Sagar Shah: Ich habe zum ersten Mal bei der WR Chess 2023 in Düsseldorf von Ihnen gehört und Sie dort kennengelernt. Was mich damals beeindruckt hat, war, dass Sie nicht zu viele Zuschauer einladen wollten, sondern den Spielern optimale Bedingungen bieten und eine Atmosphäre von Spaß und Kameradschaft schaffen wollten. Können Sie uns mitnehmen auf eine Reise in die Vergangenheit und uns von Ihren Beweggründen für die Organisation dieser Veranstaltungen erzählen?
Wadim Rosenstein: Als ich mit der Organisation dieser Turniere begann, ging es mir nicht primär darum, sie von außen größer wirken zu lassen, sondern darum, dass sich die Spieler dort wohlfühlen. Ich wollte eine Umgebung schaffen, in der starke Spieler ernsthaft konkurrieren, aber auch die Zeit dort genießen konnten. Schach ist ein professioneller Sport, aber auch eine Gemeinschaft. Für mich ist die Atmosphäre entscheidend: gute Bedingungen, Respekt vor den Spielern, genügend Raum zum Nachdenken, Vorbereiten, zum Austausch und um das Spiel zu genießen. Deshalb hatten die ersten WR-Schachturniere einen eher privaten und spielerorientierten Charakter.
Ich wollte, dass die Spieler spürten, dass das Event um sie herum aufgebaut war, nicht um Lärm. Das Ergebnis war etwas Besonderes: Schach auf hohem Niveau, aber auch Freundschaft, Teamgeist und das Gefühl, dass die Leute wirklich dabei sein wollten.

Wadim Rosenstein ist ein großer Tandem-Fan und veranstaltete im Anschluss an das Hauptevent sogar ein Tandem-Turnier! | Foto: Sagar Shah
Anschließend riefen Sie die Schnellschach- und Blitz-Mannschaftsweltmeisterschaften ins Leben – ein Turnier, das bis heute fester Bestandteil des FIDE-Kalenders ist. Wie fühlt es sich für Sie an, dass eine von Ihnen entwickelte und finanzierte Innovation nun zu einem wichtigen Ereignis im FIDE-Kalender geworden ist?
Das macht mich natürlich stolz. Aber mehr noch, es bestätigt etwas, woran ich schon lange glaube: Schach braucht starke Mannschaftsformate. Schach wird oft als Einzelsport betrachtet, aber viele Spieler lieben die Teamatmosphäre. Sie bringt andere Emotionen, Verantwortung, Vorbereitung und Verbundenheit mit sich. Wenn man für ein Team spielt, spielt man nicht nur für sich selbst. Die Tatsache, dass die Schnellschach- und Blitz-Mannschaftsweltmeisterschaften in den FIDE-Kalender aufgenommen wurden, zeigt, dass es einen echten Bedarf für dieses Format gab. Ich freue mich, dass WR Chess dazu beitragen konnte, etwas zu schaffen, das heute größer ist als ein einzelner Veranstalter oder ein einzelnes Turnier.
Ich möchte noch etwas hinzufügen: Profi-Amateur-Turniere spielen in Sportarten wie Tennis und Golf eine Schlüsselrolle, da sie eine Brücke zwischen Profis und Sponsoren schlagen. Sie stärken das Engagement und die Loyalität zum Sport und verwandeln Veranstaltungen in wertvolle kommerzielle Plattformen, die zur Generierung von Einnahmen, zur Gewinnung von Partnern und zur Unterstützung des gesamten Ökosystems beitragen. Schließlich machen sie Spitzenspieler menschlicher und den Sport zugänglicher, was für langfristiges Wachstum unerlässlich ist. Mein Ziel ist es, Projekte zu entwickeln, die langfristig bestehen, wachsen und zum Schachsport beitragen können.

Wadim Rosenstein hatte nicht nur die Idee und organisierte das Turnier, sondern gewann mit seinem Team WR Chess auch den Blitzschachwettbewerb. | Foto: Lennart Ootes
Auf welche Aktivitäten, die Sie seitdem unternommen haben, sind Sie besonders stolz?
Es gibt mehrere Projekte, auf die ich stolz bin:
1. Die WR Chess Masters waren wichtig, weil sie zeigten, dass wir ein starkes, modernes Turnier mit hervorragenden Bedingungen für die Spieler und einer ganz besonderen Atmosphäre schaffen konnten.
2. Die Schnellschach- und Blitz-Mannschaftsweltmeisterschaften sind mir ebenfalls sehr wichtig, weil sie neue Energie in den Profi-Kalender gebracht haben.
3. Ich bin auch stolz auf die WR Women's Chess Tour. Frauenschach verdient mehr Aufmerksamkeit, bessere Bedingungen und eine stärkere kommerzielle Unterstützung. Es geht hier nicht nur um ein einzelnes Turnier, sondern um den Aufbau einer Plattform.
4. Wir arbeiten außerdem an neuen Formaten, darunter Tandem (Bughouse), und an Projekten, die Schach mit Bildung, Medien, Technologie und neuen Zielgruppen verbinden. Für mich ist die Grundidee einfach: Schach hat enormes Potenzial, braucht aber moderne Formate, eine bessere Präsentation und langfristige Investitionen.

Alexandra Kosteniuk, Vaishali Rameshbabu und Antoaneta Stefanova sind drei Spielerinnen, deren Teilnahme am ersten Turnier der WR Women's Chess Tour, das am 6. und 7. Juni in Japan stattfindet, bereits bestätigt ist.
Was hat Sie dazu bewogen, dieses Jahr für das Amt des FIDE-Präsidenten zu kandidieren?
Ich möchte das genauer erklären. Ich habe meine Kandidatur für das Amt des FIDE-Präsidenten noch nicht offiziell öffentlich bekannt gegeben. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich diese Frage nur als jemand beantworten, der eine Leidenschaft für Schach hat und sich um die Zukunft der Schachgemeinschaft sorgt. Ich kann sagen, dass mir die Zukunft des Schachs sehr am Herzen liegt und ich glaube, dass die Schachwelt ein enormes, noch ungenutztes Potenzial besitzt. In den vergangenen Jahren habe ich Zeit, Energie und Ressourcen in Projekte investiert, die zeigen, was möglich ist, wenn Schach ernst genommen wird – nicht nur als Wettkampf, sondern auch als Bildung, als Unterhaltung und als globale intellektuelle Kultur.
Für mich bedeutet Führung im Schach Verantwortung, Transparenz, Weiterentwicklung, gute Organisation und Zusammenarbeit sowie die Fähigkeit zum Aufbau von Strukturen. Es geht darum, nachhaltige Strukturen zu schaffen und echte Wachstumschancen zu ermöglichen. Ob durch Veranstaltungen, Sponsoring, Bildungsprojekte oder zukünftige Aufgaben – mein Ziel bleibt dasselbe: Schach auf ernsthafte, professionelle und nachhaltige Weise weiterzuentwickeln.
Auf Ihrem X-Account gibt es viele Tweets über anstehende Turniere, Unterstützung von Initiativen und Projekten. Was steht demnächst an?
Es stehen mehrere Projekte an:
1. Einer der spannendsten Termine ist das Duell USA gegen Usbekistan. Ich glaube, dass dies ein sehr bedeutendes Ereignis werden kann, da es zwei wichtige Schachkulturen zusammenbringt: die Vereinigten Staaten mit ihrer starken professionellen Schachszene und Usbekistan, das sich zu einer der beeindruckendsten aufstrebenden Kräfte im Weltschach entwickelt hat.
2. Wir entwickeln außerdem die WR Women's Chess Tour mit dem Ziel, dem Frauenschach mehr Sichtbarkeit, eine bessere Struktur und eine stärkere globale Aufmerksamkeit zu verschaffen.
3. Ein weiteres wichtiges Projekt ist die WR Bughouse Championship, die wir gemeinsam mit dem Nationalen Schachverband der Philippinen veranstalten. Bughouse ist schnell, kreativ, emotional und teamorientiert. Es zeigt eine andere Seite des Schachs – dynamischer, zugänglicher und besonders spannend für ein jüngeres Publikum.
Über einzelne Veranstaltungen hinaus interessiere ich mich für Projekte im Zusammenhang mit Schach in der Bildung, neuen digitalen Formaten, besserem Storytelling und stärkeren kommerziellen Modellen für das Spiel.

Die Bughouse WR Championships 2026 finden am 1. und 2. Juni in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, statt.
Die Welt ist total gespannt auf das Spiel USA gegen Usbekistan. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Und was kann die Welt davon erwarten?
Die Idee entstand aus der Beobachtung der aktuellen Dynamik im Schach. Die Vereinigten Staaten gehören zu den schachstärksten Nationen der Welt, mit Spitzenspielern, einer hervorragenden Infrastruktur und enormem Medienpotenzial. Usbekistan hingegen steht für eine der spannendsten Erfolgsgeschichten im modernen Schach. Ihr Aufstieg ist unglaublich, insbesondere der ihrer jungen Spielergeneration. Bei diesem Match geht es also nicht nur um zwei Teams, sondern um das Aufeinandertreffen zweier Schachgeschichten.
Die Welt kann sich auf spannende Wettkämpfe, starke Persönlichkeiten, Nationalstolz und ein Format freuen, das sowohl Schachfans als auch ein breiteres Publikum anspricht. Ich bin überzeugt, dass der Schachsport mehr solcher Veranstaltungen braucht – Veranstaltungen, die leicht verständlich, emotional packend und kommerziell attraktiv sind.

Das Match USA gegen Usbekistan wird mit Sicherheit ein äußerst spannendes Ereignis für Schachfans auf der ganzen Welt sein.
Was für eine Beziehung haben Sie zum Schach, und welche Vision haben Sie?
Schach begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich sehe es nicht nur als Geschäftsfeld oder als Sportart, die ich von außen unterstütze. Schach hat meine Denkweise geprägt. Es lehrt uns, zu kalkulieren, Verantwortung zu übernehmen, Konsequenzen zu verstehen und unseren Gegner zu respektieren. Das sind Prinzipien, die auch im Geschäftsleben und im Alltag wichtig sind. Meine Vision ist es, Schach zugänglicher, professioneller und attraktiver für neue Zielgruppen zu machen – ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Schach sollte mit Respekt begegnet werden, aber auch Freude bereiten. Es sollte Teil der Bildung sein. Es sollte bessere Bedingungen für Spieler bieten. Es sollte modern präsentiert werden. Und es sollte Menschen unabhängig von ihrer Herkunft Chancen eröffnen.
Natürlich benötigen so viele Veranstaltungen so viel finanzielle Mittel – woher bekommen Sie Ihre Gelder?
Meine Schachprojekte werden aus meinen eigenen Geschäftsmitteln, über die WR Group und teilweise gemeinsam mit Partnern bestimmter Veranstaltungen finanziert. Ich baue seit vielen Jahren international Unternehmen auf, und Schach ist einer der Bereiche, in die ich investiere, weil ich an seinen langfristigen Wert glaube. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, dass Schachprojekte verantwortungsvoll umgesetzt werden. Die Finanzierung sollte transparent und gut strukturiert sein und echten Mehrwert schaffen – für Spieler, Verbände, Organisatoren und Fans. Für mich ist Geld nicht die Vision. Geld ist ein Mittel zum Zweck. Die Vision ist es, etwas aufzubauen, das Schach seriös und nachhaltig fördert.
Was sind einige der Dinge, die Sie in der Welt des Schachs verbessern möchten?
Es gibt mehrere Bereiche. Erstens die Spielbedingungen. Profispieler brauchen bessere Turniere, eine bessere Organisation und mehr Anerkennung für ihre Arbeit. Zweitens die kommerzielle Entwicklung. Schach hat ein riesiges Publikum, ist aber noch nicht so kommerzialisiert, wie es sein könnte. Wir müssen das Marketing verbessern, indem wir bessere Formate, besseres Storytelling, stärkere Sponsoringmodelle und eine professionellere Präsentation entwickeln. Drittens die Bildung. Ich bin fest davon überzeugt, dass Schach Teil des Schulsystems sein sollte. Es lehrt Kinder, zu denken, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen. Viertens Frauenschach und Jugendförderung. Diese Bereiche brauchen mehr Sichtbarkeit, bessere Finanzierung und langfristige Plattformen. Und schließlich Führung und Transparenz. Schach braucht Strukturen, denen die Menschen vertrauen können. Wenn wir wollen, dass das Spiel weltweit wächst, sind Glaubwürdigkeit und Professionalität unerlässlich.
Schach hat ein riesiges Publikum, wird aber noch nicht so stark kommerzialisiert, wie es sein könnte. Wir müssen das Marketing verbessern, indem wir bessere Formate, überzeugendere Geschichten, stärkere Sponsoringmodelle und professionellere Präsentationen entwickeln.
Haben Sie noch abschließende Worte an unsere Leser oder etwas, das Sie uns mitteilen möchten?
Ich glaube, Schach steht vor einer sehr wichtigen Phase. Nie zuvor hat das Spiel weltweit so viel Aufmerksamkeit, so viel Reichweite im Internet und so viel Potenzial, Menschen zu verbinden, genossen. Doch Potenzial allein genügt nicht. Es braucht Struktur, Investitionen, Verantwortung und Visionen. Für mich ist Schach mehr als nur das Brett. Es geht um Bildung, Kultur, Wettkampf, Technologie und menschliche Begegnungen. Deshalb werde ich weiterhin Projekte unterstützen, die dem Schach neue Energie verleihen und zu seinem globalen Wachstum beitragen.
