"Wir waren im Rhythmus" - Ein Interview mit Erwin L'Ami über das Kandidatenturnier 2020

von Arne Kaehler
30.04.2020 – Erwin l'Ami ist ein bekannter und populärer Autor mit umfassenden theoretischen Kenntnissen. So ist es kein Zufall, dass Erwin l'Ami als Sekundant von Anish Giri, der als einer der am besten vorbereiteten Spieler der Welt gilt, arbeitet. In einem Interview spricht Erwin l'Ami über das Kandidatenturnier 2020 und verrät, wie Giri und er den Abbruch des Turniers erlebt haben. | Photos: Alina l'Ami

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In this DVD, Erwin l’Ami guides you through the fascinating Benko Gambit. As early as move three Black starts a fight for the initiative, a strategy that has proved to be successful in countless amateur and master level games.

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"An zwei Gesundheitstests pro Tag gewöhnt man sich erstaunlich schnell."

Arne Kaehler: Hallo Erwin, vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast. Wie hat sich die Coronakrise in den letzten Wochen auf dein Leben ausgewirkt?

Erwin L'Ami: Vielen Dank für die Einladung zu diesem Interview. Als ich vom Kandidatenturnier aus Jekaterinburg nach Holland zurückgekommen bin, war auf einmal alles grundlegend anders. Vor ein paar Monaten habe ich mit Alina noch darüber geredet, wie vollgepackt mit Terminen 2020 ist! Bei mir stand als Sekundant von Anish Giri das Kandidatenturnier auf dem Programm, dann die Grand Chess Tour und viele andere Veranstaltungen. Und ich wollte auch selber in ein paar Turnieren spielen. Doch dann löste sich das straffe Programm plötzlich in Luft auf – stattdessen bleibt man zu Hause und wartet die Entwicklung der Pandemie ab. Immerhin kann ich von zuhause aus arbeiten und auch das Training und die Vorbereitung mit Anish kann weitergehen.

AK: Du bist als Sekundant von Anish Giri beim Kandidatenturnier in Jekaterinburg gewesen. Wann seid ihr angereist und wie habt ihr die Situation vor Ort erlebt?

EL: Wir sind fünf Tage vor Turnierbeginn nach Jekaterinburg geflogen, um uns zu akklimatisieren, um Stress zu vermeiden und nicht mitten in der Nacht in Russland ankommen zu müssen. Der Coronavirus verbreitete sich damals schon überall, aber wir waren vorsichtig und sind nur selten rausgegangen – eigentlich nur für kurze Spaziergänge. Die gesamte Situation war belastend und machte es schwer, sich zu konzentrieren, aber wir haben nach Möglichkeiten gesucht, um damit so gut wie möglich umzugehen. Ich glaube, es ist uns auch gut gelungen, uns auf das Turnier zu konzentrieren, anstatt uns die ganze Zeit Sorgen zu machen. | Foto: Anish Giri und Erwin L'Ami beim Tata Steel Turnier 2020 | Foto: Alina l'Ami

AK: Gut, dass euch das angesichts der schwierigen Umstände so gut gelungen ist.

EL: Wenn man darüber nachdenkt, klingt es verrückt, aber tatsächlich haben wir uns schnell an die neuen Umstände gewöhnt. Aus Sicherheitsgründen mussten wir zwei Mal am Tag zum Arzt zur Gesundheitsprüfung. Morgens gab es einen festen Termin und nach der Partie sind wir noch einmal hingegangen. Das war schnell so normal wie das Zähneputzen. Wir waren so sehr in unserer Blase, da hat das für uns einfach keinen großen Unterschied gemacht. Aber vielleicht hat es die anderen Spieler gestört.

AK: Wie war denn die generelle Stimmung in Bezug auf das Turnier?

EL: Wir haben uns sehr stark auf unsere Arbeit konzentriert und uns nicht so sehr darum gekümmert, was die anderen Teilnehmer gemacht haben. Klar, man trifft sich im Aufzug und sagt "Hallo", aber dann geht man wieder in sein Hotelzimmer. Tatsächlich hat keiner der Kandidaten im Verlauf dieser Woche engere Verbindung zu einem anderen Teilnehmer aufgebaut. Wie die anderen Teilnehmer mit der Situation umgehen, haben wir auf den Pressekonferenzen und aus anderen Quellen erfahren.

AK: Was hast du gedacht, als du gehört hast, dass das Turnier abgebrochen wird?

EL: Wir haben uns ziemlich geärgert. Wie bereits gesagt, haben wir einfach unser Ding gemacht und waren damit zufrieden. Die Nachricht über den Abbruch des Turniers hat uns und unsere Vorbereitung deshalb aus dem Rhythmus gebracht. Allerdings haben wir immer damit gerechnet, dass es zum Turnierabbruch kommen kann.

AK: Aber zuerst musstet ihr euch schnell um einen Rückflug kümmern. Wie lief das?

EL: Kurz nachdem wir die Nachricht über den Turnierabbruch erhalten hatten, herrschte bei uns eine Mischung aus Zorn und Enttäuschung, aber man hat uns auch gesagt, dass der Luftraum in Russland bald geschlossen wird. Wir haben unsere Sachen gepackt und sind zum Flughafen gefahren und haben zugleich einen Rückflug gebucht, all das in weniger als einer Stunde. Wir hatten Glück, diesen Flug zu bekommen, denn nur kurze Zeit später war er ausgebucht und die anderen Spieler bekamen kein Ticket mehr. Wir trugen Masken auf dem Rückflug, aber ansonsten verlief der Flug reibungslos.

AK: Bis zur Wiederaufnahme des Kandidatenturniers trainierst du Anish Giri weiterhin?

EL: Bei Anish stehen etliche andere Turniere auf dem Programm, zum Beispiel das  Carlsen Invitational, das gerade läuft. Danach setzen wir uns wieder zusammen und kümmern uns um seine Vorbereitung.

AK: Du hast bislang acht (!) DVDs für ChessBase gemacht, die neueste ist im März erschienen und behandelt das Wolga-Benkö Gambit. Planst du schon weitere DVDs?

A Gambit Guide through the Open Game Vol.1 and 2

Mit Erwin l'Ami stellt Ihnen ein ausgewiesener Experte alle Gambits vor, die es nach 1.e4 e5 gibt und zu kennen lohnt. Vom Frankenstein-Dracula Gambit bis hin zum Marshall-Gambit. Band 1 + 2 mit einer Gesamtspielzeit von über 10 Stunden!

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EL: Das macht mir einfach sehr viel Spaß. Aber weitere Pläne habe ich im Moment nicht, denn tatsächlich bin ich ja gerade mit der Arbeit an der The Benko Gambit Explained DVD fertig geworden, aber aufhören werde ich mit dieser Arbeit nicht.

AK: Vielen Dank für dieses Interview.

Vor kurzem haben Stockfish und LCZero in den Partien 53 und 54 des TCEC Computer Chess Super Finals 17 mit vertauschten Farben zwei Partien Holländisch Stonewall gespielt. Erwin l'Ami hat eine DVD über diese Variante gemacht, und da er auf dieser DVD auch die Fortsetzung 4.Sh3 behandelt, hat ihn die Partie der beiden Engines natürlich besonders interessiert.

Übersetzung aus dem Englischen: Johannes Fischer

The Dutch Stonewall - A fighting repertoire against 1.d4

In der Holländischen Stonewall-Variante kämpft Schwarz vom ersten Zug an um die Initiative. Gehen Sie mit GM Erwin l'Ami auf eine faszinierende Reise und lassen Sie sich von ihm die Tiefe und den Reiz dieser attraktiven Eröffnung demonstrieren!

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Auch bei Karsten Müllers Endgame Magic war Erwin l'Ami schon zu Gast

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Arne Kaehler, ein kreativer Kopf, der sich für Brettspiele im Allgemeinen begeistert, wurde in Hamburg geboren und lernte schon in jungen Jahren das Schach spielen. Durch das Unterrichten von Schach für Jugendteams und das Erstellen von Schachbezogenen Videos auf YouTube, konnte Arne diese Leidenschaft ausweiten und hat sogar einen Online-Schachkurs für alle erstellt, die lernen möchten, wie man dieses Spiel spielt. Derzeit schreibt Arne für die Englische Nachrichtenseite auf Chessbase und konzentriert sich auf die Erstellung von unterhaltsamen Blogeinträgen.