der Realität. So wird behauptet: "Solange die Überfigur Kasparov seine Version des Titels noch innehatte, waren die Folgen der Teilung vielleicht noch erträglich, aber seitdem er seinen Titel 2000 an Kramnik verlor, hat sich der Zustand verschlechtert. Kasparov verspürte noch eine gewisse Verpflichtung zur Verteidigung seines Titels und kümmerte sich selbst - mehr oder weniger erfolgreich - um Gegner. Sein Nachfolger Kramnik lässt die Dinge auf sich zukommen und hat in der Vergangenheit betont, dass er Spieler und kein Organisator ist."

Die Behauptung, der Zustand habe sich mit Kramniks WM-Sieg über Kasparow verschlechtert ist ebenso unhaltbar wie die Feststellung, dass Wladimir Kramnik sich nicht um die Verteidigung seines Titels kümmere. Richtig ist, dass sich Kramnik nach dem Titelgewinn 2000 intensiv um die Titelverteidigung gekümmert hat. Immerhin hat im Jahre 2002 ein Kandidatenturnier stattgefunden und Weltmeister Kramnik ist 2004 bekanntlich gegen den Sieger Peter Leko angetreten. Dies geschah ein Jahr später als geplant. Die Verzögerung kann in keiner Weise Kramnik angelastet werden - im Gegenteil: Sie ist einzig und allein der Nichteinhaltung von Verpflichtungen des vorherigen Rechteinhabers an der WM geschuldet. Wladimir Kramnik hat sich entgegen Ihrer Behauptung in den Akquisitionsprozess intensiv eingebracht und an wichtigen Gesprächen teilgenommen. Ohne sein Engagement wäre die Realisierung des Kramnik-Leko WM-Kampfes nicht möglich gewesen. Von "Kramnik lässt die Dinge auf sich zukommen" kann also gar keine Rede sein. Völlig unverständlich ist in diesem Zusammenhang der Vergleich zu seinem Vorgänger. Ich erinnere an dieser Stelle nur daran, dass dieser zwischen 1995 und 2000 - also 5 Jahre - nicht verteidigt hat. Die Ableitung, dass Kasparow sich gekümmert habe und Kramnik die Dinge auf sich zukommen lasse ist eine dreiste Verkehrung der Realität.

"Der Status des neuen FIDE-Weltmeisters und seine Anerkennung in der Schachszene wird gewiss höher sein, als das in der jüngeren Vergangenheit der Fall war. Das bringt den "Weltmeister im klassischen Schach" Vladimir Kramnik in Zugzwang. Kramnik hat seit seinem Titelgewinn in London 2000 klar erkennbar an Ehrgeiz verloren seine Fans als Schachweltmeister wenig überzeugen können. Durch seine pragmatische Einstellung auf den Turnieren mit vielen Kurzremisen hat er viel Kredit verspielt. Die Schachfreunde spüren, dass er keine rechte Freude mehr am Schach hat. Auch den Titelkampf gegen Peter Leko konnte er nur gerade eben so remis gestalten und behielt den Titel nur aufgrund der Regel, dass der Titelinhaber bei Unentschieden Weltmeister bleibt."

Hierzu folgende Anmerkungen:

1) Ich kann jedenfalls nicht bestätigen, dass Wladimir Kramnik die Lust am Schach verloren habe. Den Zusatz, dass die Schachfreunde dieses spürten halte ich für eine journalistisch fragwürdige Suggestion, die die beabsichtigte Tendenz Ihres Berichts entlarvt.

2) Wo bitte ist der statistische Beweis, dass Kramnik in Turnieren im durchschnittlichem Vergleich zu allen anderen Topspielern mehr Kurzremisen gespielt hat? Falsche Behauptungen werden auch durch fortwährende Wiederholungen nicht richtiger. Kramnik hat nach dem WM-Kampf mit Peter Leko sicherlich nicht in Bestform gespielt und musste dabei einige gesundheitliche Probleme meistern. Jedoch bezeugen die von ihm in 2005 gespielten Turniere (Wijk aan Zee, Monaco, Französische Meisterschaft, Sofia, Dortmund) genau das Gegenteil eines Spielers, der auf Kurzremisen aus ist.

3) Die abfällige Bemerkung "Auch den Titelkampf gegen Peter Leko konnte er nur gerade eben so remis gestalten" grenzt an Respektlosigkeit nicht nur gegenüber Kramnik sondern auch gegenüber Peter Leko. Es ist sicher keine Schande einen Wettkampf gegen Peter Leko auszugleichen. Möglicherweise ist Ihnen entgangen, dass Peter Leko (seit 6 Jahren ununterbrochen in den Top Ten und einer der führenden internationalen Großmeister) bei seinen direkten Konkurrenten gleichermaßen als WM-Anwärter und als einer der stärksten Matchspieler unserer Zeit hohe Anerkennung genießt.

"Ob die FIDE tatsächlich einen Neustart schafft, hängt aber davon ab, wie es nach dem WM-Turnier weiter geht. Der entscheidende Punkt ist ein überzeugender regelmäßiger Zyklus mit unveränderten Regeln. Darüber wurde in Prag damals keine Vereinbarung getroffen. Und darüber liegt auch jetzt keine gesicherten Informationen vor."

Die Behauptung, dass in Prag keine Vereinbarung über einen regelmäßigen WM-Zyklus getroffen wurde ist falsch. Ich empfehle dem Autor dringend die vollständige Prager Vereinbarung zu lesen. Dort wurde nämlich in der Tat ein künftiger WM-Zyklus nach dem Vereinigungskampf vereinbart. Falls die Prager Vereinbarungen tatsächlich zum Wohle der professionellen Schachwelt umgesetzt würden, wäre eine solche Entwicklung sicherlich nicht zuletzt auch Wladimir Kramnik zu verdanken.

Mit freundlichen Grüßen

Carsten Hensel
(Manager von Wladimir Kramnik, Schach-Weltmeister)

 

 



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