Die ECU wählt bald ein neues Präsidium

von André Schulz
02.05.2026 – Im Unterschied zur FIDE, wo hin und wieder Konflikte ausgetragen werden, erledigt die European Chess Union ihre Aufgeben recht zuverlässig und geräuschlos. Zurab Asmaiparashvili ist seit 12 Jahren als Präsident im Amt und hatte bisher nie Gegenkandidaten. Doch bei der Wahl im kommenden Juli gibt es nun sogar zwei weitere Präsidentschaftskandidaten.

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Am 18. Juli führt die European Chess Union in den Räumen des Rumänischen Olympischen Komitees in Bukarest ihre Generalversammlung durch. Alle vier Jahre wählen die Delegierten der ECU ein neues Präsidium. 2026 ist wieder ein Wahljahr.

Seit 2014 führt Zurab Asmaiparashvili als Präsident die Geschicke der European Chess Union. Er löste nach einer Kampfabstimmung (33:18 Stimmen) Sivio Danailov als Präsident ab. Danailovs Amtszeit war überschattet von vielen Konflikten und einigen Unregelmäßigkeiten. So wurden damals Gelder der bulgarischen Regierung für die European Chess Union auf eine Firma umgeleitet, die so ähnlich hieß, aber mit der European Chess Union (ECU) nicht zu tun hatte. Als Folge war der bulgarische Schachverband, dem Danailov ebenfalls vorstand, viele Jahre aus der ECU ausgeschlossen.

Mit Asmaiparashvili kehrte wieder weitgehend Ruhe in den Europäischen Schachverband ein, der 1985 als Gegengewicht zu dem vom Präsident Campomanes geführten Weltschachbund gegründet wurde. Damals kamen immer mehr asiatische und afrikanische Verbände als Mitglieder in die FIDE. Mit der ECU wollten die europäischen Verbände ein politisches Gegengewicht innerhalb des Weltschachbundes bilden, nicht nur zu dem wachsenden Gewicht der zum Teil jungen und kleinen Verbände auf den anderen Kontinenten, sondern auch zum großen Einfluss der Sowjetunion im Weltschachbund.

Unter der Amtsführung des im Gegensatz zu Danailov viel diplomatischer agierenden Asmaiparashvili konzentrierte sich die ECU auf ihre Kernaufgaben, die Durchführung der europäischen Wettbewerbe. Die breite Zufriedenheit mit der Amtsführung von Asmaiparashvili zeigte sich bei der Wahl von 2018, als der georgische Großmeister ohne Gegenkandidat in seinem Amt bestätigt wurde. Auch 2022 wurde Asmaiparashvili mit großer Mehrheit (44 von 49 Stimmen) wiedergewählt.

Bei den Wahlen der ECU hat, so wie auch bei der FIDE, jedes Land bzw. jeder Verband eine Stimme, unabhängig von der Größe des Verbandes oder seiner Mitgliederzahl. Im deutschen Schachbund ist das  beispielsweise anders. Hier ist die Anzahl der Stimmen pro Mitgliedsverband abhängig von der Mitgliederzahl. Größere Verbänd haben mehr Stimmen als kleinere. Bei der FIDE und der ECU treten die Präsidentschaftskandidaten zudem mit einem Team, einem „Ticket“, zur Wahl an. Im Deutschen Schachbund finden nur Einzelwahlen für die verschiedenen Ämter statt.

Die Zustimmung der Verbände zum Präsidium wird auch durch die Verteilung der weiteren Ämter erzeugt. Eine Reihe von Verbänden bzw. Länder aus verschiedenen Regionen des Kontinents sind im Präsidium sind vertreten und sorgen so weitgehend für Konsens. 

Das aktuelle Präsidium, das 2022 gewählt wurde, besteht aus folgenden Personen:

Präsidium ECU

  • Zurab Azmaiparashvili – Präsident
  • Dana Reizniece-Ozola – Stellvertretende Präsidentin
  • Gunnar Bjornsson – Vizepräsident
  • Malcolm Pein – Vizepräsident
  • Alojzije Jankovic – Vizepräsident
  • Eva Repková – Vizepräsidentin
  • Jean-Michel Rapaire – Vizepräsident
  • Theodoros Tsorbatzoglou – Generalsekretär
  • Ion-Serban Dobronauteanu – Schatzmeister
  • Vanja Draskovic – Ehrenvizepräsidentin
  • Johann Poecksteiner – Ehrenvizepräsident

Gegen den Vizepräsidenten Alojzije Jankovic wurden jedoch 2025 in seinem Heimatland Kroatien Vorwürfe erhoben. Er war seit 2016 dort der Generalsekretär des Kroatischen Schachverbandes. Nachdem der Verband ein großes Defizit erwirtschaftet hatte, wurde Alojzije Jankovic dafür verantwortlich gemacht. Jankovic wurde im Mai 2025 entlassen und der Verband stellte Strafanzeige wegen Unterschlagung und Betrug. Jankovic bestreitet die Vorwürfe und unterstellt politische Motive. Das Verfahren läuft noch.

Bei den Wahlen zum neuen ECU-Präsidium gibt es nun erstmals drei Kandidaten. Amtsinhaber Zurab Azmaiparashvili stellt sich erneut zur Wiederwahl. Als Gegenkandidaten für das Amt des Präsidenten treten nun Bachar Kouatly und Lukasz Turlej, jeweils mit einem eigenen Ticket an. Die Kandidaten für die Ämter müssen dabei von mindestens einem der Mitgliedsverbände nominiert werden, nicht notwendigerweise vom eigenen Verband. Mit der Nominierung unterstützen die jeweiligen Verbänden Ihren Kandidaten für dieses Amt, aber nicht unbedingt auch die Gesamtliste. Auf der Kandidatenliste sind auch zwei Deutsche vertreten. Die Präsidentin des Deutschen Schachbundes Ingrid Lauterbach wurde als Vizepräsidentin im Ticket von Zurab Asmaiparshvili nominiert. Der Hamburger Birger Wenzel ist vor allem im Schwedischen Schachverband als Organisator aktiv.   

Die ECU hat auf ihrer Webseite die offiziellen Kandidatenlisten (Stichtag für die Bewerbung war der 17. April 2026) veröffentlicht.

Liste Azmaiparashvili, Zurab

  1. Präsident: Herr Zurab Azmaiparashvili (GEO), Nominiert von den nationalen Schachverbänden von Andorra, Armenien, Aserbaidschan, Nordmazedonien und der Türkei
  2. Stellvertretender Präsident: Herr Vlad Ardeleanu (ROM), Nominiert von den nationalen Schachverbänden von Rumänien und Moldawien
  3. Vizepräsidentin: Frau Ingrid Lauterbach (GER), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Deutschlands und Montenegros
  4. Vizepräsident: Herr Lasse Ostebo Lovik  (NOR), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Norwegens und Estlands
  5. Generalsekretär: Herr Theodoros Tsorbatzoglou (GRE), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Griechenlands und Zyperns
  6. Schatzmeisterin: Frau Prabitha Urwyler (SUI), Nominiert von den nationalen Schachverbänden der Schweiz und Liechtensteins

   

Liste: Kouatly, Bachar

  1. Präsident: Herr Bachar Kouatly (FRA) Nominiert von den nationalen Schachverbänden Lettlands, Litauens und Polens
  2. Stellvertretender Präsident: Herr Radoslaw Jedynak (POL), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Lettlands, Litauens und Polens
  3. Vizepräsident: Herr Loek van Wely (NED), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Lettlands, Litauens und Polens
  4. Vizepräsidentin: Frau Maria Gevorgyan (ARM), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Lettlands, Litauens und Polens
  5. Generalsekretär: Tom Kalnins (LAT), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Lettlands, Litauens und Polens
  6. Schatzmeister: Birger, Wenzel (GER), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Lettlands, Litauens und Polens

Liste: Turlej, Lukasz

  1. Präsident: Herr Lukasz, Turlej (POL), Nominiert von den nationalen Schachverbänden Finnlands, Islands und der Slowakei
  2. Stellvertretender Präsident: Herr Roman Muzik (CZE), Nominiert vom  Nationalen Schachverband der Tschechischen Republik
  3. Vizepräsident: Herr Jonathan O’Connor (IRL), Nominiert vom  Nationalen Schachverband Irlands
  4. Vizepräsidentin: Frau  Katrin Didriksen Apol (FAI), Nominiert vom  Nationalen Schachverband der Färöer-Inseln
  5. Generalsekretär: Alojzije Jankovic (CRO), Nominiert von den Nationalen Schachverbänden  Finnlands, Islands und der Slowakei
  6. Schatzmeister: Gunnar Bjornsson (ISL), Nominiert vom Nationalen Schachverband  Islands

Außerdem haben sich außerhalb der Tickets noch einige einzelne Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten beworben.

Einzelkandidaten für die 3 ECU-Vizepräsidenten:

  • Sarkhan Hashimov (AZE)
  • Malcolm Pein (ENG)
  • Jean Michel, Rapaire (MNC)
  • Milan, Roman (SVK)
  • Antoaneta, Stefanova (BUL)

Alle Einzelkandidaten wurden von ihrem nationalen Schachverband nominiert.

Der Ausgang der Wahl ist offen, wobei der Wahlkampf besonders in Bezug auf die Präsidentschaftskandidaten, vor allem in den sozialen Medien, durchaus mit harten Bandagen geführt wird.

Bachar Kouatly, (geb. 1958 im Libanon) kam 1975 nach Frankreich, wo er bald einer der besten französischen Spieler wurde. 1989 wurde er der erste französische Großmeister seit 1960. Nach seiner Profikarriere betätigte er sich als Organisator und Funktionär. Seit 1997 ist er der Herausgeber des Magazins Europe Echecs. Von 2016 bis 2021 war er Präsident des Französischen Schachverbandes. 1994 und 1996 kandidierte er für das Amt des Vizepräsidenten. Seit 2018 ist er Vizepräsident der FIDE.

Lukasz Turlej (Jahrgang 1986) ist Unternehmer und Schachorganisator. 2017-2018 war er Vizepräsident des Polnischen Schachverbandes. Seit 2018 wurde er zum Vizepräsident der FIDE gewählt. Seit 2022 ist er Generalsekretär der FIDE.

Ähnlich wie bei den Wahlen zum European Song Contest gibt es auch in der European Chess Union eine gewisse Blockbildung, bei der regional oder kulturell benachbarte Verbände gemeinsam für einen Kandidaten bzw. für ein Ticket votieren.

So gibt es den Kaukasus-Block mit Armenien, Aserbaidschan, Georgien, einen Balkan-Block mit den Ländern aus Südosteuropa. Es gibt den Block der Skandinavischen Länder, der bei vielen Gelegenheiten recht geschlossen auftritt, mit Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland und Island. Es gibt den Baltischen Block mit Lettland, Litauen und Estland, mitunter auch Polen und Ukraine. Es gibt die West- und Mitteleuropäischen Länder mit Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg Frankreich, Spanien, der Schweiz, Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Italien und United Kingdom, die sich aber häufig nicht einige sind. Außerdem gibt es noch die Verbände der kleinen Länder: Malta, Zypern, Andorra, San Marino.

Das Kouatly-Ticket wird vielleicht größere Unterstützung aus West- und Mitteleuropa erhalten, das Turlej-Ticket aus Nord- und Osteuropa. Asmaiparashvili hat traditionell viel Rückhalt im Kaukasus und auf dem Balkan.

Darüber hinaus spielen aber noch viele andere Aspekte für die Wahl eine Rolle, persönliche Beziehungen, oder Zusagen für Fördermittel oder Turniere beispielsweise.

Der Russische Schachverband, der früher stets versucht hat, auch seinen Einfluss in der ECU zu vergrößern, ist nach dem militärischen Angriff Russlands auf die Ukraine und dem Ausschluss seiner Teams von europäischen Wettbewerben in den Asiatischen Schachverband gewechselt.

Die bisherigen ECU-Präsidenten

1985–1986: Rolf Littorin, Schweden

1986-1998: Kurt Jungwirth, Österreich

1998–2010: Boris Kutin, Slowenien

2010–2014: Silvio Danailov, Bulgarien

2014–heute: Zurab Azmaiparashvili, Georgien

https://www.europechess.org/ecu-elections-2026/


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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