US Championships: So und Liang führen im Open, Paragua, Cervantes und Lee bei den Frauen

von Stefan Liebig
12.10.2026 – Am Wochenende starteten die diesjährigen US-Meisterschaften im Saint Louis Chess Club. Kurz nach der Olympiade sind sowohl alle Open-Teilnehmer von Samarkand als auch alle Frauen-Spielerinnen des US-Teams im Einsatz. Im Open haben sich Wesley So und Awonder Liang in den ersten drei Runden einen halben Punkt Vorsprung erarbeitet. Beide haben 2,5 Punkte auf dem Konto. Diese Punktzahl weisen auch die besten drei Frauen zur Zeit auf: Alice Lee, Thalia Cervantes und die dreizehnjährige Megan Paragua (Titelbild/Lennart Ootes) kamen am besten in Fahrt. | Fotos: Lennart Ootes, Crystal Fuller / Saint Louis Chess Club

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Die US-Schachmeisterschaften 2026 begannen am Freitag, dem 9. Oktober, im Saint Louis Chess Club. Dr. Jeanne Cairns Sinquefield läutete die Glocke zum Auftakt der ersten Runde. Jeweils zwölf Spielerinnen und Spieler treffen bei den beiden nationalen Meisterschaften im Rundenturnier aufeinander. Bis zum 21. Oktober sind elf Runden angesetzt. Bei Gleichstand um den Titel können am 22. Oktober Stichkämpfe folgen.

Gespielt wird mit klassischer Bedenkzeit: 90 Minuten für die ersten 40 Züge, anschließend weitere 30 Minuten bis zum Partieende und 30 Sekunden Zeitgutschrift pro Zug von Beginn an. Die offene Meisterschaft ist mit insgesamt 250.000 US-Dollar dotiert, im Frauenturnier werden 152.000 US-Dollar ausgeschüttet. Dass ein Preis nicht vergeben wird, steht bereits jetzt fest: Die Bedingungen für den Bobby-Fischer-Preis sind nach drei Runden für keinen Spieler mehr erreichbar. Der Preis in Höhe von 64.000 US-Dollar wird dem Spieler der offenen Kategorie verliehen, der das Turnier mit der perfekten Punktzahl von 11/11 beendet und damit Bobby Fischers Leistung bei der US-Meisterschaft 1963/64 wiederholt. Spieler können auch kleinere Boni für Siegesserien von fünf bis zehn Partien erhalten, sofern diese in der ersten Runde beginnen.

Seriensieger

Die Ausgangslage ist besonders interessant, weil Caruana seinen Titel zum fünften Mal in Folge gewinnen möchte. Der US-Großmeister hat die Meisterschaft seit 2022 viermal hintereinander für sich entschieden.

Bei den Frauen strebt Carissa Yip den vierten Titel in Folge an. Im Gegensatz zu Caruana, der mit 2 aus 3 ins Turnier startete, verlor Yip aber bereits zweimal und erreichte bislang lediglich eine Punktteilung. 

Open

Runde 1: Wesley So gewinnt an seinem Geburtstag

Der Auftakt am Freitag brachte in der offenen Meisterschaft drei entschiedene Partien. Wesley So, Awonder Liang und Jeffery Xiong starteten jeweils mit einem Sieg. Titelverteidiger Caruana begnügte sich dagegen mit einem kurzen Remis gegen Levon Aronian: Nach nur 17 Zügen einigten sich die beiden Großmeister auf die Punkteteilung. 

Gewann an seinem Geburtstag: Wesley So. | Foto: Lennart Ootes

Für So war der erfolgreiche Start zugleich auch ein Geschenk, dass er sich selbst machte: Der dreimalige US-Meister wurde am Freitag 33 Jahre alt und beschenkte sich mit einem Sieg gegen Sam Shankland. Die Partie verlief allerdings nicht völlig geradlinig. So musste seine positionellen Vorteile erst in einen vollen Punkt ummünzen und machte den Erfolg damit zu einer umkämpften Angelegenheit.
Liang setzte sich gegen Hans Niemann durch. Die Partie zwischen den beiden Mitgliedern des US-Olympiadeteams entwickelte sich zu einem spannenden Duell. Liang übernahm nach Ungenauigkeiten seines Gegners die Kontrolle und setzte sich schließlich nach 34 Zügen durch. Niemann verlor zunehmend den Zugriff auf die Stellung, während Liang seine positionellen Vorteile konsequent nutzte.
Die dritte entschiedene Partie gewann Xiong gegen Sam Sevian. Besonders lehrreich war das Endspiel: Xiong setzte sich in einem Bauernendspiel durch, das an klassische Studien zur Endspieltechnik erinnerte.  

Liang spielt Niemann aus

Awonder Liang errang einen wichtigen Sieg gegen Hans Niemann, seinen Teamkollegen von der Schacholympiade in Samarkand. Mit Weiß gewann Liang im frühen Mittelspiel die Oberhand und baute seinen kontinuierlichen Vorsprung aus, da Niemann Schwierigkeiten hatte, eine zufriedenstellende Verteidigungsstrategie zu entwickeln. Ein kritischer Moment kam im 19. Zug, als Niemann fast eine halbe Stunde lang über seine Möglichkeiten nachdachte, bevor er sich für ein unpräzises Manöver entschied.

Liang reagierte darauf, indem er die Koordination seiner Figuren verbesserte, seine Kräfte zentralisierte und auf beiden Seiten des Bretts Bedrohungen schuf. Sobald es Liang gelang, einen Springer auf e6 zu etablieren, wurde seine positionelle Überlegenheit deutlich, da der Springer mehrere wichtige Felder dominierte.

Für Niemann wurde die Situation noch schwieriger durch seinen erheblichen Zeitnachteil: Zeitweise hatte Liang noch 41 Minuten, Niemann dagegen nur 14. Weitere Ungenauigkeiten von Niemann ermöglichten es Liang, den Druck zu erhöhen. Mit seiner Dame, seinem Turm und seinem Springer tief in der schwarzen Stellung hatte Liang im 34. Zug einen entscheidenden Vorteil.

Niemann gab auf.

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Hans Niemann

Hans Niemann | Photo: Crystal Fuller

Runde 2: So übersteht kritische Momente, Liang überzeugt im Endspiel

Am Samstag kam es zum direkten Duell zweier Sieger des Auftakts: So traf auf Xiong. Der Verlauf war wechselhaft. Xiong erreichte zwischenzeitlich eine sehr aussichtsreiche Stellung und hätte die Partie wohl gewinnen können. Doch So überstand die kritische Phase, profitierte von einem Fehler seines Gegners unter Zeitdruck und verwertete anschließend seinen Vorteil.
So beschrieb die Partie nach dem Ende mit bemerkenswerter Offenheit: „Ich habe eigentlich die ganze Partie nur versucht zu überleben.“ Erst später habe er wieder den Überblick gewonnen und die Chance zur Entscheidung genutzt. Der Sieg brachte ihn auf zwei Punkte aus zwei Partien.
Auch Liang setzte seine Erfolgsserie fort. Gegen Sevian übernahm er mit den schwarzen Steinen die Initiative und gewann ein strategisch überzeugend geführtes Spiel. Sevian ließ Liang die Kontrolle über das Zentrum, woraufhin dieser seine Stellung Schritt für Schritt verstärkte. Ein schwerer Fehler im 32. Zug beschleunigte schließlich die Entscheidung. Liang fand danach eine taktisch reizvolle Abwicklung mit Figurenopfern, die seinen verbundenen Freibauern den Weg ebnete.
Caruana gelang unterdessen der erste volle Punkt. Gegen seinen Trainer und Sekundanten Grigoriy Oparin musste der Titelverteidiger lange arbeiten. Die Partie dauerte 73 Züge und wurde im Endspiel entschieden: Caruana gewann einen Bauern und setzte seinen Vorteil mit geduldiger Technik um. Dabei zeigte sich, wie wirkungsvoll ein Läufer gegen einen Springer sein kann.
Die übrigen drei Partien endeten remis. Damit lagen So und Liang mit jeweils 2/2 gemeinsam an der Spitze. Caruana folgte mit 1,5 Punkten auf dem dritten Rang. 

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Boris Gelfand

Israels lebende Legende Boris Gelfand mit der Glocke in der Hand. | Foto: Lennart Ootes

Fabiano Caruana

Fabiano Caruana: Der Blick des mehrfachen Champions ist immer nach oben gerichtet. | Foto: Lennart Ootes

Nachdem So die unmittelbaren Bedrohungen neutralisiert und das Gleichgewicht wiederhergestellt hatte, geriet Xiong ins Straucheln, als die Zeitkontrolle näher rückte. Eine Reihe von Ungenauigkeiten machte die Stellung der Schwarzen zunehmend angreifbar, und So nutzte die veränderten Umstände, um den vollen Punkt zu sichern.

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Zum zweiten Mal in Folge überstand So eine schwierige Situation und ging schließlich als Sieger hervor. Am Freitag hatte er in ähnlicher Weise von einer vergebenen Chance von Sam Shankland profitiert.

Runde 3: Das Spitzenduell endet remis

Am Sonntag stand die Begegnung zwischen So und Liang im Mittelpunkt. Die beiden bis dahin verlustpunktfreien Spieler trennten sich unentschieden. Damit behaupteten sie gemeinsam die Führung, nun mit jeweils 2,5 Punkten aus drei Partien.

Dem jungen Andy Woodward ist mit 2 aus 3 ein guter Start in die diesjährige US-Meisterschaft geglückt. | Foto: Lennart Ootes


Hinter dem Führungsduo nutzten Verfolger ihre Chancen. Andy Woodward besiegte Ray Robson mit den schwarzen Steinen und rückte auf 2/3 vor. Auch Caruana kam gegen Mishra nicht über ein Remis hinaus und stand damit ebenfalls bei zwei Punkten. Sam Shankland gelang gegen Xiong ein Schwarzsieg, durch den er sein Punktekonto auf 1,5 erhöhte.
Aronian und Sevian teilten ebenso den Punkt wie Niemann und Oparin. Insgesamt gab es in dieser Runde zwei entschiedene Partien und vier Remis. Das Feld blieb damit eng zusammen: So und Liang lagen mit 2,5/3 vorn, Woodward und Caruana folgten mit jeweils 2/3. 

Tabelle nach Runde 3

Partien


Frauenturnier: Paragua und Cervantes überraschen

Runde 1: Vier Siege der Außenseiterinnen

Das Frauenturnier begann mit mehreren unerwarteten Ergebnissen. Vier der sechs Partien endeten mit Siegen niedriger eingestufter Spielerinnen. Besonders unglücklich verlief der Auftakt für Irina Krush, die gegen Rachael Li zunächst eine aussichtsreiche Stellung erreicht hatte. Dann unterlief der achtfachen US-Meisterin ein schwerer Fehler, durch den sie ihre Dame einstellte. Li nutzte das Geschenk und gewann.
Die 13-jährige Megan Paragua besiegte Anna Sargsyan, die im Vorjahr noch den zweiten Platz belegt hatte. Paragua setzte weniger auf theoretische Neuerungen als auf solides Positionsspiel. Sie schränkte die Möglichkeiten ihrer Gegnerin ein und nutzte später ihre Angriffschance. Damit gelang ihr bereits in der ersten Runde ein Erfolg, für den sie bei ihrer Premiere im Vorjahr bis zur Schlussrunde hatte warten müssen.
Thalia Cervantes gewann gegen Tatev Abrahamyan. Abrahamyan hatte zwischenzeitlich die bessere Stellung, konnte ihre Vorteile jedoch nicht behaupten. Auch Anna Zatonskih startete mit einem Sieg: Sie setzte sich gegen Rose Atwell durch.

Im Topspiel des Tages trafen die beiden Top-Spielerinnen aufeinander: Alice Lee und Titelverteidigerin Carissa Yip. Lee spielte mit Weiß, Yip versuchte die Königsindische Verteidigung. Schwarz errang im Mittelspiel die vielversprechendere Stellung.

Yip hatte sich tatsächlich einen deutlichen Vorsprung erarbeitet und mehrere Möglichkeiten, eine Gewinnposition zu sichern, konnte aber die stärksten Fortsetzungen nicht erzielen.

Lee organisierte ihre Verteidigung und verringerte nach und nach den Druck. Sie nutzte die Chancen ihrer Gegnerin optimal und erreichte schließlich ein Unentschieden.

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Runde 2: Paragua schlägt Titelverteidigerin Yip


Am Samstag rückte das Nachwuchstalent Paragua endgültig ins Rampenlicht. Die junge US-Spielerin gewann gegen Titelverteidigerin Yip und übernahm damit gemeinsam mit Cervantes die Führung. Besonders bemerkenswert war die Art, wie Paragua die Partie entschied: Ein Damenopfer leitete den entscheidenden Angriff ein. Yip, die als eine der Favoritinnen ins Turnier gegangen war, musste ihre erste Niederlage hinnehmen.

Der Fehler führte zu einem abrupten Ende des Kampfes und bescherte Paragua den zweiten Sieg in der zweiten Runde.


Cervantes setzte sich gegen Rachael Li durch. Die Partie wurde durch ein wirkungsvolles Qualitätsopfer entschieden, mit dem Cervantes die gegnerische Stellung unter Druck setzte und ihren Angriff verstärkte.
Zwei weitere Spielerinnen konnten nach Auftaktniederlagen zurückschlagen. Alice Lee gewann gegen Jennifer Yu, während Krush gegen Rose Atwell mit einem Angriffssieg reagierte. Damit machte Krush ihren Fehler aus der ersten Runde zumindest teilweise wett. Anna Sargsyan besiegte Tatev Abrahamyan, obwohl sie in der Eröffnung einen Bauern eingestellt hatte. Die einzige Punkteteilung gab es zwischen Paikidze und Zatonskih.
Nach zwei Runden standen Paragua und Cervantes mit jeweils zwei Punkten allein an der Spitze. Für beide war dieser Start besonders bemerkenswert, da sie zu den niedriger eingestuften Teilnehmerinnen des Feldes gehören. Titelverteidigerin Yip lag dagegen erst bei einem halben Punkt.

Irina Krush spricht über ihren Turnierstart.

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Thalia Cervantes

Thalia Cervantes | Foto: Lennart Ootes

Runde 3: Lee schließt zu Spitzenduo auf

Die dritte Runde der US-Frauenmeisterschaft in St. Louis hat das Spitzenfeld vergrößert. Alice Lee nutzte einen taktischen Fehler von Nazi Paikidze zum Sieg und zog mit 2,5 Punkten aus drei Partien mit den bisherigen Überraschungs-Spitzenreiterinnen Megan Paragua und Thalia Cervantes, die beide remisierten, gleich.

Lee gegen Paikidze

Lee profitierte von einem gravierenden Fehler ihrer Gegnerin: Paikidze spielte im 20. Zug 20...Dg7?? und übersah damit eine taktische Möglichkeit. Lee konnte mit einem Bauernspieß Material gewinnen: Nach 21.Lxe5 dxe5 22. Txd8 Txd8 23.g4 +- war der Figurenverlust nicht mehr abzuwenden. Lee brachte den Vorteil nach Hause und rückte mit 2,5 Punkten an die Spitze vor. 

Für Titelverteidigerin Carissa Yip setzte es dagegen einen weiteren Rückschlag: Sie verlor gegen Tatev Abrahamyan und kommt nach drei Runden erst auf einen halben Punkt. Auch Rachael Li gewann ihre Partie und hält mit zwei Punkten Anschluss an die Spitze.

Für die dritte Runde waren die Spitzenreiterinnen gegen Gegnerinnen gefordert, die am Samstag verloren hatten: Paragua spielte mit Weiß gegen Jennifer Yu, Cervantes mit Schwarz gegen Rose Atwell. Titelverteidigerin Yip traf auf Tatev Abrahamyan und stand unter Zugzwang, wenn sie den Anschluss an die Spitze nicht früh verlieren wollte. 

Tabelle nach Runde 3

Partien


Links


Stefan Liebig, geboren 1974, ist Journalist und Mitinhaber einer Marketingagentur. Er lebt heute in Barterode bei Göttingen. Im Alter von fünf Jahren machten ihn seltsame Figuren im Regal der Nachbarn neugierig. Seitdem hat ihn das Schachspiel fest in seinen Bann gezogen. Höhenflüge in die NRW-Jugendliga mit seinem Heimatverein SV Bad Laasphe und einige Einsätze in der Zweitligamannschaft von Tempo Göttingen waren Highlights für den ehemaligen Jugendsüdwestfalenmeister.
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