Stilübungen (2/4): Lösungen

von Johannes Fischer
23.05.2017 – Die „Stilübungen“ sind eine Einladung, sich spielerisch mit dem Spielstil der 16 Weltmeister der Schachgeschichte zu beschäftigen. In jeder der vier Folgen wird der Leser aufgefordert, vier unkommentierte Partien Weltmeistern zuzuordnen. In Teil 2 wurden Partien von Max Euwe, Mikhail Botvinnik, Vassily Smyslov und Mihail Tal vorgestellt. Hier erfahren Sie, welcher dieser vier Weltmeister welche Partie gespielt hat.

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Partie 1: Mihail Tal

Mit seinen kühnen Opfern, seinen verblüffenden taktischen Ideen und seinen mutigen Angriffen hat Mihail Tal zahllose Schachspieler begeistert und inspiriert. Auch wenn sich viele von Tals Opfern im kalten Licht der nachträglichen Analyse als nicht korrekt herausstellten. Aber Partie und Analyse sind zwei Paar Schuh. Und auch wenn Tals Opfer objektiv ungesund waren, so konnten viele seiner Gegner die taktischen Probleme, die Tal ihnen stellte, am Brett nicht lösen. Die folgende Partie gegen den ungarischen Großmeister Istvan Bilek ist ein Beispiel. Um positionell nicht unter Druck zu geraten, bietet Tal kurz nach der Eröffnung ein Bauernopfer an, das rasch zu einer zweischneidigen, taktisch komplizierten Stellung führt. Objektiv stand Weiß in dieser Stellung besser und moderne Engines finden auch die Züge, die Weiß hätte machen müssen, um in Vorteil zu kommen. Bilek fand diese Züge nicht und einmal mehr gelang Tal ein hübscher Sieg mit kleinen Schönheitsfehlern.

 

Zu erraten, welcher Weltmeister eine Partie gespielt hat, von der man nur die Notation kennt, ist oft schwieriger als man zunächst glaubt und oft erscheinen die "typischen" Merkmale eines Spielers nur im Nachhinein. Dennoch, 56% der Teilnehmer, die mutig genug waren, einen Tipp zu wagen, haben hier auf Tal getippt.

Master Class Band 2: Mihail Tal

Dorian Rogozenco, Mihail Marin, Oliver Reeh und Karsten Müller stellen den 8. Schachweltmeister und seine Eröffnungen, sein Verständnis der Schachstrategie, seine Endspielkunst und nicht zuletzt seine unsterblichen Kombinationen in Videolektionen vor.

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Partie 2: Mikhail Botvinnik

Das Gegenteil von Mihail Tal war Mikhail Botvinnik. So schreibt Garry Kasparov, der erfolgreichste Schüler in Botvinniks Schachschule, über seinen ehemaligen Lehrer und Trainer: „Mikhail Moiseevich Botvinnik (17. August 1911 – 5. Mai 1995) war zweifellos einer der größten Weltmeister, ein wirklicher Erneuerer, der eine ganze Ära im Schach begründet hat. Sein Stil war einer der tiefen Strategie und beruhte auf gründlicher eröffnungstheoretischer und psychologischer Vorbereitung, ausgezeichneter Technik und genau gesteuerter positioneller und kombinatorischer Entscheidungen.“ (Garry Kasparov, My Great Predecessors, Part II, Everyman 2003, S. 111)

Anders als Tal, der das irrationale, spielerische Element im Schach genoss, verfolgte Botvinnik einen wissenschaftlichen Ansatz und suchte im Schach nach Prinzipien und in seinen Partien nach rationalen und logischen Lösungen für die Probleme der jeweiligen Stellung.

Ein Beispiel für diesen Ansatz, der vor allem auf Strategie und weniger auf Taktik setzt, liefert die gezeigte Partie gegen den jugoslawischen Großmeister Svetozar Gligoric. Weiß macht keinen offensichtlichen Fehler, aber wird aus der Eröffnung heraus strategisch überspielt und verliert chancenlos.

 

Botvinnik spielte diese strategische Glanzleistung 1967, am Ende seiner Schachkarriere. Aber seine Handschrift scheint klar gewesen zu sein: 63% der Teilnehmer am Quiz tippten hier auf Botvinnik.

Partie 3: Max Euwe

„Er ist ein Taktiker, der beschlossen hat, aus sich um jeden Preis einen guten Strategen zu machen.“ (Zitiert in Kasparov, My Great Predecessors, Part II, S. 9) Das sagte Alexander Aljechin über Max Euwe und die folgende Partie von Euwe gegen Salo Flohr liefert ein gutes Beispiel für diese Einschätzung. Euwe hat Weiß, kommt gut aus der Eröffnung heraus und sichert sich durch solides strategisches Spiel einen kleinen Vorteil und die angenehmere Stellung. Aber als er die Gelegenheit sieht, den gegnerischen König anzugreifen, bricht er die Brücken hinter sich ab und gewinnt mit einem sehr guten Blick für taktische Möglichkeiten.

 

Max Euwe ist der einzige Amateur unter den 16 Weltmeistern und er wird gerne ein wenig unterschätzt. Vielleicht sind seine Partien und sein Spielstil deshalb weniger bekannt, aber immerhin tippten hier noch 47% der Quizteilnehmer auf Euwe, 35% glaubten, Vassily Smyslov hätte diese Partie gespielt.

Partie 4: Vassily Smyslov

In seinem Buch Meine 130 schönsten Partien von 1938 – 1984 stellt Vassily Smyslov nicht nur Partien vor, sondern spricht auch über seinen Stil: „Schon in meinen ersten Turnierpartien vermied ich nicht, in ein Endspiel überzugehen, weil mir die Technik der Realisierung eines Vorteils bekannt war. Deshalb verschärfte ich nie unnötig das Spiel und suchte nicht nach effektvollen Wendungen, sondern spielte einfach, was die Stellung ‚brauchte’. Ich versuchte die Position zu verstehen und suchte nach einem zu meinem Plan passenden Zug. So spiele ich auch heute noch.“ (Wassili Smyslow: Meine 130 schönsten Partien von 1938-1984, Heidelberg 1988: Schachverlag Rudi Schmaus, S.12)

Ein Beispiel für dieses Credo liefert die folgende Partie gegen Paul Keres. Während Weiß viel Zeit damit verliert, gute Felder für seine Springer zu finden, forciert Smyslov nichts, sondern stellt in aller Ruhe seine Figuren besser. Als die Zeit reif ist, beweist er sein taktisches Können mit einem plötzlichen Überfall auf den weißen König.

 

Diese Partie bereitete die meisten Schwierigkeiten. 25% der Quizteilnehmer lagen richtig und tippten auf Smyslov, 30% auf Euwe und 33% auf Tal.

Siehe auch: Stilübungen Teil 1

Partien

Lösungen

Teil 3 der Stilübungen folgt in Kürze.



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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