Wesley So ist US-Meister 2026!

von Johannes Fischer
23.10.2026 – Am Ende hat es Wesley So geschafft: Nach seiner bitteren Niederlage in der letzten Runde der US-Meisterschaft 2026 gegen Tabellenschlusslicht Sam Sevian – nach 48 Partien ohne Niederlage bei US-Meisterschaften – gewann er den Stichkampf um den Titel gegen Fabiano Caruana mit 1,5:0,5. Es war ein spannendes Duell, nicht fehlerfrei, aber voller interessanter Momente. | Foto: Lennart Ootes

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Der erste spannende Moment kam in der ersten Partie schon nach elf Zügen: In einer Variante des Nimzo-Inders überraschte So mit der Neuerung 11...Sb6!?, einem Zug, der auf den ersten Blick wie ein Fehler aussah und Weiß dazu einlud, eine Figur zu gewinnen. Aber Caruana hielt dieses Geschenk offenbar für vergiftet und entschied sich für eine ruhige Fortsetzung.height="1"

Doch So spielte weiter energisch und stark und kam immer mehr in Vorteil – im 27. Zug gewann er einen Bauern, im 34. Zug verpasste er einen forcierten Gewinn. Aber danach drehte sich die Partie und Caruana bekam in einer taktisch komplizierten Stellung, in der beide Seiten nur noch Sekunden auf der Uhr hatten, immer mehr Gegenspiel. Nach 72 Zügen endete die Partie mit Zugwiederholung.

Auch in der zweiten Partie sorgte die Eröffnung für Verblüffung. Dieses Mal war es allerdings Caruana, der für eine Überraschung sorgte. Er entschied sich mit Schwarz für eine dubiose, spekulative Gambitvariante. So reagierte vorsichtig und gab den Bauern zurück, sicherte sich damit aber klaren Vorteil.

Dann machten sich einmal mehr die Anspannung des Stichkampfs und das lange Turnier bemerkbar: Caruana verrechnete sich und stellte eine Figur ein. Wenige Züge später gab er auf und Wesley So war US-Meister 2026!

Im Interview mit Maurice Ashley nach dem Stichkampf versuchte Caruana zu erklären, warum er sich für die zweischneidige Eröffnung entschieden hatte. "Ich wusste, dass es diese Variante gibt. Aber warum ich sie gespielt habe, weiß ich eigentlich nicht. Wahrscheinlich ist sie etwas zu riskant."

Auch über sein taktisches Versehen im entscheidenden Moment der Partie wunderte er sich: "Ich habe gedacht, er müsste mit der Dame nach a4 gehen. Aber ich habe eigentlich gar nicht richtig gerechnet, sondern einfach einen Zug gemacht."

Generell haderte Caruana mit seiner Form im Schnellschach. "Ich habe in einem Jahr ungefähr 110 Elo-Punkte verloren. Aber ich weiß nicht, warum. Ich finde einfach nicht zu meiner Form zurück."

Fabiano Caruana im Interview nach der Partie

Wesley So, der während des Stichkampfs bei aller Aufregung auf dem Brett stets ruhig, konzentriert und gelassen wirkte, verriet im Interview nach der Runde, wie sehr ihn die Niederlage gegen Sevian mitgenommen hatte. "Ich glaube, ich habe nur zwei oder drei Stunden geschlafen, und hatte heute überhaupt keine Lust zu spielen."

Aber seinen Gegner lobte er: "Sam hatte ein hartes Turnier. Ich war überrascht, wie gut er gegen mich gespielt hat. Aber ich habe auch sehr schlecht gespielt."

Trotz des Titelgewinns war So mit seinem Spiel insgesamt nicht zufrieden: "Ich glaube nicht, dass ich es dieses Jahr verdient habe zu gewinnen, aber natürlich freue ich mich über den Titel." Auch im Stichkampf hätten beide Spieler viele Fehler gemacht. "Wir waren beide sehr, sehr müde."

Bei aller Selbstkritik war So am Ende doch zufrieden: "Ich bin sehr glücklich, meine vierte US-Meisterschaft gewonnen zu haben. Dieser Titel ist sehr schwer zu gewinnen, besonders jetzt, wo so viele starke Großmeister dabei sind."

Wesley So im Interview nach der Partie

Nach dem Turnier ist vor dem Turnier

Nach einer kurzen Pause geht es in Saint Louis weiter: Vom 27. bis 29. Oktober findet das Clutch Chess: Champions Showdown statt. Am Start sind Fabiano Caruana, Hikaru Nakamura, Praggnanandhaa und Javokhir Sindarov.

Die vier Großmeister spielen ein Schnellschachturnier über 18 Partien, bei dem die Siege im Laufe des Turniers immer höher bewertet werden. Gespielt werden an drei Tagen jeweils sechs Partien. Am ersten Tag zählt ein Sieg einen Punkt, am zweiten zwei und am dritten drei Punkte. Insgesamt geht es um 425.000 US-Dollar Preisgeld, darunter zusätzliche Prämien für gewonnene Partien und ein Jackpot für den Turniersieger.

Wesley So hat bei ChessBase 2 Eröffnungs-DVD veröffentlicht: 1.b3, der so genannte Nimzowitsch-Larsen-Angriff, aus weißer Sicht und seine Geheimnisse im modernen Italienisch (mit c3 und d3) aus schwarzer Sicht.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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