Aus dem NDR-Archiv: Interview mit Fritz Sämisch

von André Schulz
07.09.2026 – Film- und Tondokumente der alten Meister sind rar. Der NDR hat aber aus seinem Archiv ein Interview mit Fritz Sämisch aus dem Jahr 1958 veröffentlicht, in dem der Großmeister unter anderem über seine Blindvorstellungen spricht und "über die Schwierigkeit, in der Provinz zur Meisterschaft zu reifen". | Foto: British Chess News

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Friedrich Sämisch war einer, den man gerne als "Original" bezeichnete. Nachdem der gebürtige Berliner im Ersten Weltkrieg zweimal schwer verwundet worden war und nach der Rückkehr ins Zivilleben seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, entschloss er sich, Schachprofi zu werden. Er kämpfte in unzähligen Turnieren um ein Preisgeld, gab Simultanvorstellungen und verblüffte die Schachfreunde mit Blindsimultanvorstellungen, gegen bis zu zehn Spieler gleichzeitig. Bei seiner Simultantournee 1926 spielte er insgesamt über 400 Blindpartien. Nebenher schrieb er über Schachturniere und füllte Schachspalten. Das alles reichte aber nur für ein bescheidenes Auskommen. Zwei Laster erschwerten Sämischs Fortkommen als Schachprofi: Rauchen und Zeitnot. Zu tief waren Sämischs strategischen Konzepte und am Ende lief ihm regelmäßig die Zeit weg und er verdarb gute Partien.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Sämisch ausgebombt und verlor seine persönliche Habe, darunter seine Schachbibliothek. Zum Ende des Krieges floh er nach Schleswig-Holstein und lebte in Kiel, zweitweise auch bei einem Freund in Hamburg.

1950 vergab der Weltschachbund an einige verdiente Spieler aus der Vorkriegszeit offiziell den Titel "Internationale Großmeister". Friedrich Sämisch gehörte dazu.

Nach dem Krieg setzte Sämisch seine bescheidene Profikarriere fort, vor allem bei Turnieren in Deutschland. Besonders in Norddeutschland nahm er auch an vielen und regionalen Turnieren teil. Seinen Zenit hatte Sämisch inzwischen deutlich überschritte, woran auch wieder seine zwei Laster mit Schuld waren. Mit seinem Großmeistertitel veredelte Sämisch aber mit seiner Teilnahme alle diese Turniere.

Zu Schleswig-Holsteinischen Meisterschaft in Schleswig 1958 schickte der Norddeutsche Rundfunk einen Reporter, der den inzwischen 62-jährigen Altmeister vor das Mikrofon holte. Sämisch beantwortet dort einige Fragen und räumt unumwunden zu, dass man als Profi vom Schach nicht leben könne: "Schach ist eine Passion," erklärt Sämisch. Heute hat sich das zumindest für die weltbesten Profis geändert.

Vielleicht ist dies das einzige Tondokument von Friedrich Sämisch überhaupt. 

Audio-Dokument beim NDR...

Von der Meisterschaft in Schleswig 1958 sind keine Partien überliefert. Sämisch spielte aber noch eine Reihe weiterer Turniere. Das letzte ist aus dem Jahr 1969 überliefert. Sämisch starb 1975 in Berlin-Wannsee.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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