Das Evans-Gambit – eine immergrüne Eröffnung?

von Johannes Fischer
13.08.2026 – Das Evans-Gambit ist eines der berühmtesten Gambits der Schachgeschichte. Der Name geht auf William Davies Evans zurück (1790–1872), einen walisischen Kapitän, der in den 1820er Jahren auf die Idee kam, nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 mit 4.b4!? einen Bauern anzubieten. Nimmt Schwarz das Opfer an, gewinnt Weiß Zeit, um seine Figuren zu entwickeln und den schwarzen König anzugreifen. Den Spitzenspielern des 19. Jahrhunderts gefiel dieses Konzept und Schachlegenden wie Paul Morphy und Adolf Anderssen spielten mit dem Evans-Gambit zahlreiche spektakuläre Partien. Aber wie standen und stehen moderne Weltmeister zum Evans-Gambit? | Foto: Kapitän Evans (Quelle: Wikipedia)

Dieser Kurs ist ein Repertoire nach 1.e4 e5 2.Sf3 mit dem Evans-Gambit als Hauptwaffe.
Wenige Eröffnungen vermitteln die Kunst des Angriffs so unmittelbar wie das Evans-Gambit. Nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 opfert Weiß einen Bauern, um die Stellung zu öffnen, ein mächtiges Zentrum aufzubauen und den schwarzen König sofort unter Druck zu setzen. Das Beste daran: Die taktischen Möglichkeiten entstehen ganz natürlich aus der Stellung – statt auswendig gelernter Varianten. Damit ist das Evans-Gambit die ideale Eröffnung für Vereinsspieler und ambitionierte Nachwuchsspieler, die schärfere Stellungen und mehr Erfolg mit Weiß anstreben. Doch ein starkes Gambit allein macht noch kein vollständiges Repertoire. In diesen beiden Bänden präsentiert IM Andrew Martin ein komplettes Weißrepertoire nach 1.e4 e5 2.Sf3 und liefert gegen jede schwarze Antwort eine klare, sofort einsetzbare Lösung.

Eine der bekanntesten Partien mit dem Evans-Gambit ist Adolf Anderssens Sieg gegen Jean Dufresne aus dem Jahr 1852, die sogenannte "Immergrüne". Garry Kasparov hat sie kommentiert.

Adolf Anderssen (1818-1879)

Doch im Laufe der Zeit fand Schwarz Mittel und Wege, auf das Evans-Gambit zu reagieren, und wie das Königsgambit wurde es in der Großmeisterpraxis ein zunehmend seltener Gast. Ganz verschwunden ist das Evans-Gambit jedoch nie. Moderne Großmeister wenden es gelegentlich an, als Überraschungswaffe, aber vielleicht auch als Erinnerung und Reverenz an die Partien der alten Meister, die sie am Anfang ihrer Schachkarriere begeistert haben.

Auch manch moderner Weltmeister hat gelegentlich zum Evans-Gambit gegriffen, wenn auch meist in Simultanveranstaltungen oder im Schnell- und Blitzschach. Eine der bekanntesten modernen Partien mit dem Evans-Gambit hat Bobby Fischer gespielt. Berühmt wurde sie, weil Fischer sie in sein Buch Meine 60 Denkwürdigen Partien aufgenommen und dort unter dem Titel "Schockbehandlung" veröffentlicht hat. In der Einleitung zu dieser Partie schreibt Larry Evans:height="1"

Nachdem er einer der führenden Spieler der Welt geworden war, gab Fine das Schachspiel auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn (1945) auf, um praktizierender Psychoanalytiker zu werden; aber er hat nichts von der Liebe zum Spiel und nur wenig von seiner Brillanz verloren. Die folgende Partie ist eine von sieben oder acht freien Partien, die in seinem Heim in New York gespielt wurden. Dr. Fine hat sich, soweit man das beurteilen kann, in etwa gehalten.

Hier weicht Fischer erstmalig von seinem geliebten Spanisch ab und wendet das verwegene Gambit an, das vor einem Jahrhundert durch Kapitän Evans eingeführt wurde. Diese trickreiche Spielweise ist von der Bühne so gut wie verschwunden. Fine, obwohl Autor mehrerer Eröffnungsbücher, ist verständlicherweise eingerostet, und einmal gefangen, gelingt es ihm nicht mehr, sich aus der Klemme zu befreien. Fischer läßt ein brillantes Finish in 17 Zügen vom Stapel. (Bobby Fischer, Meine 60 Denkwürdigen Partien, Schachzentrale Rattmann 2002, S. 218)

In einer Turnierpartie mit langer Bedenkzeit hat Fischer das Evans-Gambit allerdings nie gespielt.

Bobby Fischer 1962

Im Gegensatz zu Garry Kasparov. 1995 gewann er damit beim Tal Memorial in Riga in nur 25 Zügen gegen Vishy Anand.

Nach seinem Sieg gegen Anand griff Kasparov 1995 noch einmal zum Evans-Gambit und gewann in 29 Zügen gegen Jeroen Piket.

Garry Kasparov erkannte früh, dass Datenbanken das Eröffnungsstudium erleichtern| Foto: ChessBase

Wie groß Kasparovs Vertrauen in das Evans-Gambit tatsächlich war, lässt sich allerdings schwer sagen. Nach dieser Partie hat Kasparov mit Weiß das Evans-Gambit jedoch nicht mehr probiert, vielleicht, weil er eine Variante gefunden hatte, die ihm nicht gefiel, vielleicht, weil der Überraschungseffekt nach den Siegen gegen Anand und Piket verpufft war. Kasparov war bekannt dafür, Eröffnungen ernst zu nehmen. Frivole Experimente mit Varianten, von denen er nicht überzeugt war, passten nicht zu seinem Stil.

Ganz anders Magnus Carlsen. Carlsen ist dafür bekannt, praktisch alles zu spielen und hat in Blitzpartien schon alle 20 möglichen Eröffnungszüge von 1.a3 bis 1.h4 ausprobiert. Da Carlsen die Schachgeschichte und die Partien der alten Meister gut kennt, wundert es da nicht, dass er auch schon zum Evans-Gambit gegriffen hat. Ein überzeugender Sieg gelang ihm damit in einem Banter-Blitz-Wettkampf gegen Sanan Sjugirov.

Partie zum Nachspielen

Gegen Sjugirov spielte Carlsen das Evans-Gambit freiwillig, bei einem ungewöhnlichen Turnier in Casablanca 2024 "musste" er die Variante spielen. In diesem Turnier wurden den vier Teilnehmern – Carlsen, Anand, Hikaru Nakamura und Bassem Amin – Stellungen aus historischen WM-Kämpfen vorgelegt, die sie erst erkennen und dann in Schnellpartien spielen sollten. Einmal mehr verblüffte Carlsen durch sein gutes Schachgedächtnis und seine umfassende Kenntnis der Schachgeschichte. Er wusste, dass die Stellung, die man ihm zeigte, aus einem WM-Kampf zwischen Steinitz und Chigorin stammte, und gewann mit dieser Stellung anschließend in nur 25 Zügen gegen Anand.

Motiviert: Magnus Carlsen | Foto: Lennart Ootes (Archiv)

Mit einem neuen ChessBase-Kurs und einem neuen Buch lädt der bekannte englische Trainer und Autor Andrew Martin jetzt dazu ein, in die Fußstapfen der alten und neuen Meister zu treten, und das Evans-Gambit auszuprobieren. Und wer weiß – vielleicht gelingt einem so ja die eine oder andere Gewinn- oder Glanzpartie. "Immergrün" muss sie ja nicht gleich sein.

Andrew Martin: The Evans Gambit, A repertoire for White after 1.e4 e5, ca. €27.99

Dieser Kurs ist ein Repertoire nach 1.e4 e5 2.Sf3 mit dem Evans-Gambit als Hauptwaffe.
Wenige Eröffnungen vermitteln die Kunst des Angriffs so unmittelbar wie das Evans-Gambit. Nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 opfert Weiß einen Bauern, um die Stellung zu öffnen, ein mächtiges Zentrum aufzubauen und den schwarzen König sofort unter Druck zu setzen. Das Beste daran: Die taktischen Möglichkeiten entstehen ganz natürlich aus der Stellung – statt auswendig gelernter Varianten. Damit ist das Evans-Gambit die ideale Eröffnung für Vereinsspieler und ambitionierte Nachwuchsspieler, die schärfere Stellungen und mehr Erfolg mit Weiß anstreben. Doch ein starkes Gambit allein macht noch kein vollständiges Repertoire. In diesen beiden Bänden präsentiert IM Andrew Martin ein komplettes Weißrepertoire nach 1.e4 e5 2.Sf3 und liefert gegen jede schwarze Antwort eine klare, sofort einsetzbare Lösung.


Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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