Dagobert Kohlmeyer wird 80!

von André Schulz
23.05.2026 – Dagobert Kohlmeyer ist der Grandseigneur des deutschen Schachjournalismus. Über Jahrzehnte versorgte er die Schachpresse mit Berichten über Schachturniere. 25 Jahre lang war er zudem der Schach-Korrespondent von dpa. Heute feiert Dagobert Kohlmeyer seinen 80sten Geburtstag. Wir gratulieren ganz herzlich und haben noch ein paar Fragen. | Fotos: Dagobert Kohlmeyer

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Zum 80. Geburtstag von Dagobert Kohlmeyer

Dagobert Kohlmeyer ist sicher einer der bekanntesten Schach-Journalisten, nicht nur in Deutschland. Seine Sprachkenntnisse, er spricht fließend Russisch, ermöglichten es ihm, sich mit den großen Spielern aus der Zeit der UdSSR in ihrer Muttersprache zu unterhalten, was ihm einige Türen öffnete und viele Einblicke für seine Berichte gab. In einem Interview, das er zu seinem 70sten Geburtstag mit Frank Hoppe (heute Frank Binding) führte, erfuhren die Leser auch viele interessante Einzelheiten von Dagobert Kohlmeyers Leben vor und neben dem Schach. Er war in seiner Jugend Schlagzeuger in einer Rockband, arbeitete später beim Rundfunk, wo er viele andere Musiker kennenlernte und war ein Zeitlang außerdem Russisch-Lehrer und Übersetzer. Später bereiste Dagobert Kohlmeyer als Schach-Journalist unzählige Länder, um dort von den großen internationalen Schachturnieren zu berichten. Zwischendurch schrieb und veröffentlichte Dagobert Kohlmeyer zudem Schachbücher, meist Turnierbücher oder Portraits. In jüngster Zeit erschienen einige unterhaltsame Lehrbücher, "Geheimnisse der Bauern - die Kunst Ihrer Führung im Endspiel" (2025) und "Das Zentrum - die goldene Mitte auf dem Schachbrett" (2026), beide im Chaturanga-Verlag.

Anlässlich seines 80sten Geburtstages führte André Schulz ein kleines Interview, das aber dann doch etwas umfangreicher ausfiel, weil Dagobert Kohlmeyer viel zu erzählen hat.

Wer ist für dich die größte Persönlichkeit der Schachgeschichte, in dem Sinne, dass er oder sie am meisten für die Popularisierung und das Ansehen des Schachs geleistet hat?

Diese Frage verlangt eine längere Antwort, André. Es gibt doch viele Schachmeister, die sich sehr verdient um das Spiel gemacht haben. Vor allem die Titelträger, zwölf von ihnen bin ich im Laufe meines Lebens begegnet, haben sehr viel zum Renommee unseres Spiels beigetragen. Zu den Weltmeistern blicken alle Schachfreunde auf. Wenn ich hier einen Maestro besonders herausgreife, dann hängt das mit prägenden Eindrücken von meiner Jugend an bis heute zusammen, aber vor allem natürlich mit seiner epochalen Lebensleistung. Es ist Alexander Aljechin, der von 1927 bis 1946 mit einer Unterbrechung von zwei Jahren die Schachkrone trug. Er nahm sie mit ins Grab.

Als Schüler entdeckte ich beim Vater eines Freundes im Kasten mit den Schachfiguren einen vergilbten Zeitungsausschnitt. Auf dem etwa 30 Jahre alten Papier war die Notation der brillanten Partie Aljechin-Nimzowitsch (San Remo 1930) abgedruckt. Ich spielte die Züge nach, verstand nur die Hälfte, aber war schwer beeindruckt.

Zwei Jahre später kaufte mir mein Großvater, der mein Hobby unterstützte, bei einem Besuch in den Ferien „Das Schacherbe Aljechins“ von Alexander Kotow. Es sind die beiden großartige Bände aus dem Sportverlag Berlin gewesen.

Von da an war Aljechin mein Held. Seine Bedeutung für die Schachgeschichte wurde mir allerdings erst Jahrzehnte später richtig klar. Da kaufte ich in Moskau auch die Originalausgaben von Kotows Büchern. Über Aljechins bewegtes, unstetes Leben und seine menschlichen Schwächen könnte man Romane schreiben. Ich lege hier den Focus mehr auf seinen einmaligen Beitrag zur Schachkunst. Kaum ein anderer Meister liebte das Spiel so fanatisch, arbeitete so hart, kommentierte so gut, schrieb so großartige Bücher und war sich selbst gegenüber so objektiv. Wohl deshalb war Aljechin auch Kasparows großes Vorbild. Garri bezeichnete den vierten Weltmeister als „Pionier eines universellen Schachstils“, dessen fantastische Kombinationen auf einem gesunden positionellen Fundament basierten. Sie seien das Ergebnis starker, energischer Strategie gewesen. Wer will Kasparow widersprechen!

An Aljechins Grab in Paris

Ich habe im Juli 1995 Aljechins einzigen Sohn Alexander kennengelernt. Der damals 74-Jährige Schweizer kam mit seiner Frau als Ehrengast zu den Dortmunder Schachtagen. Ich holte den freundlichen Mann am Bahnhof ab und interviewte ihn gleich im Auto. Er beantwortete ohne Umschweife auch heikle Fragen. Vom Ödipuskomplex seines Vaters über die drei Ehen des Schachgenies bis zu anderen pikanten Details aus dessen Leben. Alexander Junior sagte mir, dass er nicht Schach gespielt habe, weil er es nur von seinem Vater, dem Weltmeister, lernen wollte. Dieser war aber ständig zu Turnieren unterwegs, so dass es nicht dazu kam. Alex wurde deshalb nicht Schachspieler, sondern Handballer. Er wollte nicht vom Ruhm seines Vaters leben, sondern nur Privatmann sein. Wir trafen uns auch bei weiteren Schachereignissen in der Schweiz, den WM-Finals 1998 in Lausanne und 2004 in Brissago.

Auf der Rückreise vom Turnier in Biel besuchte ich im Sommer 1997 Aljechins Sohn zu Hause in Basel. Er zeigte mir dort unter anderem die Original-Schachfiguren seines Vaters. Mein Papierfoto davon wurde in einem Schachmagazin abgedruckt (leider in schlechter Qualität). Zum letzten Mal sah ich Alexander Aljechins Sohn beim WM-Match Kramnik-Leko in Brissago. Im Jahre 2009 ist er gestorben.

Alex Aljechin 2004

Der unbesiegte vierte Weltmeister Aljechin starb, wie wir wissen, im März 1946 vereinsamt im Exil. Die Umstände seines Todes sind nicht ganz aufgeklärt worden. Aljechins Sohn glaubte nicht, dass sein Vater sich umgebracht hat, sondern erstickt sei. Es gibt ja dieses Foto von ihm im Hotelzimmer in Estoril/Portugal. Für Suizid spreche, dass Aljechin als Kollaborateur mit den Nazis bei den Franzosen unter Anklage stand. Doch im katholischen Portugal war Selbstmord verpönt, und deshalb lautete die offizielle Version, es sei ein Unglücksfall gewesen.

Boris Spasski war nicht zuletzt wegen seines universellen Spielstils ein würdiger Nachfolger Aljechins. Was dessen Tod betrifft, so gehörte er zu den Anhängern der Verschwörungstheorie. Boris hatte einige Jahre ernsthaft in der Sache recherchiert und war der Ansicht, dass Aljechin umgebracht worden sei. Eindeutige Beweise dafür gibt es aber bis heute nicht. Der zehnte Weltmeister Spasski war immer ein hochinteressanter Gesprächspartner. Von allen Titelträgern, die ich traf, stand er mir menschlich am nächsten. Boris war cool und freundlich, immer zu Scherzen aufgelegt. Seinen Humor, zuletzt war es mehr Galgenhumor, hat er trotz schwerer Krankheit bis zum Ende des Lebens behalten. Sein Tod im vergangenen Jahr hat mich sehr getroffen.

Mit Boris Spasski 2008 in Sofia

Freundschaftlichen Kontakt hatte ich auch zu Wassili Smyslow, dessen zwei glänzenden Endspiel-Bücher ich übersetzen durfte. Wir hatten viele interessante Gespräche über Schach, das nach seiner Meinung eine Art mathematisches Modell ist. Smyslow war ja auch ein begnadeter Sänger und verwies gern auf den ebenfalls möglichen Zusammenhang von Schach und Musik. Ein Brett hat 8x8 Felder und die Tonleiter 8 Noten. Zu meinem 50. Geburtstag schenkte mir Wassili Wassiljewitsch einen signierten Prachtband mit seinen besten Partien, die er dort ausführlich kommentiert hat. Smyslow rühmte bei vielen Gelegenheiten Aljechins Endspielkunst.

Smyslows „Chronik der Schachkunst“

Im Laufe der Jahre habe ich auch alle anderen Weltmeister von Michail Tal bis Magnus Carlsen getroffen und die jungen Großmeister mit Interesse journalistisch auf ihrem Weg zum Olymp begleitet. Den Platz der heutigen Weltstars in der Schachgeschichte wird man erst später richtig beurteilen können. Den bisher letzten gewichtigen Beitrag für das Schach und seine Popularisierung hat Garri Kasparow geleistet, wenn man nicht nur an seine große Karriere und an sein organisatorisches Talent denkt. Mit seiner umfangreichen Buchreihe setzte er seinen Vorgängern von Steinitz bis Karpow ein Denkmal. Am Karpow-Band durfte ich als Übersetzer mitwirken. Lobenswert ist, dass Garri in diesen Büchern auch Schachgenies gewürdigt hat, die nicht Weltmeister wurden wie Bronstein, Geller, Keres, Rubinstein und andere. Die führenden Schachspieler von heute schreiben keine Bücher mehr. Sie haben keine Zeit und wohl auch keine Lust, weil sie nur noch von Turnier zu Turnier eilen. Das ist sehr schade.

Wie fällt für dich das Fazit aus, wenn du die Schachberichterstattung von früher mit der von heute vergleichst?

Es gibt schon große Unterschiede. Früher tourte man als Reporter mit dem Schachzirkus um die ganze Welt. Denn Topturniere, Schacholympiaden und Weltmeisterschaften fanden (und finden auch heute) in vielen Ländern statt. Ich flog nach Amsterdam, Prag, Wien, Paris, Moskau, Kopenhagen, New York, New Delhi, Jerewan, Elista und einmal sogar nach Bahrain. Meine weiteste Reise war im Herbst 1994 nach Buenos Aires. 14 000 km mit dem Flieger sind eine Herausforderung. Immerhin bekam ich in Argentinien (gemeinsam mit Anatoli Karpow) die besten Steaks serviert. Und ich sah den historischen Schachtisch, an dem Aljechin 1927 den großen Capablanca entthronte. Auch nach Mexiko-City und Las Vegas war man ewig lange unterwegs. Doch wenn die Liveatmosphäre eines wichtigen Schachevents eingefangen werden sollte, musste man eben vor Ort sein. Das Gleiche gilt für Originalfotos. Digitalkameras waren damals noch nicht üblich, alles machte mehr Arbeit und war zeitaufwendiger.

In Europa berichtete ich von jedem Superturnier: Biel, Dortmund, Wijk aan Zee, Linares, Las Palmas, Sofia, Tilburg, Brüssel, um nur die wichtigsten zu nennen. Manche gibt es heute leider nicht mehr. Bei meinen Reportagen und Berichten interessierten mich auch immer die Länder und die Persönlichkeiten der Spieler. Das Kommentieren der Partien überließ ich lieber den Großmeistern, die verstanden sich natürlich besser darauf. Bei zehn Schacholympiaden und 12 WM-Kämpfen lernte ich großartige Journalisten-Kollegen aus vielen Ländern kennen, mit denen ich gern Kontakt pflegte. Dazu gehört auch ein glänzender Schach-Erklärer aus London.

Heute sieht die Berichterstattung aus vielen Gründen, auch wegen des technischen Fortschritts, oft anders aus. Nicht wenige Schachreporter verfolgen das Geschehen in den Turniersälen der Welt nur noch von zu Hause aus via Internet und kontaktieren die Großmeister nach der Partie über WhatsApp. Kostengründe spielen dabei sicher auch eine Rolle.

Wie hat sich das Turnierschach und das allgemeine Schachleben unter dem Einfluss des Computers im Laufe der Zeit verändert?

Gewaltig. Bei einer Schach-WM saßen früher, vor allem in der Sowjetunion, mindestens 2.000 Zuschauer in einem großen Saal und verfolgten gebannt jeden Zug der Spieler. Draußen standen noch einige tausend Fans, die keine Karte bekommen hatten, auch bei klirrender Kälte, vor großen Demonstrationsbrettern. Die Zeitungen brachten die Partienotation einen Tag später.

Heute sitzen nur wenige Augenzeugen im Spielsaal, aber Millionen können die Partien live im Internet verfolgen. Schach hat dadurch eine riesige Verbreitung bekommen und seine Popularität vergrößert. Die Computer und Schachprogramme läuteten in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Ära ein. Auch ChessBase hat einen großen Beitrag dazu geleistet.

Nicht alle finden den technischen Fortschritt aber segensreich. Ich meine, es wird zu viel im Internet gespielt. Bei der Flut von Online-Turnieren verliert man leicht den Überblick. Ich denke, nichts kann den Kampf Mann gegen Mann, Frau gegen Frau oder Mann gegen Frau ersetzen. „Schach ist wie die Liebe, allein macht es weniger Spaß“, schrieb Stefan Zweig.

Auf jeden Fall führen die heutigen Schachstars ein anderes Leben als ihre Vorgänger. Sie nutzen Engines zur Vorbereitung auf Turniere, was den früheren Meistern nicht möglich war. Jene hatten Eröffnungskarteien und trafen ihre Entscheidungen während einer Partie am Brett, während die heutigen Großmeister bis zum 20. Zug auf ihre Computeranalysen zurückgreifen können. Sie sehen sich dazu gezwungen, weil es immer schwerer wird, einen Gegner in der Eröffnung zu überraschen. Aus Sicht eines Schachromantikers könnte man sagen: „Die goldene Zeit ist vorbei.“

Aus aktuellem Anlass eine Frage ohne Schachbezug. Du teilst deinen Geburts-Jahrgang 1946 mit vielen bekannten Persönlichkeiten außerhalb der Schachszene. Hast du auch unter denen einen Favoriten?

Ja, das stimmt, es sind viele. Aber darunter ist kein ausgemachter Favorit. Kurioserweise gehören auch drei amerikanische Präsidenten zu meinem Jahrgang: Bill Clinton, George W. Bush und leider auch D.T. Der aktuelle Typ nervt momentan die ganze Welt. Jetzt aber kein weiterer Kommentar zu ihm. 

Lieber ist mir der Gedanke an einen anderen Prominenten, der nur ein paar Tage älter ist als ich. Udo Lindenberg und meine Wenigkeit sind uns mal begegnet. Es war eher ein Zufall. Einige Tage nach dem Mauerfall im Herbst 1989 kam Udo spontan nach Berlin. Er besuchte auch den Rundfunk in der Nalepastraße, wo ich arbeitete. Als ich ihm sagte, dass wir ein Jahrgang sind, erwiderte er trocken: „Penetrant haltbar!“ Ein Kollege von mir fotografierte Udo, und ich schrieb dann über den überraschenden Besuch - unter Pseudonym - eine kleine Geschichte für eine Zeitung auf der anderen Seite der Mauer. Die Leute im Osten lieben Udo. Wir wissen nicht erst seit heute, dass der Rockstar mit dem Hut und der Sonnenbrille mehr als die meisten Politiker für die deutsche Einheit getan hat. Man denke nur an seine beiden Songs: „Mädchen aus Ost-Berlin“ und „Sonderzug nach Pankow“.

Zurück zum Schach. Was hat es dir für dein Leben gegeben?

Es hat mich unglaublich bereichert. Wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann, ist das ein großes Glück. Alle damit verbundenen Tätigkeiten erfüllten mich mit Freude: Berichte, Reportagen, Interviews, Übersetzungen, Fotografieren. Ich habe auch einige Simultanveranstaltungen mit Weltmeistern und von Berlin aus das Millenniumturnier 1996 in Wien organisiert. Ein halbes Jahr Arbeit!

Seit dem Re-Match Fischer-Spasski 1992 in Sveti Stefan und Belgrad bin ich dpa-Korrespondent gewesen, und das für 25 Jahre. Erst als der dortige Redakteur, der Schach betreute, 2016 in Rente ging, habe ich aufgehört. Da war ich 70 Jahre alt. Genauso lange habe ich die Pressarbeit beim Chess Meeting in Dortmund gemacht. Ich bin dort Ehrenkorrespondent auf Lebenszeit. Auf der ChessBase-News-Seite kann man bis heute Berichte, Interviews und Kalenderblätter von mir finden. Dreimal ein Vierteljahrhundert!

Seit dem Abschied aus dem aktuellen Tagesgeschäft habe ich wieder mehr Zeit zum Bücherschreiben. Bisher liegen 35 vor, die Hälfte davon ist vergriffen. Es waren kleine Auflagen, weil ja inzwischen immer weniger gelesen wird. Einige Bücher erlebten zwei Ausgaben. Gern schrieb ich auch über Schachhelden, von denen heute kaum einer mehr spricht. Die Ideen gehen immer noch nicht aus. Aljechin ist bis heute eine Inspirationsquelle. Sein Schaffen wird in meinem nächsten Buch wieder eine große Rolle spielen, auch wenn es über den 4. Weltmeister schon sehr viel Literatur gibt. In meiner Bibliothek habe ich die Originalausgabe der Aljechin-Biographie vom Schachhistoriker Isaac Linder und seinem Sohn Wladimir, die mir in Freundschaft signiert wurde. So schließt sich der Kreis.

Auch Artur Jussupow, der mich in meiner Arbeit oft schachlich berät, ist wie viele vom Erbe Aljechins beeindruckt. „Er hatte einen aggressiven und gleichzeitig schönen Schachstil. Wir haben alle von seinen Partien gelernt und tun es heute noch.“

Was Anatoli Karpow angeht, so war José Raul Capablanca eher sein Vorbild. Schon als Kind studierte er ein Buch mit Spielen des genialen Kubaners. „Ich habe alle seine Partien auswendig gelernt“, erzählte er später. Das hat ganz sicher Karpows feinen Schachstil geprägt, mit dem er so großen Erfolg hatte. Deshalb war er nur ganz schwer zu schlagen. Auch Gata Kamsky schaffte das 1996 nicht.

Was wird denn aus deiner Schachbibliothek und deinen vielen wertvollen Fotos, Dagobert?

Ich stehe auf dem Standpunkt „Vorlass ist besser als Nachlass“. Alle meine selbst verfassten Bücher befinden sich bereits im Schachmuseum Löberitz in Sachsen-Anhalt. Eine Tochter des tüchtigen Leiters Konrad Reiß hat bei ihrem Pfingstbesuch in Berlin gerade wieder zwei neue bei mir abgeholt. Robert Hübner und Fritz Baumbach haben in Löberitz ja auch ihre Schach-Bibliothek hinterlassen, das ist gut so. Dort sind in einer Museums-Vitrine schon seit einigen Jahren Fotos, Schachutensilien und Erinnerungsstücke von mir zu sehen. Darunter befindet sich auch dieser Brief von Judit Polgár. Vor dem Internet schickten die Großmeister ihre Partiekommentare eben mit der guten alten Post. Es war eine andere Zeit, heute ist vieles leichter.

Schach ist für viele Menschen die Liebe ihres Lebens. Ich denke, es wird uns noch ewig begleiten. Was immer in seiner langen Geschichte geschehen ist, das königliche Spiel hat unzählige Generationen fasziniert und seinen großen Zauber bis heute bewahrt. Das wird auch nicht aufhören.

Last but not least: Danke André, du alter Godesberger, Hamburger und Schalker, für die jahrzehntelange, gute Zusammenarbeit. Als BVB-Fan freue ich mich auf die Revierderbys in der nächsten Saison!

Die Webadresse meines Verlages: http://www.chaturanga.de

Den Dank gebe ich gerne zurück und gratuliere zum 80sten Geburtstag!

Interview zum 70sten Geburtstag...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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