Christian Hesse schlug vor, dass ich dieses Thema noch einen Schritt weiterführen solle, indem ich es mit Geschichten und Erfahrungen aus der zutiefst menschlichen Welt des Schachs ergänze.
Wenn ich dies nun versuche, so denke ich natürlich an sein gemeinsam mit Frederic Friedel verfasstes Buch „Schachgeschichten“, in dem mathematische Rätsel und schachliche Kuriositäten mit faszinierenden Begegnungen mit berühmten Schachmeistern zusammentreffen. Garri Kasparov schreibt in seinem Vorwort: „Schachgeschichten zeigt, wie zutiefst menschlich die Welt des Schachs ist. Es offenbart die Leidenschaft und Schönheit, die Schach allen, vom Amateur bis zum Weltmeister, bietet.“
Und gar nicht selten staunen wir, Amateur und Weltmeister gleichermaßen, ehrfürchtig ob der Schönheit einer Kombination, eines Problems oder einer Studie. Mag diese aus der hohen Anspannung unter Zeitdruck während einer Turnierpartie, aus dem emsigen, und doch so kreativen Tüfteln eines bekannten Problemkomponisten wie Werner Keym oder der schier unerschöpflichen Phantasie eines Jan Timman, Weltklassegroßmeister und begnadeter Studienkomponist zugleich, geboren sein.
Nie werde ich vergessen, als er Viktor Kortschnoi und mir, am Vorabend eines Schnellschachturniers in Nordhorn, Studien von sich zeigte und sich diebisch freute, wenn wir „sprachlos“ davor saßen, um schließlich mit seinen Erläuterungen – auch diese weitgehend ohne Worte, also nur mit den oft geheimnisvollen Zügen und Interaktionen der Schachfiguren auf einem streng umgrenzten Brett mit 64 Feldern – „belohnt“ zu werden. Ein Mikrokosmos, der weit über sich selbst hinausweist. So etwas mag für manch eine(n) sogar ein Erweckungserlebnis sein, durch das er oder sie in die Wunderwelt des Schachs eintaucht.
Oft „versteht“ sich das scheinbar so strikt logische Schachspiel, dieses „einzige Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten angehört und von dem niemand weiß, welcher Gott es auf die Erde gebracht“ (Stefan Zweig), ähnlich wie in so vielen Bereichen menschlichen Erlebens, nicht zuletzt in der Kunst, vor allem auf einer averbalen, unserem Alltagsdenken verschlossenen Ebene, die an tiefere Schichten in uns rührt.
Friedrich Schiller, dem das Schachspiel noch vor seinem Tod ein großer Trost war, sagte einmal: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Und vom Schweizer Schriftsteller Max Frisch ist überliefert, dass er das Schachspiel schätzte, weil man dabei nicht reden muss.
Gerade die heilende und gesundheitsfördernde Kraft des Schachs kennen und erleben viele Schachspieler. In der Menninger-Klinik in den USA wurde es beispielsweise eingesetzt, um Jugendliche mit großen Kontaktproblemen über das unverfängliche Medium Schach sich wieder anderen annähern zu lassen. In diesem „stillen“ Spiel entsteht Kontakt – nicht zu angstmachend nah, weil durch das Schachbrett getrennt, aber auch nicht zu weit voneinander entfernt, um gar keine Verbindung miteinander aufnehmen zu können.
In diesem Sinne möge Schach weiterhin seine oft segensreiche Wirkung entfalten!
Helmut Pfleger (* 6. August 1943) ist ein deutscher Schachgroßmeister, Arzt, Autor und bekannter Schachkommentator, der die Förderung und Verbreitung des Schachs in Deutschland maßgeblich beeinflusst hat. Er studierte Medizin in München und avancierte in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einem der stärksten Schachspieler Westdeutschlands. Zwischen 1964 und 1982 vertrat Helmut Westdeutschland bei sieben Schacholympiaden und trug zum Gewinn der Bronzemedaille mit der Mannschaft bei der Olympiade 1964 in Tel Aviv bei, wo er am vierten Brett mit 12,5 von 15 möglichen Punkten die Goldmedaille in der Einzelwertung gewann.
Von 1977 bis 2005 erlangte Pfleger als Schachkommentator im deutschen Fernsehen große Popularität. Oft moderierte er gemeinsam mit Großmeistern wie Vlastimil Hort und machte das Schachspiel einem breiten Publikum zugänglich. Er verfasste zahlreiche Schachbücher und schrieb unterhaltsame Kolumnen für große Zeitungen wie die „Zeit“ und die „Welt am Sonntag“. Zudem wirkte er an mehreren ChessBase-Videokursen und Beiträgen mit.

Gespräch mit dem Harvard-Ökonomen und Schachgroßmeister Ken Rogoff, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, der 2016 in München einen Vortrag zum Thema „Der Fluch des Bargelds“ hielt.
Helmut brachte seine Schachkarriere mit der Medizin in Einklang und spezialisierte sich auf Innere Medizin und Psychotherapie. Er forschte zu physiologischen und psychologischen Aspekten des Schachs, unter anderem zu Blutdruckmessungen und zur Verfolgung der Augenbewegungen während des Spiels.