
Können Sie mit GM Surya Ganguly Ihre Variantenberechnung auf das nächste Level heben?
Den Kern des zweiten Teils des Ganguly-Videokurses bilden drei thematische Kapitel mit jeweils mehreren Aufgaben:
Beim abschließenden Mixed Test gibt es – wie in einer echten Turnierpartie – keinerlei thematische Hinweise mehr zur Lösung.
Short gegen Miles, England 1984,
aus dem Kapitel Imagination & Unusual Moves
Warum nahm Nigel Short hier von 22.Sb6! Abstand, was auf den ersten Blick die Qualität zu gewinnen scheint? Vermutlich, weil er die Ressource 22…Se2 gesehen hat!
Schwarz droht Matt beginnend mit …Tc1+. Außerdem hängt der Turm auf d1, und 23.Lxe2 Dxd1+ 24.Lxd1 Tc1# hilft auch nicht. Aber Weiß hat noch einen Pfeil im Köcher, nämlich das fantastische 23.Df8+!!. Mit dem Holzhammer wird eine schwarze Figur nach f8 gezwungen. Nach 23…Kxf8 24.Sxd7+ Kg8 25.Lxe2 +- oder 23…Txf8 24.Sxd7+- verbleibt Weiß jeweils mit entscheidendem Materialvorteil.
Je besser und erfahrener die Spieler, desto eher werden laut Ganguly ungewöhnliche Züge wie 23.Df8+ aus allgemeinen Erwägungen von vornherein verworfen. „Become a kid“, meint der indische Großmeister dazu, denn Kinder haben noch einen offenen Geist.
Short gegen Miles ist gut lösbar, vor allem, da man als Zuschauer im Gegensatz zu den beiden Spielern den Namen des Kapitels kennt 😉. Es ist allerdings auch eine der einfachsten Stellungen des gesamten Kurses!
Einige der Positionen sind unglaublich schwer. Ganguly wiederholt dabei ähnlich wie schon in Band 1 die Aufforderung an seine Zuschauer, sich reinzuknien. Kein passives Lernen, keine leichte Unterhaltung wie bei einem Kinofilm – zumindest nicht, wenn man besser werden will!
„If we want to try to become a better tournament player, we have to push hard.“
Ganguly-Wang, Edmonton 2016, aus dem Kapitel Mixed Test
Weiß hat gerade 23.Td7 gespielt. Wie sollte Schwarz sich gegen 24.Txg7+ Kxg7 25.Dxe5+ mit entscheidendem Angriff auf den schwarzen Feldern verteidigen? Ich muss zugeben, dass ich vorschnell sehr zufrieden mit der schwarzen Stellung war, nachdem ich die Möglichkeit 23…h6 gesehen hatte. Denn nach 24.Txg7+ Kxg7 25.Qxe5+ Kh7 steht der schwarze König sicher, da die weiße Dame nicht auf der siebten Reihe eindringen kann. Doch genau auf diesen Zug, den sein Gegner auch spielte, hatte Ganguly spekuliert! 23…h6? 24.Dd2!! Lässt den Läufer einfach hängen! Nach 24…hxg5 25.Dd5+ Kh7 26.h4
greift nämlich plötzlich der Th1 entscheidend ins Geschehen ein. Dem schwarzen König geht es an den Kragen. Aber wie hätte Schwarz stattdessen nach 23.Td7 fortsetzen sollen? Die Lösung erfahren Sie im Anhang.
Wie „hart“ man den Kurs angeht, das muss jeder am Ende selbst entscheiden. Ich habe mir ein Zeitlimit gesetzt – maximal eine halbe Stunde pro Stellung. Wenn nach dieser Zeit bei der Berechnung noch eine Pointe fehlt, auf die man einfach nicht kommt, hilft oft schon der Beginn des Lösungsvideos auf die Sprünge.
Der zweibändige Fritztrainer „Calculation Step by Step“ von Surya Ganguly richtet sich an ambitionierte Turnierspieler, wobei das Niveau der Trainingsaufgaben in Band 2 „Advanced Practice“ noch einmal spürbar angehoben wird. Aus meiner Sicht geht es aber gar nicht darum, alles perfekt zu lösen, sondern einfach den Prozess des Variantenberechnens zu verbessern. Im Vergleich zum klassischen Taktikbuch bieten dabei die Erläuterungen des indischen Großmeisters in den Lösungsvideos einen Mehrwert.
Dient der Fritztrainer also wie eingangs gefragt dazu, Ihre Variantenberechnung auf das nächste Level zu heben? Nun, ich denke, er kann sicherlich ein Baustein dazu sein – jeder wird aus dem Kurs etwas Neues mitnehmen. Und Spaß macht es auch, denn die meisten der von dem erfahrenen indischen Trainer ausgewählten Stellungen bestechen durch überraschende und gleichsam schöne Lösungen. Passend zur Freude am Schach, die man Surya Ganguly bei seiner Präsentation immer wieder anmerkt!
Zum Autor:
Surya Shekhar Ganguly ist einer der am meisten ausgezeichneten Großmeister, die Indien hervorgebracht hat. Zu seinen größten Erfolgen zählen der Gewinn der Nationalen Meisterschaft, die er von 2003 bis 2008 sechs Mal in Folge gewann, die Asiatische Kontinentalmeisterschaft im Jahr 2009 und so bedeutende offene Turniere wie das Fujairah International Open im Jahr 2012 und das Belt and Road Open im Jahr 2019. Er vertrat Indien auch bei sechs Olympiaden und holte zweimal Einzelgold bei der Mannschaftsweltmeisterschaft, 2010 und 2019. Außerdem gehörte er zu dem Team von Sekundanten, das Vishy Anand in drei Weltmeisterschaftskämpfen zum Sieg verhalf, und zwar gegen Kramnik, Topalov und Gelfand in den Jahren 2008, 2010 und 2012.
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