Über die Überflüssigkeit der Worte (2)

von ChessBase
18.09.2026 – In diesem Artikel präsentieren wir ein Juwel der Schachkomposition. Diese Studie kommt ganz ohne Worte, Anweisungen oder Vorgaben aus, wie etwa „Weiß zieht und gewinnt“. Alles wird allein durch die Analyse des Diagramms gelöst. Können Sie die Logik nachvollziehen, die Ihnen alles über dieses Diagramm verrät? Sie ist umfassend, präzise und wahrlich verblüffend.

Ihr persönlicher Schachtrainer - Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des Vereinsschachs machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.
FRITZ ist mehr als nur eine Schach-Engine – es ist eine Trainingsrevolution! Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des Vereinsschachs machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.

Zu Teil 1 dieses Beitrags

Über die Überflüssigkeit der Worte (2)

von Christian Hesse und Helmut Pfleger

Problem ohne Worte

Warum benötigt die folgende Studie keine Anweisung oder Vorgabe wie beispielsweise „Weiß zieht und gewinnt“?

Karl Fabel und Werner Keym, Basler Nachrichten, 1967

Der Grund ist darin zu sehen, dass bei genauer Analyse, die Stellung nur einen einzigen Zug zulässt. Das scheint überraschend, da doch Weiß allein schon angesichts von Dame, Türmen und Läufern, eine Vielzahl von Zügen ausführen können sollte. Doch der Schein trügt.

Um das einzusehen, ist es nötig, Schach rückwärts zu denken. Nach Art eines Archäologen muss man sich in die Stellung eingraben und sich vor Augen führen, was in der Vergangenheit geschehen sein muss, bis es in der Gegenwart zu der abgebildeten Stellung kam. Tun wir dies nun Schritt für Schritt mit rein logischen Mitteln, die aufeinander aufbauen.

In fast 4 Stunden Videospielzeit führt Karsten Müller Ihnen Sensationen aus der Endspielwelt vor, die teilweise weit über das Verständnis von Standardtechniken und Faustregeln hinausgehen.

Unsere erste Beobachtung ist diese: Schwarz hat 13 Spielfiguren eingebüßt. Zählt man die Schlagzüge der weißen Bauern, die anfangs auf b2, c2, d2 und e2 standen und sich durch die Schlagzüge nach rechts bewegt haben, von der b-Linie bis zur g-Linie, so sieht man, dass hierfür genau 13 Schlagzüge nötig waren.

Anders ausgedrückt müssen alle 13 fehlenden schwarzen Figuren durch die weißen Bauern b2, c2, d2 und e2 geschlagen worden sein, die jeweils diese Schlagzüge nach rechts ausgeführt haben.

So ist zum Beispiel der b2-Bauer durch fünfmaliges Schlagen bis g7 gelangt, der Bauer c2 durch viermaliges Schlagen bis g6, der d2-Bauer durch dreimaliges Schlagen bis g5. Hinzu kommt noch ein Schlagfall des e2-Bauern auf die f-Linie. Damit sind alle Fälle erklärt, in denen schwarze Figuren das Brett verlassen haben.

Diese DVD soll Ihnen die praktischen Fähigkeiten und Kenntnisse verschaffen, die Sie brauchen, um im Endspiel mit Turm und Bauern erfolgreich zu bestehen. Basierend auf den Erfahrungen aus seiner eigenen Praxis vermittelt Großmeister Daniel King essentielles Grundwissen, was beim Lernen viel Zeit spart.

Die weißen Bauern von a2 und h2 haben also ihre Ausgangslinie nicht verlassen, denn sonst wären es zu viele weiße Schlagzüge und die schwarzen Truppen wären noch stärker dezimiert.

Dies ist unser aktueller Stand, aber etwas später werden wir sehen, dass der weiße e2-Bauer nicht auf f3 schlägt.

Weiß fehlen drei Figuren: die beiden Springer und ein weißer Bauer. Da der weiße Bauer auf h5 die h-Linie nicht verlassen hat, um dorthin zu gelangen, muss der schwarze Bauer, der ursprünglich auf h7 stand, einen weißen Springer geschlagen haben, um auf die g-Linie zu gelangen. Anschließend muss dieser Bauer oder ein anderer Bauer auf der g-Linie den anderen weißen Springer auf der h-Linie geschlagen haben, um nach h3 zu gelangen, wo er sich nun befindet. Dies erklärt die bisherigen zwei schwarzen Schläge. Der dritte Schlag erfolgte durch eine schwarze Figur, die den weißen a-Bauern schlug, so dass der schwarze a7-Bauer nach a1 ziehen und zu einem Offizier umgewandelt werden konnte. Dieser Offizier zieht später so, dass er einem der 13 weißen Schlagzüge zum Opfer fällt. Auch der schwarze b7-Bauer musste einem der 13 weißen Schlagzüge zum Opfer fallen, um geschlagen zu werden, da Weiß keine weiteren Offiziersschlagzüge mehr zur Verfügung hat.

Vom Mattsetzen mit Dame, Turm, zwei Läufern, Springer und Läufer bis zu den Grundlagen der Bauernendspielen – hier lernen Sie das nötige Know-how um ihren Endspielvorteil in Siege zu verwandeln!

Daher musste der Bauer auf b7 zuerst auf b1 umgewandelt werden. Nach dieser Argumentation wurden die schwarzen Bauern auf a7 und b7 auf a1 bzw. b1 umgewandelt. Dies ist jedoch nur eine Möglichkeit. Die zweite Möglichkeit ist, dass der schwarze a-Bauer eine Figur auf der b-Linie schlug und anschließend auf b1 umgewandelt wurde. Der weiße Bauer ging von a2 nach a8 und wurde dort umgewandelt.

Diese Überlegungen setzen genau drei Schläge durch Schwarz voraus. Es gab keine weiteren Schläge durch Schwarz. Insbesondere kann Schwarz seinen letzten Zug nicht mit einem Bauern von e5 nach f4 ausgeführt haben. Der schwarze Bauer auf f4 muss dieses Feld friedlich erreicht haben, ohne zu schlagen. Er muss daher von f7 nach f4 gezogen sein. Dieser Bauer muss seinen Zug beendet haben, bevor der weiße Bauer auf f5 seinen Weg auf der f-Linie durch einen Schlag blockierte. Der weiße Bauer muss also von e2 nach e4 gezogen und auf f5 geschlagen haben.

Dies ist also unser überarbeitetes Diagramm zum Schlagen des weißen Bauern:

Berücksichtigt man all das, gibt es in der aktuellen Brettstellung keinen möglichen Zug, den Schwarz als letztes ausgeführt haben kann. Daraus folgt zwingend, dass Weiß den letzten Zug ausgeführt haben muss. Den Zug also, der zur abgebildeten Diagrammstellung führte.

Soweit so gut. Doch damit ist die Hauptleistung noch nicht erbracht. Wir müssen ermitteln, welcher Zug das gewesen ist. Ist das denn überhaupt möglich?

Ja!!

Diese bisher nur behauptete Möglichkeit kling noch überraschender als alle vorhergehenden Aussagen über die Brettstellung.

Befassen wir uns also mit den Zugmöglichkeiten von Weiß: Weiß kann den letzten Zug nicht mit einer seiner Figuren König, Dame, Turm oder Läufer ausgeführt haben, da dann Schwarz keinen Zug unmittelbar davor gemacht haben kann. Um aber, rückwärts gedacht, einen unmittelbar vorhergehenden schwarzen Zug zu erlauben, muss Weiß als letztes g2-g4 gezogen haben.

Interessante und unterhaltsame Geschichten und Bilder rund um das Schachspiel. Studien und Probleme, und wie Amateure und Weltklassespieler auf sie reagieren.

Noch einen Schritt weiter in die Vergangenheit der Stellung zurückschreitend, muss der schwarze König auf g4 gestanden haben und dann einen Seitschritt nach h4 vollzogen haben. Hier angekommen liegt es auf der Hand was zuvor geschehen sein muss: Die letzten paar Züge, die zur Diagrammstellung führten, waren einer nach dem anderen: schwarzer König von h4 nach g4, weißer Bauer von f2 nach f3 mit Schach, schwarzer König von g4 nach h4 nebst dem Doppelschritt des weißen g-Bauern von g2 nach g4.

Damit haben wir nicht nur mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, sondern tatsächlich über jeden Zweifel hinweg ganz zwingend bewiesen, dass Schwarz nun am Zug ist und nur einen einzigen Zug hat, nämlich den en passent Schlagzug f4 schlägt g3, der den weißen König Matt setzt.

Angesichts all dieser Überlegungen ist die von Karl Fabel und Werner Keym vorgelegte Brettstellung selbsterklärend und es ist tatsächlich unnötig, irgendwelche Worte als Problemstellung hinzuzufügen. Ganz implizit enthält die Diagrammstellung ihre eigene Problemstellung. Es ist ein Problem ohne Worte, dass der im übertragenen Sinn „nichtssagenden“ Diagrammstellung alle Ehre macht. Das nichtssagend durch die Abbildung Gesagte sagt wortlos schon all das, was wortreich durch noch so viele Worte nicht mehr übertroffen werden kann. Das ist Zen hoch Zen.

 

Zu Teil 1 dieses Beitrags

Smyslov pflegte einen klaren positionellen Stil und verließ sich auch in scharfen taktischen Stellungen häufig mehr auf seine Intuition als auf konkrete Variantenberechnung, wobei er es im Bedarfsfall durchaus verstand, brillant zu kombinieren.


Die ChessBase GmbH, mit Sitz in Hamburg, wurde 1987 gegründet und produziert Schachdatenbanken sowie Lehr- und Trainingskurse für Schachspieler. Seit 1997 veröffentlich ChessBase auf seiner Webseite aktuelle Nachrichten aus der Schachwelt. ChessBase News erscheint inzwischen in vier Sprachen und gilt weltweit als wichtigste Schachnachrichtenseite.
Diskussion und Feedback Senden Sie Ihr Feedback an die Redakteure