Wer ist eigentlich Mr. Najdorf?

von Johannes Fischer
18.07.2026 – Die Najdorf-Variante im Sizilianer ist eine der beliebtesten Eröffnungen überhaupt. Der tschechische Meister Karel Opocensky hat sie als einer der Ersten regelmäßig gespielt, ihren Namen verdankt sie dem polnisch-argentinischen Weltklassespieler Miguel Najdorf, mit Ausnahme von Mikhail Botvinnik haben alle Weltmeister nach dem Zweiten Weltkrieg die Eröffnung in mindestens einer Partie getestet. Aber wer ist eigentlich Mr. Najdorf, der Spieler, der die Najdorf-Variante am stärksten geprägt und am erfolgreichsten angewandt hat?

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Zwei Namen fallen einem sofort ein, auch wenn man die Geschichte der Najdorf-Variante nur oberflächlich kennt: Bobby Fischer und Garry Kasparov. Beide sind Anwärter auf den Titel des besten Schachspielers aller Zeiten, beide waren leidenschaftliche Anhänger der Najdorf-Variante, beide haben sie oft und erfolgreich gespielt. Fischer war der Najdorf-Variante seine gesamte Turnierlaufbahn hindurch treu, von seinen Anfängen in offenen Turnieren 1956 bis hin zum WM-Kampf gegen Spassky 1972.

Außerdem hat Fischer mit Schwarz nach 1.e4 selten etwas anderes gespielt als den Sizilianer. 12 Mal hat er 1...e5 versucht, 7 Mal 1...Sf6 und einmal auch 1...d6. Die Mehrzahl seiner Sizilianisch-Partien mündeten in einen Najdorf-Sizilianer, denn zu Fischers Zeiten waren Züge wie 3.Lb5+ oder 2.c3 weniger beliebt als heute.height="1"

Fischers Treue zu der Variante hat sich bezahlt gemacht: Die ChessBase Mega Database 2026 enthält 74 klassische Partien, die Fischer mit Najdorf gespielt hat, 40 davon hat er gewonnen, 26 endeten mit Remis, 8 hat er verloren, das entspricht einem beeindruckend überdurchschnittlichen Score von 71,6%.


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Fischer war ein sehr prinzipieller Spieler, der an seine Varianten glaubte. Er hatte ein relativ enges Eröffnungsrepertoire, was es seinen Gegnern erlaubte, sich genau auf ihn vorzubereiten. Trotzdem wich Fischer theoretischen Duellen selten aus, auch nicht in den vielen scharfen Abspielen des Najdorf-Sizilianers. Das führte dazu, dass Fischer die Najdorf-Variante mit zahlreichen Entdeckungen und Neuerungen bereichert hat, denn er musste seinen Gegnern in der Eröffnungsvorbereitung und Analyse immer einen oder zwei Schritte voraus sein.

Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Bauernraubvariante, die im Najdorf-Sizilianer nach 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Lg5 e6 7.f4 Db6!? entsteht. Dieser frühe Damenausflug, um auf Kosten der Entwicklung den Bauern auf b2 zu nehmen, galt lange als riskant und kaum spielbar für Schwarz, aber in einer Reihe von Partien hat Fischer gezeigt, wie viele Ressourcen die schwarze Stellung enthält.

Wie gründlich Fischer diese Variante analysiert hat, illustriert sein Sieg gegen den jugoslawischen Großmeister Istvan Bilek beim Interzonenturnier Stockholm 1962.

Auch in den ruhigeren Abspielen der Eröffnung war Fischer theoretisch stets auf der Höhe. Sehr bekannt ist sein Eröffnungsduell gegen Wolfgang Unzicker im Najdorf-Sizilianer mit 6.Le2, das Fischer in seinen 60 Denkwürdigen Partien nacherzählt, und dabei viel über seine Einstellung zur eröffnungstheoretischen Vorbereitung verrät. So schreibt er in der in der Einleitung: „Diese Partie veranschaulicht die Risiken, wenn man sich einzig und allein auf sein Naturtalent verläßt, ohne genaue Kenntnis der aktuellsten Eröffnungsneuerungen.“ (Bobby Fischer, Meine 60 Denkwürdigen Partien, Schachzentrale Rattmann 2002, S. 209)

Neuerungen und Konzepte, die zu Fischers Zeiten kaum bekannt waren, sind mittlerweile natürlich fester Bestandteil des Wissens über Najdorf, aber wer Najdorf spielt oder spielen will, der findet in Fischers Partien immer noch viel Anschauungsmaterial, das zeigt, warum die Variante mit Schwarz so beliebt ist.

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Garry Kasparov – Umfassende Eröffnungskenntnisse, dynamisches Spiel

Garry Kasparov, Weltmeister von 1985 bis 2000 und länger die Nummer 1 der Welt als jeder andere Spieler vor oder nach ihm, war berühmt für seine umfassenden Eröffnungskenntnisse und gründliche Vorbereitung. Als Jugendlicher hatte Kasparov die Schachschule Botvinniks besucht, und wie Botvinnik suchte er in der Eröffnung seine gesamte Karriere hindurch mit tiefer analytischer Arbeit nach neuen Wegen, Möglichkeiten und Konzepten. Als einer der ersten erkannte Kasparov auch, wie hilfreich Computer und Datenbanken für das Schach und die Eröffnungsarbeit sein konnten. Es ist kein Zufall, dass er geholfen hat, die ChessBase Datenbank ins Leben zu rufen.

Garry Kasparov hat früh erkannt, welche Möglichkeiten Datenbanken bieten | Foto: ChessBase

Mit Schwarz war die Najdorf-Variante Kasparovs Hauptwaffe gegen 1.e4. Sie bietet Schwarz gute Möglichkeiten, auf Gewinn zu spielen und passte zu seinem dynamischen Stil. Die theoretische Arbeit scheint ihn nicht abgeschreckt, sondern beflügelt zu haben.

Kasparov hat mehr Najdorf-Partien gespielt als Fischer, aber sein prozentualer Score ist niedriger. Laut Mega Database hat Kasparov Najdorf mit Schwarz in 121 Partien gespielt, 39 dieser Partien hat er gewonnen, 69 endeten mit Remis, 13 hat er verloren, damit kommt er auf 73,5 Punkte aus 121 Partien, das entspricht einem Score von 60,7 %.

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Der im Vergleich zu Fischer niedrigere prozentuale Score dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass Kasparov stärkere Gegner hatte. Fischer hat im Laufe seiner Karriere relativ wenig Spitzenturniere gespielt, Kasparov ist regelmäßig gegen die Weltklasse angetreten.

Kasparov hatte ein breiteres Eröffnungsrepertoire als Fischer, aber mit Schwarz spielte er meist den Sizilianer. Zu Beginn seiner Karriere probierte er es nach 1.e4 auch mit 1....c6, aber schon bald wechselte er zu 1...c5. Hier vertraute er allerdings zunächst dem Scheveninger, aber 1975, da war er zwölf Jahre alt, probierte er es laut Mega Database zum ersten Mal mit der Najdorf-Variante – bei einem Uhrensimultan, in dem er als Teil einer Mannschaft talentierter Jugendlicher gegen den damaligen Weltmeister Anatoly Karpov, seinen späteren großen Rivalen, antrat. Kasparov stand gut, aber verdarb die Partie dann doch zum Verlust.

Im weiteren Verlauf ihrer Karriere spielten Karpov und Kasparov die Najdorf-Variante noch in sieben weiteren Partien gegeneinander. Nach den Najdorf-Zügen 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 verwandelten sich alle diese Partien in einen Scheveninger-Sizilianer, da Kasparov den e-Bauern nach e6 und nicht nach e5 – wie es für die Najdorf-Variante typisch ist – zog. Die ersten sechs dieser Partien endeten Unentschieden, aber zehn Jahre nach ihrer ersten Partie gegeneinander kam Kasparov im siebten und wichtigsten Eröffnungsduell in der Najdorf-Variante zu einem wichtigen Sieg. Es war die 24. Partie ihres zweiten WM-Kampfs, der 1985 stattfand. Kasparov führte im Wettkampf nach 23 Partien mit 12-11 und brauchte nur noch ein Remis zum Titelgewinn. Karpov musste diese Partie gewinnen, denn bei einem Gleichstand von 12-12 hätte er als amtierenden Weltmeister seinen Titel verteidigt.

Kasparovs letzte Najdorf-Partie spielte er 30 Jahre später, bei seinem letzten Turnier überhaupt, in Linares 2005. Theoretisch gut vorbereitet und taktisch auf der Höhe überrannte er den englischen Großmeister Michael Adams mit Schwarz in nur 26 Zügen.

Doch auch nach Ende seiner Turnierlaufbahn hielt Kasparovs Begeisterung für den Najdorf-Sizilianer an. In einem 9-stündigen ChessBase-Video hat er gezeigt, was ihn an der Variante fasziniert und wie Schwarz damit erfolgreich spielen kann.

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Beispielvideos

Doch zurück zur Ausgangsfrage – wer ist denn nun Mr. Najdorf, Bobby Fischer oder Garry Kasparov? Die Antwort auf diese Frage ist wohl Ansichtssache: Beide haben die Variante regelmäßig und erfolgreich gespielt und mit zahlreichen Ideen bereichert. Fischer hat einen besseren Gesamtscore, den er allerdings gegen schlechtere Gegner erzielt hat, Kasparovs Najdorf-Partien sind dafür moderner und inhaltsreicher. Fischers Partien mit der Najdorf-Variante wirken oft wie Gewinnführungen, in denen er schwächere Spieler ohne viel Gegenwehr überrollt, wohingegen Kasparovs Siege im Najdorf oft sehr moderne, komplexe Partien gegen starke Gegner waren.

Doch wie auch immer: Wer Najdorf spielen will, der sollte sich von beiden inspirieren lassen, von Fischer und Kasparov - von ihren Partien, von ihrer Leidenschaft für diese Variante und von ihrer Bereitschaft, die komplexe, vielschichtige und attraktive Eröffnungsvariante zu studieren und nach immer neuen Möglichkeiten zu suchen.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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