DSB vs DSJ: Ein Interview mit Michael S. Langer

von André Schulz
13.08.2020 – Michael S. Langer ist seit vielen Jahren Präsident des Niedersächsischen Schachverbandes und war auch im Präsidium des Deutschen Schachbundes lange aktiv. Im Interview spricht er über den Konflikt zwischen dem Deutschem Schachbund und der Deutschen Schachjugend und über die Folgen und Auswirkungen der Coronakrise.

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Am 22. August gibt es in Magdeburg einen außerordentlichen Bundeskongress. Der Grund dafür ist die Entscheidung über das zukünftige Verhältnis zwischen dem Deutschen Schachbund und der Deutschen Schachjugend. Wie sehen Sie den Plan der Umgründung der Deutschen Schachjugend?

Isoliert betrachte ich das Ansinnen ambivalent. Aus sportpolitischer Sicht erkenne ich keinen Mehrwert für das deutsche Schach. Da ich aber die Ursache der gesamten Debatte (den klar formulierten Wunsch der DSJ, die Arbeit mit Jörg Schulz fortzusetzen) kenne, kann ich für mich persönlich auch Proargumente für eine Loslösung der DSJ anführen.

Schwierigkeiten habe ich mit der generellen Sinnhaftigkeit des gesamten Verfahrens. Schon vor Corona gab es ganz andere Themen, die unsere gemeinsame Bearbeitung erfordern. Und jetzt mit Corona empfinde ich es als fast schon skandalös, unsere Ressourcen in einer solchen Debatte und das noch ausschließlich auf den Schultern der DSJ zu vergeuden.

Aufgrund einer Personalie beschäftigen sich Scharen von Menschen mit Satzungstexten! Wir könnten jetzt auch über den Umgang der Auswirkungen von Corona sprechen und gemeinsam alle Ebenen einbeziehend an Ideen arbeiten.

Was denkt man nach ihrer Kenntnis in den anderen Landesverbänden darüber?

Sehr unterschiedlich. Ich gehe davon aus, dass jede(r) Delegierte um die Bedeutung dieses Themas weiß und sehr intensiv die Pros und Contras abwägt.

Wird der Antrag die notwendige Zweidrittelmehrheit bekommen?

Ich weiß es nicht. Ich gehe davon aus, dass die abschließende Entscheidung maßgeblich vom Diskussionsverlauf vor Ort abhängen wird.

Wenn ja, sind dann die Probleme gelöst?

Nein!

Wie geht es weiter, falls das nicht der Fall ist?

Die Satzungsänderungen sind fast ohne jede Annäherung der beiden Parteien entstanden. Insbesondere das Präsidium hat sich fortlaufend auf das Ziehen von roten Linien beschränkt. Eine aktive Gestaltung von gemeinsam formulierten Anträgen gemäß Beschluss des Hauptausschusses hat nicht stattgefunden. Die Gräben sind in den letzten Wochen eher tiefer geworden. Drei Mitglieder des Präsidiums beantragen jetzt die direkte Steuerung, ich betrachte es als Gängelung, der Jugend, vornehmlich durch den Vizepräsidenten Finanzen. Der Präsident kritisiert in Protokollen, Interviews und seinem Kongressbericht offen DSJ-Vertreter. Ich befürchte, dass es in Magdeburg laut knallt, und dass sich das seit Jahren erfolgreich arbeitende Jugendschach auf Bundesebene mehr oder weniger in seine Bestandteile auflöst. Noch mal zu den Anträgen der Präsidiumsmitglieder. Die gestellten Anträge sind sowohl emotional (wer möchte in einem solchen Rahmen ehrenamtlich arbeiten?), als auch formal (so möchte die Deutsche Sportjugend die Strukturen nicht!) in ihrer Auswirkung verheerend. Der Tenor der Anträge: Macht! Und dieses Motiv ist aus meiner Sicht auch das Motiv, Veränderungen im Verbandsprogamm zukünftig vom Präsidium entscheiden zu lassen. Wenn dieser Weg weiter beschritten wird, kann dieses Vorgehen dann ja auch für die Satzung angewandt werden (lächelt).

Der Niedersächsische Schachverband, also ihr Verband, hat den Antrag auf Abwahl des DSB-Vizepräsidenten Boris Bruhn gestellt. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein Funktionsträger des Schachverbandes vor dem Ende seiner Amtszeit abgewählt wurde oder dass es einen solchen Antrag gegeben hätte. Welche Gründe gibt es für diesen außergewöhnlichen Antrag?

Wir sind der festen Ansicht, dass wir in diesen für den gesamten Sport und damit auch für Schach schwierigen Zeiten einen aktiven und alle Ebenen einbeziehenden Verbandsentwickler brauchen. Boris Bruhn hat sich seit Beginn seiner Amtszeit zumindest in der für uns wahrnehmbaren Außenwirkung komplett auf das Schulschach (das dann auch noch im Zuständigkeitsbereich der DSJ liegt) fokussiert. Das reicht uns nicht und deswegen haben wir nach diversen Abstimmungsgesprächen seine Abwahl beantragt und schlagen dem Kongress für die ggf. notwendige Nachwahl Uwe Pfenning vor.

Da Sie auch im Sportbund aktiv sind: Wie wird die Corona-Pandemie und ihre weitreichenden Folgen in den verschiedenen Sportverbänden bewältigt und wie steht das Schach im Vergleich dazu da?

Der organisierte Sport leidet bereits jetzt massiv unter Corona. Die Zahl der Neueintritte in unsere Sportvereine ist radikal zurückgegangen. Große Vereine mit kostenpflichtigen Angeboten mussten diese stark reduzieren. Das hatte auch Auswirkungen auf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und grundsätzlich auf die Finanzlage. In Niedersachsen hat die Landesregierung ein sieben Millionen Euro schweres Paket geschnürt. Hier können Vereine und Verbände finanzielle Unterstützung beantragen. Damit ist die Krise nicht zu Ende. Ich gehe davon aus, dass wir im Herbst 2021 das gesamte Ausmaß der Coronafolgen feststellen und bewerten können.

Schach ist per Definition Sport und wird von der Politik entsprechend eingeordnet. Das bedeutet, dass alles oder zumindest vieles von dem eben Gesagten für uns 1:1 gilt. Bisher sind wir in Bezug auf finanzielle Folgen, da wir in hohem Umfang beitragsfinanziert sind, gut durchgekommen. Die Probleme sind jetzt aber da: Es ist geradezu unmöglich, von einer breiten Mehrheit getragen, in den Spiel- und Trainingsbetrieb zurückzukehren. Das Delta zwischen denen, die sofort und weitgehend ohne Einschränkungen wieder an die Bretter wollen und den Schachfreund*innen, die gern noch längere Zeit die Risiken von Corona vermeiden möchten, ist nur sehr schwierig überbrückbar. Das wird uns kurz- aber auch mittelfristig beschäftigen. Ich habe gerade eine diese Aussage unterstreichende intensive Diskussion bei Facebook hinter mir.

Die Bundesliga und die Bundesspielkommission haben sich darauf verständigt, die unterbrochene Saison auf das kommende Jahr auszudehnen.  Eine richtige Entscheidung?

Es gibt m. E. kein richtig oder falsch. Mir hat die Art und Weise, wie die Entscheidung auf Bundesebene entstanden ist, nicht gefallen.

Wann geht es in ihrem Landesverband mit dem Spielbetrieb weiter und gibt es zwischen den Landesverbänden Absprachen über die Fortführung der regionalen Spielbetriebe?

Wir haben in unserem Spielausschuss gemeinsam mit den Bremern entschieden, die Saison am 13.09. und 04.10. zu beenden. Wir werden in diesen beiden Runden auf das Verhängen von Strafen über jeweilige kampflose Niederlagen bei Nichtantritt verzichten. Von den Mannschaften werden wir nur erwarten, dass sie spätestens zwei Tage vor dem Mannschaftskampf absagen. Da unsere Aufsteiger erst im Herbst 2021 ihr Aufstiegsrecht wahrnehmen können, bieten wir eine mit Preisen ausgeschrieben Übergangssaison auf Landesebene im Schweizer System an. Wir haben diese Entscheidungen getroffen, weil wir uns gemäß Satzung verpflichtet sehen, Angebote für unsere Vereine und ihre Spieler*innen zu unterbereiten.  Und auch inhaltlich sind wir davon überzeugt, dass Angebote für die Spielwilligen der richtige Weg sind.

Die erzwungene Spielpause und die Verlagerung ins Internet hat neue Spielmodelle hervorgebracht: Kürzere Bedenkzeiten (45 Minuten in der DSOL), kleinere Teams (Vier Spieler in der DSOL, Sechs Spieler und gemischte Mannschaften in der Online-Olympiade) andere Formate (vier Schnellschachpartien Partien statt einer langen). Könnte man sich solche Änderungen auch für den „normalen“ Spielbetrieb vorstellen? Gibt es dazu Überlegungen?

Hier bedarf es eines einheitlichen Vorgehens auf internationaler- und dann auf Bundesebene.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte André Schulz.

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Log Log 13.08.2020 04:11
@Seko79
Doktor Schulz gibt es nur in Django Unchained.
Seko79 Seko79 13.08.2020 02:43
Ist zwar ein ganz klein wenig Off-Topic, dennoch kann man dem niedersächsischen Schachverband nur eine Erweiterung des Abwahlantrags von Bruhn auf das gesamte geschäftsführende Präsidium empfehlen!

Eine Personalie Dr. Jörg Schulz in Corona - Zeiten zu diskutieren (ja ich weiß, ging vorher los) verbietet sich von Grund auf und darf auf persönliche Inkompetenz der handelnden Personen zurück zu führen sein. Gerade in schwieriger Lage bedarf es kreativer Lösungsansätze. Ein Präsident hätte m. E. nach Ausbruch der Pandemie die Lage neu bewerten müssen und persönliche Diskrepanzen hintanstellen müssen.

Es ist dürfte klar sein, dass nur die Flexibilität der DSJ antworten auf die derzeitige Lage hat. Das Schiff DSB ist derartig verkrustete, dass keinerlei Impulse zur Verbands Entwicklung zu erwarten sind.

Wenn man die Interviews von Krause und Ibs liest, geht es bei Krause um keinerlei Lösungsansätze sondern um ein ausbauen der Macht. Ibs hingegen stellt die Sache vor seine Person.

Dies ist natürlich ein Lösungsansatz, welcher drastisch ist, allerdings sehe ich ihn als nicht dispositiv. Warum? Wir brauchen verbandstechnisch Lösungen. Wie oben erwähnt, sind derartige Lösungen vom DSB nicht zu erwarten (waren sie die letzten 20 Jahre nicht).
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