24.02.2026 – Spielen Mädchen und Jungs anders Schach? Eine umfassende Studie, die auf Daten von 106.000 jungen Schachspielern und Schachspielerinnen im Alter von 3 bis 15 Jahren beruht, die zwischen 2000 und 2019 an Turnieren des US-Schachverbands teilgenommen haben, versucht eine Antwort. Die Ergebnisse dieser Studie wurden im Dezember 2025 bei der Konferenz „Mindsets Chess in Education“ in New York vorgestellt. Organisatoren der Konferenz waren die National Scholastic Chess Foundation (NSCF) und die Kasparov Chess Foundation. Die Studie zeigt, vor welchen Problemen Mädchen stehen, die Schach spielen wollen.
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Was 106.000 junge Schachspieler und Schachspielerinnen über Geschlechterunterschiede in der Bildung verraten
Von Robert McLellan, NSCF-Direktor für Kommunikation und Entwicklung
Schon beim ersten Schachturnier zeigt sich der Unterschied. Nicht im Können, nicht im Potenzial, sondern in der Wertungszahl: Mädchen liegen im Schnitt während ihrer gesamten Schachlaufbahn um 125 bis 150 Punkte hinter gleichaltrigen Jungen zurück.
Zu diesem ernüchternden Befund kommt eine der bislang umfassendsten Studien zur Turnierteilnahme von Kindern und Jugendlichen im Schach. Ausgewertet wurden die Daten von 106.000 Spielerinnen und Spielern im Alter von drei bis 15 Jahren, die zwischen 2000 und 2019 an Turnieren des US-Schachverbands teilgenommen haben.
Die Studie wurde von Dr. Matthew Pepper (Basis Policy Research), Dr. Michelle Wickman (St. Louis University) sowie Dr. Brian Kisida und Dr. Michael Podgursky (University of Missouri) durchgeführt. Das Peer-Review-Verfahren ist abgeschlossen; die Veröffentlichung erfolgt in einer der kommenden Ausgaben des Journal of Sports Economics. Auf der Mindsets Chess in Education Conference in New York haben Dr. Pepper, Dr. Wickman und Dr. Kisida die Studie vorgestellt. Sie liefert wichtige Erkenntnisse für Pädagogen und Eltern, die Schach nicht nur als Spiel verstehen, sondern auch als Instrument zur Förderung von kritischem Denken, Ausdauer und schulischen Leistungen.
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Die besondere Bedeutung der Studie liegt jedoch nicht allein in den Aussagen über das Schach. Die Ergebnisse zeigen auch, wie Kinder an anspruchsvolle intellektuelle Herausforderungen herangeführt werden – und wie das Umfeld, das wir schaffen, junge Mädchen entweder ermutigen oder davon abhalten kann, ihr Potenzial auszuschöpfen.
Die Lücke zeigt sich sofort
Der vielleicht überraschendste Befund der Studie stellt eine verbreitete Annahme infrage: dass sich Geschlechterunterschiede in Wettbewerben erst allmählich entwickeln. Tatsächlich zeigt die Auswertung, dass die Differenz in der Wertungszahl bereits in dem Moment sichtbar wird, in dem junge Spielerinnen und Spieler ihre erste offizielle Elo erhalten – nach lediglich 25 Partien.
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„Wann sehen wir diese Unterschiede? Nach genau 25 Partien, wenn die erste Wertungszahl vergeben wird“, erklärte Dr. Pepper. Auf Großmeisterniveau ist diese Lücke offensichtlich, aber wie die Studie zeigt, sieht man „diese Lücke über die gesamte Verteilung hinweg – beim durchschnittlichen Kind genau wie bei Anfängern und Anfängerinnen, sobald sie ihre ersten Wertungszahlen bekommen“.
Für Eltern und Pädagogen hat das weitreichende Konsequenzen. Denn es deutet darauf hin, dass die Mechanismen, die zu dieser Lücke führen, bereits wirksam sind, bevor Kinder überhaupt in organisierten Wettkämpfen spielen. Die Lücke entsteht nicht, weil Mädchen weniger können oder im Laufe der Zeit zurückfallen – sie ist von Anfang an vorhanden.
Vier Hypothesen, vier Befunde
Dr. Wickman stellte vier mögliche Erklärungsansätze vor, die das Forschungsteam untersucht hat. Jeder dieser Ansätze liefert wichtige Hinweise darauf, wie sich Geschlechterunterschiede im Bildungsbereich herausbilden.
Mythos Teilnehmerzahl
Zunächst prüfte das Forschungsteam, ob sich die Differenz allein durch unterschiedliche Teilnehmerzahlen erklären lässt. Wenn nur 14 bis 18 Prozent der jungen Turnierspieler weiblich sind – handelt es sich dann womöglich lediglich um ein statistisches Phänomen? Mehr Jungen bedeuten mehr Ausreißer an der Spitze.
Die Antwort war eindeutig. „Wir haben zahlreiche Monte-Carlo-Simulationen durchgeführt und können recht klar sagen: Das ist nicht der Grund“, erklärte Dr. Pepper. „Wir gehen nicht davon aus, dass es sich um ein Problem großer Zahlen handelt.“
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Dieser Befund ist wichtig, weil er eine gängige Erklärung für Geschlechterunterschiede im Schach, in der Mathematik, der Musik oder im Sport entkräftet. Die geringe Zahl von Mädchen ist ein Problem. Aber das erklärt nicht, warum die Mädchen, die dabei sind, mit Rückstand starten und im Rückstand bleiben.
Die Überraschung bei der Entwicklungsdynamik
Eine weitere Vermutung lautete: Vielleicht verbessern sich Mädchen schlicht langsamer als Jungen – eine These, die die problematische Vorstellung angeborener intellektueller Unterschiede stützen würde.
Die Daten zeichnen ein völlig anderes Bild. Mithilfe differenzierter statistischer Modelle verfolgten die Forscher die Entwicklung einzelner Spieler und Spielerinnen über längere Zeiträume und maßen, wie stark sich ihre Wertungszahl von Partie zu Partie veränderte. Das Ergebnis: Jungen und Mädchen machen im exakt gleichen Tempo Fortschritte. „Wenn sie gleich viel spielen und gleich viel trainieren würden, sähen wir diese Lücken und Unterschiede nicht“, so das Fazit.
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Wer eine Schach-AG an einer Schule leitet, kennt das Bild: Im Kindergarten und in der ersten Klasse spielen fast genauso viele Mädchen wie Jungs Schach. Doch in der fünften oder sechsten Klasse sind die Mädchen weitgehend verschwunden.
Dr. Wickman berichtete, dass Schachpädagogen immer wieder von diesem Muster berichten: „Man sieht die Kinder spielen – im Kindergarten, in der ersten, zweiten Klasse – und es wirkt noch ausgeglichen. Und dann, in der vierten, fünften oder sechsten Klasse: Wo sind die Mädchen geblieben? Sie sind weg.“
Naheliegend war daher die Vermutung, dass diese höhere Ausstiegsquote die Lücke vergrößert. Wenn gerade die talentiertesten Mädchen aufhören, müsste das erklären, warum die verbleibenden Spielerinnen im Schnitt zurückliegen.
Doch erneut widersprachen die Daten dieser Annahme. Tatsächlich beenden Mädchen ihre Turnierlaufbahn häufiger und früher als Jungen. Dieser Umstand scheint die Differenz in den Wertungszahlen jedoch nicht zusätzlich zu vergrößern. „Das hat uns durchaus überrascht“, räumte Dr. Wickman ein. „Aber es war ein wirklich interessantes Ergebnis.“
Die Konsequenz ist ernüchternd: Das Ausstiegsproblem ist real und bedeutsam – doch die Leistungsdifferenz besteht unabhängig davon. Selbst die Mädchen, die dem Schach treu bleiben, sehen sich mit dem gleichen Wertungsrückstand konfrontiert wie jene, die später aufhören.
Der Einfluss des Umfelds
Die vierte Hypothese erwies sich als die aufschlussreichste – und als diejenige mit den klarsten praktischen Konsequenzen für Eltern und Pädagogen. Untersucht wurde, ob das lokale Umfeld eine Rolle spielt: Genauer gesagt, ob sich ein höherer Anteil von Spielerinnen in einer Region auf die Leistung auswirkt.
Die Antwort lautet: ja. „Spielerinnen erzielen bessere Ergebnisse, wenn es in ihrer Umgebung mehr Mädchen gibt“, berichtete Dr. Wickman. Schachspielerinnen, die in Regionen mit einem höheren Frauenanteil antreten, erreichen höhere Wertungszahlen als jene, die in stark männlich geprägten Umfeldern spielen.
Dieses Ergebnis deckt sich mit jahrzehntelanger Bildungsforschung, die zeigt, dass Repräsentation von Bedeutung ist. Wenn Mädchen andere Mädchen bei einer Tätigkeit sehen – sei es im Schach, in der Informatik oder in der Mathematik –, bleiben sie eher dabei und entwickeln sich erfolgreicher. Die Präsenz weiblicher Mitspielerinnen schafft nicht nur Vorbilder; sie verändert auch die Kultur und die Erwartungen, die mit einer Aktivität verbunden sind.
Die Herausforderung der „Pipeline“
Mitunter wird die Geschlechterlücke im Schach als Beleg für angeborene intellektuelle Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen angeführt. Dr. Kisida weist das entschieden zurück: „In dieser Studie findet sich kein einziger Hinweis, der eine solche Behauptung stützen würde.“ Die Daten zeigen vielmehr ein strukturelles Problem: Mädchen starten mit einem Rückstand in den organisierten Wettkampf – geprägt durch Sozialisation und Umfeld, lange bevor sie ihre erste gewertete Partie spielen. Die Lösung, so die Forscher, liegt darin, diese „Pipeline“ von Anfang an anders zu gestalten.
Jede Schule, jeder Elternteil und jede Schachorganisation, die gezielt die Teilnahme von Mädchen fördert, trägt dazu bei, die notwendigen Zugänge, Rahmenbedingungen und kulturellen Voraussetzungen zu schaffen. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Differenz in den Wertungszahlen junger Spieler und Spielerinnen hat nichts mit der intellektuellen Leistungsfähigkeit von Mädchen zu tun – aber viel mit den Chancen, die wir ihnen bieten.
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