Das Revival der Schachcafès

von André Schulz
17.03.2026 – Die große Tradition der Schachcafés schien etwas der Vergangenheit anzugehören, doch jetzt unternimmt Sven Rehders mit einigen anderen Schach-Aktivisten den Versuch, Cafés und Restaurants als Treffpunkt für Schachfreunde wiederzubeleben. Und es funktioniert. Eine smarte App hilft dabei.

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Das Revival der Schachcafés

Im 18. und 19. Jahrhundert nahm die Geschichte des organisierten Schachs in den Schachcafés der europäischen Metropolen ihren Anfang. Man traf sich in geselliger Runde, sprach über Gesellschaft und Politik, Kunst und Kultur, und vertrieb sich die Zeit mit Spielen, Kartenspielen, Billard und eben Schach. Das Café Central in Wien, das Café de la Régence in Paris oder das Simpson’s in the Strand in London sind die Namen berühmter Cafés, die auch heute noch existieren, auch wenn dort kaum noch Schach gespielt wird. Aber auch in den meisten anderen Städten gab es überall solche Treffpunkte für Schachspieler. In Hamburg war dies das Schachcafé Rübenkamp in Barmbek.

Im Laufe der Jahre ließ das Interesse der Schachspieler an diesen Cafés jedoch etwas nach. Die Möglichkeit jederzeit auf einer der Internet-Plattformen von zuhause aus Schach spielen zu können, spielte dabei sicher eine Rolle. Aber Im Internet mehr oder weniger anonym gegen einen unbekannten Gegner eine Partie am Bildschirm mit der Maus zu spielen oder einem Menschen am Schachbrett gegenüber zu sitzen, richtige Figuren anzufassen und zu bewegen, mit energischer Bewegung eine Schachuhr zu drücken und sich hinterher oder schon gleich während der Partie über verpasste Chancen auszutauschen, sind zwei verschiedene Dinge.

Sven Rehders möchte nun mit einigen Mitstreitern unter dem Motto "Schach-Treff" die Kultur der Schachcafés wiederbeleben. Und das macht er auch schon. Das Schachcafé am Rübenkamp, offiziell jetzt "Barmbeker Schachcafé" genannt, ist der Ausgangspunkt, soll aber noch lange nicht das Ende sein.

Sven Rehders kommt ursprünglich aus Stade und lernte Schach von seinem Vater. Eine Zeitlang spielte er auch in einem Schachclub, war dabei aber nie besonders ehrgeizig. Später war in seinem ausgefüllten Berufsleben wenig Platz fürs Schach, aber nun hat er einen etwas ruhigeren Bürojob, erinnerte sich an seine alte Schachleidenschaft und kam auf die Idee mit den Schachcafés.

Sven Rehders möchte dabei vor allem auch solche Schachfreunde ansprechen, die wie er kein regelmäßiges Turnierschach im Verein spielen wollen, sondern einfach nur ab und zu eine Partie spielen möchten, Hobbyspieler, die vielleicht (noch) Hemmungen haben, einen Schachverein zu besuchen oder auch Anfänger. Wer möchte, bleibt dann einfach in dieser geselligen Runde. Wer Ehrgeiz entwickelt und sich verbessern möchte, findet hier vielleicht aber auch den Zugang zum Turnier- und Vereinsschach. Auch finanzielle Aspekte können für manchen Schachfreund eine Rolle spielen. Bei einer Mitgliedschaft in einem Schachverein wird ein Jahresbeitrag fällig, egal, wie oft man den Verein besucht oder welche Angebote man in Anspruch nimmt. Bei Sven Rehders Schachcafé-Konzept zahlen die Besucher einmalig, wenn sie das Angebot annehmen. Ein Abend lang Schach spielen kostet 5 Euro. So war das bei den Schachcafés in alten Zeiten übrigens auch. Man zahlte Eintritt. Vor Ort finden die Schachfreunde alles, was man zum Schachspielen braucht: Figuren, Bretter, Uhren.

Aber nicht nur die Hobby- und Gelegenheitsspieler sollen angesprochen werden. Auch die typischen Blitzzocker sind willkommen. An einigen Tagen gibt es für sie auch etwas "Futter" in Form von Preisgeldern.

Im Barmbeker Schachcafé finden jetzt jeden Mittwoch und Freitag Schachabende statt. Die Schachspieler bevölkern dann die Empore des Restaurants, das sich im alten Bahnhofsgebäudes der S-Bahn-Station Rübenkamp befindet. Der Bahnhof wurde einst im Herbst 1913 zur Anbindung des Barmbeker Krankenhauses erbaut. Nach einem Umbau der Station zu Beginn der 1980er Jahre wurde das Bahnhofsgebäude nicht mehr benötigt und sollte abgerissen. Ein Verein erwarb 1984 das Haus und ließ es 1987 unter Denkmalschutz stellen. Seitdem wird es für Veranstaltungen und vom Restaurant mit Biergarten genutzt.

Bei gutem Wetter Schach in Biergarten des Hauses

Als ehemaliger Bahnhof an einer S-Bahn-Station ist das Barmbeker Schachcafé mit öffentlichen Verkehrsmitteln natürlich ausgezeichnet zu erreichen. Die Linie S1 kommt aus dem Hamburger und reicht sogar bis Wedel. Von der Station Rübenkampf aus geht es nach Norden. Nach einem Umstieg in die Hochbahn-Linie U1 in Ohlsdorf ist man auch sehr schnell in Norderstedt.

Hier sitzt der Sportverein TuRa Harksheide, der auch eine Schachabteilung hat. Eberhard Schabel kam Anfang der 1990er Jahre nach Norderstedt und übernahm Mitte der 1990er Jahre das Schachtraining bei TuRa Harksheide. Er förderte besonders das Schachinteresse bei Mädchen, unterrichtete und trainierte sie und formierte nach und nach ein spielstarkes Mädchen- und Frauenteam. Das Schachfrauenteam von TuRa Harksheide nahm an Mannschaftskämpfen teil und schaffte es schließlich bis in die Frauenbundesliga. 2015/16 stieg das Team erstmals auf, musste aber gleich wieder absteigen. Seit dem Wiederaufstieg 2017/18 hält sich das Team nun aber in der 1. Frauenbundesliga.

Zu TuRa Harksheide hat Sven Rehders besonders gute Verbindungen aufgebaut und ist dort inzwischen auch Mitglied geworden. Wenn das Frauenbundesliga-Team an einem Wochenende einen Heimkampf hat, kommen einige der Bundesliga-Spielerinnen freitags ins Barmbeker Schachcafé und spielen dort gegen jeden, der will, Blitzpartien.

An den Abenden mit dieser Schachprominenz ist die Empore des Hauses, die für die Schachspieler reserviert ist, besonders gut gefüllt.

Am letzten Freitag hat Eberhard Schabel seine Spielerinnen begleitet. Er erzählt, wie er schon mit 16 Jahren seine erste Mädchenschachgruppe trainiert hat. In Norderstedt gab er für TuRa Harksheide Kindern Schachunterricht und vergrößerte dann die Anzahl seiner Schachgruppen immer mehr. Zeitweise unterrichtete er bis zu 900 Kinder aller Altersklassen im Schach.

Eberhard Schabel ist seit 2003 professioneller Schachlehrer und Schachtrainer und lebt davon. Für das Team in der Frauenbundesliga hat Eberhard Schabel zusammen mit dem Verein ein gutes Modell entwickelt, um auch einige ausländische Titelträgerinnen mit nicht zu großem finanziellen Aufwand einsetzen zu können.

„Wir sind sehr stolz, dass wir uns mit unserem Amateurteam nun schon so lange in der 1. Frauenbundesliga halten, nach dem letzten Aufstieg nun schon in der siebten Saison. Etwas schade ist nur, dass dies in den Medien, auch Fachmedien nicht so recht gewürdigt wird. Man schaut entweder nach oben auf die Spitzenteams oder auf die Neulinge in der Liga. Wenn man irgendwo dazwischen liegt, wird man oft übersehen.“

Dann lässt Eberhard Schabel einen jungen Schachgegner raten, wie er in vier Zügen seine Dame gewinnen wird. Einmal Schachlehrer, immer Schachlehrer.

Sven Rehders wäre nicht traurig, wenn seine Initiative auch kommerziell Erfolg hätte. Aber das ist nicht seine vorrangige Motivation. Der Start im Barmbeker Schachcafé hat aber schon gut geklappt. Im Laufe des letzten Jahres konnten die Schachcafé-Aktivisten dem Barmbeker Schachcafé an den 104 Schach-Abenden über 700 zusätzliche Gäste zuführen. Das macht Sven Rehders, seinen Mitstreitern Leon und Max und einigen weiteren Schach-Aktivisten Mut für den Ausbau des Projekts. Und es ist ein gutes Argument für Gespräche mit weiteren Locations, die man für das Schach und die Schachspieler öffnen möchte. An der Grindelallee gibt es mit dem "Café Love Story" nun schon einen zweiten Schachtreff in Hamburg und es gibt gute Gespräche mit einem Restaurants am Altonaer Spritzenplatz.

Die Schachtreff-Gruppe denkt strategisch und modern. Sie hat schon eine App entwickelt, chess.connect, in der man sich als Schachspieler registriert und dann sehen kann, wo es sonst noch Schachspieler oder Schachgruppen oder Schachvereine in der Nähe oder sonstwo gibt. So sieht man zum Beispiel mit der App, ob gerade an einem der Treffs etwas los ist. Für jeden Schachspieler gibt es ein kleines Figurensymbol und wenn ganz viele Figuren an einem Ort zusammen kommen, weiß man: Hier findet man andere Schachfreunde zum Spielen. 

Es gibt ja seit vielen Jahren in den Vereinen und den Verbänden Überlegungen, wie man die Schachfreunde von den Bildschirmen der Online-Plattformen loseisen und wieder mehr an die Bretter bekommen kann. Vielleicht ist das der Weg.

Natürlich nutzen die jungen Schach-Treff-Aktivisten auch die anderen Sozialen Medien, um ihre Idee populär zu machen.

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Barmbeker Schachcafé…


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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