50 Partien... Nimzowitsch – Tarrasch, St. Petersburg 1914

von Johannes Fischer
02.02.2018 – Aron Nimzowitsch und Siegbert waren Rivalen - als Theoretiker und in der Praxis. Das führte zu unterhaltsamen, polemischen und produktiven Debatten über Schachstrategie und einer Reihe spannender Partien. In der Gesamtbilanz ihrer Duelle war Nimzowitsch erfolgreich, aber die schönste Partie zwischen den beiden gewann Tarrasch. (Foto: Siegbert Tarrasch)

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Siegbert Tarrasch und Aron Nimzowitsch: Eine produktive Rivalität

Für ehrgeizige Schachspieler hatte Aron Nimzowitsch einen guten Rat: „Wenn man Ergebnisse erzielen will, dann suche man sich einen Erzrivalen und versuche dann, ihn zu bestrafen, indem man ihn von seinem Podest stößt.“ (zitiert in Per Skjoldager und Joern Erik Nielsen, Aron Nimzowitsch: On the Road to Chess Mastery, 1886-1924, S. 23, [meine Übersetzung aus dem Englischen]). Nimzowitsch fand diesen Erzrivalen, seinen, wie er es nannte, „Erbfeind“, in dem 24 Jahre älteren Siegbert Tarrasch.

Das erste Mal begegnet sind sich die beiden wahrscheinlich beim 14. DSB Kongress 1904 in Coburg. Nimzowitsch, am 7. November 1886 in Riga geboren, war damals 18 Jahre alt, spielte „sein erstes Turnier“ und landete im Hauptturnier mit 10,5 aus 16 auf einem guten sechsten Platz. Der am 5. März 1862 geborene Tarrasch war fast ein Vierteljahrhundert älter als Nimzowitsch, einer der besten Spieler der Welt und DIE schachliche Autorität Deutschlands. In der 9. Runde des Turniers spielte Nimzowitsch gegen Wilhelm Heinrich Hilse und in der anschließenden Analyse kam es zu einer einschneidenden Begegnung zwischen dem jungen Nimzowitsch und dem Praeceptor Germaniae, dem Schachlehrer Deutschlands. Warum diese Begegnung wegweisend für ihn war, verrät Nimzowitsch in seinen Erinnerungen:

Bei der Analyse musste ich zugeben, dass meine Turmmanöver von der d- zur h-Linie und zurück durch keinerlei strategische Notwendigkeit begründet waren. Am äußersten rechten Rand sah die Stellung so aus: Weiß: Th1, Bg5; Schwarz: Th8, Bg6. (Anmerkung: Hier irrt Nimzowitsch. In der Partie hatte Weiß einen Vorposten auf g6, nicht auf h6. Siehe die Partie unten.) ‚Sie hätten Th1-h6 spielen sollen’, verkündete der Meister in unheilvollem Ton. ‚Aber warum? ... Der Zug, den ich gespielt habe, war auch nicht schlecht.’ Daraufhin erhielt ich die folgende Antwort, in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete: ‚Sie hätten Th6 spielen sollen, weil man in solchen Stellungen so spielt!’

Ich erinnere sehr deutlich, wie diese Worte eine enorme Wirkung auf mich hatten. ... Ich fasste einen wichtigen Entschluss: "Es gibt Gesetze und Regeln für die Ausnutzung der Bauernkette und der Linie, und auf die eine oder andere Art und Weise muss ich sie finden." (Skjoldager und Nielsen, S. 22.)

A. Nimzowitsch – W.H. Hilse

 

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Wenig später vertieften sich die Gräben zwischen Tarrasch und Nimzowitsch weiter. So schreibt Nimzowitsch:

Etwa zwei Monate nach der Episode mit ‚Th6’ hielt [Tarrasch] mich der Ehre für würdig, mit mir eine ernste Partie zu spielen. Die Eröffnung spielte ich aus Gewohnheit ganz seltsam, teils, weil ich mich ... zu jener Zeit nur sehr schlecht im Positionsspiel zurechtfand, teils aber auch deshalb, weil ich schon damals bewusst die eingefahrenen Wege mied und mich nur mit einer gewissen Skepsis nach den Dogmen der damals herrschenden Schule richtete. Viel Publikum hatte sich versammelt (obwohl die Partie einen privaten Charakter hatte), denn da der Reichtum meiner kombinatorischen Phantasie zu Unrecht mit schachlicher Stärke gleichgesetzt wurde, erwartete das Publikum wenn schon keinen ausgeglichen Kampf – denn Tarraschs Ruf stand damals in voller Blüte – so doch eine interessante und gehaltvolle Partie.

Nach dem 10. Zug kreuzte Tarrasch die Arme vor der Brust und sagte plötzlich folgenden Satz: ‚Noch nie in meinem Leben stand ich nach dem 10. Zuge so gewaltig auf Gewinn wie in diesem Fall.’ Die Partie endete übrigens remis. Aber ich habe Tarrasch alle die mir vor den Zuschauern zugefügten Beleidigungen lange nicht verzeihen können. ... Für mich war Tarrasch immer Mittelmaß; er spielte wirklich sehr stark, aber alle seine Ansichten, Sympathien und Antipathien, und seine größte Unfähigkeit, nämlich keine neuen Ideen zu schaffen, – all dies bewies klar die Mittelmäßigkeit seiner Geisteshaltung.“ (Aron Nimzowitsch, „Wie ich Großmeister wurde“, in: Nimzowitsch, Die Praxis meines Systems, Schachzentrale Rattmann 2006, S. 365 bis 369)

S. Tarrasch – A. Nimzowitsch

 

The Art of Defence

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Ein bemerkenswerter Schlagabtausch mit vielen dramatischen Momenten. Und auch wenn das schwarze Spiel nicht „korrekt“ war, so zeigte diese Partie doch das große Talent des 18-jährigen Nimzowitsch.

Außerdem fand Nimzowitsch bei dieser Gelegenheit den „Erbfeind“, den er gesucht hatte: „Ohne ein Gefühl der Abneigung gegenüber Tarrasch hätte ich nie ordentlich Schachspielen gelernt. Stärker als Tarrasch zu spielen, das war der Impuls hinter all meinem Streben in der Zeit von 1904 bis 1906.“ (Skjoldager und Nielsen, S. 23).

Aron Nimzowitsch 1931 (Foto: L'Echiquier 1931)

Allerdings hat die Methode, sich einen Rivalen zu suchen, den man mit aller Kraft bekämpft, oft paradoxe Folgen. Denn wie Nimzowitsch selber einräumt, verdankt er seine Fähigkeiten, seine Leistungen und seine Erfolge auf dem Gebiet, das ihm im Leben am wichtigsten war – dem Schachspiel – im Grunde seinem „Erbfeind“, und dafür hätte er Tarrasch eigentlich dankbar sein müssen, aber das ging natürlich nicht, denn schließlich war Tarrasch ja der „Erbfeind“.

Doch damit nicht genug. Die Feindschaft zwischen Nimzowitsch und Tarrasch führte dazu, dass die beiden in der Schachgeschichte untrennbar miteinander verbunden sind. Denn Nimzowitsch wollte nicht nur stärker spielen als Tarrasch, er wollte ihn auch als Schachtheoretiker überflügeln. Wobei die Abneigung gegenseitig war.

Facebook und Twitter gab es damals nicht, man trug die Fehde in Partiekommentaren und Aufsätzen in Schachzeitungen aus. So bescheinigte Tarrasch Nimzowitsch „eine ausgesprochene Vorliebe für häßliche Eröffnungszüge“ während Nimzowitsch immer wieder gerne betonte, wie veraltetet die Ansichten Tarraschs waren. 1912 hatte Tarrasch im Selbstverlag das Buch Die moderne Schachpartie veröffentlicht, und das nahm Nimzowitsch zum Anlass für eine Generalabrechnung mit seinem Widersacher. Ein Jahr später, 1913, veröffentlichte Nimzowitsch in der Wiener Schachzeitung einen Aufsatz mit dem Titel: „Entspricht Dr. Tarraschs ‚Die moderne Schachpartie‘ wirklich moderner Auffassung?“, in dem er diese rhetorische Frage ausführlich und mit viel Eifer mit einem jubilierenden „Nein“ beantwortete.

Aus heutiger Sicht wirken allerdings beide, Tarrasch und Nimzowitsch, in ihren Urteilen oft zu radikal und kategorisch. So bezeichnet Tarrasch zum Beispiel die Caro-Kann Verteidigung als „ganz gewiß inkorrekt“ während Nimzowitsch Skandinavisch als „völlig und für immer demoliert“ ansieht. Produktiv waren die Streitigkeiten zwischen Nimzowitsch und Tarrasch aber dennoch. Die Leidenschaft, mit der sie darüber stritten, was im Schach „richtig“ und „falsch“ ist, führte zu einer Bereicherung des Spiels und zu einem umfassenderen Verständnis der Schachstrategie.

Doch „die feinsten Probleme sind die der praktischen Partie“ wie Tarrasch in Die Moderne Schachpartie süffisant als Kommentar zu seinem Sieg gegen Nimzowitsch in San Sebastian 1911 schrieb. Aber in den direkten Duellen der beiden sollte Nimzowitsch am Ende die Oberhand behalten. Nach der ersten, 1904 gespielten, freien Partie trafen die beiden Rivalen nur noch in Turnieren aufeinander. Insgesamt elf Mal und die Gesamtbilanz dieser Turnierpartien fällt mit 7,5-3,5 (+5, =5, -2) zugunsten von Nimzowitsch aus. Sechs dieser Partien und drei Niederlagen Tarraschs stammen allerdings aus den Jahren 1920 bis 1928, als Tarrasch den Zenit seiner Laufbahn bereits überschritten hatte.

Als Ausgleich für die negative Gesamtbilanz gewann Tarrasch in der Vorrunde des Turniers in St. Petersburg 1914 jedoch die schönste und spektakulärste der zwölf Partien zwischen den beiden – und diese Partie wurde zum Klassiker. Tarrasch hatte Schwarz und opferte im Mittelspiel beide Läufer, um den weißen König ins Freie zu zerren und schließlich auf d7 Matt zu setzen.

A. Nimzowitsch - S. Tarrasch

 

Tarrasch-Verteidigung - Ein modernes Repertoire

Kaum eine Eröffnung ist so vielseitig anwendbar wie die Tarrasch-Verteidigung (1.d4 d5 2.c4 e6 3. Sc3 c5 bzw. 3.Sf3 c5). Sie ist die aktivste Antwort auf das Damengambit, darüber hinaus kann sie auch nach anderen Partieanfängen entstehen.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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BMuntz BMuntz 05.02.2018 12:32
Ein aufschlussreicher und interessanter Artikel, abseits aller Enginebewertungen, die einen heutzutage auf Schritt und Tritt verfolgen. Das eigene Nachdenken über schachliche Fragestellungen wird auf diese Weise angenehm stimuliert. Bemerkenswert finde ich, dass ausgerechnet Nimzowitsch mit seiner phantasiereichen und kombinatorischen Begabung sich zum Verfechter statischer, positioneller Spielelemente entwickelte. Und das "nur", um Tarrasch zu widerlegen!?
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